4. Voraussetzungen (Kritik expliziter oder impliziter Prämissen des Buches, Angst vor der Wahrheit)

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    • 4. Voraussetzungen (Kritik expliziter oder impliziter Prämissen des Buches, Angst vor der Wahrheit)

      In diesen Threads geht es um das Paul Boghossians Buch "Angst vor der Wahrheit: Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus." Übersetzung Jens Rometsch. Berlin: Suhrkamp, 2013 Dazu wurden eine Reihe von Threads mit unterschiedlichem Fokus eröffnet:
      1. Angst vor der Wahrheit (Einleitung) HIER
      2. Tatsachen konstruieren (3. Kapitel) HIER
      3. Tatsachen relativieren (4. Kapitel) HIER
      4. Boghossians Voraussetzungen (Kritik expliziter oder impliziter Prämissen) HIER
      5. Quellen und Materialien (Links zu Texten und Videos) HIER
      6. Was sonst nirgends passt (allgemeine Diskussion) HIER
      7. Small-Talk zu Paul Boghossians Buch "Angst vor der Wahrheit HIER
      Zu diesen Themen gibt es in der "Haupthalle" bereits einige Threads. Ziel dieser Serie ist, die Diskussion etwas zu fokussieren, so dass nicht alles durcheinander geht. Ich bitte jeweils möglichst eng am Thema zu bleiben. Bitte auch bedenken, dass wir hier im WiPhi-Bereich sind! Daher soll ein besonderes Augenmerk auf Begründungen und Argumente gelegt werden. Dies ist ein Semi-Lesethread. Die Lektüre der Auszüge wird jedoch vorausgesetzt.
    • Exemplarisch für die Kritik an den Prämissen zitiere ich hier einen Beitrag von Hermeneutikus, der sich besonders für diesen Punkt stark gemacht hat und meine Antwort darauf. Beides ist ohne Zusammenhang vielleicht nicht gut nachvollziehbar. Vielleicht haben Hermeneuticus und Bartleby und/oder andere ja Lust ihre(n) Punkt(e) hier noch einmal darzustellen oder die fraglichen Beiträge aus den Ursprungsthreads hierhinzu kopieren!

      Hermeneuticus schrieb:

      Jörn schrieb:

      Es ist behauptet worden, dass Boghossian Tarskis Bikonditional nutzt. Welches ist Boghossians Pendant zur Disquotation?

      B. kann bei seiner Formulierung auf die Anführungszeichen verzichten, weil er klar macht, dass es sich auf der linken Seite des Bikonditionals um die Meinung einer Person S handelt:

      Die Meinung von S, dass p, ist genau dann wahr, wenn p.

      Wenn man das Bikonditional allgemein, ohne Bezug auf eine meinende Person, ausdrücken will, dann darf man auf die Anführungszeichen um p nicht verzichten, weil sonst eine Tautologie herauskäme. In allgemeiner Form muss es also heißen:

      "p" ist wahr g.d.w. p

      Ist irgendjemand aufgefallen, dass Boghossian von Meinungen und Propositionen, aber nicht von Sätzen spricht, obwohl hier dauernd das Gegenteil unterstellt wird?

      Doch, das ist mir aufgefallen und dazu habe ich weiter oben auch schon einiges angemerkt. (Siehe Beiträge 7, 17, 21.)

      Wenn es nicht einfach nur eine nachlässige Ausdrucksweise ist, dass B. Sätze nicht erwähnt; wenn er unter "beliefs" nur mentale Zustände verstanden wissen will, dann stellen sich sofort kritische Fragen. Warum bemängelt er dann zuerst einmal die Unklarheiten, die mit dem Verständnis von "Meinung" als mentalem Zustand einher gehen? Er schreibt:

      A belief is a particular kind of mental state. If we ask precisely what kind of mental state it is, we find that it is not easy to say. We can describe it in other words, of course, but only in ones that cry out for as much explanation as talk about belief. To believe that Jupiter has sixteen moons, we could say, is to take the world to be such that in it Jupiter has sixteen moons; or to represent the world as containing a particular heavenly body with sixteen moons; and so forth. Although we may not be able to analyze belief in terms of significantly other concepts, we can see clearly that three aspects are essential to it. Any belief must have a propositional content; any belief can be assessed as true or false; and any belief can be assessed as justified or unjustified, rational or irrational. (S.10.f.)

