2. Tatsachen konstruieren (3. Kapitel des Buches, Angst vor der Wahrheit)

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    • Hermeneuticus schrieb:

      Ah, nun gibt es also richtige (orthodoxe) und falsche (häretische) Realisten. Und was die richtigen sind, bestimmt autoritativ noch mal gleich welches Gremium, welche Glaubenskongregation, welche Heilige Inquisition der Philosophie?


      Hab ich irgendetwas geschrieben, worauf das passt? Nicht wirklich. Tatsächlich steht da: Du hast dich an anderer Stelle als ontologischer Realist eingestuft, weil du die Existenz der Außenwelt anerkennst. Reicht das, um ein Realist zu sein? Das ist umstritten. Davidson hat sich selbst dieses Prädikat wieder aberkannt. Warum? Zum Realismus gehört [nach seiner Einschätzung] der Korrespondenztheorie der Wahrheit. Und die ist nicht zu haben ohne eine Tatsachenontologie. Warum das so ist, haben wir an anderer Stelle erörtert - hier hatte ich (wohl vergebens) auf dein Erinnerungsvermögen gesetzt.

      Ansonsten: Wenn dich metaphysische Fragen nicht interessieren, dann eben nicht. Die Frage inwiefern eine Ding-, Tatsachen- oder Ereignis-Ontologie (etc.) die Sache trifft, beschäftigt die Philosophen seit Aristoteles. Niemand muss das interessieren - allerdings: hier befinden wir uns in einem Philosophie-Forum, da kommen solche Fragestellungen durchaus vor. Meines Erachtens hängen sie mit der diskutierten Fragestellung zusammen.
    • Jörn schrieb:

      Du hast dich an anderer Stelle als ontologischer Realist eingestuft, weil du die Existenz der Außenwelt anerkennst. Reicht das, um ein Realist zu sein? Das ist umstritten.

      Darum ist ja die ironische Frage nach dem Gremium, das autoritativ darüber befindet, nicht abwegig. Es handelt sich offenbar um einen Punkt, über den man verschiedener Meinung sein kann, weil es keine allgemeinverbindliche Wahrheitsinstanz dafür gibt. (So ist das eigentlich bei allen Ismen-Etiketten. Sie täuschen Gehalt und Verbindlichkeit vor, während es sich bloß um eine kontingente Meinungskundgabe des jeweiligen Aufklebers handelt.)

      Jörn schrieb:

      Die Frage inwiefern eine Ding-, Tatsachen- oder Ereignis-Ontologie (etc.) die Sache trifft, beschäftigt die Philosophen seit Aristoteles. Niemand muss das interessieren - allerdings: hier befinden wir uns in einem Philosophie-Forum, da kommen solche Fragestellungen durchaus vor. Meines Erachtens hängen sie mit der diskutierten Fragestellung zusammen.

      In Philosophie-Foren zählen aber Gründe. Zumindest sollten sie zählen. Und es gibt in der neueren Philosophie eben begründete Kritik an Korrespondenztheorie und (Tatsachen-) Ontologie. Mein "Desinteresse" ist nicht ein persönliches Geschmacksurteil, es stützt sich vielmehr auf solche Gründe.
    • Jörn schrieb:

      Ich habe keinen Grund von dir gelesen, der gegen eine Tatsachenontologie spricht.


      Dann lies noch mal diesen Absatz:

      Hermeneuticus schrieb:

      Das eigentlich Witzige an ontologischen Spekulationen ist aus meiner Sicht, dass dabei dauernd im Tone gewichtiger Überzeugung vom Seienden an sich gesprochen wird; weil es aber vom erfahrungsunabhängig Existierenden keine konkreten Daten gibt, bleibt das auch notwendiger Weise ein reines Sprechen. Wie Kant schon sagte: Was die Ontologen für Dinge an sich halten, sind in Wirklichkeit lauter "Gedankendinge" der Ontologen selbst, nämlich abstrakte Begriffe ohne Inhalt. Die Ontologen beanspruchen vom sprachunabhängigen Sein zu sprechen, aber de facto spielen sie nur mit Begriffen. Ihren Aussagen fehlt - könnte man mit Frege auch sagen - der Wahrheitswert.


