Begriffe haben

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  • Begriffe haben

    Hallo allerseits!

    In der Diskussion um Paul Boghossians Buch "Angst vor der Wahrheit" stellte sich ein Defizit der darin angebotenen Wahrheitstheorie heraus (---> siehe hier). B. möchte nämlich Wahrheit geltend machen, die nicht abhängig sein soll von (regionalen, kontingenten) Redeweisen, Vokabularen und Sprachspielen. Nun geht es ihm freilich grundsätzlich um die Wahrheit von begrifflich gegliederten Propositionen. Propositionen, so B., seien aus Begriffen zusammengesetzt. Um also z.B. meinen zu können, dass Jupiter 16 Monde hat, müsse man die Begriffe "Jupiter", "Monde", "16" und "haben" haben. Hier noch einmal das Zitat aus der englischen Originalausgabe:

    A propositional content (or proposition, for short) is built up out of concepts. So, for someone to be able to believe the proposition that Jupiter has sixteen moons, they must have the concepts out of which that particular proposition is built, namely, the concept Jupiter, the concept having, the concept sixteen, and the concept moon. (S. 11; Hervorhebungen im Original)

    Was Begriffe sind und wie man ihrer habhaft werden kann, lässt B. leider im Dunkeln. Dabei ist dieser Punkt für sein Wahrheitskonzept von zentraler Bedeutung - ja, es ist zentral für jedes Wahrheitskonzept, dem es um die Wahrheit von sprachlichen (oder sprachähnlichen) Äußerungen geht. Denn wenn eine Äußerung wahr sein soll, so muss sie sprecherunabhängig wahr sein. Und um eine solche sprecherinvariante Geltung begründen und prüfen zu können, muss auch die Bedeutung des vom Sprecher Gemeinten für andere Sprechern verständlich sein. Darum hängt hier alles von der Möglichkeit ab, mit kontingenten sprachlichen Äußerungen etwas meinen zu können, das grundsätzlich für andere Sprecher verständlich ist, dessen Bedeutung somit nicht von der kontingenten Äußerung und ihren individuellen Eigenheiten abhängt.

    Es lässt sich vermutlich leicht Einigkeit darüber erzielen, dass Begriffen dabei eine Schlüsselrolle zukommt. Wie schon der deutsche Ausdruck "Begriff" andeutet - der eng an das lateinische Wort "conceptus" angelehnt ist -, handelt es sich bei begrifflich Artikuliertem grundsätzlich um Begreifbares, Verständliches, Nachvollziehbares. Einen Begriff zu haben, ohne ihn zu "erfassen" - das wäre ungereimt. Man kann zwar Laute nachahmen oder Wörter nachplappern, ohne sie zu verstehen, aber wovon man einen Begriff hat, das versteht man auch. Begriffe können darum nicht dasselbe sein wie die Laute und Wörter, die wir mithilfe unserer "Sprechwerkzeuge" absondern. Gleichwohl können sie von diesen Lautgebilden und -schemata auch nicht völlig unabhängig sein, denn da wir nicht "reine" Gedanken aussenden und lesen können, bilden sie den einzig sicheren, öffentlich zugänglichen Anhalt für eine von Sprecher zu Sprecher übertragbare, invariante - und in ihrer Invarianz auch kontrollierbare - Bedeutung. Aber wie genau verhalten sich Begriffe zu Wörtern? Wie "hat" man einen Begriff? Wie kommt man dran, wie lässt er sich "fassen"?


    Was Boghossian sträflich vernachlässigt - die Erläuterung des Begriffs und des Begriffe-"Habens" -, soll in diesem Thread nachgeholt werden. Aber mir schwebt nicht etwa ein bunter Bericht darüber vor, wer im Laufe der Philosophiegeschichte was unter "Begriff" verstanden hat. Ich möchte mich vielmehr auf ein modernes, im weiteren Sinne "post-fregeanisches" Verständnis des Begriffs "Begriff" konzentrieren. Dabei werde ich vor allem zwei Autoren zu Rate ziehen: Peter Janich und Robert Brandom.

    Janich bietet sich als Einstieg an, weil er (in seinem neuen Buch "Sprache und Methode. Eine Einführung in philosophische Reflexion", Tübingen 2014, = UTB 4124) eine gut verständliche und knappe Erläuterung des Begriffs gibt.