      Meine Übersetzung:

      Eine Meinung ist eine besondere Art mentaler Zustand. Fragen wir, welche Art mentaler Zustand sie genau ist, merken wir, dass das nicht leicht zu sagen ist. Wir können sie natürlich mit anderen Ausdrücken umschreiben, aber nur mit solchen, die genauso nach Erklärung schreien wie die Rede über Meinungen. Zu meinen, dass Jupiter 16 Monde hat - so könnten wir sagen - heiße, die Welt als eine solche anzunehmen, in der Jupiter 16 Monde habe; oder heiße, die Welt so zu repräsentieren, dass sie einen bestimmten Himmelskörper mit 16 Monden enthalte; und so weiter. Obwohl wir also nicht imstande sind, "Meinung" mithilfe anderer, deutlich unterschiedener Begriffe zu analysieren, sehen wir doch klar, dass 3 Aspekte wesentlich für sie sind. Jede Meinung muss einen propositionalen Gehalt haben; jede Meinung kann als wahr oder falsch bewertet werden; und jede Meinung kann als gerechtfertigt (begründet) oder ungerechtfertigt (unbegründet) bewertet werden, als rational oder irrational.


      Diese drei wesentlichen Eigenschaften jener "mentalen Zustände", die wir "Meinungen" nennen, decken sich nun aber klar mit den wesentlichen Eigenschaften von Sätzen, die Meinungen öffentlich ausdrücken. In diesen drei Hinsichten ist es also unerheblich, ob wir Meinungen als mentale Zustände oder Sätze verstehen. Oder anders gesagt: Wenn B. sich im Zusammenhang seines Buches nur für diese drei wesentlichen Eigenschaften von Meinungen interessiert, macht es - für seine Darlegungen - keinen Unterschied, ob wir sie als mentale Zustände oder Sätze interpretieren.

      Aber wenn es für seine Argumentation nicht relevant ist, wieso erwähnt B. dann überhaupt die mentalen Zustände? Ist ihm - im Hintergrund - viel daran gelegen, Meinungen doch primär als mentale Zustände zu begreifen? Wenn ja, dann überträgt B. die wesentlichen Eigenschaften von Sätzen - propositionale Gehalte; Wahr-oder-falsch-sein-können; begründet oder unbegründet - in einer SPEKULATIVEN Weise auf private geistige Zustände. Vielleicht hält er mentale Zustände genauso für "absolute Tatsachen", die beschreibungsunabhängig (freilich nicht: bewusstseinsunabhängig, das wäre Unsinn) existieren?

      Ist dann der Satz "Margo meint, Jupiter habe 16 Monde" ein Satz, der eine "innere", mentale Tatsache-an-sich beschreibt? Aber können Tatsachen-an-sich das Wahr-oder-falsch-sein als wesentliche Eigenschaft aufweisen? Können z.B. die Dinos - verstanden als "absolute Tatsache" - an sich wahr oder falsch sein? Haben Dinos an sich einen propositionalen Gehalt, der sich aus Begriffen aufbaut? Sind Dinos an sich entweder begründet oder unbegründet, rational oder irrational? Macht das Sinn? Eher nicht. Darum müssten wir wohl die mentalen, repräsentierenden Tatsachen, denen alle diese 3 Eigenschaften wesentlich sind, gut sichtbar von den repräsentierten Tatsachen (Jupitermonden, Dinos usw.) unterscheiden. Wir hätten dann zwei distinkte Klassen von absoluten Tatsachen: repräsentierende (mentale, private) und nicht-repräsentierende (öffentlich zugängliche).

      Die öffentlich zugänglichen Sätze, die meinende Personen aussprechen, wären dann freilich doppelte Repräsentationen: Einerseits repräsentieren sie mentale Tatsachen (mit dem Risiko, sie wahr oder falsch, begründet oder unbegründet zu repräsentieren!) und andererseits - vermittelt über die mentalen Repräsentationen - die Tatsachen "da draußen".
      Damit hätten wir dann eine dritte Klasse von absoluten Tatsachen (die Sätze und andere öffentliche Zeichen umfassen): Repräsentationen von Repräsentationen.

