P. Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit

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    • P. Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit




      Ich zitiere im Nachfolgenden eine Seite einer Leseprobe um mein Vorhaben zu illustrieren.

      Die verlinkte Leseprobe betrachte ich als "ein selbständiges Sprachwerk" i.S.d. § 51 Nr.2.des UrhG.



      Vorbemerkung




      Von Erbe, Sünde und Moderne


      Der Mensch ist das Tier, dem man die Lage erklären muß.
      Hebt es den Kopf und blickt es über den Rand des Offensichtlichen,
      wird es von Unbehagen am Offenen bedrängt. Unbehagen ist die
      angemessene Antwort auf den Überschuß des Unerklärlichen vor
      dem Erschlossenen.

      Früh manifestiert sich solches Unbehagen in Erkundigungen nach
      Anfang, Ziel und Bedeutung der menschlichen Situation. Griechische
      Philosophen haben es als >>Staunen<< (thaumazein) mystifiziert,
      seit sie vorgaben, diese Empfindung sei intellektuell stets anregend
      und existentiell erhaben. Die Romantiker sind den Philosophen gefolgt.
      Sie erhoben das Phänomen in den Geheimniszustand. Sie wollten die
      Quelle der Poesie in ihm erkennen, als sei das Staunen die Reaktion der
      Alltäglichkeit auf das Mysterium. Erst Descartes hat das Staunen entzaubert,
      als er das estonnement als die erste und unangenehmste unter den
      >>Leidenschaften der Seele<< anführte. Sie könne immer nur von
      Übel sein.

      Dem alltäglichen Empfinden war der mißliche Charakter des Zustands
      ohnedies nicht auszureden. Du kennst die Anfänge nicht. die Enden sind
      dunkel, irgendwo dazwischen hat man dich ausgesetzt. In der Welt sein
      heißt im unklaren sein. Am besten ist es, man hält sich an den Schein
      des Sich-Auskennens in der näheren Umgebung, die man seit einer Weile
      die >>Lebenswelt<< nennt. Verzichtest du auf weitere Fragen, bist du
      vorläufig in Sicherheit.


      zit. nach: der oben verlinkten Leseprobe s. 9/10
      Ich benutze das Buch : Peter Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, Suhrkamp 2014, 2. Auflage,
      Einfache Worte, klare Sätze, wenn man sie mal langsam liest.

      Es ist spannend, wenn Sloterdijk zum Auftakt mit guru-haften Schablonen

      spielt. "Du musst dein Leben ändern". Kommt her Leute, versammelt euch,
      schaut her (bleiben`S ruhig sitzen !) ich erkläre euch die Welt, die Denker
      der Gegenwart sind gelähmt ("Scheintot im Denken"), ich sage euch, wo es
      lang geht ! Ich erkläre Euch euch.

      Fühlst Du dich angesprochen ?


      Ich lese ihn trotzdem gerne. Welcher Guru käme schon auf die Idee, Descartes

      oder meinetwegen die Romatiker mit nachvollziehbaren, stimmigen Kürzel
      versehen zu wollen ? Und das mit fein-ironischer Selbstanklage ? Ich fühle
      mich bei ihm deshalb relativ gut aufgehoben, oft angenehm überrascht, seine
      Wortspiele bereiten mitunter Vergnügen, wenn ich mich in Fragen der menschlichen
      Kultur von ihm leiten lasse.


      Nun, ich habe das Buch noch nicht gelesen, bloss die ersten Seiten etwas genauer
      angesehen und die darauf folgenden ca. hundert zur Orientierung durchflogen.
      Darum kann ich hier nur den thesenartigen Verdacht anpeilen: der Satz Der Mensch
      ist das Tier, dem man die Lage erklären muß. ist keine Definition und auch
      keine Behauptung, die auf den nachfolgenden 490 Seiten begründet wird.
      So weit ich sehen kann, geht es ihm um das Phänomen ERKLÄREN, genauer,
      um die Attitüde des Erklärens insbes. wie sie von uns, den "schrecklichen Kindern
      der Neuzeit" praktiziert wird.



      Verzichtest du auf weitere Fragen, bist du vorläufig in Sicherheit.