    Und Brandom bietet sich an, weil er neben seiner überaus detaillierten und verzweigten Analyse des Begrifflichen auch eine Verortung seiner Position innerhalb der verschiedenen modernen philosophischen Paradigmen vornimmt. Dieser Entwurf einer "Landkarte" von kontroversen philosophischen Ansätzen bildet das erste Kapitel von "Begründen und Begreifen. Eine Einführung in den Inferentialismus" (Frankfurt/M 2001, = stw 1689).

    Ich finde ja, dass die Anschaffung dieser beiden Bücher sich für jeden ernsthaften Philosophieinteressierten lohnt; es sind ihm sozusagen "Freunde fürs Leben". Aber ich werde versuchen, meine Ausführungen so zu halten, dass sie auch für diejenigen verständlich bleiben, die auf diese Begleiter verzichten wollen oder müssen. (Von "Articulating Reasons" - so heißt Brandoms Einführung im Original - lässt sich übrigens eine PDF-Datei im Internet finden; ich werde den Link dahin noch angeben.)
  • Hermeneuticus schrieb:

    Was Begriffe sind und wie man ihrer habhaft werden kann, lässt B. leider im Dunkeln. Dabei ist dieser Punkt für sein[e] Wahrheitskonzept von zentraler Bedeutung - ja, es ist zentral für jedes Wahrheitskonzept, dem es um die Wahrheit von sprachlichen (oder sprachähnlichen) Äußerungen geht.

    Du müsstest eigentlich darlegen, warum es für seine Argumentation in dem fraglichen Buch von "zentraler Bedeutung" ist, um eine Versäumnis geltend zu machen.
  • Das habe ich dort im zitierten Beitrag und später im Beitrag "Begriffe haben II" getan:

    Halten wir aber schon einmal fest: Wenn Begriffe nicht ohne Sprache und Redeweisen zu "haben" sind - und dass das der Fall ist, dürfte schwer zu bestreiten sein -, so gehören also Sprache(n) und Redeweisen zu den notwendigen Voraussetzungen von Boghossians propositional artikulierten Meinungen. Ohne Redeweisen keine Begriffe; ohne Begriffe keine Propositionen; ohne Propositionen keine Spezifikationen der Welt und keine Wahrheitsbedingungen; ohne Spezifikation und Wahrheitsbedingungen keine Wahrheit. So verstehe ich die Verkettung von Voraussetzungen, die - teils explizit, teils implizit - Boghossians Wahrheitsverständnis zugrunde liegt.

    Über die Begriffe, aus denen Propositionen gebaut werden, bleibt eine Verbindung zu kontingenten Redeweisen, Sprachgebräuchen, Vokabularen. Und es wäre an B. zu zeigen, wie sich die Begriffe "absolut" wahrer Propositionen davon sollen lösen können.

    Aber das ist hier keine Fortsetzung des Boghossian-Threads. Also bitte an geeigneter Stelle antworten, falls Dir das nicht einleuchtet!
  • Nochmals: Dies ist keine Fortsetzung der Boghossian-Diskussion und auch keine allgemeine Diskussion über Wahrheit und (Anti-)Realismus. Darum habe ich die letzten drei Beiträge von Jörn, Fliege und Richard bei der Moderation zur Entfernung gemeldet.
    Ich bitte darum, die Regeln für den WiPhi-Bereich einzuhalten, die z.B. auch unbegründete Kurz-Statements nicht zulassen.

    Danke!
  • Begriff bezeichnet mehr oder weniger komplexe, dem jeweiligen Denken und Sprechen zugrunde liegende, vorausgesetzte oder angenommene Sachzusammenhänge. Eine etwaige Wahrheitsbedingung in dem Kontext wäre als individuelle, nicht aber als allgemeine gegeben.
    Begriffe unterscheiden sich individuell; auch unabhängig davon, ob transindividuelle Begriffsbestimmungen vorliegen oder nicht. Was begriffen ist, bestimmt den individuellen Begriff. Bildung - aber auch Indoktrination, Desinformation oder Ideologie - ist nichts anderes Begriffsbildung.
    "Saturn" ist für einen Astrologen etwas anderes, als für einen Astronomen oder einen Gamer. Allein Planet oder auch Mond werden da schon deutlich unterschiedliche Begriffe evozieren. Von alten Griechen oder Römern ganz zu schweigen. Ein promovierter Biologe wird auch einen anderen Begriff von Haselnuss haben, als z. B. Heino.
    Hermeneuticus hat Recht, dass es wichtig ist, zu begreifen, welche zentrale Rolle Begriffen quasi immer und überall zukommt. Der Begriff von Begriff ist quasi ein ganz zentraler Aspekt von Bildung. Ohne den ist Bildung leer, für die Katz'. Wie ebenso auch jede Publikation, die den immanenten Unterschied zwischen Begriff und Fakt nicht hinreichend Rechnung trägt.
    Gruß,
    n0\/0n