      Ob wirklich jemand eine solche Drei-Klassen-Tatsachen-Ontologie ernsthaft vertreten will? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Aber WENN B. sie - im HIntergrund - ernsthaft vertritt, dann sollte er das zumindest in einer Fußnote deutlich sagen.


      Ist irgendjemand klar, dass es kein Problem mit der Korrespondenztheorie der Wahrheit gibt, falls Tatsachenontologien wahr sind?

      Nein, das ist mir nicht klar. Das musst Du schon näher erläutern.
    • Hermeneuticus schrieb:

      So wie ich den Ausdruck "Tatsache" verstehe, ist das immer ein sprachlich spezifizierter Sachverhalt, der besteht.

      Nach deiner Ansicht, kann man mithilfe der Sprache Sachverhalte "spezifizieren". Ein Satz, will ich daraus folgern, kann nach deiner Ansicht einen Sachverhalt ausdrücken. Manchmal nennt man das auch seine Proposition. Right? Auf der Seite des Inhaltes gestehst du also zu, dass man Sachverhalte zum Besten kann. Wenn aber, wie einige Philosophen meinen, Tatsachenontologien ein metaphysischer Treffer sind, was sollten dann der Korrespondenztheorie der Wahrheit noch entgegen stehen, da wir nun auf der Inhaltsseite (bei dir: der Satz) das ausdrücken können, was es auf der Gegenstandsseite (die [ontologische] Tatsache) gibt? Der Satz, der einen Sachverhalt ausdrückt ist, ist gdw. der Sachverhalt in der Welt besteht. (Das ist kein Tarski, weil auf der rechten Seite nicht ebenso ein [übersetzter] Satz gemeint ist, sondern etwas in der Welt.)

      Zur Untermalung: Nach Davidson (der allerdings keine Sachverhalte annimmt) sind Sachverhalte exakt die Zutat, die Korrespondenztheoretiker benötigen. Genau so ist. Sein Argument gegen Tatsachen ist übrigens das sog. Slingshotargument, welches sicher mal einen Thread wert ist.

      Haben Dinos an sich einen propositionalen Gehalt, der sich aus Begriffen aufbaut?

      Dinos sind keine Propositionen, sie sind nicht mal eine Tatsache. Tatsachenontologen nehmen nicht an, dass es ausschließlich Tatsachen gibt. Die Zutaten schwanken von Auffassung zu Auffassung - Dinge befinden sich jedoch immer darunter, denn viele Sachverhalte bestehen aus Dingen im weiten Sinne des Wortes.
    • In Kapitel 2 schreibt Boghossian selbst über seine Voraussetzungen.

      Meinungen, Tatsachen und Wahrheit, Seite 17f

      Bevor wir fortfahren, wird es nützlich sein, einige terminologische Festlegungen für die systematische Beschreibung unserer kognitiven Aktivitäten zu treffen.

      Ich habe davon gesprochen, dass die Zuni diese und wir jene Meinung haben. Was heißt es, dass jemand etwas meint?

      Eine Meinung ist ein besonderer mentaler Zustand. Fragen wir uns genauer, was für ein mentaler Zustand das ist, stellen wir fest, dass sich das nicht so leicht sagen lässt. Wir können ihn natürlich mit anderen Worten beschreiben, aber nur in solchen, die nicht weniger erklärungsbedürftig sind als unsere Rede von Meinungen. Zu meinen, der Jupiter habe sechzehn Monde, heißt, so könnten wir sagen, sich die Welt so vorzustellen, dass der Jupiter darin sechzehn Monde hat; oder sich die Welt als etwas vorzustellen, was einen bestimmten Himmelskörper mit sechzehn Monden enthält; usw.