      Ich habe das Zitieren an dieser Stelle unterbrochen, aber mit Sicherheit nicht aus dem Grund
      um Dich von jedweder Beteiligung an diesem Thread abzuraten....
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von byLaszlo ()

    • scilla schrieb:

      der Mensch ist aber auch begriffsstutzig

      fasse es als unabdingbarer Teil der kollektiven Arbeitsteilung auf !
      Was Neuerer, Kreative entwerfen, wird in ameisenhaften Gleichmässigkeit
      aufgenommen, wiederholt und so etabliert. Wir brauchen die "handwerkliche"
      (Selbst)Sicherheit des Begriffsstutzigen! Findest du nicht ?




      scilla schrieb:

      dem modernen Menschen droht einerseits der Instinkt für den Umgang mit unmittelbaren Situationen verloren zu gehen



      Der Mensch verstand es in diesem fortwährenden Kulturprozess
      Gewinne
      vor dem Hintergrund überwundener Fertigkeiten, Bereitschaften zu verbuchen.


      scilla schrieb:

      andererseits begreift sein Bewusstsein die Wörter, die es zu Erklärung braucht, immer weniger (das liegt am Vorbewusstein)
      das verstehe ich nicht ganz: du scheinst den Gedanken von dem (in unserem Zusammenhang) neu
      eingeführten Begriff "Vorbewusstsein" her gefasst zu haben. Mich irritieren nicht nur die vielen
      Ausdrücke, die das Davor, Darüber, Dahinter des Bewusstseins meinen, vielmehr die Selbstverständlichkeit
      (die gerade begriffsbedingt etwas betriebsblind zu sein scheint) mit der wir hier auf klare Grenzen pochen.


      Ist dir das wesentlich - in unserem Zusammenhang- darüber zu sprechen ?


      "Nicht das Wort war am Anfang, sondern das Unbehagen, das nach Worten sucht" (Leseprobe, s. 10).
      Meinst du das ?


      .
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • mir haben die Zeilen von Sloterijk imponiert

      ich wollte etwas dazu sagen
      dabei fiel mir spontan das Wort 'begriffsstutzig' ein

      eigentlich ein gutes Wort, weil es die Schwierigkeit beschreibt, ein Wort für etwas zu finden
      und dieses Wort dann als Begriff in die Sprache einzuführen

      von seiner umgangsssprachlichen Bedeutung her ist das Wort aber schlecht konnotiert
      im DUDEN steht 'dämlich, doof, einfältig, stupide, unbeweglich'
      duden.de/rechtschreibung/begriffsstutzig

      wenn dem Menschen etwas erklärt werden muss, bevor er dieses verstehen kann,
      dann braucht der Mensch eine Sprache für die Erklärung
      dann braucht der Sprachschöpfer eine Metasprache, die 'Davor, Darüber, Dahinter' liegt

      diese Metasprache ist keine fomal logische Fremdsprache,
      sondern diese Metasprache ist die Struktur der Umstände, die zur Erfindung des jeweiligen Wortes geführt haben

      wenn diese Umstände nicht mehr bekannt sind,
      weil sich die Sprache zu sehr, zu oft geändert hat,
      • ist Sprachkunst nicht mehr möglich
      • verlieren die heiligen Texte ihre Aussage
      • können Propagandisten die Willkür der Verbrecher schönreden
        (dann gibt es kein Recht mehr)


      das Kennzeichen eines Sophisten ist,
      daß er die Begriffe (bezogen auf die Sprache)
      ziel- und planos einsetzt,
      um seinen eigenen Zielen und Plänen (die nichts mit Sprache zu tun haben)
      genüge zu tun.

