1. Angst vor der Wahrheit (Einleitung des Buches, Angst vor der Wahrheit)

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    • 1. Angst vor der Wahrheit (Einleitung des Buches, Angst vor der Wahrheit)

      In diesen Threads geht es um das Paul Boghossians Buch "Angst vor der Wahrheit: Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus." Übersetzung Jens Rometsch. Berlin: Suhrkamp, 2013 Dazu wurden eine Reihe von Threads mit unterschiedlichem Fokus eröffnet:
      1. Angst vor der Wahrheit (Einleitung) HIER
      2. Tatsachen konstruieren (3. Kapitel) HIER
      3. Tatsachen relativieren (4. Kapitel) HIER
      4. Boghossians Voraussetzungen (Kritik expliziter oder impliziter Prämissen) HIER
      5. Quellen und Materialien (Links zu Texten und Videos) HIER
      6. Was sonst nirgends passt (allgemeine Diskussion) HIER
      Zu diesen Themen gibt es in der "Haupthalle" bereits einige Threads. Ziel dieser Serie ist, die Diskussion etwas zu fokussieren, so dass nicht alles durcheinander geht. Ich bitte jeweils möglichst eng am Thema zu bleiben. Bitte auch bedenken, dass wir hier im WiPhi-Bereich sind! Daher soll ein besonderes Augenmerk auf Begründungen und Argumente gelegt werden. Dies ist ein Semi-Lesethread. Die Lektüre der der Auszüge wird jedoch vorausgesetzt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • "1. Einleitung, Angst vor der Wahrheit, Seite 9 ff

      Gleichwertigkeit

      Am 22. Oktober 1996 druckte die New York Times eine ungewöhnliche Titelgeschichte. Unter dem Titel »Indianische Kreationisten bremsen Archäologen aus« beschrieb sie einen Konflikt, der sich zwischen zwei Auffassungen über die Herkunft amerikanischer Ureinwohner ergab. Nach der umfassend bestätigten archäologischen Lehrmeinung kamen die ersten Menschen über Asien nach Amerika, als sie vor ungefähr 10.000 Jahren die Beringstraße überquerten.

      Im Gegensatz dazu besagen einige Schöpfungsmythen amerikanischer Ureinwohner, dass die indigenen Völker auf dem amerikanischen Doppelkontinent leben, seit, ihre Vorfahren aus einer unterirdischen Geisterwelt an die Erdoberfläche gestiegen sind. In den Worten von Sebastian LeBeau, einem Vertreter der Cheyenne River Sioux, eines Stamms der Lakota, ansässig in Eagle Butte, South Dakota:

      “Wir wissen, woher wir kommen. Wir sind die Nachfahren der Büffelleute. Sie kamen aus dem Inneren der Erde, nachdem übernatürliche Geister diese Welt für die Menschheit vorbereitet hatten. Wenn Nichtindianer glauben wollen, sie stammten von einem Affen ab, sei's drum. Mir sind noch keine fünf Lakotas begegnet, die an die Wissenschaft und die Evolution glauben.”

      Die Times merkte an, dass viele Archäologen, hin und her gerissen zwischen ihrer Verpflichtung auf wissenschaftliche Methoden und ihrer Wertschätzung der indigenen Kultur, »in die Nähe eines postmodernen Relativismus gerieten, in dem die Wissenschaft nur ein weiteres Meinungssystem darstellt«. Roger Anyon, ein britischer Archäologe, der für die Zuni arbeitete, wurde folgendermaßen zitiert: "Die Wissenschaft ist nur eine von vielen Weisen, die Welt zu verstehen. [Das Weltbild der Zuni] hat den gleichen Wert wie die archäologische Sichtweise der Prähistorie."

      Ein weiterer Archäologe, Dr Larry Zimmermann von der Universität Iowa, wurde zitiert mit einem Apell für eine andere Art von Wissenschaft, zwischen den Grenzen westlichen und indianischen Wissens.

      Dr. Zimmerman fügte hinzu: Ich persönlich lehne es ab, die Wissenschaft als ein privilegiertes Weltverständnis zu betrachten.