      Ausführlicher und in verschiedenen Versionen habe ich dieses Argumentation auch schon vorgebracht im "[Semi-Lesethread] Warum es die Welt nicht gibt, Markus Gabriel". Siehe dort besonders diese Beiträge:

      [Semi-Lesethread] Warum es die Welt nicht gibt, Markus Gabriel

      [Semi-Lesethread] Warum es die Welt nicht gibt, Markus Gabriel

      [Semi-Lesethread] Warum es die Welt nicht gibt, Markus Gabriel

      "Maximal robuste Tatsachen"

      [Semi-Lesethread] Warum es die Welt nicht gibt, Markus Gabriel
    • Es ist nicht zutreffend, dass es "vom erfahrungsunabhängig Existierenden keine konkreten Daten gibt" (Hermeneuticus), denn das mit bloßen Auge beobachtete und gern auch mit Instrumenten vermessene Blau von Meer und Himmel ist Datum von erfahrungsunabhängig Existierendem.
      Im übrigen ist Kant eher kein Realist und sind Kantianer daher ebenfalls eher keine Realisten, solange sie am zentralen Konzept der Kopernikanischen Wende festhalten.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Fliege schrieb:

      ...denn das mit bloßen Auge beobachtete und gern auch mit Instrumenten vermessene Blau von Meer und Himmel ist Datum von erfahrungsunabhängig Existierendem.

      Beweise diese Behauptung doch bitte mal! Und zwar GENERELL. Denn dass sich empirische, so und so spezifizierte Aussagen objektiv belegen lassen, bestreite ich ja nicht (Kant auch nicht, im Gegenteil). Es geht um die GENERELLE Gültigkeit dieser Behauptung.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hermeneuticus ()

    • Hermeneuticus schrieb:

      Fliege schrieb:

      ...denn das mit bloßen Auge beobachtete und gern auch mit Instrumenten vermessene Blau von Meer und Himmel ist Datum von erfahrungsunabhängig Existierendem.

      Beweise diese Behauptung doch bitte mal! Und zwar GENERELL. Denn dass sich empirische, so und so spezifizierte Aussagen objektiv belegen lassen, bestreite ich ja nicht (Kant auch nicht, im Gegenteil). Es geht um die GENERELLE Gültigkeit dieser Behauptung.

      Das lässt sich nicht beweisen und braucht auch nicht bewiesen werden. Wesentliches Argument für Realismus ist die Erkenntnis der evolutionären Entstehung von kognitiven Apparaten und kognitiven Fähigkeiten. In einem konstruktivistischen Halluzinuversum gäbe es, so steht zu vermuten, schlicht kein evolutionäres Potenzial zur Entstehung von irgendetwas.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Nehmen wir ein alltägliches, lebensweltliches Exempel:
      A. Fritz fährt mit dem Finger über den U-Bahn-Plan von der Zeichenkette "Piccadilly Circus" zur Zeichenkette "Cockfosters".
      B. Anschließend fährt Fritz mit der U-Bahn (nicht über den U-Bahn-Plan, sondern) von Piccadilly Circus nach Cockfosters.

      Die Zusammenhänge und Unterschiede zwischen (A) und (B) lassen sich realistisch erklären – oder sie bleiben unerklärt. In der Wissenschaft geht es um Erklärung, weswegen Wissenschaft von einer realistischen Metaphysik ausgeht.

      Die kantisch-postmodern-konstruktivitische Alternative zum Realismus lautet: "Es ist einfach nicht richtig, dass auf der einen Seite Begriffe wären und auf einer anderen 'die Welt'. Das zeigt sich schon daran, dass du den Begriff 'Welt' verwenden musst, um davon reden zu können. Welt und Begriff sind untrennbare Relation. Nimmst du einen bestimmten Begriff weg, nimmst du damit den Teil der Welt auch weg, den der Begriff beschreibt" (so Richard).
      Aufs obige Exempel bezogen hält es der Konstruktivist für evident, dass Fritz die U-Bahn nimmt für eine Geistreise von "Piccadilly Circus" nach "Cockfosters". Nach seiner Geistreise beglückwünschen wir Fritz für seinen Abgang in die philosophische Esoterik.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • Zur Ergänzung: Ein Argument für die Unmöglichkeit der Biologie, kann nicht zugleich ein Argument dagegen sein, dass alle Lebewesen ein Herz haben. Wer sagen will, dass Metaphysik für die Katz ist, kann damit weder für noch gegen die Existenz von Objekten, Ereignissen, Tatsachen, Kausalität und was weiß ich alles argumentieren; weil er sich dieser Möglichkeit gerade selbst beraubt hat.
    • Hi.