      Obwohl wir vielleicht nicht in der Lage sind, Meinungen mit Hilfe ganz anderer Begriffe zu analysieren, können wir klar sehen, dass ihnen drei Aspekte wesentlich zukommen. Jede Meinung muss einen propositionalen Gehalt haben; jede Meinung kann für wahr oder falsch gehalten werden; und jede Meinung kann als berechtigt oder unberechtigt, rational oder irrational beurteilt werden.

      Betrachten wir Margos Meinung, dass der Jupiter sechzehn Monde hat. Wir ordnen dieser Meinung folgenden Satz zu:

      Margo meint, dass der Jupiter sechzehn Monde hat.

      Dass der Jupiter sechzehn Monde hat, so können wir sagen, ist der propositionale Gehalt von Margos Meinung.

      Der propositionale Gehalt einer Meinung spezifiziert, wie die Welt gemäß dieser Meinung ist. Er spezifiziert eine Wahrheitsbedingung — wie die Welt zu sein hat, wenn die Meinung wahr sein soll. Daher:

      Margos Meinung, dass der Jupiter sechzehn Monde hat, ist genau dann wahr, wenn der Jupiter sechzehn Monde hat.

      Wir können auch sagen, Margos Meinung ist genau dann wahr, wenn es eine Tatsache ist, dass der Jupiter sechzehn Monde hat.

      Im Allgemeinen können wir also sagen:

      Die Meinung von S, dass p, ist genau dann wahr, wenn p.

      Die linke Seite dieses Bikonditionals schreibt einer Meinung mit einem bestimmten Gehalt Wahrheit zu, und die rechte Seite beschreibt die Tatsache, die bestehen müsste, wenn die Zuschreibung wahr sein soll.

      Ein propositionaler Gehalt (oder, kurz, eine Proposition) besteht aus Begriffen. Um also die Proposition, dass der Jupiter sechzehn Monde hat, für wahr halten zu können, muss man über die Begriffe verfügen, aus denen diese Proposition besteht, nämlich über die Begriffe Jupiter, haben, sechzehn und Mond. (1)

      Damit gewinnen wir eine weitere, äquivalente Möglichkeit, über die Wahrheit einer Meinung zu sprechen. Wir können nämlich genauso gut sagen, die Meinung, der Jupiter habe sechzehn Monde, sei nur dann wahr, wenn die Entität, auf die der Begriff an der Subjektstelle referiert — nämlich der Begriff Jupiter —, die Eigenschaft aufweist, die der Begriff an der Objektstelle anzeigt, nämlich der Begriff hat sechzehn Monde. Da die fragliche Entität nicht die zur Debatte stehende Eigenschaft hat — wie sich herausstellt, hat der Jupiter mehr als dreißig Monde — ist die Meinung falsch.

      (1) Ein Wort zwischen Anführungszeichen [oops: im ganzen Absatz kommen keine Anführungszeichen vor] bezeichnet, wie üblich, das Wort; ein Wort in Fettschrift bezeichnet den Begriff, den das Wort ausdrückt. Dieses Verständnis von Propositionen ist in einem weiten Sinne fregeanisch. Es ist das von mir bevorzugte. Jedoch wird keines der Argumente dieses Buches davon entscheidend abhängen, ob wir ein fregeanisches oder ein millsches Verständnis von Propositionen favorisieren, dem zufolge die Bestandteile von Propositionen keine Begriffe, sondern Elemente der Welt sind, wie etwa der Jupiter selbst. Mehr zu dieser Unterscheidung findet sich in Saul Kripke, Name und Notwendigkeit, Frankfurt/M. 1993.
    • Hermeneuticus ist damit nicht einverstanden. Er schreibt:


      Hermeneuticus schrieb:

      Boghossian erläutert Wahrheit:


      In general, then, we can say that

      S’s belief that p is true if and only if p

      with the left-hand side of this biconditional attributing truth to a belief with a given content, and the right-hand side describing the fact that would have to obtain if the attribution is to be true. (S. 11)


      (Meine Übersetzung:

      Allgemein können wir somit sagen, dass

      S.s Meinung, dass p, ist wahr gdw. p

      wobei die linke Seite dieses Bikonditionals einer Meinung mit gegebenem Inhalt Wahrheit attribuiert und die rechte Seite die Tatsache beschreibt, die zu bestehen hätte, wenn die Attribution wahr sein soll.)