      So faszinierend diese Bemerkungen auch sind, sie wären nur von beiläufigem Interesse, gäbe es nicht den enormen Einfluss der allgemeinen philosophischen Haltung, für die sie stehen. Besonders innerhalb der Fachwelt, aber zu einem unvermeidlichen Teil auch außerhalb von ihr, hat die Idee tiefe Wurzeln geschlagen, dass die Wissenschaft nur eine von »vielen gleichwertigen Weisen ist, die Welt zu verstehen«. In großen Teilen der Geistes- und Sozialwissenschaften hat diese Art des »postmodernen Relativismus« von Wissensansprüchen den Status einer Orthodoxie erlangt. Ich bezeichne sie (so neutral wie möglich) als

      Gleichwertigkeitsdoktrin:
      Es gibt viele grundverschiedene Weisen, die Welt zu verstehen, die aber von »gleichem Wert« sind und unter denen die Wissenschaft nur eine ist.

      Hier sind einige repräsentative [Äußerungen] von Wissenschaftlern, die der Gleichwertigkeitsdoktrin grundsätzlich beipflichten:

      "Wenn wir den konventionellen und artefaktischen Status unserer Wissensformen erkennen, versetzen wir uns selbst in die Lage, zu bemerken, dass wir selbst und nicht die Wirklichkeit verantwortlich sind für das, was wir wissen.

      Die Wissenschaft der Ersten Welt ist eine unter vielen.

      Für den Relativisten ist mit der Idee kein Sinn verbunden, dass es einige wirklich rationale Standards oder Meinungen gibt im Gegensatz zu nur lokal akzeptierten. Da er denkt, dass es keine kontextfreien oder überkulturellen Normen der Rationalität gibt, hält er rational und irrational vertretene Meinungen nicht für zwei distinkte und qualitativ unterschiedene Gegenstandsklassen. "


      (Seite 9ff)"


      Wie entsteht die Angst, von der Boghossian spricht? Ziemlich überzeichnet und grob gesagt meine ich: Dadurch, dass man die Ansicht vertritt, dass es viele Weltsichten gibt. Was zweifellos wahr ist. Aber man glaubt darüber hinaus, dass sie im Grunde alle ihr Recht haben/im Recht sind. Was zweifellos falsch ist. Man glaubt, sie seien alle gleich gültig. Und unsere eigene (zum Beispiel: die wissenschaftliche) Weltsicht ist eben nur eine von vielen, gleichwertigen Sichtweisen.

      Ist man erst mal an diesem Punkt, entsteht die besagte Angst; die einfach darin besteht, das, was man für wahr hält, auch gegen die anderen Sichtweisen für wahr zu halten. Man hat Angst zu sagen: wenn das, was ich für wahr halte, wahr ist, dann müssen viele andere Weltsichten, die dem entgegen stehen, eben falsch sein. Man hat Angst, als verkappter Kolonialist, Chauvie, Eurozentriker, Hinterweltler, Unterdrücker von Andersdenkenden oder was auch immer dazustehen. Statt dessen ist alles immer nur noch "wahr für mich" ... oder "uns" ... oder wahr relativ zu unseren "Denksystemen" oder wahr entsprechend "unseren westlichen sozialen Konstruktionen". (Wenn man den Begriff "wahr" überhaupt noch in den Mund nimmt.)

      Im Nachwort drückt es Markus Gabriel so aus: “Der postmoderne Relativismus erweist sich als falsche Philanthropie und als verfehltes emanzipatorisches Projekt, da er auf falschen Prämissen, insbesondere auf der Zurückweisung absoluter Tatsachen und absoluter Wahrheit, beruht. In überraschender Nähe zu Hegel wird in diesem Buch gezeigt, dass kein Grund zu einer »Angst vor der Wahrheit«' besteht, ja, dass diese Angst nur scheinbar den politischen Vorteil hat, der Stimme der Ausgeschlossenen Gehör zu verschaffen.letztlich völlig abwegigen Symmetrieannahme umgetrieben werden, die Boghossian als »Gleichwertigkeitsdoktrin« bezeichnet. Diese Symmetrieannahme besagt, dass alle Gegenstände und Gegenstandsbereiche sozial konstruiert sind und daher gleichberechtigt existieren und mit gleichem Recht untersucht werden können: Sophokles steht dann gleichwertig neben Marie Louise Fischer, die Quantenmechannik steht als geistiges und kulturelles Produkt gleichwertig neben dem US-amerikanischen Kreationismus, die Ablehnung des Menschenrechtes auf körperliche Unversehrtheit steht gleichberechtigt neben den angeblich »westlichen« Werten, und grundlegende logische Wahrheiten werden in ihrem vermeintlichen Willen zur Macht neben jede andere beliebige überlebensdienliche Hypothese gestellt.

