3. Tatsachen relativieren (4. Kapitel des Buches, Angst vor der Wahrheit)

    • 3. Tatsachen relativieren (4. Kapitel des Buches, Angst vor der Wahrheit)

      In diesen Threads geht es um das Paul Boghossians Buch "Angst vor der Wahrheit: Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus." Übersetzung Jens Rometsch. Berlin: Suhrkamp, 2013 Dazu wurden eine Reihe von Threads mit unterschiedlichem Fokus eröffnet:
      1. Angst vor der Wahrheit (Einleitung) HIER
      2. Tatsachen konstruieren (3. Kapitel) HIER
      3. Tatsachen relativieren (4. Kapitel) HIER
      4. Boghossians Voraussetzungen (Kritik expliziter oder impliziter Prämissen) HIER
      5. Quellen und Materialien (Links zu Texten und Videos) HIER
      6. Was sonst nirgends passt (allgemeine Diskussion) HIER
      Zu diesen Themen gibt es in der "Haupthalle" bereits einige Threads. Ziel dieser Serie ist, die Diskussion etwas zu fokussieren, so dass nicht alles durcheinander geht. Ich bitte jeweils möglichst eng am Thema zu bleiben. Bitte auch bedenken, dass wir hier im WiPhi-Bereich sind! Daher soll ein besonderes Augenmerk auf Begründungen und Argumente gelegt werden. Dies ist ein Semi-Lesethread. Die Lektüre der der Auszüge wird jedoch vorausgesetzt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • Der Tatsachenkonstruktivismus oder Förmchenkonstruktivismus, wie ihn Boghossian etwas despektierlich nennt, ist nach dessen Ansicht mit drei unüberwindbaren Problemen behaftet: Das der umgekehrte Kausalität, der mangelnden Begriffskompetenz sowie das Problem der Meinungsverschiedenheit, welches dazu führt, dass sowohl p als auch Nicht-p wahr sind. HIER wird das dargestellt.

      Rorty, der eine der zentralen Zielscheiben des Buches von Boghossian ist, erläutert jedoch, dass die Beschreibungsabhängigkeit nicht durch den Förmchenkonstruktivismus realisiert werden sollte. Er legt ein anderes Verständnis dar, wie Tatsachen von unseren Beschreibungen abhängen. Diese Auffassung vermeidet die drei oben genannten Probleme. Rortys Version des Konstruktivismus untersucht Boghossian in Kapitel 4 des Buches, welches hier dargestellt und diskutiert werden soll.

      Zu Beginn des Kapitels zitiert Boghossian Rorty ausführlich. Wenn Boghossian vom Förmchenkonstruktivismus spricht, dann meint er das, was Rorty kantianische Form/Stoff Metaphern nennt. Wie sich zeigt, sieht Rorty einige der Probleme, die Boghossian namhaft macht, selbst und bietet eine bessere Version an:

      [...] Autoren wie Goodman, Putnam und ich selbst -also Autoren, nach deren Auffassung es kein beschreibunssunabhängiges So-Sein der Welt, kein So-Sein unter keiner Beschreibung gibt -[sind] nach wie vor versucht [...], kantianische Form/Stoff-Metaphern zu verwenden. Wir sind zu sagen versucht, es habe keine Gegenstände gegeben, ehe die Sprache das Rohmaterial (eine Menge von dingansichlichem Stoff aus lauter unschematisiertem Inhalt) geformt habe. Aber sobald wir dergleichen sagen, finden wir uns dem (einleuchtenden) Vorwurf ausgesetzt, wir hatten die falsche Kausalbehauptung aufgestellt, die Erfindung des Wortes »Dinosaurier« habe die Entstehung der Dinosaurier verursacht - wir seien daher, wie unsere Gegner das nennen, Vertreter des »sprachlichen Idealismus«.

      [...]

