Aristoteles: Metaphysik - Buch Omicron (Buch II)

    • Und ebenso ist es bei der bewegenden Ursache ausgeschlossen, daß z.B. ein Mensch durch die Luft, diese durch die Sonne, die Sonne durch den Streit in Bewegung gesetzt würde, ohne ein letztes abschließendes Glied.
      Eben. Genau das ist, was ich meinte. In bezug auf die Reihe der Gründe oder Ursachen kann man das Argument zur Not noch gelten lassen.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Dasselbe gilt nun auch von der Zweckursache. Auch hier kann es nicht ins Unendliche so fortgehen, so daß das Spazierengehen zum Zwecke der Gesundheit, diese zum Zwecke des Glückszustandes, der Glückszustand wieder zu anderem Zwecke diente und so immerfort das eine seinen Zweck in einem anderen fände. Und mit dem begrifflichen Grunde verhält sich's nicht anders.
      Hoppla... Wie kommt Aristoteles den auf mal auf eine Zweckursache. So etwas gibt es doch gar nciht. Entweder, eine Handlung erfüllt einen Zweck, oder die hat eine Ursache... Und diese sind immer nur einfach, aber sie bilden keine Reihe... Damti ist das Arguement tot. Übrigens, einen "bergifflichen Grund" gibt es so auch nicht...Manchmal ist Aristoteles fürchterlich schräg, habe ich den Eindruck...
    • Im Anschluss an Leibniz möchte ich einmal drei Arten von Gründen untersscheiden:

      - Seinsgünde (Gründe, warum etwas ist)
      - Geschehensgürnde (Gründe, warum etwas geschieht)
      - Wahrheitsgründe (Gründe für die Wahrheit eines Urteils, eine Satzes oder einer Aussage)

      Aristoteles scheint das Problem zwar ständig einkreisen zu wollen, aber er schafft es nicht, es auf den Punkt zu bringen.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Wenn man nämlich ein Mittleres hat, das zwischen einem Endgliede und einem Anfangsgliede liegt, so ist notwendig das Anfangsglied der Grund für das, was auf dasselbe folgt. Denn sollten wir sagen, was von den dreien der Grund ist, so würden wir als solchen doch wohl das Anfangsglied bezeichnen, sicher nicht das Endglied, das als letztes nicht Grund der andern sein kann; aber auch nicht das Mittelglied, das Grund nur nach der einen [2] Richtung hin ist. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich bei diesem Aufsteigen von der Folge zum Grunde um ein einziges Mittelglied oder um eine Mehrheit von Mittelgliedern handelt, und ob solche Mehrheit eine unendliche oder eine endliche Anzahl ausmacht.
      Ja, die Kette von Ursache und Wirkung ist hier absolut klar. Eien Wirkung geht immer aus einer Ursache hervor, und es gibt eien Kette von Ursache und Wirkung. Dabei spricht man auch von Kausalkette .