      ich habe in meinem autodidaktischen Studium der Philosophie gelernt,
      daß es im 20. Jahrhundert alle zehn Jahre eine neue Generation von Doktoranden gegeben hat
      die so großspurig, elitär und arrogant ihre Texte verfasst haben,
      so daß sich jeder früher Geschulte ganz verloren und ungebildet vorkommen musste

      keine dieser Generationen hat aber die philosophische Sprache weitergebracht

      tatsächlich geholfen haben
      die Mathematiker (Mengenlehre, Unvollständigkeit)
      die Psychologen (Menschenmassen)
      die Physiker (Relativität)
      die Soziologen I (Statistik)
      die Soziologen II (dialektischer Materialismus)
      die Psychiater (Tiefenschau)
      die Biologen (Verhaltensforschung, Ökosysteme)
      die Chaosforscher (Systemverhalten)
      die Sprachforscher (Sprachstruktur)
      die Hirnforscher betrachte ich nicht als hilfreich

      wenn also heute ein Mensch öffentlich philosophiert,
      dann erwarte ich von diesem Menschen,
      daß er mir sagt, woher sein Sprachbewusstsein stammt

      Philosophen, die das nicht tun, sind in meinen Augen die schrecklichen Sophisten der Neuzeit

      wenn ich mir die Inhaltsangabe bei Sloterdijk anschaue,
      dann thematisiert dieser den Verlust der Kontinuität in der Philosophie,
      weniger die Gründe für den Niedergang der Philosophie im 20. Jahrhundert
    • Tags, zum Beispiel: Mentalitätsgeschichte...

      Tags:
      Kulturanthropologie, Geschichte, Gegenwartsdiagnose
      Als ich den Thread erstellt habe, war gleich in der 2. Zeile -Namens "Tags"- verlangt,
      dass ich Stichworte für das Thema angebe.
      Da diese Zeile nicht mehr im ThreadBild auftaucht, liefere sie, wie oben zu sehen, nach.


      Ich habe überlegt, ob die Aufzählung mit so etwas wie "Mentalitätsgeschichte" erweitert werden
      sollte, aber ich war nicht sicher, ob ich das später dann auch belegen kann. Ja, ich kann es, z.B.:


      "In Napoleons Denken vollzieht sich 1804 der wichtigste Schluß in der Phänomenologie des nach-revolutionären Geistes: Sollten Usurpation und Institution jemals eins werden, so nur in einem imperialen Staat, dessen Stabilität sich aus dem immerwährenden geglückten Angriff ergibt. Allein der ständig erneuerte Erfolg, das perpetuierte Kriegsglück an erster Stelle wird das Herkommen (Napoleons---ergänzt von mir) aus nichts aufheben und den Bestand des Reichs sichern. Das Neue selbst verlangt aus Gründen der Statik die permanente Expansion. Was man heute den Zwang zum Wachstum nennt, ist in Napoleons System der Zwang zur Selbstbehauptung durch Offensive - hierin fügt sich sein Handeln in die Tradition französischer Außenpolitik seit Ludwig der XIV. ein die bereits ganz auf Angriff und Gebietserweiterung, gegründet war." (P.Sloterdijk: Die schrecklichen... s.118 )


      .
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • die Mentalitätgeschichte siehst Du auch in der Architektur

      schau Dir die Häuser in den deutschen Städten bis zu den 1920ern an
      da wurde versucht, die Häuser nach außen hin schön zu machen

      danach wurde es kitschig
      deshalb setzt sich auch das Bauhaus durch
      es folgt eine Übergangsphase
      die Nachkriegsgebäude sind äußerlich meist noch ganz OK,
      ab den 60ern regiert dann die blanke Häßlichkeit (autogerechte Stadt)
      die Häuser sind aber von innen super praktisch



      ich bin am Sonntag an diesen inzwischen fertigen Häusern vorbei marschiert

      allein der kleine Bauplatz (maximal 2 Ar) hat 100000 Euro gekostet
      (für das Geld bekommt man im ländlichen Raum freistehende Einzelhäuser samt großem Garten)
    • "genau", "klar und deutlich" - was ist das ?

      .



