P. Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit

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    • ISELILJA:

      Obwohl ich vermute, dass sich ein Besprechen späterer Stellen kaum vermeiden lässt.


      Ich bin gespannt, wie du die Informationsmenge, die auf dich jetzt zukommt, bewältigen wirst und ob
      du noch deine bisher leitende Ordnungskriterien beibehalten kannst, falls du dir solche im Hinblick
      auf unseren Zivilisationsprozess erarbeitet hast (statt "Ordnungskriterien" kann man auch Weltanschauung
      sagen - ob man sich ihrer bewusst sein kann, ist eine andere Frage ).

      Ich möchte daher deiner Leseerfahrung nicht vorgreifen, wenn ich immer wieder da-zwischen-streue,
      von welche Position aus, mit welcher Vorerfahrung (von Erwartungen ganz zu schweigen...) ich, - als
      schreckliches Kind meiner Zeit - Sloterdijks Beschreibungen sortiere.

      Ich bin mit den "empirischen" Einzelfällen (Lecon d`histoire, 4. Kapitel ) noch gar nicht fertig geworden,
      schon drängte sich mir die Vermutung auf, dass ich mit einer konservativen Version der Geschichts-
      schreibung zu tun haben werde. Im Interesse der weiteren Lektüre schien mir dringend geboten den
      Ausdruck "konservativ" bis auf weiteres - so weit wie mir möglich ist - wertfrei mitzu-führen, -verstehen.

      Was ein "elastischer Konservativismus" ( s. 234. ) zu leisten vermag, kann man gut im 5. Kapitel (ab s. 222. )
      ( Das Über-Es: Vom Stoff, aus dem die Sukzessionen sind ) verfolgen.
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Philodendron schrieb:

      Ich habe mir erlaubt Deiner Antwort in einer anderen Reihenfolge wiederzugeben, so dass sie mit meinen Selbstwahl-Modellen verglichen werden kann. Unten hierzu einige weiterführende Zitate und Gedanken.




      Eigentlich laboriere ich immer noch daran, dass ich nicht weiß ob du dein Selbstwahl-Modell als Alternativ-Konzept
      einbringen wolltest (so deute ich deinen Beitrag von Donnerstag, 18: 16 ) oder vorhattest es einer Vereinbarkeits-Prüfung
      zu unterziehen - für die zweite Version spricht, dass du jetzt Gedanken von den 27/28 Seiten der Vorbemerkung zitierst.
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Anfangs waren es nur einzelne Tropfen, die fielen, um als Inquisiten ihres Vergessenwerdens zu harren, zu vertrocknen auf dem noch viel zu heißen Boden. Doch die Wolken zogen sich zu und es wollte nicht aufhören zu regnen. Tage, Wochen, Jahrhunderte... Ob die Marquise de Pompadour bis zu den Knöcheln oder doch bereits bis zu den Knien im Wasser stand, ist schwer zu sagen. Eine der tragischen Figuren der Geschichte ist die im postrevolutionären Bewußtsein zur "Canaille" avancierten Madame allemal. Tragisch auch ihr Schicksal, welches sie mit den ersten Tropfen teilen durfte. Doch ihre Henker waren bereits die Kinder jener anfänglich vorwiegend Europa überschwemmenden Regenfälle. Ob sie es in einem improvisatorischen Anfall ahnte, ist nicht weniger schwer zu beurteilen. Genauso, zu urteilen, ob jene Sintflut, inzwischen ergänzt durch nicht weniger interessante Inforamtions- und Sinnfluten, noch andauert. Der theologischen Trostspende, auch Hoffnung genannt, dass es auch danach - irgendwie - weitergeht, kann der Philosoph lediglich die Frage hinzufügen, ob das denn wirklich alles so schrecklich sei.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Hallo byLaszlo

      erst jetzt wird mir bewußt, wie schnell sich Dein off-topic-Hinweis vereinzelt bewahrheiten sollte.

      Zuletzt bin ich über eine Stelle im 2. Kapitel "Dasein im Hiatus oder: Das moderne Fragen-Dreieck" gestolpert. Auf S. 63 findet sich eine Erläuterung mit Bezugnahme auf Ballanche. Sloterdijks "off-topic" scheint mir schon deshalb angebracht, weil ich den Namen Ballanche nie zuvor gehört hatte. Das geistesgegenwärtige und schreckliche Kind Hegel mir aber schon in den Anfängen jeglicher europäischer Philosophie als wahrheitsaffine Variante vorgestellt wird, mit all ihren ebenso geistesgegenwärtigen Filiationen.