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Ist es eine in diesem Sinne des Immerweitergehens unendliche Anzahl, und überhaupt, handelt es sich um eine unendliche Reihe, so haben alle Glieder derselben in gleicher Weise die Stellung von Mittelgliedern bis zu dem hin, von dem die Betrachtung ausgeht. Gäbe es also kein erstes Glied, so gäbe es überhaupt nichts, was als Grund gelten könnte. Andererseits aber, wenn nun in der Richtung von oben her ein erstes Glied vorhanden ist, so ist es ebensowenig möglich, nach unten hin vom Grunde zur Folge ins Unendliche fortzugehen, so daß etwa das Feuer den Grund des Wassers, dieses den Grund der Erde und so fort immer wieder jedes den Grund für eine andere Gattung bildete.
      Zunächst stellt Aristoteles fest, dass es immer einen Anfang jeder Kauslakette gibt. Dann sagt er aber, dass die Kauslaketten sich nicht bliebig von den Usachen zu dne Wirkungen fortsetzen könnte. Da frage ich mich allerdings, warum das nicht gehen sollte. Ich habe keinerlei Probleme mit dme Gedanken. Aristoteles macht es immer wwieder am Auf und Abstieg in der Stufenfolge der Seinsebenen fest, und das ist nicht nur irrefphrend, sondern wohl auch falsch.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Denn daß etwas in einem anderen seinen Grund hat, das kann zweifache Bedeutung haben – von dem, was man ein bloß zeitliches Nacheinander nennt, wie etwa auf die isthmischen Spiele die olympischen folgen, ist hier nicht die Rede – es kann also ein Geschehen bedeuten, entweder so wie aus dem Kinde, das sich verändert, ein Mann wird, oder so wie aus Wasser Luft entsteht. Wir sagen, aus dem Kinde werde der Mann, indem aus dem Werdenden das Gewordene, aus dem sich Entwickelnden das fertig Entwickelte wird.
      Etwas hat in einem anderen seine Grund oder seine Ursache. Und nun stellt Aristoteles ganz richtig fest, dass nicht ein bloßes Nacheinander von Ereignissen gemeint ist. Denn das ist ja keine Kausalität, sondern ein post hoc, das eben kein propter hoc ist. Alles Andere wäre ein Fehlschluss, denn die Kausalität ist unecht.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Denn immer gibt es ein Dazwischenliegendes, wie zwischen Sein und Nichtsein das Werden, so zwischen dem, was ist und dem was nicht ist, das was wird.
      Es handelt sich hier um ein klassisches Stück Hegelscher Dialektik. Und nun verstehen wir auch, was Aristoteles immer mit einem "Dazwischenliegenden" meint. In diesem Fall liegt das Werden zwischen Sein und Nichtsein. Allerdings glaube ich nicht, dass Aristoteles das Prinzip der dialektischen Denkbewegung bereits erfasst hat. Aristoteles schein doch eher horizontal und flach zu denken, während das Prinzip der dialektischen Denkbewegung an sich ein vertikales ist.

      Aristotles:

      ......Sein--------------Werden------------Nichtsein

      Hegel:

      ......................Werden
      .......................x....x
      ....................x..........x
      .................x................x
      .............Sein.............Nichtsein

      Wir können vielleicht im weiteren Verlauf unsere Aristotelesstudien weitere dialektische Grundmotive bei Aristoteles sammeln. Das müsste eine recht fruchtbare Sache werden, wie ich Aristoteles einschätze.