      (Falls ich mich irgendwie unqualifiziert einlasse, würde mich ein entsprechender Hinweis freuen und ich würde Unterlassung im Weiteren bedenken...)
      Ich verstehe es so, dass im Sinne eines Realismus rein von der Möglichkeit ausgegangen wird, dass Erkenntnis mit entsprechenden Tatsachen korespondieren könnte (Damit ist nicht gesagt, dass Erkenntnis notwendig extrasubjektiv gegebene Tatsachen erfasst, wohl aber, dass dies potentiell möglich wäre). Erkenntnis kann in dem Sinne hinreichend sein oder nicht (je nach Zweck).
      Wahrheit wäre doch ein komplett anderes Thema. Der dichotome Gegenpart ist Lüge, also sich bewusst entgegen einer als zutreffend angenommenen Tatsache zu äußern. Wahrheit und Lüge sind mit Erkenntnis und Wille korelliert, nicht mit Tatsachen im Sinne einer subjektunabhängigen Realität...?
      Gruß,
      n0\/0n

      deutsch.
      think, tank.
    • novon schrieb:

      Ich verstehe es so, dass im Sinne eines Realismus rein von der Möglichkeit ausgegangen wird, dass Erkenntnis mit entsprechenden Tatsachen korespondieren könnte (Damit ist nicht gesagt, dass Erkenntnis notwendig extrasubjektiv gegebene Tatsachen erfasst, wohl aber, dass dies potentiell möglich wäre).

      Ich meine: Ja. (Victor Kraft nennt das "hypothetischen Realismus", Hans Krämer spricht von "skeptischem Realismus", und seit einem Jahrhundert ist der Terminus "kritischer Realismus" gängig.)

      novon schrieb:

      Erkenntnis kann in dem Sinne hinreichend sein oder nicht (je nach Zweck).
      Wahrheit wäre doch ein komplett anderes Thema.

      Ich meine: Falls Erkenntnis hinreichend ist, indem sie mit entsprechenden Tatsachen korrespondiert, so liegt Wahrheit vor. (Wahrheit ist demnach kein komplett anderes Thema.)
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Fliege schrieb:

      novon schrieb:

      Ich verstehe es so, dass im Sinne eines Realismus rein von der Möglichkeit ausgegangen wird, dass Erkenntnis mit entsprechenden Tatsachen korespondieren könnte (Damit ist nicht gesagt, dass Erkenntnis notwendig extrasubjektiv gegebene Tatsachen erfasst, wohl aber, dass dies potentiell möglich wäre).

      Ich meine: Ja. (Victor Kraft nennt das "hypothetischen Realismus", Hans Krämer spricht von "skeptischem Realismus", und seit einem Jahrhundert ist der Terminus "kritischer Realismus" gängig.)

      Ja. Was hätte "Wahrheit" damit zu tun?

      Fliege schrieb:

      novon schrieb:

      Erkenntnis kann in dem Sinne hinreichend sein oder nicht (je nach Zweck).
      Wahrheit wäre doch ein komplett anderes Thema.

      Ich meine: Falls Erkenntnis hinreichend ist, indem sie mit entsprechenden Tatsachen korrespondiert, so liegt Wahrheit vor. (Wahrheit ist demnach kein komplett anderes Thema.)

      Du meinst, das Zutreffen eines Sachverhalts hinge davon ab, dass jemand die Wahrheit darüber ausspricht...?!?
      Gruß,
      n0\/0n

      deutsch.
      think, tank.
    • Jörn schrieb:

      Hermeneuticus schrieb:

      Dann lies noch mal diesen Absatz:

      Hab ich gemacht. Dort findet sich kein Argument gegen Tatsachenontologien, sie werden nicht mal erwähnt.