    deutsch.
    think, tank.
  • Wer der Überzeugung ist, dass p, oder wer gar über das Wissen verfügt oder die Erkenntnis hat, dass p, muss in der Lage sein, den Gedanken zu fassen, dass p. Wenn Kurt überzeugt ist, weiß oder erkennt, dass Bello bellt, dann muss Kurt in der Lage sein, den Gedanken zu denken, dass Bello bellt. Die Fähigkeit aber, Gedanken wie diesen zu fassen oder zu denken, setzt nach Baumann zwei sehr grundlegende Fähigkeiten voraus: die Fähigkeit sich auf einzelne Gegenstände zu beziehen, und die Fähigkeit Gegenständen Eigenschaften zuzuschreiben.
  • Hermeneuticus schrieb:

    In der Diskussion um Paul Boghossians Buch "Angst vor der Wahrheit" stellte sich ein Defizit der darin angebotenen Wahrheitstheorie heraus (---> siehe hier). B. möchte nämlich Wahrheit geltend machen, die nicht abhängig sein soll von (regionalen, kontingenten) Redeweisen, Vokabularen und Sprachspielen. Nun geht es ihm freilich grundsätzlich um die Wahrheit von begrifflich gegliederten Propositionen. Propositionen, so B., seien aus Begriffen zusammengesetzt. Um also z.B. meinen zu können, dass Jupiter 16 Monde hat, müsse man die Begriffe "Jupiter", "Monde", "16" und "haben" haben. Hier noch einmal das Zitat aus der englischen Originalausgabe:



    Begriffe haben
    Zitat von »Jörn«
    Boghossian:

    Der propositionale Gehalt einer Meinung spezifiziert, wie die Welt gemäß dieser Meinung ist. Er spezifiziert eine Wahrheitsbedingung - wie die Welt zu sein hat, wenn die Meinung wahr sein soll. Daher:
    Margos Meinung, dass der Jupiter sechzehn Monde hat, ist genau dann wahr, wenn der Jupiter sechzehn Monde hat.
    Die Meinung von S, dass p, ist genau dann wahr, wenn p.
    Die linke Seite dieses Bikonditionals schreibt einer Meinung mit einem bestimmten Gehalt Wahrheit zu, und die rechte Seite beschreibt die Tatsache, die bestehen müsste, wenn die Zuschreibung wahr sein soll.

    Das klingt sehr einfach und ist in erster Näherung auch ganz OK. Wenn Jupiter nun einmal mehr als 30 Monde hat, ist es falsch zu meinen, er habe bloß 16. Und wenn der Baumarkt um 19 h schließt, ist es falsch zu meinen, er schließe um 20 h. Und wenn Struppi ein Mix aus Pudel und Terrier ist, dann ist es falsch, ihn für einen Labrador zu halten. Und so weiter und so weiter. So weit ist gegen die Tarski-Formel nichts einzuwenden.

    Problematisch wird dieses Bikonditional erst, wenn man meint, es sei eine erschöpfende Wahrheitstheorie oder es lasse sich darauf eine Ontologie aufbauen, die das beschreibungsunabhängig oder bewusstseinsunabhängig "Gegebene" zum Absolutum erhebt. Zu meinen, die Dinge lägen so einfach, wie die Formel suggeriert - hier sind die Sätze, dort sind, davon säuberlich getrennt, Tatsachen-an-sich, und es gilt nun bloß noch, beides miteinander zu vergleichen -, führt zu einem falschen Bild. Zu einem falschen Bild von unserer Situation in der Welt und von der Rolle, die Wahrheit für unsere Lebensbewältigung spielt.

