Der Naturalismus: Das metaphysische Vorurteil unserer Zeit? (Holm Tetens)

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  • Nagel, Kapitel 3 - Bewusstsein (I)

    Was versteht Nagel unter Naturalismus? Soweit ich sehe, gibt es in seinem recht dünnen 180 Seiten-Buch keine Stelle, wo er den Begriff explizit macht oder definiert, im Register findet er sich gar nicht, dort gibt es bloß das Stichwort "naturalisierte Epistemologie". Meines Erachtens kommt man in solchen Fällen oft (vielleicht nicht immer) recht gut ohne Definition aus. Im Lauf der Lektüre wird hinreichend klar, was dem Autor vorschwebt. Daher will ich folgendes versuchen: In Kapitel 3 bietet Nagel eine kurze Anamnese der Problemgeschichte. Da die Lektüre nicht allen möglich ist, werde ich die Geschichte - so wie sie Nagel erzählt - in x kleinen und mundgerechten Schritten hier nacherzählen. Dies ist der erste Teil.

    "Das Bewusstsein ist das hervorstechendste Hindernis für einen umfassenden Naturalismus,..." (N.) Was hat uns - nach Nagel - in unsere momentane Lage gebracht, in der es nicht gelingen will, Geist in unser naturwissenschaftliches Weltbild zu integrieren? Das Problem, das uns noch heute in Atem schlägt, entstand aus der wissenschaftlichen Revolution des 17. Jhd. Es ist die Folge des Konzeptes einer objektiven physikalischen Realität und es waren Galileo und Descartes, die die entscheidenden begrifflichen Weichen stellten: Die Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten [hier im Forum bis heute Gegenstand hitziger Auseinandersetzungen] macht das deutlich. Die physikalische Wissenschaft war dabei "zuständig" für ein präzise mathematische und quantitative Beschreibung der "äußeren" Welt in Raum un Zeit. Sie beschränkte sich auf diese objektiven Merkmale - Form, Größe, Bewegung. Die subjektiven Erscheinungen hingegen wurden dem Geist zugerechnet. Das Subjektive - also auch Absichten und Zwecke - waren nun kein Teil der objektiven Welt mehr. Das war für das Projekt der quantitativen, mathematisch-exakten Beschreibung sowohl praktisch, als auch unerlässlich.

    Für Descartes war diese Trennung kein Problem aufgrund seiner dualistischen Sicht der Welt. Aber es ist klar, dass eine solche Trennung nicht ohne Widerspruch bleiben konnte. "Der Ausschluss des Mentalen aus dem Zuständigkeitsbereich der modernen physikalischen Wissenschaft musste jedoch angefochten werden. Wir Menschen sind Bestandteile der Welt, und der Wunsch nach einem einheitlichen Weltbild lässt sich nicht unterdrücken." (N)

    Dazu bieten sich zwei prinzipielle Strategien an. Man kann erstens naturalistisch verfahren und versuchen, den Geist in diese Sicht zu integrieren. Man kann zweitens den Geist als das Primäre - "die endgültige Wirklichkeit" - erachten und die physikalische Welt auf ihn zurück führen, wie es Berkeley versucht hat.

    to be continued :)

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  • Tetens, S. 10:
    Dateien
    "Wir alle, die wir in freien und offenen Gesellschaften leben wollen: Wir alle haben ein Problem mit dem Islam" (Heiko Heinisch; in: European, 20. Januar 2015). — "Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat kürzlich als Zeuge vor Gericht in Paris gesagt, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet" (FAZ, 11. Dezember 2017). — "Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht verwirkt" (Sahra W.).
  • Tetens, S. 12-17 (S. 11 und S. 15 im Heft sind bloß Werbeseiten):
    Dateien
    "Wir alle, die wir in freien und offenen Gesellschaften leben wollen: Wir alle haben ein Problem mit dem Islam" (Heiko Heinisch; in: European, 20. Januar 2015). — "Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat kürzlich als Zeuge vor Gericht in Paris gesagt, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet" (FAZ, 11. Dezember 2017). — "Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht verwirkt" (Sahra W.).

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

  • Vielen Dank, Fliege.