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Wer eine Sache lernt, der ist ein Wissender im Werden, und das meint man, wenn man sagt, daß einer aus einem Lernenden ein Wissender wird. Wenn dagegen etwas so entsteht wie aus Wasser Luft, dann entsteht das eine, während das andere vergeht. In jenem Falle ist der Übergang kein wechselseitiger; aus dem Manne wird nicht wieder ein Kind. Denn da entsteht nicht etwas erst aus dem Prozeß des Werdens, sondern es bleibt etwas nach dem Prozeß bestehen. So geht auch der Tag aus dem Morgen hervor, sofern er nach ihm kommt, und deshalb kann man auch nicht sagen, daß der Morgen aus dem Tage hervorgehe. Im anderen Falle dagegen geht wechselseitig jedes in das andere über.
      Na ja, man möchte fast meinen, als müssten sich hinter dieen Beispielen weitere Seinsprinzipien verbergen, die nur noch nicht klar heruasgearbeitet sind. Das soll aber auch hier nicht meine Aufgabe sein.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Das aber ist in beiden Fällen ausgeschlossen, daß es so ins Unendliche fortgehe: im ersteren Falle, weil das, was in der Mitte liegt, notwendig an ein Ziel gelangen muß, im anderen Falle, weil der Übergang von dem einen zu dem anderen führt, und der Untergang des einen der Aufgang des anderen ist. Zugleich ist damit die Notwendigkeit gegeben, daß das erste Glied ewig [3] sein muß und nicht vergänglich sein kann. Denn da der Prozeß des Werdens nicht nach oben hin sich ins Unendliche erstreckt, so ergibt sich, daß dasjenige, was zugrunde geht, wenn es den Grund für ein anderes bildet, nicht der oberste Grund sein kann.
      Aristoteles fehlt eindeutig ein klare Begriff der Dialektik. Ansonsten verbindet er wieder die Kette der Ursachen mit der Stufenfolge des Seins. Und das ist so eben nicht ganz korrekt.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Zweitens aber gibt es auch einen obersten Zweck, einen solchen, der nicht Mittel für anderes, sondern für den alles andere Mittel ist. Damit also, daß es einen solchen letzten Zweck gibt, ist der Fortgang ins Unendliche ausgeschlossen. Gäbe es kein solches letztes Glied, so gäbe es überhaupt keine Zweckursache. Vielmehr, diejenigen, die den Fortgang ins Unendliche setzen, heben damit, ohne sich dessen bewußt zu sein, den Begriff des Zweckmäßigen völlig auf. Und doch würde kein Mensch sich an irgend eine Tätigkeit heranwagen, wenn er nicht die Aussicht hätte, damit an ein Ziel zu gelangen; und gäbe es solche Leute, so würde es ihnen am gesunden Menschenverstande fehlen. Denn wer Verstand hat, der hat bei seiner Betätigung immer einen Zweck im Auge, und dieser ist das Endziel; denn Zweck heißt gar nichts anderes als Endziel.
      Puh... Jetzt wird es problematisch. Aristoteles sagt also, dass die Geschichte und überhaupt alles, also das ganze Universum einen Zweck hat, ein Endziel. Lateinisch nennt man dieses Endziel das Telos (der Geschichte). Das ist natürlich eine Glaubensfrage. Man kann an das Telos glauben, man muss es aber nciht. Ich persönlich möchte diese Frage gerne offen lassen.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Aber weiter, auch der begriffliche Grund läßt sich nicht immer wieder auf eine andere Bestimmung zurückführen, die ihrem Begriffe nach die umfassendere wäre. Denn der zugrunde liegende Begriff hat immer ein Sein in höherem Sinne, der abgeleitete dagegen hat kein eigenes Sein. Wo aber kein Anfangsglied existiert, da existiert auch kein Abgeleitetes. Ferner heben diejenigen, die den Fortgang ins Unendliche zulassen, auch das Wissen auf. Denn es ist kein Wissen möglich, so lange man nicht bis zu den letzten nicht weiter zerlegbaren Gliedern gelangt ist. Und so gäbe es auch kein Erkennen. Denn wie sollte es möglich sein, das was so ins Unendliche fortgeht zu denken? Es ist damit nicht etwa wie bei der Linie, die eine immer weitere Teilung ohne Ende zuläßt; denken aber kann man auch sie nicht, wenn man nicht mit dem Einteilen innehält. Deshalb wird niemand, der die ins Unendliche verlaufende Linie betrachten will, ihre Abschnitte zählen wollen. Aber auch die Materie ist man gezwungen im bewegten Objekt zu erfassen, und nichts was ins Unendliche verläuft hat ein wirkliches Sein. Wäre dem nicht so, so wäre doch der Begriff der Unendlichkeit selber nicht unendlich.
