Aristoteles: Metaphysik IV - Buch Gamma (Buch IV)

    • Aristoteles: Metaphysik IV - Buch Gamma (Buch IV)

      Wir machen dann bitte mit dem Bich Gamma (Buch IV) "Grundlegung" weiter. Das Buch umfasst in der Übersetzung von Adolf Lasson die Seiten 58-84. Ich geben eben den Zeno-Volltext wieder:

      zeno.org/Philosophie/M/Aristot…%C3%BCcke/II.+Grundlegung

      Das Buch besteht aus zwei Teilen:

      Teil 1: Wesen und Aufbau der Grundwissenschaft
      Teil 2: Das oberste Axiom der Grundwissenschaft

      Ich beginne in Kürze mir dem 1. Teil...

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Teil 1: Absatz 1

      [58] Es gibt eine Wissenschaft, die das Seiende als Seiendes und die demselben an und für sich zukommenden Bestimmungen betrachtet. Sie fällt mit keiner der sogenannten Spezialwissenschaften zusammen. Denn keine der letzteren handelt allgemein vom Seienden als solchem; sie sondern vielmehr ein bestimmtes Gebiet aus und betrachten dasjenige, was dem diesem Gebiet angehörenden Gegenstande zukommt. So macht es z.B. die Mathematik. Da wir nun die obersten Prinzipien und Gründe suchen, so sind diese offenbar als Gründe einer an und für sich bestehenden Wesenheit zu denken. Wenn nun diejenigen, die die Elemente dessen was ist erforscht haben, gleichfalls diese Prinzipien gesucht haben, so ergibt sich mit Notwendigkeit, daß auch die Elemente, die sie meinten, Elemente sind des Seienden nicht als dessen was an anderem ist, sondern was schlechthin ist, und daß deshalb auch wir die obersten Gründe des Seienden rein sofern es ist ins Auge zu fassen haben.

      Arostoteles sagt hier, dass es eine Wissenschaft vom Sein des Seienden gibt, die mit keiner andern Wissenschaft zusammenfältt. Sie allein ist die Wissenschaft der letzten Gründe. Damit ist wohl auch die Ausgangsfrage aus Buch Beta (Buch III) geklärt. Interessant ist, dass hier schin vom Sein des Seinenden (das Seiende als Seiendes) die Rede ist, womit gezeigt ist, dass Heidegger weitestgehend Unrecht hat, wenn er von einer "Seinsvergessenheit" der alten Philosophie spricht. Übrigens, wenn es ein Sein des Seinenden gibt, dann gibt es auch ein Werden des Werdenden. Ich persönlich möchte hier einmal den Vorschlag machen, lieber ber Sein und Werden "der Dinge" zu sprechen. Das ist etwas neutraler.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Teil 1: Absatz 2

      Vom Seienden spricht man in mehrfacher Bedeutung, indessen immer unter Beziehung auf einen einheitlichen Gesichtspunkt und eine einheitliche Wesenheit, also nicht bloß so, daß nur das Wort dasselbe wäre, sondern in der Weise, wie man etwa das Wort »gesund« gebraucht. Denn alles was man gesund nennt, hat irgendwie auf die Gesundheit Bezug; es ist solches, was die Gesundheit schützt, oder was sie wiederherstellt, oder auch was ein Kennzeichen der Gesundheit oder was für sie empfänglich ist. Und ebenso verhält sich das Wort »medizinisch« zur ärztlichen Kunst. Medizinisch heißt das eine Mal der, der die ärztliche Kunst besitzt, das andere Mal, wer dafür die Anlage besitzt, oder wiederum was zu den Aufgaben der ärztlichen Kunst gehört. Und in gleicher Weise wie diese werden wir auch andere Ausdrücke zu deuten haben. So spricht man denn auch vom Seienden wohl in mehrfacher Bedeutung, aber jedesmal in Beziehung auf einen und denselben prinzipiellen Gesichtspunkt. Wir nennen das eine Seiendes, weil es Substanz, das andere, weil es Bestimmung an der Substanz, [58] das dritte, weil es auf dem Wege zur Substanz ist: Untergang, Privation, Qualität, Herstellungs- oder Erzeugungsursache der Substanz oder dessen, was nach seiner Beziehung auf die Substanz benannt wird, oder was sich zu einem der Genannten oder zur Substanz als Negation verhält. Sagen wir doch auch vom Nichtseienden, daß es ein Nichtseiendes sei.

      Hier kommen einige neue Gesichtspunkte ins Spiel, etwa der, dass wir mit dem von mir so genannten "Sosein" immer auf ein allgemein Wesenahftes vereweisen, obwohl sich dieses Sosein ja nur an diesem einen Seienden zeigt. Das Sosein meint allso einen allgemeinen Begriff ein allgemein Wesenhaftes. Meines Erachtesn wäre hier allerdings viel näherliegender, festzustellen, dass sich das jeweilige Sosein auf das einzelne, besondere Seiende beziehen kann (dann ist es Akzidenz) oder aber auf die Gattungsbegriffe (dann ist es Essenz). Mich wundert ein bisschen, dass Aristoteles bereits hier mit der sogenannten ontologischen Differenz fertig ist. Sollte Heidegger vielleicht doch Recht behalten mit seinem Vorwurf der "Seinsvergessenheit" der antiken Philosophie?