      Nach einigem Grübeln komme ich zu dem Ergebnis, dass diese Wahrheitsdefinition nichtssagend ist. Formuliert man sie mithilfe von B.s Erläuterung um, so lautet sie:

      Die Meinung, dass p, ist wahr genau dann, wenn p die Tatsache beschreibt, die bestehen muss, damit die Zuschreibung wahr ist.

      Nicht genug damit, dass das Definiendum (der zu definierende Term) "wahr" im Definiens auftaucht (Definitionszirkel).

      Es wird außerdem die Wahrheitsbedingung für die Meinung, dass p, weiter verschoben auf p. Auf der rechten Seite des Bikonditionals tritt p als Beschreibung einer Tatsache auf. Beschreibungen können aber wahr oder falsch sein. Gefordert ist natürlich eine wahre Beschreibung. Und was macht die Beschreibung einer Tatsache wahr? Die Erfüllung der Wahrheitsbedingungen der beschreibenden Proposition.
      Das können wir allgemein so formulieren:

      Die Beschreibung, dass p, ist wahr genau dann wenn p

      wobei die linke Seite dieses Bikonditionals einer Beschreibung mit gegebenem Inhalt Wahrheit attribuiert und die rechte Seite die Tatsache beschreibt, die zu bestehen hätte, wenn die Attribution wahr sein soll.

      Womit wir wieder genau da stehen, wo wir losgegangen sind.

      Absolut cool, Paule!
      8)

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      Für mich ist damit die Akte Boghossian geschlossen.

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    • Jörn zitiert Hermeneuticus schrieb:

      Beschreibungen können aber wahr oder falsch sein.

      Wenn man eine Ansicht von innen heraus kritisieren will, dann muss man die Umformungen, die man vornimmt und die Folgerungen, die man zieht, gemäß der kritisierten Ansicht machen. So weit ich sehe, vertritt Boghossian die Ansicht, dass Meinungen wahr oder falsch sein können. Das heißt, hier gibt es eine Differenz zwischen Hermeneuticus' Rekonstruktion und Boghossians Darstellung. Mit anderen Worten, ich glaube, dass die Rekonstruktion Hermeneuticus nicht korrekt ist. P (also die Beschreibung) ist nicht wahr oder falsch. P besagt, wie die Welt sein muss, damit die Meinung von Margo wahr ist.

      Wenn ich mich nicht irre, könnte Hermeneuticus die Akte wieder öffnen. Ich schlage folgende Aktennummer vor: XY ungelöst :)
    • Hermeneuticus schrieb:

      Boghossian fasst Rorty's Standpunkt so zusammen:

      It is, therefore, correct, on Rorty’s view, to say that we do not make the mountains and that they existed before we did; those are claims that are licensed by a way of talking that we have adopted. However, that does not mean that it is just plain true that there are mountains independently of humans; it never makes sense to say that anything is just plain true. All we can intelligbly talk about is what is true according to this or that way of talking, some of which it pays for us to adopt. (Boghossian, S. 45f)

      [Hermeneuticus Übersetzung:]
      Aus Rorty's Sicht ist es daher richtig zu sagen, dass wir die Berge nicht machen und dass sie vor uns existierten; zu solchen Behauptungen sind wir berechtigt durch eine Redeweise, die wir angenommen haben. Allerdings bedeutet das nicht, es sei "schlechthin wahr" (plain true), dass es Berge unabhängig von Menschen gebe; es ist sinnlos zu sagen, dass irgendetwas "schlechthin wahr" (plain true) sei. Alles, wovon wir nachvollziehbar (intelligbly) sprechen können, ist wahr in Übereinstimmung mit dieser oder jener Redeweise, die wir annehmen, weil es sich für uns lohnt.)