      Nun also noch einmal der Begriffsgrund. Einen solchen Begrirffsgrund im Sinne von Grund oder Ursache gibt es nicht. Ich sagte es bereits. Was Ariistoteles hier meint, und worauf er wohl abzielt, ist seine Lehre von den Begriffen und Kategorien. Begriffe ordnen sich in einer HIrarchie vom Besonderen zum Allgemeinen, und wir steigen, die Begriffe ableitend, vom Allgmeinen hinab zum Besonderen und vom Besonderen wieder hinauf zum Allgemeinen. Und natürliche gibt es allgemeinste Begriffe die selbst nicht weiter ableitbar sind, und das sind ja nach Aristoteles die Kategorien. Jede Hierarchie muss einmal an seine natürlichen Grenzen stoßen. Damit ist hier aber nicht allzuviel gesagt.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Nun aber noch der andere Fall. Gesetzt, die Arten des Grundes wären ihrer Anzahl nach unendlich, so würde es auch auf diese Weise kein Erkennen geben. Denn wir glauben den Gegenstand dann zu kennen, wenn wir seine Gründe erkannt haben; es ist aber schlechthin eine Unmöglichkeit, das was in immer weiterem Fortgang ins Unendliche verläuft, in begrenzter Zeit zu durchmessen.[4]
      Aristoteles meint hier nicht die "Arten" der Gründe, denn derer gibt es genau drei, wie ich dargelegt habe. Aristoteles meint hingegen die "Anzahl" der Gründe. Und die könne eben nicht unendlich sein. Aber auch darüber ließe sich streiten. Mir kommt es ein bischen so vor, als sei Aristoteles ein Verächter alles Unendlichen. Offensichtlich hat er sich mit der Vorstellung des Unendlichen doch sehr schwer getan. Heute haben wir da erheblich weniger Probleme.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Was den Vortrag der Wissenschaft anbetrifft, so erhält er seinen Charakter durch die geistige Beschaffenheit der Zuhörer. Denn je nachdem wir vorbereitet sind, erwarten wir, daß man zu uns rede; was dawider anläuft, das erscheint uns nicht angemessen, sondern je mehr es von dem uns Geläufigen abweicht, in desto höherem Grade finden wir es schwer verständlich und fremdartig. Das uns Geläufige wird uns auch leichter zu erfassen. Wie groß die Macht der geläufigen Vorstellungen ist, das zeigen die Gesetze, bei denen das in mythischer und kindlich einfältiger Form Ausgedrückte vermöge der Macht der herrschenden Vorstellungen größeren Einfluß auf die Gemüter ausübt, als es klare Erkenntnis je vermöchte. Die einen nun verstehen den Vortragenden nicht, wenn er nicht in der Weise der Mathematik redet, die anderen nicht, wenn er die Sache nicht durch Beispiele deutlich macht; wieder andere fordern die Anführung von Dichterstellen als Belegen. Die einen wollen alles in streng begrifflicher Form vorgetragen haben, die anderen fühlen sich durch die strenge Form beängstigt, teils weil sie dabei nicht folgen können, teils weil die Haarspalterei sie langweilt. Denn allerdings hat begriffliche Strenge das an sich, und sie macht deshalb wie bei der juristischen Formulierung von Urkunden so auch bei Vorträgen den Eindruck pedantischer Unfreiheit. Darum ist eine vorausgehende Unterweisung, wie man jede Form des Vertrags aufzunehmen hat, wohl angebracht; denn es hätte keinen Sinn, die Wissenschaft und die Methode des Vertrags der Wissenschaft beides zugleich studieren zu wollen. Ist doch jedes von beiden schon an sich nicht leicht zu erfassen. Eine begriffliche Strenge aber wie in der Mathematik darf man nicht in allen Wissenschaften verlangen; sie hat ihre Stelle nur in der Wissenschaft vom Immateriellen. Daher ist sie auch nicht die Methode der Wissenschaft von der realen Welt. Denn was zur realen Welt gehört, das ist alles im Grunde mit Materie verbunden. Man muß sich also zunächst darüber klar werden, was das Universum und was die Wissenschaft vom Universum bedeutet. Dadurch erlangt man dann auch die Einsicht, was Gegenstand der Wissenschaft vom Realen ist, sowie ob die Betrachtung der Gründe und Prinzipien einer einzigen Wissenschaft oder einer Mehrheit von Wissenschaften angehört. [5]
      Ja, das ist nun also der letzte Abschnitt des Textes, und in diesem letzten Abschnitt wechselt Aristoteles unvermittelt den Charakter des Vortrags, Denn offensichtlich handelt es sich um ein Vorlesungsmansukript, und Aristoteles wendet sich noch einmal mit abschließneden Worten an seine Hörer. Dabei fallen Worte, wie "das gesamte Univerusm", oder "Juristischen Urkunde". Mit diesen Abschließenden Worten halten wir nun auf geheime Weise die geheim Botschaft des Vortrags in Händen. Aristotelse reicht und und den Hören den Schlüssel zum Verständnis nach. Eine Anmerkung sei aber noch gemacht: Die Mathematik ist natürlich heute tatsächlich die Methode fast aller Wissenschaften. Hätte Aristoteles das gewusst, er hätte sich verwundert die Augen gerieben.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Zusammenfassung und Fazit

      Das ganze Buch Omicron (Buch II) ist eine art Potpourri guter und solider philosophischer Einzelgedanken, die aber als solche relativ unsystematisch bleiben. Dabei fällt der ausgesprochen eklektische Stil auf. Aristoteles urständet ganz bei den Vorsokratikern, und natürlich bei Platon. Insggesamt ist das Buch Omicron ein Plädoyer gegen alles Unendliche und für die Begrenztheit aller Dinge und der ganzen Welt. Damit verweist Aristoteles nicht nur auf die Philosophie, sondern auch auf eine wirkliche Kosmologie.

      Gruß Joachim Stiller Münster