      Du hast mir geholfen, meine Gedanken zu deinem Beitrag 4. besser in Fassung bringen zu können:

      scilla schrieb:

      die Mentalitätgeschichte siehst Du auch in der Architektur

      schau Dir die Häuser in den deutschen Städten bis zu den 1920ern an
      da wurde versucht, die Häuser nach außen hin schön zu machen


      Genau, das meine ich, d.h. die Idee, die deine Bemerkung motiviert. ( seit Jahren führe ich mit
      meinem Sohn heftige Diskussionen über Architektur ohne, dass wir Spezialisten wären. Es
      muss doch möglich sein seinen Gedanken zu vertrauen, erst recht, wenn sie schon längst über
      Geschmacksfragen hinaus getrieben worden sind. Muss man denn erst Sloterdijks
      Erlaubnis einholen ? "Wovon man nicht schweigen konnte, musste man erzählen." Lese-
      probe s. 10. )


      scilla schrieb:

      begriffsstutzig

      Welch angemessenes Vokabular haben wir für die Denkgebäude/Figuren/Ornamente/gestalten der Philosophie zur Verfügung ?
      Und für die Selbstreflexion des entsprechend motivierten Beobachters ?
      "Unbehagen", "fortwährender Sturz nach vorn" z.B. - es bedarf einige hundert Seiten um sie zu erläutern.


      .
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von byLaszlo ()

    • Spontanbeitrag (gerade eben duch Zufall bei youtube)
      passend zu meinen sprachbezogenen Äußerungen,
      passt auch in die Mythos-Ecke (anderer thread)
      passt vielleicht auch hierher

      youtube.com/watch?v=5k4dRo48BaI

      STEREOLAB (= wichtige Band aus den 90ern)

      Everything becomes so defined
      That in the end there's no definition
      They do not mean a thing
      They don't tell a story

      We communicate more and more
      In more defined ways than ever before
      But no one has got anything to say
      It's all very poor it's all just a bore

      Someone has to make the difference
      Between the seeming and the meaning
      (We communicate more and more)
      (It's all very poor it's all just a bore)

      The seeming overruns the meaning

      ........................................

      alles wurde so wohlgeordnet,
      daß zum Schluß keine Definition übrigblieb
      die Definitionen haben keinen Gesprächsgegenstand mehr
      die Definitionen erzählen keinen Mythos mehr

      wir kommunizieren zwar immer intensiver
      und haben dafür sogar mehr Möglichkeiten zur Verfügung
      aber niemand hat mehr was zu sagen
      das Gesagte ist sehr armselig und langweilig

      irgendjemand muss den Unterschied
      zwischen Scheinen und Meinen neu erklären
      (We communicate more and more)
      (It's all very poor it's all just a bore)

      sonst überrennt der Sophismus die Philosophie
    • Klappentexte



      Über die Funktion von Klappentexten sagt Wikipedia u.a.:...eine kurze, werbende Zusammenfassung des Buchinhalts...


      Was ist nun von diesem Klappentext zu halten :


      Hat aber die aktuelle Gesellschaftwissenschaft je das Défilé bemerkt, in dem die >>die schrecklichen Kinder der Neuzeit<< von spätmitteralterlichen Tagen an den kommenden Jahrhunderten entgegenzogen ? Hat einer der Autoren, die sich in den letzten Jahrzehnten zu meistens methodisch verdrehten Phänomenen wie Globalisierung, Mundialisierung, Modernisierung, Hybridisierung, Dekolonialisierung, Kreolisierung äusserten, darauf geachtet, dass der bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts tonangebende Kontinent der Moderne, das westliche Europa der nachkolumbianischen Jahrhunderte, den Globus nicht nur in Aufruhr versetzte mit seinen paradigmatischen Exportgütern ? Hat man darüber hinaus die Tatsache berücksichtigt, wonach Europa - in der Folge überflügelt von seiner amerikanischen Filial-Kultur - an so gut wie alle anderen ethnischen Ensembles bzw. >>Kulturen<< seine paradoxeste und am wenigsten analysierte Erbschaft weitergab - die irrlichternde Botschaft von der Überflüssigkeit eines Erbes ? Hat man in Rechnung gestellt, wie Europa, gemeinsam mit seinem amerikanischen Partner, im Namen der jungen, wandelbaren und angriffslustigen Göttin >> Freiheit<< sein riskantes Experiment in die fernsten Regionen hinaustrug: seine Wette, Herkunftsunsicherheit - nenne sie Enterbung, Bastardentum, oder Hybrid-Identität - sei bei der Suche nach Zukunftskompetenz nicht länger ein Makel, vielmehr eine unentbehrliche Qualifikation ? ( Klappentext zu: "Die schrecklichen...")


      und jetzt füge ich meine Frage als Klappentext zum Klappentext hinzu:

      Auf welcher Weise hat (muss, soll, darf, kann) die Kritik der Kritik kritisch zu sein ?