      Aber keiner von uns Antirepräsentationalisten hat je daran gezweifelt, daß die meisten Dinge im Universum in kausaler Hinsicht von uns unabhängig sind. Unser Zweifel gilt der Frage, ob sie in repräsentationaler Hinsicht von uns unabhängig sind. Daß X in repräsentationaler Hinsicht von uns unabhängig ist, heißt: X besitzt ein intrinsisches Merkmal (ein Merkmal, das X bei jeder beliebigen Beschreibung zukommt), so daß es von einigen unserer Termini besser beschrieben wird als von anderen. Da wir keine Möglichkeit sehen zu entscheiden, welche Beschreibungen eines Gegenstandes an seine »intrinsischen« Merkmale - im Gegensatz zu seinen bloß »relationalen«, extrinsischen (z. B. beschreibungsrelativen) Merkmalen - herankommen, sind wir bereit, die Unterscheidung zwischen intrinsischen und extrinsischen Merkmalen ebenso fallenzulassen wie die These, daß Überzeugungen etwas repräsentieren, und die ganze Frage der repräsentationalen Unabhängigkeit oder Abhängigkeit überhaupt. Das heißt, wir wollen die Vorstellung ausrangieren, es gebe unabhängig davon, ob oder wie die Dinge beschrieben werden, ein »schlechthinniges So-Sein der Dinge« (um mit Bernard Williams zu reden).

      Taylor glaubt offenbar, daß weder ich noch sonst jemand »im Ernst zu bestreiten geneigt wäre, daß die Behauptung >In diesem Zimmer gibt es keine Stühle< aufgrund des So-Seins der Dinge bzw. aufgrund der Beschaffenheit der Realität wahr oder falsch ist«. Dies bin ich jedoch tatsächlich zu bestreiten geneigt, und zwar deshalb, weil es meiner Ansicht nach zwei Möglichkeiten gibt, die Formulierung naufgrund des So-Seins der Dinge« zu interpretieren. Die eine Interpretation besagt, daß es sich um ein Kürzel handelt, das soviel bedeutet wie...aufgrund der Verwendungsweisen und der unserer derzeitigen Gegenstandsbeschreibungen kausalen Interaktion zwischen uns und diesen Gegenständen«. Die zweite Interpretation besagt, daß es sich um ein Kürzel handelt, das soviel bedeutet wie »bloß aufgrund des So-Seins der Dinge, ganz unabhängig davon, wie wir diese Dinge beschreiben«. Legt man die erste Interpretation zugrunde, so bin ich der Meinung, daß wahre Aussagen über das Vorhandensein von Stühlen, die Existenz von Neutrinos, die Erwünschtheit der Achtung vor der Wurde unserer Mitmenschen und alles übrige naufgrund des So-Seins der Dinge« wahr sind. Legt man die zweite Interpretation zugrunde, so bin ich der Meinung, dass überhaupt keine Aussage »aufgrund des So-Seins der Dinge« wahr ist.
    • Nach Ansicht von Paul Boghossian ist es zwar nicht einfach, dieses Zitat völlig zu verstehen. Er fasst den grundlegenden Gedanken jedoch so zusammen: "Mit dem Förmchenmodell behaupten wir wirklich, dass bestimmte Tatsachen bestehen - dass es zum Beispiel Giraffen gibt -,indem wir die Welt unter Verwendung des Begriffs Giraffe beschreiben. Aber damit beteiligen wir uns am kantischen Spiel mit Form und Inhalt und handeln uns die Probleme mit der Beziehung von Bewusstsein und Wirklichkeit ein, die oben umrissen wurden.

      Dagegen sei es angemessener, alles Reden über Tatsachen nur als Reden darüber zu verstehen, wie die Dinge gemäß einer bestimmten Theorie über die Welt sind -oder gemäß einem »Sprachspiel«, wie Rorty das mitunter im Anschluss an Wittgenstein nennt. Die Idee, das die Realität in bestimmter Weise und für sich sei, bleibe dagegen unverständlich. Und ebenso unverständlich sei die Idee, dass unser Bewusstsein verursache, wie es sich mit der Welt verhält, indem es diese beschreibt. Der einzige Gedanke, der verständlich zu machen sei, ist der, wonach es sich gemäß einer bestimmten Redeweise und relativ zu irgendeiner Theorie mit der Welt so oder so erhalte."