      Ich bin fast geneigt, dieses sich gegenseitige Verschlingen (Dialektik) der einzelnen Epochen, bereits prärevolutionär (mit Bezug auf Kapitel 1, falls Dir noch an einer Diskussion gelegen ist) festmachen zu können. Das sage ich nur für den Fall, dass sich in meiner weiteren Lektüre herausstellen sollte, dass Sloterdijk tatsächlich die Aufklärungsepoche als Manifestation jenes Hiatus' verstanden wissen will.

      lieben Gruß
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      Ich bin fast geneigt, dieses sich gegenseitige Verschlingen (Dialektik) der einzelnen Epochen, bereits prärevolutionär (mit Bezug auf Kapitel 1, falls Dir noch an einer Diskussion gelegen ist) festmachen zu können. Das sage ich nur für den Fall, dass sich in meiner weiteren Lektüre herausstellen sollte, dass Sloterdijk tatsächlich die Aufklärungsepoche als Manifestation jenes Hiatus' verstanden wissen will.



      Genau so wird es sich herausstellen und genau für diesen Fall wollte ich dich davor warnen, die Lektüre
      wegen der Diagnose eines ´verstockten Konservativismus´ abzubrechen. Auch dieser schneidet In Sloterdijks
      geschichtlichen Rekonstruktion als unheilbar mitkorrumpiert ab. Unter diesen Umständen frage ich mich,
      wen dieser Groß-Essay überhaupt erreichen sollte: klar muss sich die neoliberale Leserschaft verstanden
      fühlen und es ist auch klar, dass die niedergewalzte und schon fast vergessene Bastarde (Linke) angesprochen
      und herausgefordert wähnen: hier wird ihre Geschichte neu erzählt ! Und doch sind genau die deutsche Leser
      angesprochen: so wie schon G. Büchner seine eigene Version zu der französischen Revolution hatte
      (Dantons Tod) heißt die Alternative zur "Philosophie der Praxis" seit Marx : Pragmatismus oder Handlungstheorie.

      Zumindest so interpretiere ich (vorläufig) den Kampf der Stürzenden, den Sloterdijk auf s. 72/73 für die
      praktische Philosophie des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts hält. Nietzsche erhält hier
      gerade mal 2 Seiten, wenig, um die Vorwärtsstürzenden auszubalancieren aber genug, um die
      Absichten de Maistre´s wieder zu entgöttlichen. ( Heute hat man das Gefühl als stürzte das Neoliberale
      aus Achtung und Andacht vor der eingegangenen Konkurrenz nach vorn, ohne von dieser dynamischen Erbschaft
      überzeugt zu sein. Oder wie das Motto am Anfang von "Du musst dein Leben ändern" dazu ermutigt:

      "...Übung, Übung, Übung!
      Der dazu gehörige >> Glaube << wird sich schon einstellen, - ...

      Friedrich Nietzsche,
      Morgenröthe " )

      :rolleyes:
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von byLaszlo ()

    • Jetzt endlich bin ich beim Lesen auf den Begriff gestoßen, den ich irgendwie die ganze Zeit vermutet hatte. Nur dass ich keine Ahnung hatte, wie präzise Sloterijk dabei nicht nur in Nietzsches und Heideggers Spuren ambivalenter Begriffsspielereien bleibt - er zeigt sich sogar von einer philosophischen Brisanz, mit der man bisherige Gegenwartsphilosophie getrost sein lassen und sich dem Realen unserer Epoche widmen kann.

      Auf 82 Seiten findet sich die Herleitung zur "entsicherten Zukunft". Wer Sloterdijk bis hierhin verstanden hat, kann das Buch eigentlich zuschlagen, sofern er nicht an einer noch detailierteren Deskription des ohnehin hier und da vermuteten jedoch nie derart sauber thematisierten Menschheitsweges interessiert ist. Es wird einige Jahrzehnte dauern, bis dieses Buch in den akademischen Bewußtheitsgrad aufgestiegen ist, den es sicher verdient. Einige Generationen aber wird es dauern, bis es dort angekommen ist, wo es eigentlich hin muss.

      Ich werde es dennoch zu Ende lesen.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.