    Um anzudeuten, inwiefern die Schwierigkeiten der Wahrheitsfrage erst jenseits der Tarski-Formel anfangen, fahre ich mit dem Boghossian-Zitat fort. Gleich anschließend schreibt er:

    Zitat
    A propositional content (or proposition, for short) is built up out of concepts. So, for someone to be able to believe the proposition that Jupiter has sixteen moons, they must have the concepts out of which that particular proposition is built, namely, the concept Jupiter, the concept having, the concept sixteen, and the concept moon. (S. 11; Hervorhebungen im Original)

    (In der Fußnote gibt B. noch den Hinweis, dieses Verständnis von Propositionen sei "broadly Fregean".)

    B. erläutert nicht, was Begriffe (concepts) eigentlich sind, wie sie sich zu den Ausdrücken in faktischen Sätzen verhalten, und wie man zu ihnen gelangt. (Vielleicht nach dem Motto: "Über Begriffe spricht man nicht, man hat sie." ^^ ) "They must have the concepts..." Wie "hat" man denn Begriffe? Hat man sie so, wie man Pickel, Hunger, Recht, bei jemandem verschissen... "hat"? Oder so wie der Jupiter Monde oder die Tigerente schwarze und gelbe Streifen "hat"? Derjene Begriff von "haben", den man laut B. haben muss, um die Beispielproposition zu verstehen und zu glauben, scheint mir jedenfalls nicht auf das Verfügen über Begriffe zu passen. Ich habe Begriffe nicht, wie ich Hunger oder Pickel habe, Begriffe fallen mir nicht in den Schoß wie Sterntaler, sie stoßen mir auch nicht kausal zu, sondern das Verfügen über Begriffe ist ein Können. Dieses Können hat eine aktive und kommunikative Lern-, Üb- und Gebrauchsgeschichte, die mich mit anderen Begriffsverwendern verbindet.

    Es gibt ja Theoretiker, die die begründete Meinung vertreten, dass man einen Begriff gar nicht "haben" kann, ohne eine ganze Sprache zu haben. Und eine Sprache kann man wiederum nicht privat haben, man hat sie immer mit anderen gemeinsam. Von einer solchen Sprache bilden die Aussagesätze, die eine Meinung "über die Welt" ausdrücken, die unabhängig von den Sprechern "gegeben" ist, nur einen Teil, und es dürfte weder der quantitativ größte noch der grundlegende Teil der Sprache sein. Aussagesätze sind immer eingebettet in auffordernde, normative, expressive, konative... Sätze, und es kann sinnvoll bestritten werden, dass theoretische Aussagesätze ohne diese praktische Einbettung überhaupt verstehbar wären.

    Über all das (und noch mehr), das mit dem "Haben" von Begriffen zu tun hat, verliert B. kein Wort. Das ist eigentlich schade, denn in seiner Auseinandersetzung mit den Konstruktivisten spielt ja die soziale Einbettung von "Beschreibungen" eine wichtige Rolle. Darüber haben Konstruktivisten wie Rorty viel zu erzählen. In B.s Argumentation bleibt davon nur eine Formel übrig, die Abhängigkeit der Beschreibungen von kontingenten sozialen Umständen und Interessen. Wie komplex das "Haben" von Begriffen, das er als Voraussetzung für das Verstehen von Propositionen nennt - immerhin derjenigen Propositionen, die auf der linken Seite des Bikonditionals "spezifizieren, wie die Welt" sei - in Wirklichkeit ist, spielt für eine ausgearbeitete Wahrheitstheorie eine wichtige Rolle. Und diese Wahrheit über unsere Wahrheitssuche aufgedeckt zu haben, ist nach meiner Einschätzung das bleibende Verdienst der neuzeitlichen Erkenntnistheoretiker und Sprachphilosophen. Dass mit manchen Konstruktivisten der Gaul durchgegangen ist, so dass sie sich zu einer ontologischen Bestreitung jeglichen menschenunabhängigen Seins verstiegen, ist ebenfalls wahr und sollte nicht verschwiegen werden. Aber eine ernst zu nehmende, faire argumentative Auseinandersetzung mit den Konstruktivisten sollte auf der erkenntnistheoretischen Seite - der linken Seite des Bikonditionals - halbwegs ihre Höhe der Differenzierung erreichen.