      Um den Gedanken Rortys besser zu verstehen, bietet Boghossian eine Analogie an, die von Nishiten Shah herührt: Was lässt sich über die Wahrheit in einer Fiktion sagen? Jeder, der einen Roman liest, weiß, dass die Figuren des Romans im Grunde bloß Konstruktionen des Autors sind. Aber im Text selbst werden sie nicht als konstruierte Figuren vorgestellt, man nimmt sie für echte Menschen. Innerhalb der fiktiven Story “Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay” ist es daher wahr, dass Joseph Kavalier ein Jude war, der aus dem nationalsozialistisch besetzten Prag floh und dessen Eltern von den Nazis umgebracht wurden.

      Sobald wir uns - so scheint Rorty zu denken - für eine Theorie der Welt, wenn man so will die "Rahmenhandlung" oder das Framing, entschieden haben, welche die Beschreibung »Es gibt Berge/Es gab Dinos« enthält (so wie ein Autor entscheidet, welche Figuren im Roman vorkommen), dann ist es gemäß dieser Theorie wahr, dass Berge kausal unabhängig von uns sind und dass sie schon vor uns existiert haben, sowie es eben gemäß des Romans wahr ist, dass Joseph Kavalier aus Prag floh.

      Wichtig: Auf diese Weise werden alle Probleme, die Boghossian für Förmchen-Konstruktivismus aufgezeigt hat, gelöst. Wie das Problem der umgekehrte Kausalität gelöst ist, wurde gerade gezeigt, der Problem der mangelnden Begriffskompetenz wird in der selben Weise aus der Welt geschafft, denn es gehört dann eben beim jeweiligen Sprachspiel zur normalen Sprecherkompetenz zu sagen, es gab Dinos. Auch das Problem der Meinungsverschiedenheit ist vom Tisch: Denn es heißt dann nicht mehr einfach widersprüchlich: p und Nicht p. Sondern Gemäß T': p und gemäß T'': Nicht-p. Also kein Widerspruch.
    • hoffentlich Rorty schrieb:

      1.) Aber keiner von uns Antirepräsentationalisten hat je daran gezweifelt, daß die meisten Dinge im Universum in kausaler Hinsicht von uns unabhängig sind.

      hoffentlich Rorty schrieb:

      2.) Das heißt, wir wollen die Vorstellung ausrangieren, es gebe unabhängig davon, ob oder wie die Dinge beschrieben werden, ein »schlechthinniges So-Sein der Dinge« (um mit Bernard Williams zu reden).

      Ein Widerspruch.

      Aufgrund von 1.) wäre es daher falsch, Rorty überhaupt dem Konstruktivismus zuzurechnen.
      Denn schließlich haben wir Augen nicht WEIL es etwas zu sehen gibt, sondern DAMIT es etwas zu sehen gibt.
    • Hier (im Anschluss an Beitrag #3) stellt sich natürlich sofort folgende Frage: Heißt das nicht, dass jeder reden kann, wie es ihm beliebt und damit dennoch stets im Recht ist? Gibt es bei der Frage, welche Art der Weltbeschreibung man übernehmen soll, keine Einschränkungen? Denn wir sind schließlich mit unseren Meinungen nie gegenüber der Welt "verantwortlich". Nach Boghossian lautet Antwort darauf Jein :) Die Welt, wie sie an und für sich ist, kann unsere Wahl nicht beschränken. Warum? Nach Rorty und Co. gibt es ja keine Welt an und für sich.

      Dennoch sind auch nach Rorty nicht alle Redeweisen einander ebenbürtig. Warum? Wir werden nämlich aus pragmatischen Gründen einige Redeweisen anderen vorziehen. Etwa weil sie wahrer sind? Nein, wir werden die fraglichen Redeweisen anderen vorziehen, weil sie sich als nützlicher bei der Befriedigung unserer Bedürfnisse erweisen. Wenn wir im Alltag sagen, dass dies oder das wahr ist, dann meinen wir (oder eigentlich: sollten wir meinen), dass es relativ zu der Redeweise (Theorie), die wir bevorzugen wahr ist. Und wir bevorzugen sie nicht, weil sie der Welt an sich entspricht, sondern, weil einfach es uns nützlich erscheint.