      Das Argument lautet in etwas ausführlicherer Form: Eine Tatsachenontologie unterliegt Wahrheitsbedingungen. Sie ist wahr, wenn (allen) wahren Aussagen sprach- und erfahrungsunabhängige Tatsachen-an-sich korrespondieren. Da es aber unmöglich ist zu prüfen, ob der Kennzeichnung "sprach- und erfahrungsunabhängige Tatsache" (bzw. "Tatsache-an-sich") etwas Nicht-Sprachliches korrespondiert, bleibt dieser Ausdruck ein bloß Gedachtes, ein abstrakter Begriff. Die Tatsachenontologie meint über Nicht-Sprachliches zu sprechen - quasi in einer Objektsprache -, dabei hantiert sie in Wirklichkeit bloß (metasprachlich) mit Begriffen. Zugespitzt könnte man auch sagen, sie sei, als reine Begriffskonstruktion, unfreiwillig ein besonders schwerer Fall von Konstruktivismus, also dessen, was mit ihr überwunden werden soll.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hermeneuticus ()

    • Fliege schrieb:

      Das lässt sich nicht beweisen und braucht auch nicht bewiesen werden. Wesentliches Argument für Realismus ist die Erkenntnis der evolutionären Entstehung von kognitiven Apparaten und kognitiven Fähigkeiten.

      Dann ist also der Realismus nur eine kontingente, dogmatische Behauptung, ein persönliches Für-wahr-Halten. Halten wir das fest!

      Fliege schrieb:

      Nehmen wir ein alltägliches, lebensweltliches Exempel:
      A. Fritz fährt mit dem Finger über den U-Bahn-Plan von der Zeichenkette "Piccadilly Circus" zur Zeichenkette "Cockfosters".
      B. Anschließend fährt Fritz mit der U-Bahn (nicht über den U-Bahn-Plan, sondern) von Piccadilly Circus nach Cockfosters.

      Die Zusammenhänge und Unterschiede zwischen (A) und (B) lassen sich realistisch erklären – oder sie bleiben unerklärt. In der Wissenschaft geht es um Erklärung, weswegen Wissenschaft von einer realistischen Metaphysik ausgeht.

      Ich finde zwar, dass das Beispiel zeigt, wie sich die Gültigkeit (Wahrheit) des U-Bahnplans bestätigen lässt (durch Vollzug einer Handlung), aber wieso das eine Bestätigung für eine realistische Metaphysik sein soll, entgeht mir. Ich kann beim besten Willen nichts Metaphysisches an diesem Beispiel erkennen.

      Fliege schrieb:

      Die kantisch-postmodern-konstruktivitische Alternative zum Realismus lautet: "Es ist einfach nicht richtig, dass auf der einen Seite Begriffe wären und auf einer anderen 'die Welt'.

      So weit scheint mir das noch ein zutreffendes Referat zu sein.

      Das zeigt sich schon daran, dass du den Begriff 'Welt' verwenden musst, um davon reden zu können. Welt und Begriff sind untrennbare Relation.

      Das ist unverständlich bzw. unzutreffend. Ich würde eher so sagen: Solange sich nicht dartun lässt, worauf der Ausdruck "Welt" referiert, ist das eben nur ein so und so definierter Begriff. Und definieren kann man Ausdrücke beliebig.

      Nimmst du einen bestimmten Begriff weg, nimmst du damit den Teil der Welt auch weg, den der Begriff beschreibt" (so Richard).

      Das mag Richard sein, aber nicht Kant. Im Sinne Kants ist hier darauf hinzuweisen, dass - im Fall der Metaphysik - überhaupt nicht zu klären ist, ob der Begriff einen Referenten hat, ob er also etwas "beschreibt" oder bloß - gemäß einer sprachlichen Norm, einer Definition - etwas beschreiben soll. Und das ist ja doch ein gewichtiger Unterschied. Man kann ja z.B. auch definieren, was der Ausdruck "Engel" bedeuten soll und dann sagen: der so definierte Terminus referiert auf alle Wesen, die die in der Definition genannten Eigenschaften aufweisen...
    • novon schrieb:

      Du meinst, das Zutreffen eines Sachverhalts hinge davon ab, dass jemand die Wahrheit darüber ausspricht...?!?