    Hermeneuticus schrieb:

    B. möchte nämlich Wahrheit geltend machen, die nicht abhängig sein soll von (regionalen, kontingenten) Redeweisen, Vokabularen und Sprachspielen. Nun geht es ihm freilich grundsätzlich um die Wahrheit von begrifflich gegliederten Propositionen. Propositionen, so B., seien aus Begriffen zusammengesetzt. Um also z.B. meinen zu können, dass Jupiter 16 Monde hat, müsse man die Begriffe "Jupiter", "Monde", "16" und "haben" haben. Hier noch einmal das Zitat aus der englischen Originalausgabe:

    Zitat
    A propositional content (or proposition, for short) is built up out of concepts. So, for someone to be able to believe the proposition that Jupiter has sixteen moons, they must have the concepts out of which that particular proposition is built, namely, the concept Jupiter, the concept having, the concept sixteen, and the concept moon. (S. 11; Hervorhebungen im Original)



    Hermeneuticus schrieb:

    Was Begriffe sind und wie man ihrer habhaft werden kann, lässt B. leider im Dunkeln. Dabei ist dieser Punkt für sein Wahrheitskonzept von zentraler Bedeutung - ja, es ist zentral für jedes Wahrheitskonzept, dem es um die Wahrheit von sprachlichen (oder sprachähnlichen) Äußerungen geht. Denn wenn eine Äußerung wahr sein soll, so muss sie sprecherunabhängig wahr sein. Und um eine solche sprecherinvariante Geltung begründen und prüfen zu können, muss auch die Bedeutung des vom Sprecher Gemeinten für andere Sprechern verständlich sein. Darum hängt hier alles von der Möglichkeit ab, mit kontingenten sprachlichen Äußerungen etwas meinen zu können, das grundsätzlich für andere Sprecher verständlich ist, dessen Bedeutung somit nicht von der kontingenten Äußerung und ihren individuellen Eigenheiten abhängt.

    Hermeneuticus schrieb:

    Was Boghossian sträflich vernachlässigt - die Erläuterung des Begriffs und des Begriffe-"Habens" -, soll in diesem Thread nachgeholt werden.

    Hermeneuticus schrieb:

    Aber das ist hier keine Fortsetzung des Boghossian-Threads.


    Das ist ein seltsamer Threadstart. Eine überaus große Textmenge (inklusive Link) bezieht sich auf Paul Boghossian und die diversen Threads. Antwortet man jedoch darauf, wird man zurechtgewiesen, es handele sich nicht um einen weiteren Boghossian-Thread. Zwar erhält man auf einen Einwand eine kurze (wenn auch völllig ungenügende) Erwiderung, aber Antworten darauf sind unerwünscht und sollen anderenorts niedergelegt werden. Erläutert man knapp, dass man diesem Wunsch in vorauseilendem Gehorsam längst nach- (eigentlich zuvor-)gekommen ist, muss man lesen, dass die Moderation schon angewiesen ist, den Antwort-Beitrag zu entfernen. Erstaunlich, dass es den Forenregeln widersprechen soll, auf direkte persönliche Ansprache zu antworten.

    Wenn Hermeneuticus nicht über Boghossian sprechen will, dann hätte er wohl besser daran getan, einfach nicht über Boghossian zu sprechen, nicht wahr?
  • Hermeneuticus schrieb:

    Denn wenn eine Äußerung wahr sein soll, so muss sie sprecherunabhängig wahr sein.


    wenn zwei Leute miteinander reden,
    dann glauben sie nur, daß sie über dasselbe Thema reden

    die jeweilige Rede ist ja nicht identisch
    es handelt sich bei dieser Rede auch nicht um das Wiederkäuen des brav auswendig Gelernten,
    bei dem sogar die Formulierungen übernommen wurden

    Deine Wahrheit schließt also das Gespräch zweier unabhängiger Menschen aus

    um dies zu umgehen,
    solltest Du in Deinem von mir zitierten Satz ein Wort ändern

    Quellcode

    1. Denn wenn eine Äußerung wahr sein soll, so muss sie [i]sinngemäß[/i] wahr sein.


    Aber wie genau verhalten sich Begriffe zu Wörtern? Wie "hat" man einen Begriff? Wie kommt man dran, wie lässt er sich "fassen"?