      Deutsch ist nicht meine Muttersprache, so hatte ich an dem Wort "schrecklich" entsetzlich viel zu knobeln: schrecklich = erschreckbar, z.B.
      nach Wiktionary, sinnverwandte Wörter: beängstigend, furchtbar, grässlich, grausam; Duden: u.a. mächtig, schlimm, unglaublich, verdammt: und wenn man sich
      jetzt traut die Spur über paar Jahrhunderte bis zur Teufels Heimat zurück zu verfolgen: " die BÖSEN Kinder ". Oder modern: durch ein Trauma angetrieben...


      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Sloterdijk und Sloterdijk und Sloterdijk......

      Lieber Laszlo, ich mußte eine längere Auszeit nehmen und freue mich , Dich nun wieder im Forum zu finden. Deine Debatte mit Scilla imponiert mir. Mich beschäftigt zur Zeit die Selbstreflexion, die ja zur Hochaltrigkeit gehört, bei manchen jedenfalls. so bei mir.

      Ich will (und kann) nichts Konkretes beitragen zu Eurem Austausch. Mir fiel beim Lesen nur ein, ob viele Probleme, die wir beim Denken mit uns selbst und mit anderen bekommen, nicht leichter lösbar wären durch Annahme eines mehrdimensionalen ICH : Ein ICH aus meinen verinnerlichten (=verkörperlichten, zerebralisierten) Ich-Systemen meint, ein Etwas s o zu sehen und begründet und verteidigt es ebenso. Ein anderes aus dem Ich-Bündel (entweder eng benachbart oder sehr fern davon liegend) meint, es ganz anders sehen zu können , kann es anders sehen, anders fühlen, sodaß ich es auch anders behaupten kann - deswegen, nicht aus bloßer Streitlust.

      "Man kann es aber auch s o sehen" ist die übliche Floskel dafür. Und leider dann oft nur dahingesagt. Häufiger ist allerdings ein Streit zwischen meinem "SO" und einem entgegengesetzten. Das macht unser geistiges Leben interessant, und wir möchten wohl deshalb auch nicht darauf verzichten ?

      K ö n n t e ich meinen. Beste Grüße !
      cornak
    • hallo lieber Cornak,

      ich bin sehr froh von dir zu hören, grüße dich ! (Szerbusz ! ---auf Ungarisch).

      Ja, stimmt was Du sagst, ich formuliere es so: am Anfang war das Miteinander. Dass jetzt bei einem Autor allein sitze,
      muß dem nicht widersprechen. Es werden sich bestimmt noch Menschen einfinden in deren mehrdimensionalen Ich
      das Geschäft der Kritik nicht unumstritten an ersten Stelle rangiert. Klar und deutlich präsentierte Verteidigungsanlagen
      würden einiges mehr an Streitlust herausfordern, zugegeben. Schau dir doch den zitierten Klappentext an ( Beitrag 9. ).
      Man verheddert sich schon bei den Vorposten, weit ab von den Schützengräben...( ok, das sind jetzt schwarz/weiß
      Bilder mit wilhelminischem Stich )


      Cornak schrieb:

      "Man kann es aber auch s o sehen" ist die übliche Floskel dafür. Und leider dann oft nur dahingesagt. Häufiger ist allerdings ein Streit zwischen meinem "SO" und einem entgegengesetzten. Das macht unser geistiges Leben interessant, und wir möchten wohl deshalb auch nicht darauf verzichten ?
      Es liegt auch an den Spezialisierungen, die sich viele User - vielleicht sogar an der Universität - zugelegt haben und auf die sie
      aus allen Gründen die ich kenne, sehr wohl stolz sein können und sowieso: dürfen. Von dort aus muss Sloterdijk "irgendwie"
      zu allgemein wirken, mit übergreifenden Fragen beschäftigt, unsicheres Gelände...am besten hält man sich an festen Urteilen
      aufrecht - im Unbehagen.
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Unerklärliches

      Hi byLaszlo,

      Sloti schrieb:

      Der Mensch ist das Tier, dem man die Lage erklären muß.
      Hebt es den Kopf und blickt es über den Rand des Offensichtlichen,
      wird es von Unbehagen am Offenen bedrängt. Unbehagen ist die
      angemessene Antwort auf den Überschuß des Unerklärlichen vor
      dem Erschlossenen.