    Nun sagt Tetens mE auf den da abgebildeten Seiten nicht viel Neues, seine Argumente wurden hier schon genannt/zitiert. Diesbezüglich habe ich schon vorher Einiges gesagt.

    Noch ein paar andere Punkte, die mir aufgefallen sind:

    1. Tetens redet von "lediglich Korrelationen" im Gegensatz zu "Brückengesetzen". Wobei Letztere wohl seiner Ansicht nach entweder eine bessere Verständlichkeit bedeuten oder gar eine metaphysische Notwendigkeit herstellen könnten. Mit Letzterem - da ich wohl ein bisschen zu sehr Hume-infiziert bin - kann ich nicht viel anfangen. Ich sehe das so wie Hume: es gibt mE keine metaphysische Notwendigkeit in unserer Welt. Oder so gesagt: ich hänge der Regularitätstheorie der Kausalität an, die eine solche metaphysische Notwendigkeit nicht annimmt. Woraus folgt, dass man gar nicht mehr als Korrelationen finden kann. Brückengesetze mögen zwar für ein besseres Verständnis hilfreich sein, aber eine metaphysische Notwendigkeit ergibt sich aus ihnen mE nicht.

    2. Tetens sagt, dass viele dem Naturalismus lediglich mangels besserer Alternative anhängen. Meiner Ansicht nach ist das ein guter Grund für den Naturalismus, ein Schluss auf die beste Erklärung.

    3. Tetens sagt, dass metaphysische Positionen wahr oder falsch sein könnten und dass nur eine metaphysische Position wahr sein könnte. Ich denke, das stimmt so nicht, metaphysische Positionen sind mE eher sowas wie Geschmacksurteile, die nicht wahr oder falsch sein können. (Der Unterschied dabei zu Geschmacksurteilen: metaphysische Positionen können inkohärent sein, was dann gegen sie spräche und zwei sich ausschließende metaphysische Positionen gleichzeitig kann man nicht konsistent vertreten.) Jedoch: es könnte mE problemlos zwei unterschiedliche metaphysischen Positionen geben, die beide kohärent sind. In dem Falle wäre es lediglich Geschmackssache, welche man einnimmt.

    4. Andere Positionen als Naturalismus würden von diesem laut Tetens a) als Karikaturen dargestellt und b) andere Positionen müssten weiterentwickelt werden. Nun, dass andere Positionen verfälscht/karikiert werden, ist nichts Neues und hat nichts mit dem Naturalismus zu tun, das ist ein allgemeines Problem. Jedoch hat das in dem Falle vielleicht ein bisschen was mit b) zu tun: dass konkurrierende Positionen noch nicht hinreichend entwickelt sind, (siehe auch Punkt 2). Klar, wenn konkurrierende Positionen entwickelt werden könnten, die besser/plausibler als der Naturalismus sind, dann wäre das wünschenswert. Nur scheint mir das zurzeit eher ein ungedeckter Scheck auf die Zukunft zu sein, kein Grund, vom Naturalismus abzurücken.

    5. Tetens nennt als Beispiel für einen Vertreter einer solchen anderen Position Franz von Kutschera. Das irritiert mich etwas. Ich kenne nun nicht so viel von Kutschera, aber was ich kenne, läuft mE nicht auf eine nicht-naturalistische Position hinaus. Kutschera wendet sich vehement gegen eine bestimmte Position innerhalb des Naturalismus, (ich nenne das "Szientismus"), das stimmt, aber seine Position ist mE dennoch naturalistisch.
  • Her K. schrieb:

    5. Tetens nennt als Beispiel für einen Vertreter einer solchen anderen Position Franz von Kutschera. Das irritiert mich etwas. Ich kenne nun nicht so viel von Kutschera, aber was ich kenne, läuft mE nicht auf eine nicht-naturalistische Position hinaus. Kutschera wendet sich vehement gegen eine bestimmte Position innerhalb des Naturalismus, (ich nenne das "Szientismus"), das stimmt, aber seine Position ist mE dennoch naturalistisch.