      Rometsch’ Übersetzung:
      Die Behauptung, dass wir die Berge nicht machen und dass sie vor uns existiert haben, ist daher für Rorty korrekt; diese Behauptungen sind durch eine Beschreibungsweise lizenziert, der wir uns angeschlossen haben. Das heißt aber noch nicht, dass es einfach wahr ist, dass es Berge unabhängig von Menschen gibt; es hat niemals irgendeinen Sinn, von etwas zu behaupten, es sei einfach wahr. Wir können nur über das verständlich reden, was gemäß dieser oder jener Redeweise wahr ist, der sich anzuschließen sich gelegentlich auszahlt.


      Hermeneuticus schrieb:

      Wenn B. seine einführenden Darlegungen über Meinungen, Propositionen, Begriffe und Wahrheit ernst nimmt bzw. sie konsequent zuende denkt, dann sollte er eigentlich keine unüberwndlichen Probleme haben, Rorty's Ansicht etwas abzugewinnen. Hier meine Überlegungen dazu:
      Wahrheit bezieht sich ja nach B.s eigenen Erläuterungen auf Meinungen, Behauptungen, Annahmen, Vermutungen usw., die begrifflich artikuliert sind. Was wahr (oder falsch) sein kann, das hat einen propositionalen Gehalt (ist eine Proposition). Dieser propositionale Gehalt spezifiziert, wie die Welt sei (der Meinung des Sprechers zufolge) und gibt damit auch die Wahrheitsbedingungen für die geäußerte Meinung vor.

      Ja, so ähnlich sehe ich es auch. Meinungen können wahr und falsch sein, sie haben einen propositionalen Gehalt und können begründet oder unbegründet sein. Der Gehalt gibt die Wahrheitsbedingung an. Er gibt an, wie die Welt sein muss, gewissermaßen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit die Ansicht wahr ist.

      Hermeneuticus schrieb:

      Propositionen aber - so sagt B. in Übereinstimmung mit Frege - sind aus Begriffen zusammengesetzt. Das ist (wie schon im Beitrag 25 angesprochen) ein überaus wichtiger Punkt. So wichtig, dass er nicht links liegen gelassen werden darf, will man das Wahrheitsproblem einigermaßen differenziert und sachgerecht angehen. B. kommt - so weit ich bis jetzt sehe - darauf aber nicht mehr zurück. Er sagt zwar, man müsse die Begriffe "haben", die jeweils in einer Proposition verwendet werden, um sie verstehen und glauben zu können. Was aber Begriffe sind und wie man ihrer habhaft werden kann, lässt B. im Dunkeln.

      Ganz im Dunkeln lässt er es nicht. Er gibt in dem Absatz Beispiele, welche Begriff man haben muss.

      Hermeneuticus schrieb:

      Halten wir aber schon einmal fest: Wenn Begriffe nicht ohne Sprache und Redeweisen zu "haben" sind - und dass das der Fall ist, dürfte schwer zu bestreiten sein -, so gehören also Sprache(n) und Redeweisen zu den notwendigen Voraussetzungen von Boghossians propositional artikulierten Meinungen. Ohne Redeweisen keine Begriffe; ohne Begriffe keine Propositionen; ohne Propositionen keine Spezifikationen der Welt und keine Wahrheitsbedingungen; ohne Spezifikation und Wahrheitsbedingungen keine Wahrheit. So verstehe ich die Verkettung von Voraussetzungen, die - teils explizit, teils implizit - Boghossians Wahrheitsverständnis zugrunde liegt.

      Wenn du Boghossian von innen heraus widerlegen willst, darfst du natürlich keine Voraussetzungen machen, die er nicht teilt. So weit ich sehe, äußert er sich nicht dazu, ob man ohne Sprache Begriffe haben kann. Du hältst das für selbstverständlich, andere Theoretiker sicher nicht. Auch stumme Tiere könnten Begriffe haben. Damit hast du Boghossian etwas zugeschrieben, was nicht selbstverständlich ist.

      Es gibt hier gleich einen zweiten Punkt, der kritisch ist. Du setzt ohne Umstand Sprache und Redeweise ineins. Das entspricht aber nicht dem, was Boghossian in dem Absatz sagt.