      Dem Motiv für das Tellerrandbewusstseins des religiösen Individuums mag man folgen, das wissenschaftliche Individuum schaut gern darüber hinaus.
      Einfach weil es Spaß macht, und Fußball u.a. Schwachsinn doch auf Dauer extrem nervt....

      Erklären aber kan man dem religiösen Individuum vlt. Einiges, aber nützten tut das alles überhaupt nichts, wie ich neulich in einem Disput mit einem Freund bemerkte.
      Die Welt entwickelt sich weiter, das was Du dem Individuum X mal erklärt hast, logischerweise nicht, was Du ihm einmal erklärt hattest ist also nicht mehr wahr.

      Weil es selbst nicht weiterdenken will!

      Es verwirft lieber die vierdimensionale Wahrheit und kehrt in seinen Opportunismus zurück.

      Auch der folgende Satz bringt m.E. nach nichts, leider:

      Man soll Denken lehren, nicht gedachtes.“ (Cornelius Gurlitt)

      Denn beim religiösen Individuum denkt ja der Verstand nur als Sklave des 'Es'. ( wie von Hume gefordert )
      Der außerinstrumentelle Nichtdenker eben. Um den Rest soll sich Gott oder sonstwer kümmern....


      mvg Philzer
      Der freie Wille, als Ausdruck der Mythologisierung von Prozessen in vierdimensionalen Erkenntisapparaten, ist der Zuckerguss auf der Alleinstellungsideologie des Pantheismus. Er ist notwendig zur religiösen Selbstüberhöhung des Individuums, das in Wahrheit nichts ist, ohne die Gesellschaft. - Philzer

      Es gibt keine richtige Philosophie in der falschen.

      Dem frei fabulierenden Verstand sind keine Grenzen gesetzt. Wohl aber Motive. - Philzer
    • Die schrecklichen Kinder der Neuzeit



      Papa ! - fragte mich gestern meine Tochter - ist das ironisch gemeint ?


      Kopfkratz.


      Weißt du, hier ist eine Mentalität, besser gesagt eine Gesinnung beschrieben, die ... warte mal, ich lese dir
      dir einen Satz auf der 31. Seite schön langsam (wie immer) vor:


      "Wäre die Menschheit unserer Tage in den >>höher entwickelten Ländern<< - lassen wir den Ausdruck für einen
      Augenblick unkommentiert - imstande, sich auf einen einzigen Satz zu einigen, die ihre Gesinnung ausspricht,
      sie würde vermutlich das Bonmot: après nous le déluge wiederholen, das der Marquise de Pompadour
      zugeschrieben wird."


      Ach soo, da sind ja alle Menschen gemeint, ich dachte noch, es geht um Kinder...


      .
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Philzer schrieb:


      Hi byLaszlo,




      Zitat von »Sloti«


      Der Mensch ist das Tier, dem man die Lage erklären muß.
      Hebt es den Kopf und blickt es über den Rand des Offensichtlichen,
      wird es von Unbehagen am Offenen bedrängt. Unbehagen ist die
      angemessene Antwort auf den Überschuß des Unerklärlichen vor
      dem Erschlossenen.


      Dem Motiv für das Tellerrandbewusstseins des religiösen Individuums mag man folgen, das wissenschaftliche Individuum schaut gern darüber hinaus.
      Deine Unterscheidung zwischen religiösem Individuum und wissenschaftlichem Individuum scheint dir offensichtlich zu sein,
      sie ist dir -so nehme ich an- durch deine Philosophie erschlossen. Die These im Zitat präsentiert uns aber den Blick, der
      zwischen Offensichtlichem und Offenem (Erschlossenem und Unerklärlichem) situiert ist. Sie hebt gerade an die innere Verfasstheit
      eines so positionierten Blickes zu erwägen. ( Sie ist zwar allgemein gehalten, in ihrem Impetus erinnert sie doch an eine
      - in der Philosophie eher unbeliebten - ad personam Beschreibung. Kein Wunder, dass dir unbehaglich wird und so Halt bei
      deiner Philosophie suchst.)