    Was Boghossian sträflich vernachlässigt - die Erläuterung des Begriffs und des Begriffe-"Habens" -, soll in diesem Thread nachgeholt werden.


    in Technokratien sind Begriffe exakt definiert
    und werden genau so verwendet
    darüber wachen Bürokraten

    interessaterweise sind die Bürokratien aber zu schwach,
    einen kalten Krieg mit einer anderen Kultur zu verhindern

    die Journalisten haben nicht die Aufgabe, das Wichtigtse (die W-Fragen) kurz und knapp zu formulieren,
    sondern müssen Unwichtiges, womöglich sogar Enten, in den Vordergrund stellen

    der Westen ist begrifflich davon überzeugt, die Freiheit zu haben
    und daher Russland und die islamischen Kulturen mobben zu dürfen

    Quellcode

    1. [i]sinngemäß[/i] wäre der Westen der Aggressor
  • Hermeneuticus (Threadstartpost) schrieb:

    In der Diskussion um Paul Boghossians Buch "Angst vor der Wahrheit" stellte sich ein Defizit der darin angebotenen Wahrheitstheorie heraus (---> siehe hier). B. möchte nämlich Wahrheit geltend machen, die nicht abhängig sein soll von (regionalen, kontingenten) Redeweisen, Vokabularen und Sprachspielen. Nun geht es ihm freilich grundsätzlich um die Wahrheit von begrifflich gegliederten Propositionen. Propositionen, so B., seien aus Begriffen zusammengesetzt. Um also z.B. meinen zu können, dass Jupiter 16 Monde hat, müsse man die Begriffe "Jupiter", "Monde", "16" und "haben" haben. Hier noch einmal das Zitat aus der englischen Originalausgabe:
    A propositional content (or proposition, for short) is built up out of concepts. So, for someone to be able to believe the proposition that Jupiter has sixteen moons, they must have the concepts out of which that particular proposition is built, namely, the concept Jupiter, the concept having, the concept sixteen, and the concept moon. (S. 11; Hervorhebungen im Original)
    Was Begriffe sind und wie man ihrer habhaft werden kann, lässt B. leider im Dunkeln. Dabei ist dieser Punkt für sein Wahrheitskonzept von zentraler Bedeutung - ja, es ist zentral für jedes Wahrheitskonzept, dem es um die Wahrheit von sprachlichen (oder sprachähnlichen) Äußerungen geht. Denn wenn eine Äußerung wahr sein soll, so muss sie sprecherunabhängig wahr sein. Und um eine solche sprecherinvariante Geltung begründen und prüfen zu können, muss auch die Bedeutung des vom Sprecher Gemeinten für andere Sprechern verständlich sein. Darum hängt hier alles von der Möglichkeit ab, mit kontingenten sprachlichen Äußerungen etwas meinen zu können, das grundsätzlich für andere Sprecher verständlich ist, dessen Bedeutung somit nicht von der kontingenten Äußerung und ihren individuellen Eigenheiten abhängt.

    idea schrieb:

    Wer der Überzeugung ist, dass p, oder wer gar über das Wissen verfügt oder die Erkenntnis hat, dass p, muss in der Lage sein, den Gedanken zu fassen, dass p. Wenn Kurt überzeugt ist, weiß oder erkennt, dass Bello bellt, dann muss Kurt in der Lage sein, den Gedanken zu denken, dass Bello bellt. Die Fähigkeit aber, Gedanken wie diesen zu fassen oder zu denken, setzt nach Baumann zwei sehr grundlegende Fähigkeiten voraus: die Fähigkeit sich auf einzelne Gegenstände zu beziehen, und die Fähigkeit Gegenständen Eigenschaften zuzuschreiben.

    Idea weist überzeugend darauf hin, dass für eine Überzeugung "dass p" nicht erforderlich ist, "dass p" sprachlich fassen zu können. Erforderlich ist, sich auf einzelne Gegenstände beziehen und Gegenständen Eigenschaften zuschreiben zu können (was selbstverständlich keine Beherrschung des Schreibens impliziert). Boghossian selber geht vom Haben "of concepts" aus. Begriffe sind mithin keine sprachlichen Größen, sondern theoretische Entwürfe, wie sie auch bei nicht sprechenden Tieren begegnen (etwa bei Tintenfischen, Raben, Säugern). Dass aller begrifflicher Gehalt in Begründungs- oder Rechtfertigungspraxen konstituiert wird, wie es der eine oder andere Philosoph anzunehmen scheint, dürfte eher nicht der Fall sein
    Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".