      Gemäß unserer gängigen Redeweise sind (wie zurecht gefordert) die meisten Aspekte der Welt kausal von uns unabhängig und ihre Existenz geht der unseren voraus: Rorty schreibt: "Angenommen, es macht sich bezahlt, über Berge zu sprechen, was sicherlich zutrifft, dann ist es eine der offensichtlichen Wahrheiten über Berge, dass sie da waren, bevor wir über sie sprachen. Wenn man das nicht glaubt, weiß man wahrscheinlich nicht, wie man die Sprachspiele spielt, die das Wort »Berg« gebrauchen. [Hier antwortet Rorty auch auf das Problem der Begriffskompetenz] Aber die Nützlichkeit dieser Sprachspiele hat nichts mit der Frage zu tun, ob die Wirklichkeit, wie sie abgesehen von einer für Menschen passenden Weise, sie zu beschreiben, an und für sich ist, auch Berge."

      Die Behauptung, wir machen die Berge nicht - so wie man es von Goodman in Worldmaking vielleicht gewohnt ist - und dass die Berge lange vor uns existiert haben, ist also für Rorty durchaus korrekt. Aber, um es noch mal zu wiederholen, nicht weil die Welt an sich so ist, ein So-Sein der Welt gibt es nicht. Diese Behauptungen sind durch diejenige Beschreibungsweise lizenziert, der wir uns angeschlossen haben. Wo man sieht, sind damit die Probleme der Kausalität und der Begriffskompetenz und der Meinungsverschiedenheit erledigt.
    • ab Seite 60 legt Boghossian ein Argument gegen den globalen Relativismus/Konstruktivismus à la Rorty vor. Ich fasse wiederum (wie stets) zusammen, versuche dicht am Text zu bleiben, packe ihn jedoch, wo es mir geboten erscheint, in meine eigenen Worte und kürze sehr stark.

      Nach diesem globalen Relativismus à la Rorty & Co gibt es keine Tatsachen folgender Form:

      Es gab Dinosaurier

      sondern nur Tatsachen der Form:

      Gemäß einer Theorie (zum Beispiel die Evolutionstheorie), die wir* befürworten, gab es Dinosaurier.

      Was geschieht, wenn man diese Ansicht (diese "Formel", wenn man so will) auf sich selbst anwendet? Relativisten neigen zwar - wie man weiß - dazu, solche Selbstwiderlegungs-Argumente als bloße Logeleien abzutun, die nichts zur Sache beitragen. Aber stimmt das? Zu fragen, was geschieht, wenn man eine sehr allgemeine Auffassung (wie die obige) über Wahrheit oder Wissen auf sich selbst anwendet, ist keine Logelei, sondern ein sehr guter Test. Boghossian meint dazu lapidar: "wenig könnte einer Auffassung mehr schaden als die Entdeckung, dass sie ihr selbst zufolge falsch ist."

      Wir fragen uns nun: Ist es eine absolute Tatsache, dass wir diese Theorie (eine der Rahmenhandlungen, um bei der obigen Analogie zu bleiben - zum Beispiel die Evolutionstheorie) befürworten? Absolute Tatsache heißt: Haben wir es hier mit einer Tatsache zu tun, die nicht nur relativ zu etwas besteht.