      Philzer schrieb:

      Zitat von »Sloti«



      über diese Abkürzung beim nächsten Mal...

      .
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • .
      Fortsetzung der Leseprobe aus Beitrag 1.:




      "Nicht das Wort war am Anfang, sondern das Unbehagen, das nach Worten sucht. Dem Mythos fiel die
      Aufgabe zu, Wege aus der ersten Unklarheit anzuzeigen. Wovon man nicht schweigen konnte, davon
      mußte man erzählen. Erzählen heißt, so zu tun, als wäre man am Anfang dabei gewesen. Erzähler
      spiegeln gerne vor, sie könnten mit dichten Gefäßen an langen Seilen aus dem Brunnen der Vergangenheit
      schöpfen. Öfters wurde die Behauptung, höhere Erzählmacht zu besitzen, von der Suggestion begleitet,
      man habe aus gewöhnlich gut unterrichteten Jenseitskreisen bevorzugte Einsichten in die näheren Umstände
      des Endes erhalten.

      Durch den Erfolg des Christentums hat sich in der westlichen Zivilisationssphäre die biblische Auslegung des
      Unbehagens durchgesetzt. Die übermittelt mittels einer kurzen Erzählung eine einleuchtende, obgleich
      düstere Lektion: fühlen wir uns vom Befund unseres Daseins nicht selten befremdet, so aus einem begreiflichen
      Grund. Wir sind vertriebene, fast von Anfang an. Wir alle haben eine Heimat gegen ein Exil getauscht.
      Sind wir hier in der Welt, so weil wir nicht würdig waren, an einem besseren Ort zu bleiben.

      Im Licht des mächtigen Mythos des Westens sind die Post-Adamiten Wesen, an denen eine Bestrafung
      Spuren hinterlassen hat, unverbüßlich, irreversibel, in jedem Generation von neuem. Er handelt von der
      fortbestehenden Vertreibung, die uns aus der paradiesischen Situation in die jetzige Verlegenheit versetzt
      hat. Die Lage des Menschen ist Sündenfolge."

      Peter Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit 2014, 2. Auflage, s. 10.


      Fortsetzung demnächst...
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Der "mächtigste Mythos des Westens"

      .



      Fortsetzung aus dem Beitrag 15.:

      Der Mythos hebt das Unbehagen nicht auf, er macht es erträglich in dem
      er es erläutert. Die Grundregel der Mythodynamik besagt: jede Geschichte
      ist besser als keine Geschichte. Auch ein dunkler Mythos erhellt die Lage,
      in dem er dem Unbehagen eine Fassung gibt. Oft unterdrückt er sogar das
      Aufsteigen des Unbehagens, in dem die Erklärung der Empfindung zuvor
      kommt.

      Jedoch kann aufgrund paradoxer Nebeneffekte bei der Auslegung des Unbehagens
      am In-der-Welt-Sein der Effekt auftreten, dass das schwer Erträgliche in
      gesteigerter Form wiederkehrt: dann nämlich, wenn die unklare Lage infolge
      der Auslegungen des Mythos noch um viel schlimmeres erscheint, als die
      anfängliche Irritation, zu deren Behebung die Erzählung in Gang gesetzt wurde.

      Für eine solche Übersteigerung des Unbehagens durch seine Erklärung bietet
      die Ideengeschichte Alteuropas kein stärkeres Beispiel als die Auslegung der
      biblischen Erzählung von der Vertreibung der menschlichen Ureltern aus dem
      Paradies bei Augustinus Aurelius (354-430). "



      P. Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, Suhrkamp, 2. Auflage 2014. s.10/11
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • byLaszlo schrieb:

      Ich zitiere im Nachfolgenden eine Seite einer Leseprobe um mein Vorhaben zu illustrieren.