      Aus US-amerikanischer akademischer Perspektive liegt es nahe, dieses Potpourri symmetrischer Ausdrucks- und Wissensformen mit modischen Strömungen des Multikulturalismus wie etwa den postkolonialen Studien zu verbinden, sofern diese die moralisch verwerflichen Aspekte des Kolonialismus häufig darauf zurückführen, dass eine angebliche abendländische Logik zur brutalen Unterwerfung und Unterdrückung von Menschen führe. Doch dass der Kolonialismus moralisch verwerflich ist, ist, wenn irgendetwas, dann eine absolute Tatsache, die wir entdeckt haben! Wer absolute Tatsachen, auch solche in Moral und Politik, zu relativen Setzungen herabstuft, macht sie damit immer auch optional. Genau diese Operation führt aber zu einer Beliebigkeit, die sich ausnutzen lässt: Silvio Berlusconis Medienimperium, so argumentiert Maurizio Ferraris in seinem Manifest des Neuen Realismus, das in Italien und in globalen Diskussionsforen derzeit Furore macht, ist die wahre Konsequenz des postmodernen Relativismus. [...]"
    • Jörn schrieb:

      Man hat Angst zu sagen: wenn das, was ich für wahr halte, wahr ist, dann müssen viele andere Weltsichten, die dem entgegen stehen, eben falsch sein. Man hat Angst, als verkappter Kolonialist, Chauvie, Eurozentriker, Hinterweltler, Unterdrücker von Andersdenkenden oder was auch immer dazustehen. Statt dessen ist alles immer nur noch "wahr für mich" ... oder "uns" ... oder wahr relativ zu unseren "Denksystemen" oder wahr entsprechend "unseren westlichen sozialen Konstruktionen
      Das mag für viele gelten, aber ich bin geneigt zu meinen, daß gerade dies für den echten Philosophen - nicht jeder Philosophiegelehrte ist ein Philosoph - nicht gilt. Der echte Philosoph hat keine Angst vor der Wahrheit und auch nicht vor ihren Folgen. Er hat, so meine ich, etwas von Martin Luther: Hier stehe ich, ich kann nicht anders.

      Das Thema und die Anregung für das Buch sind gut, ich werde mir aber den Originaltext besorgen.
      Man weiß nie genug, und vielleicht ist genau dieser Mensch, dem ich gerade begegne, der Engel, der mir die Augen öffnet.
    • Auch dort wurde schon behauptet, was bis heute wiederholt wird. Zum Beispiel: Die Entdeckung der Arbeitsweise des Gehirns zeigt, dass man die Arbeitsweise des Gehirns nicht entdecken kann. Den Argumenten von Boghossian wurde jedoch kein Gehör geschenkt.

      Wenn ich im Nachhinein sehe, wie viel Arbeit ich da rein gesteckt habe, praktisch ohne jeden Ertrag ... ist es ganz schön bitter :(

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • Danke schön, dass die LInks gehen. (Ich verstehe zwar nicht, wieso ich die Threads nicht gefunden haben)


      _its_not_me_ schrieb:

      Wenn ich im Nachhinein sehe, wie viel Arbeit ich da rein gesteckt habe, praktisch ohne jeden Ertrag ... ist es ganz schön bitter
      Tja... falls es Dich etwas tröstet, beim Lesen der Einleitung staunte ich zum einem Bauklötzchen und zum anderen gab es Aha Effekte und in den anderen Threads (ich habe noch nicht alles gelesen) hast Du die Positionen klasse verständlich dargestellt.

      Die Aussagen in der Einleitung finde ich ziemlich aktuell, so bezogen auf den "Zeitgeist" und so.
      Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter (Goethe)
    • Ich habe inzwischen angefangen, die "Einführung in den Konstruktivismus" zu lesen und mir auch das Buch von Boghossian "Fear of knowledge" besorgt.