      Dem Relativisten stehen natürlich zwei Antworten zur Verfügung: Ja und Nein. :) Der Reihe nach. Der Relativist, der mit »Ja« antwortet, handelt sich - verkürzt dargestellt - folgende Probleme ein:

      Er hat in diesem Moment die Auffassung, es gäbe keine absoluten Tatsachen aufgegeben. Statt dessen vertritt er nun die Ansicht, dass es zwar keine absoluten Tatsachen der Art “Es gibt Dinos” gibt, jedoch solche über den Geist, also zum Beispiel: “Es ist eine absolute Tatsache, dass wir gemäß einer Theorie, die wir* befürworten, glauben, es gab Dinos.” Der globale Relativist (der nun schon keiner mehr ist) ist jetzt zu der Ansicht genötigt, dass es zwar irgendein Problem mit absoluten Tatsachen über Berge und Giraffen gibt, aber keines mit Tatsachen über die Meinungen, die Leute haben. “Er würde mit anderen Worten vorschlagen, dass die einzigen absoluten Tatsachen, die es gibt, Tatsachen über unsere Meinungen sind.” “Es ist schwer, einzusehen, wie es ein Problem mit absoluten Tatsachen über Berge und Giraffen geben kann, aber keines mit Tatsachen über die Meinungen, die Leute haben.” (Boghossian)

      Der Relativist, der daher mit »Nein« antwortet, ist damit nicht aus dem Schneider, sondern handelt sich andere noch gravierendere Probleme ein:

      Er vertritt dann nämlich die Ansicht, dass es nicht für sich genommen eine Tatsache ist, dass wir eine Theorie vertreten, derzufolge es Dinosaurier gab. Denn auch diese Tatsache kann wiederum nur relativ zu einer Theorie bestehen, die wir befürworten. Also: Gemäß einer Theorie, die wir befürworten, gibt es eine Theorie, die wir befürworten, und dieser zweiten Theorie zufolge gab es Dinosaurier. Ab diesem Punkt gibt es natürlich kein Halten mehr: “An jedem Punkt des drohenden Regresses muss der Relativist verneinen, dass die Behauptung an diesem Punkt einfach nur wahr sein kann, und wird darauf bestehen müssen, dass sie nur relativ zu einer Theorie wahr ist, die wir befürworten.” (Boghossian)

      Damit hat sich der Tatsachenrelativist darauf verpflichtet, dass die einzigen Fakten, die es gibt, infinitäre Tatsachen folgender Art sind:

      Gemäß einer Theorie, die wir befürworten, gibt es eine Theorie, die wir befürworten, und dieser zweiten Theorie zufolge gibt es eine Theorie, die wir befürworten, und ... gab es Dinosaurier.

      Ich schließe mich Boghossian an, wenn er konstatiert, dass es absurd ist, dass unsere Äußerungen nur dann wahr sein können, wenn sie infinitäre Propositionen sind, die wir weder ausdrücken noch verstehen können.
    • Rorty schrieb:

      "Angenommen, es macht sich bezahlt, über Berge zu sprechen, was sicherlich zutrifft, dann ist es eine der offensichtlichen Wahrheiten über Berge, dass sie da waren, bevor wir über sie sprachen. Wenn man das nicht glaubt, weiß man wahrscheinlich nicht, wie man die Sprachspiele spielt, die das Wort »Berg« gebrauchen.

      Da wir als Konstruktivisten davon ausgehen, dass ein Berg ein Gegenstand unserer Konstruktion ist und Zeit ein unserem neurophysiologischen System innewohnendes Medium zur Errechnung von Objekten, sehen wir ein, dass wir überhaupt keine Aussagen über ein So-Sein eines Berges machen können. Wir können schlicht nicht wissen, was ein Berg unabhängig unserer Existenz war oder ist. Deshalb ist es aus konstruktivistischer Sicht Unsinn, von einem Berg zu sprechen, der vor unserer Zeit da war.
      Denn schließlich haben wir Augen nicht WEIL es etwas zu sehen gibt, sondern DAMIT es etwas zu sehen gibt.
    • Das tut Rorty auch nicht, wie man dem obigen Texten entnehmen kann. Das Reden über Berge wird schließlich erst über bestimmte Redeweisen, Theorien, Sprachspiele lizensiert. Ein So-Sein der Welt nimmt Rorty, wie wiederholt dargestellt, gar nicht an. Bei ihm heißt es also: gemäß einer Theorie, die wir befürworten, gab es Berge lange bevor es uns gab (siehe oben).
    • Jörn gibt Rorty wieder schrieb:

      gemäß einer Theorie, die wir befürworten, gab es Berge lange bevor es uns gab.