      Hallo, verräts Du kurz, was genau dein Vorhaben ist? Ich glaube nämlich, schon allein weil es Sloterdijk ist, könnte es spannend werden. Ich will mitmachen.

      lieben Gruß
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Liest sich genial. Ich habe mich mal bis Seite 21 verführen lassen und muss sagen, dass ich beeindruckt bin. Der Weg aus Platons dunkler Höhle, mit dem der Autor sein Buch leseprobentauglich präsentiert, hinterlässt allerdings einen süßlichen Geschmack der Diskreditierung, und man wird für einen kurzen Moment in die Aktualität zurückgeworfen, wo man sich doch gerade in den düsteren Stil (der für Sloterdijk etwas ungewöhnlich erscheint) verliebt hat.

      lieben Gruß
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      in den düsteren Stil



      Es freut mich sehr, dass dir Sloterdijks Stil ermöglicht dich nicht allzu sehr von solchen "scheinbar obskurantistischen"
      Fragen stören zu lassen,wie "Warum hat Gott die Revolutionen zugelassen ? ". Dank seinem Optimismus können wir mit
      der Transformation der Frage (ins Gegenwärtige ) auch besser leben: " Wie wären Welt und Leben zu gestalten, wenn das Dasein
      nach dem Hiatus nicht immer nur zu weiterer Selbstbloßstellung der Menschheit durch Massaker und zu ihrer Selbsterniedrigung
      im Zirkus chronischer Wunschaufreizung geraten soll ? "
      . ( s. 83 )

      Ich denke auch nicht, dass das Thema ( die schreckliche Kinder ) sein Stil verdüstert. Solange er mit den Gegnern der neoliberalen
      Erneuerung (seit den frühen 80 - ern) zu tun hatte, war er voller affirmativen Energie, was Konservativismus betrifft. Ich habe ihn
      immer gerne gelesen (auch als den einfallsreichen Schriftsteller) - als gut-aufgelegten Bekenntnisse des Zeitgeistes. Die Gegner haben
      sich inzwischen zu ihrem Desaster bekannt* - also war es möglich, dass auch die Alteingesessenen den Imperativ durch den Kopf
      gehen lassen: Du mußt dein Leben ändern.



      * (z.B.: Die Welt als fragwürdig begreifen - ein philosopischer Anspruch. Hrsg.: Heidelinde Beckers und Christine Magdalene Noll, 2006.,
      darin insbes. auf s. 297ff , Robert Kurz: Der ontologische Bruch. Vor dem Beginn einer neuen Weltgeschichte )



      iselilja schrieb:

      byLaszlo schrieb:

      Ich zitiere im Nachfolgenden eine Seite einer Leseprobe um mein Vorhaben zu illustrieren.


      Hallo, verräts Du kurz, was genau dein Vorhaben ist? Ich glaube nämlich, schon allein weil es Sloterdijk ist, könnte es spannend werden. Ich will mitmachen.

      lieben Gruß


      Das Buch ist sehr vielschichtig - zunächst wollte ich es einfach vorstellen ohne viel zu kritisieren...
      (dabei musste ich entdecken, dass schon die Vorbemerkung ziemlich ergiebig ist)
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von byLaszlo ()

    • byLaszlo schrieb:

      Das Buch ist sehr vielschichtig - zunächst wollte ich es einfach vorstellen


      Thematisch und inhaltlich habe ich mich eigentlich noch nicht mit dem Buch (oder besser gesagt mit dessen ersten Seiten) beschäftigt. Ich wollte erst mal den ersten Eindruck auf mich wirken lassen. Ich nehme an, du hast das Buch?

      Jedoch erahne ich bereits, dass im Buch eine Problematik ans Tageslicht gebracht werden soll, die vor allem jene Gesellschaft aufarbeiten muss, die sich von jeher nicht von ihren ach so traditionellen und christlichen Wurzeln lösen konnte. Der Augustinische Ballast ist weiten Teilen Europas zumindest für eine kurze Epoche erspart geblieben, ja man könnte fast sagen, er war in den Köpfen der Glücklichen nicht einmal existent.

      lieben Gruß
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.