      Was den Konstruktivismus betrifft, so sagt er sicher etwas Wahres, ist aber nichts grundsätzlich Neues. Man nehme etwas sehr alten aus der Antike stammenden Skeptizismus, mische ihn mit der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts, gebe noch einen Schuß Pragmatismus in Form der Viabilität hinzu, und schon ist der Konstruktivismus fertig.
      Wie gesagt, dabei kommt durchaus etwas Wahres heraus; schon Bertrand Russell hat am Anfang des 20. Jahrhunderts in seinen Problems of Philosophy gesagt, daß man einem konsequenten Skeptiker nichts erwidern könne. Und Kant hat schon im 18. Jahrhundert festgestellt, daß wir das Ding an sich nicht erkennen können.
      Die Einführung in den Konstruktivismus eignet sich gut als Entspannungsliteratur, nachdem man vorher was Ernstes wie etwa Hegel gelesen hat.
      Und sicher wird, so weit ich das jetzt sehe, das Buch von Boghossian dem Konstruktivismus insoweit entgegentreten, als nicht alles der jetzt angenommenen Wirklichkeit reine Erfindung ist. Wir können vielleicht nicht alles, aber doch etwas erkennen.
      Insgesamt geht aber weder der Konstruktivismus noch die Gegenrede von Boghossian über das hinaus, was im wesentlichen schon vor 80 bis 100 Jahren klar war.

      Daß sich die westliche Philosophie weiterentwickelt und qualitative Fortschritte macht, wird man also anhand dieser beiden Bücher nicht darlegen können.
      Man weiß nie genug, und vielleicht ist genau dieser Mensch, dem ich gerade begegne, der Engel, der mir die Augen öffnet.
    • Kommt nun darauf an, was Du unter einem "konsequenten Skeptiker" verstehst. Jemandem, der keine Argumente bringt sondern nur grundlos irgend etwas behauptet, dem kann man nichts erwidern, dann ist ein Gespäch per se sinnlos.

      Falls aber jemand anerkennt, dass beide Seiten Argumente benötigen, um die eigene Ansicht plausibel und überzeugend darstellen zu können, dann kann man sehr wohl was erwidern.
    • Her K. schrieb:

      Dann kommt es wohl darauf an, was Bertrand Russell unter einem "konsequenten Skeptiker" verstand.
      Ich nehme an, er verstand darunter jemanden, der meint, daß wir die Wirklichkeit nicht erkennen können, weil unsere Sinne und unser Denken nicht dafür gemacht sind, die Wirklichkeit zu erkennen.
      Man weiß nie genug, und vielleicht ist genau dieser Mensch, dem ich gerade begegne, der Engel, der mir die Augen öffnet.
    • HumbleThinker schrieb:

      [...] daß wir die Wirklichkeit nicht erkennen können, weil unsere Sinne und unser Denken nicht dafür gemacht sind, die Wirklichkeit zu erkennen.
      Wozu taugen die Sinne von Lebewesen?
      "Die rechtsstaatliche Ordnung in der Bundesrepublik ist in diesem Bereich jedoch seit rund eineinhalb Jahren außer Kraft gesetzt und die illegale Einreise ins Bundesgebiet wird momentan de facto nicht mehr strafrechtlich verfolgt" (Rheinland-Pfalz, Landesrecht online, Oberlandesgericht Koblenz, Aktenzeichen 13 UF 32/17, Urteil vom 14. Februar 2017). — Will es nun wieder niemand gewesen sein? — Boris Palmer for Merkel!
    • Her K. schrieb:

      Das Thema kommt mir irgendwie bekannt vor.
      Wenn ich mich recht erinnere, meint Russell damit, dass man einen konsequenten Skeptizismus nicht widerlegen kann. Wenn jemand darauf besteht, dass alles in Realität anders ist oder eben unerkennbar, so ist die richtige Antwort ein Schulterzucken und man kann sich interessanteren Themen zuwenden. Zum Beispiel dem Text von Boghossian.

      Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es. (Bertrand Russell)
      Any philosophy that can be put in a nutshell belongs in one. (Hilary Putnam)
      Religion is an insult to human dignity. (Steven Weinberg)