      Machst du einen Witz?
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Hermeneuticus schrieb:

      Da es aber unmöglich ist zu prüfen, ob der Kennzeichnung "sprach- und erfahrungsunabhängige Tatsache" (bzw. "Tatsache-an-sich") etwas Nicht-Sprachliches korrespondiert, bleibt dieser Ausdruck ein bloß Gedachtes, ein abstrakter Begriff. Die Tatsachenontologie meint über Nicht-Sprachliches zu sprechen - quasi in einer Objektsprache -, dabei hantiert sie in Wirklichkeit bloß (metasprachlich) mit Begriffen. Zugespitzt könnte man auch sagen, sie sei, als reine Begriffskonstruktion, unfreiwillig ein besonders schwerer Fall von Konstruktivismus, also dessen, was mit ihr überwunden werden soll.


      Das ist ein simpler Fehlschluss. Setzen wir um des Argumentes willen, es sei unmöglich zu prüfen, ob Tatsachen bestehen. Was folgt daraus für das Bestehen von Tatsachen? Nichts. Sie bestehen oder bestehen nicht, ob wir es prüfen können oder nicht.

      Fliege schrieb:

      Das lässt sich nicht beweisen und braucht auch nicht bewiesen werden.


      Hermeneuticus schrieb:

      Dann ist also der Realismus nur eine kontingente, dogmatische Behauptung, ein persönliches Für-wahr-Halten. Halten wir das fest!


      Zurück zu Boghossian. Über Margos Meinung schreibt Boghossian sinngemäß: Sie hat einen Gehalt, ist wahr oder falsch (nach Lage der Dinge) sowie rational oder eben nicht, weil sie entweder auf Gründen basiert oder nicht. Sie ist nicht etwa nur dann rational oder wohlbegründet, wenn sie sich letztgültig beweisen lässt. Wenn Margo vor sich das Meer sieht, dann ist er (prima facie) berechtigt, das zu glauben - das heißt er hat gute Gründe zu glauben, dass sich vor ihm ein Meer befindet. Wir haben es keineswegs bloß mit einer dogmatischen Behauptung zu tun, weil er keinen letzten Beweis antreten kann, der jeden logischen Zweifel beseitigt. Dogmatisch wäre die Behauptung nur, wenn sie ohne jede Begründung daher käme und sich gegen begründete Einwände verschlösse.

      Ein Beispiel für eine dogmatische Behauptung hat Hermeneuticus möglicherweise weiter oben selbst geliefert - sinngemäß: Es ist unmöglich zu prüfen, ob der Kennzeichnung "sprach- und erfahrungsunabhängige Tatsache" etwas Nicht-Sprachliches korrespondiert. Einen Grund dafür gibt er nicht.

      Ein Beispiel für eine Tatsache, die in dem Buch diskutiert wird: "Meine linke Hand hat fünf Finger". Tatsachen sind (wie Gabriel geltend macht) Gegenstände involvierende Wahrheiten. Die Wahrheit der Meinung "Meine linke Hand hat fünf Finger" ist weder identisch mit meiner linken Hand, noch mit den fünf Fingern. Wie überprüfe ich diese Tatsache? Mir bleibt nicht viel mehr übrig, als sie wahrzunehmend zu erkennen. Ich sehe, dass es sich so verhält. (Ich halte fest: Wir sehen dass ...) Das gibt mir einen guten Grund zu glauben, dass sich die Dinge tatsächlich so verhalten. Die logische Möglichkeit des Irrtums bleibt natürlich bestehen. Das macht diese Meinung aber nicht zu einer dogmatischen Setzung, sondern für den Fall, dass die Tatsache nicht besteht, allenfalls zu einen Irrtum. Meines Erachtens macht unsere phänomenale Situation es überaus plausibel, dass die Welt nicht nur aus (quasi unzusammenhängenden) Dingen, sondern auch aus Dingen involvierenden Wahrheiten (also Tatsachen) besteht.

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • Hermeneuticus schrieb:

      Jörn schrieb:

      Hermeneuticus schrieb:

      Dann lies noch mal diesen Absatz:

      Hab ich gemacht. Dort findet sich kein Argument gegen Tatsachenontologien, sie werden nicht mal erwähnt.