      Dazu ein Beispiel aus dem fraglichen Kapitel. Boghossian bringt, um den Begriff der Redeweise bei Rorty (bei Rorty und nicht bei Boghossian) zu erläutern eine Analogie:

      “Für das Verständnis von Rortys Position mag es hilfreich sein, wenn wir sie in Analogie zu dem betrachten, was sich über die Wahrheit in einer Fiktion sagen lässt. Wir wissen alle, dass die Figuren eines Romans Konstruktionen des Autors sind. Aber innerhalb des Romans hält man die Figuren eines Romans nicht für konstruiert (außer vielleicht von ihren Eltern). Man hält sie stattdessen für echte Menschen mit echten biologischen Ursprüngen. Gemäß der fiktiven Geschichte “Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay” ist es daher wahr, dass Joseph Kavalier ein Jude war, der aus dem nationalsozialistisch besetzten Prag floh und dessen Eltern von den Nazis umgebracht wurden.” (Seite 51)

      Nehmen wir an Deutsch sei eine Sprache, zum Beispiel meine Sprache. Ich könnte mich (wenn ich tatsächlich müsste) Deutsch sprechend vielen verschiedenen Redeweisen anschließen, ohne darauf zu verzichten, Deutsch zu sprechen. Ich könnte mich deutsch sprechend der Redeweise Rorty anschließen oder der Redweise Boghossians. Sprache (Deutsch) und Redeweise (zum Beispiel Rortysch) sind nicht das selbe, diesen Unterschied darf man nicht verwischen. Nach Boghossian kann aber jemand einfach der Meinung sein, dass dort ein Stuhl steht. Nach Rorty muss er dazu durch eine bestimmten Redeweise lizensiert sein, es braucht etwas zusätzliches, nämlich das Framing, das Sprachspiel oder wie immer du es nennen magst.

      Hermeneuticus schrieb:

      Kann es nun Propositionen geben, die - trotz der praktisch-faktischen Abhängigkeit von bestimmten, lokalen, sprecherabhängigen, kontingenten Redeweisen - "schlechthin wahr" sind? Kann sich die Wahrheit aus diesem Sumpf der Relativität befreien? B. nimmt das offenbar an. Ich nehme das übrigens auch an. (Lo and behold!) Jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Aber meine Ansicht darüber, wie das möglich ist, dürfte von B.s Ansicht abweichen. B. sucht nämlich, wenn ich ihn recht verstehe, den sicheren, nicht-relativistischen Grund, an dem "schlechhin wahre" Meinungen festzumachen sind, in erster Linie bei den "absoluten Tatsachen". (In zweiter Linie sucht er sie auch bei ihrer Begründung, ihrer Rationalität.)

      Ich hoffe, meine langatmigen Ausführungen haben gezeigt, dass "schlechthin wahr" bei Boghossian etwas ganz anderes meint, als du unterstellst. Schlechthin wahr heißt, dass p (z.B.: dort steht ein Stuhl) wahr sein kann, ohne eine Sprachspiellizens im Rücken auf die die Meinung relativ ist.

      Hermeneuticus schrieb:

      Nach meiner Meinung kann die Bindung von Propositionen an kontingente Redeweisen ("Sprachspiele", "Vokabulare" etc.) dadurch überwunden werden, dass man die Begriffe, aus denen sie sich zusammensetzen, normiert. So wird es ja auch tatsächlich in den Wissenschaften gemacht. Man etabliert eine Fachsprache, deren Begriffe kraft Normierung eine sprecherunabhängige Bedeutung haben. Und man etabliert Verfahren, durch die sich wiederum personenunabhängig prüfen lässt, ob die wissenschaftlichen Propositionen zutreffen oder nicht.

      Jetzt gibt es wieder Ärger. Ich meine nämlich, dass du dort einfach das einführst, was Rorty im Sinn hat, also das Sprachspiel im Rücken: Gemäß der Normierung N die wir befürworten, hat der Jupiter 100 Monde. Das würde bedeuten, dass du an dieser Stelle wohl eher zu den Rorty-Konstruktivisten gehörst, obwohl du an anderen eher als Förmchen-Konstruktivist daher kommst. Da diese Etiketten für das Buch von Bedeutung sind, ist es nicht einfach egal, ob sie als Prädikat auf dich zutreffen.