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Teil 1: Absatz 3

      Wie nun die Wissenschaft von allem was unter die Benennung »gesund« fällt, eine einheitliche Wissenschaft ist, so gilt das Gleiche auch auf anderem Gebiete. Denn als die Aufgabe einer einheitlichen Wissenschaft ist nicht nur das zu betrachten, was nach einem und demselben Begriff benannt wird, sondern auch das, was nach seiner Beziehung auf eine einheitliche Wesenheit zu verstehen ist. Denn auch dieses letztere steht in gewissem Sinne noch unter dem einheitlichen Gesichtspunkt. Augenscheinlich also ist es die Sache einer einheitlichen Wissenschaft, alles was Seiendes als solches ist zu betrachten. Überall aber ist die Wissenschaft im eigentlichen Sinne Wissenschaft von dem obersten Prinzip, wovon das übrige abhängt und wonach es benannt wird. Ist nun dies Oberste die reine Wesenheit, so wird es die Aufgabe des Philosophen sein, die Prinzipien und Ursachen der reinen Wesenheit zu erfassen.

      Ja, das hatten wir ja nur schon zu genüge, dass die Wissenschaft der obersten Prinzipien eine eigene Wissenschaft ist.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Teil 1: Absatz 4

      Von jeglicher Gattung von Gegenständen ist die sinnliche Wahrnehmung eine einheitliche als von einem Objekt und die Wissenschaft ebenso. So betrachtet [z.B.] die eine Sprachwissenschaft die Gesamtheit der Sprachlaute. Und ebendeshalb ist es auch eine einheitliche Wissenschaft, die alle Arten de[r] Seienden als Seiende ebenso wie die Gattung selber, und dann auch weiter die Arten der Arten zu betrachten hat.

      Aristoteles stellt fest, dass so wie die Wahrnehmung eine einheitliche ist als von einem bestimmten, konkreten, individuellen Obekte, so ist auch die Wissenschaft eine einheitliche.

      Gruß Joachim Stiller Münter
    • Teil 1: Absatz 5

      Nun ist aber das Seiende und das Eine eines und dasselbe und macht eine einheitliche Wesenheit aus, sofern beide immer zusammen auftreten wie etwa Prinzip und Grund, aber doch nicht so, als fielen sie beide in einem einheitlichen Begriff zusammen. Freilich macht es auch nicht viel aus, wenn wir sie in letzterer Weise bestimmen; in mancher Beziehung könnte man es sogar als zweckdienlich bezeichnen. Denn ob ich sage: ein Mensch, oder: ein Mensch, welcher ist, oder bloß: Mensch, das ist dasselbe, und wenn man den Ausdruck verdoppelnd sagt: er ist Mensch, oder: er ist ein Mensch, so wird auch dadurch der Sinn nicht verändert. Demnach ist offenbar das Sein von dem Eins weder wenn etwas entsteht noch wenn etwas untergeht zu trennen, und ebensowenig das Eins vom Sein. Augenscheinlich bedeutet der Zusatz »seiend« dabei nur eben dasselbe wie »eins«, und »eins« [59] nichts anderes als »seiend«. Ferner ist die Substanz jedes Gegenstandes ein Eines, und das ist sie nicht bloß nebenbei; und ebenso ist sie auch ein Seiendes, und auch dies wesentlich. So viele Arten von Einheit es gibt, so viele gibt es daher auch vom Seienden, und die Wesensbestimmtheit dieser Arten zu betrachten, ist die Aufgabe derselben Wissenschaft die auch die Gattung betrachtet; dahin gehört Identität, Gleichheit und dergleichen, sowie die Gegensätze davon. So ziemlich sämtliche Gegensätze lassen sich auf dieses Prinzip, den Gegensatz des Einen und des Vielen, zurückführen. Das aber mag in unserer Schrift über die »Auslese der Gegensätze« weiter nachgesehen werden.

      Die Rede von dem Eins oder dem Einen soll wohl an dne Parmenides von Platon anknüpfen, der aber völlig kryptisch, und aus heutiger sich nicht mehrnachvollzeibar verständlich ist. ich möchte daher auch auf eine Kommentierung oder Bewertung des obegen Absatzes versichten.

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Teil 1: Absatz 6

      Von der Philosophie gibt es demnach so viele Teile, als es Arten der reinen Wesenheit gibt, und es muß daher unter diesen eine die oberste und eine die abgeleitete sein. Denn das Seiende und Eine hat es an sich, daß es von vornherein Arten in sich befaßt, und eben aus diesen ergeben sich die einzelnen Zweige der Wissenschaft. Von dem Philosophen gilt in dieser Beziehung dasselbe, was vom Mathematiker gilt. Auch die Mathematik zerfällt in Fächer; auch unter den mathematischen Fächern gibt es eine grundlegende und eine abgeleitete Wissenschaft, und darunter wieder andere in bestimmter Reihenfolge.

      Aristoteles stellt fest, dass es unter der Philosophie viele gibt, und so muss eine oberste Philosophie sein und und alle übrigen die abgeleiteten Philosophien. Aristoteles vergleicht es mit der Matematik, wo es ja auch ein oberstes Fach der Mathematik gäbe und darunter alle übrigen als abgeleitete Fächer. Und so sei es eben immer.

      Gruß Joachim Stiller Münster