      Dann ist Rorty kein Konstruktivist und widerspricht sich zudem. Denn er spricht ja von einem Berg im An-sich, wenn er ihm Existenz vor unserer Zeit zuspricht. Ein Berg ist aber unsere Konstruktion. Und nach Aussagen Rortys möchte er das Sprechen über ein So-Sein der Dinge ja "ausrangieren".
      Denn schließlich haben wir Augen nicht WEIL es etwas zu sehen gibt, sondern DAMIT es etwas zu sehen gibt.
    • Jörn schrieb:

      richard schrieb:

      Denn er spricht ja von einem Berg im An-sich, wenn er ihm Existenz vor unserer Zeit zuspricht.

      Das ist nicht Rortys Ansicht. Seine Ansicht habe ich oben ausführlich dargestellt und du hast sie selbst gerade zitiert.

      Weil er von Bergen spricht, die es vor unserer Zeit gab, ist das durchaus seine Ansicht. Man sieht das doch ganz unzweideutig.

      Es wird doch kein Kampf gegen Windmühlen sein, den Boghossian da ausficht...?
      Denn schließlich haben wir Augen nicht WEIL es etwas zu sehen gibt, sondern DAMIT es etwas zu sehen gibt.
    • richard schrieb:

      Da wir als Konstruktivisten davon ausgehen, dass ein Berg ein Gegenstand unserer Konstruktion ist und Zeit ein unserem neurophysiologischen System innewohnendes Medium zur Errechnung von Objekten, sehen wir ein, dass wir überhaupt keine Aussagen über ein So-Sein eines Berges machen können. Wir können schlicht nicht wissen, was ein Berg unabhängig unserer Existenz war oder ist. Deshalb ist es aus konstruktivistischer Sicht Unsinn, von einem Berg zu sprechen, der vor unserer Zeit da war.

      Ich kann dir hier nicht folgen. Hast du nicht gerade selbst erklärt, dass die Zeit von uns konstruiert ist? Wenn es sich so verhält, dann kann deiner eigenen Empfehlung gemäß gar nicht folgen, dass Rorty dem Berg ein an-sich zuspricht, indem er ihm Existenz vor unserer Zeit zuspricht. Das könnte nur der Fall sein, wenn du eine Zeit an sich annimmst, was du nach deiner Selbstauskunft nicht tust.

      Wie auch immer: Rorty macht explizit klar, dass es für ihn kein So-Sein der Welt unter keiner Beschreibung gibt und unsere Alltagsrede von Bergen an sich nur verständlich wird, wenn man sie in die (seiner Ansicht nach) korrekte Form übersetzt: Berge (ja nicht mal Stühle) gibt es nicht an sich. Es gibt sie ausschließlich gemäß eines Sprachspiels, welches wir bevorzugen, welches aber nicht die Welt, wie sie an sich selbst ist, beschreibt.
    • Jörn schrieb:

      Ich kann dir hier nicht folgen. Hast du nicht gerade selbst erklärt, dass die Zeit von uns konstruiert ist? Wenn es sich so verhält, dann kann deiner eigenen Empfehlung gemäß gar nicht folgen, dass Rorty dem Berg ein an-sich zuspricht, indem er ihm Existenz vor unserer Zeit zuspricht. Das könnte nur der Fall sein, wenn du eine Zeit an sich annimmst, was du nach deiner Selbstauskunft nicht tust.

      Ich nehme keine Zeit an sich an, aber Rorty. So wie er auch Berge an sich annimmt. Beides zeigt dieser Satz doch deutlich:

      Rorty schrieb:

      gemäß einer Theorie, die wir befürworten, gab es Berge lange bevor es uns gab.
      Denn schließlich haben wir Augen nicht WEIL es etwas zu sehen gibt, sondern DAMIT es etwas zu sehen gibt.