      Das Argument lautet in etwas ausführlicherer Form: Eine Tatsachenontologie unterliegt Wahrheitsbedingungen. Sie ist wahr, wenn (allen) wahren Aussagen sprach- und erfahrungsunabhängige Tatsachen-an-sich korrespondieren. Da es aber unmöglich ist zu prüfen, ob der Kennzeichnung "sprach- und erfahrungsunabhängige Tatsache" (bzw. "Tatsache-an-sich") etwas Nicht-Sprachliches korrespondiert, bleibt dieser Ausdruck ein bloß Gedachtes, ein abstrakter Begriff. Die Tatsachenontologie meint über Nicht-Sprachliches zu sprechen - quasi in einer Objektsprache -, dabei hantiert sie in Wirklichkeit bloß (metasprachlich) mit Begriffen. Zugespitzt könnte man auch sagen, sie sei, als reine Begriffskonstruktion, unfreiwillig ein besonders schwerer Fall von Konstruktivismus, also dessen, was mit ihr überwunden werden soll.


      Meines Erachtens ist es eine Tatsache, dass du diese Ansicht vertreten, bzw. diesen Beitrag verfasst hast. Deiner Ansicht nach bestehen Tatsachen jedoch nicht, wenn ich recht sehe. Wie verhält es sich mit diesem Beitrag und deiner Ansicht? Hast du das geschrieben und die fragliche Ansicht vertreten? Wenn es sich bei der (vermeintlichen) Tatsache, dass du das geschrieben hast, bloß um eine Konstruktion handelt, was sollte verhindern, dass jemand die Welt anders "spezifiziert" und zwar so, dass er zu der Ansicht kommt, dass du das nicht gesagt hast? Da du zugleich die Ansicht vertrittst, man könne all das nicht mal überprüfen, müssen wir wohl unterstellen, dass man jede beliebige Tatsachenbehauptung zu dem fraglichen Sachverhalt (dessen bestehen, du leugnest) aufstellen kann, so dass sich immer zwei Tatsachenbehauptungen finden lassen, die sich widersprechen.
    • Kants Kopernikanische Wende, die ein de-ontologisierendes Programm etabliert, wonach sich die Gegenstände (bzw. Tatsachen, Fakten usw.) angeblich nach der Erkenntnis derselben richten, sind im Erlanger Konstruktivismus und im Radikalen Konstruktivismus gleichermaßen angekommen. So resümiert Walter Zitterbarth: "Die augenfälligste Übereinstimmung dürfte wohl in der gemeinsamen Ablehnung einer ontologischen Deutung unseres erfahrungswissenschaftlichen Wissens liegen" ("Der Erlanger Konstruktivismus in seiner Beziehung zum Konstruktiven Realismus", in einem Sammelband von 1991, S. 11).

      Zitterbarth sagt also: Beide Konstruktivismen nehmen an, Erkenntnis habe keinen erkenntnisunabhängigen Gegenstand. Und genau das behauptet Richard als Radikaler Konstruktivist: "Welt und Begriff sind untrennbare Relation." Hält man das für "unverständlich bzw. unzutreffend" (wie dies Hermeneuticus tut), kann man kein Konstruktivist sein, und zwar auch kein Erlanger Konstruktivist.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • i

      Hermeneuticus schrieb:

      Ich würde eher so sagen: Solange sich nicht dartun lässt, worauf der Ausdruck "Welt" referiert, ist das eben nur ein so und so definierter Begriff. Und definieren kann man Ausdrücke beliebig.

      Im Gegensatz zu "Engel" bezeichnet Welt aber ja nichts in dem Sinne Konkretes, unter das etwas fallen könnte, sondern bereits die Bedingung der Möglichkeit, dass etwas überhaupt unter einen Begriff fallen könnte. Überhaupt Referenzieren, Definieren oder auch Begreifen zu können ist Welt als allgemeines doch bereits vorausgesetzt. Auf Welt kann man nicht zeigen. Zeigen ist nur möglich, da der allgemeine Kontext, Welt genannt, bereits vorausgesetzt ist. Mit "Engel" ist das was anderes.
      Und da knaatscht es auch beim Konstruktivismus. Das Konstrukt ist der Begriff. Nur muss Welt dem ja notwendig bereits vorausgehen und von daher kann Welt als Konkretes kein Konstrukt in dem Sinne sein.
      Gruß,
      n0\/0n

      deutsch.
      think, tank.