    Kutschera brachte sein Buch "Philosophie des Geistes" 2009 heraus, das ich mir seinerzeit besorgt habe. Darin untersucht Kutschera unter anderem die drei klassischen Ansätze zur Lösung des Leib-Seele-Problems, nämlich Materialismus, Idealismus und Dualismus. Er sagt bilanzierend zu seinen Erörterungen (S. 242): "Der Dualismus hat sich [...] als die einzige haltbare von den klassischen Positionen zum Leib-Seele-Problem erwiesen." Eventuell bezieht sich Tetens auf diese Haltung Kutscheras.
    "Wir alle, die wir in freien und offenen Gesellschaften leben wollen: Wir alle haben ein Problem mit dem Islam" (Heiko Heinisch; in: European, 20. Januar 2015). — "Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat kürzlich als Zeuge vor Gericht in Paris gesagt, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet" (FAZ, 11. Dezember 2017). — "Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht verwirkt" (Sahra W.).
  • Her K. schrieb:

    Fliege schrieb:

    Eventuell bezieht sich Tetens auf diese Haltung Kutscheras.

    Oh, okay, danke. Dieses Buch von Kutschera kenne ich leider nicht.

    Kutschera wägt in diesem Buch viele Pros und Contras zu den Hauptpositionen samt einigen Nebensträngen ab. Dabei fällt seine Entscheidung sozusagen nach Punkten. Idealismus schneidet bei Kutschera schlecht ab wegen zu magerer Erklärungsleistungen: Note 4-. Materialismus ist ihm irgendwie zu billig: Note 3-. Dualismus (polaren Dualismus) sieht er eher mit materialistischer Tendenz, aber doch als eigenständige Position: Note 2.
    "Wir alle, die wir in freien und offenen Gesellschaften leben wollen: Wir alle haben ein Problem mit dem Islam" (Heiko Heinisch; in: European, 20. Januar 2015). — "Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat kürzlich als Zeuge vor Gericht in Paris gesagt, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet" (FAZ, 11. Dezember 2017). — "Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht verwirkt" (Sahra W.).
  • Jörn schrieb:

    to be continued :)


    Jörn schrieb:

    Für Descartes war diese Trennung kein Problem aufgrund seiner dualistischen Sicht der Welt.

    Nagel skizziert eine (historische) Reihe fehlgeschlagener Versuche, den Dualismus zu überwinden. Die erste Welle des Widerstandes gegen Descartes Dualismus drückte sich in den Jahrhunderten nach ihm oft in idealistischen Ansätzen aus. Das sind (ebenso wie ihre naturalistischen Widerparte) reduktionistische Positionen: Der Geist ist die endgültige Wirklichkeit und die "physikalische Welt" ist nur ein Effekt des Geistes und lässt sich auf ihn zurückführen. Ein Beispiel ist Berkeley, der glaubte, die physikalischen Dinge seien Ideen im Geist Gottes. Damit markiert er (eher) den Anfang der Story. Eher am Ende findet sich der „Logische Positivismus“, der hier im Forum fröhliche Urstände feiert. Er versucht die physikalische Welt „als eine Konstruktion aus Sinnesdaten zu analysieren“ wie Nagel sagt, bzw. „rational zu rekonstruieren“, wie manche Positivisten sagen.

    Diese Position ist mit vielfältigen Problemen behaftet [und im Grunde einfach absurd]. An ihre Stelle traten bald naturalistische Ansätze. Der Materialismus verfährt ebenso reduktionistisch: Nur die physikalische Welt ist irreduzibel real. Falls es so etwas wie Geist geben sollte, dann muss sein Platz in dieser physikalischen Welt zu finden sein.

    Ein Beispiel dafür ist „der“ Behaviorismus in seiner verschiedenen Spielarten. Er versucht mittels einer Analyse „der wahren Natur mentaler Begriffe“ den Geist in das materialistische Weltbild einzupassen. Dazu wurde der Geist nach Art des Hauses reduziert auf: > Verhalten; >Verhaltensdispositionen; >Formen der Verhaltensorganisationen“. Eine weitere Geschmacksrichtung à la Ryle oder Wittgenstein verfährt so: Mentale Begriffe werden „unter dem Aspekt ihrer beobachtbaren verhaltensbezogenen Bedingungen [der Möglichkeit] ihrer Anwendung erklärt.

    Die diversen behavioristischen Strategien mögen sich zwar in vielem unterscheiden. Aber sie weisen eine Gemeinsamkeit auf: „Auf die eine oder andere Art führen sie die mentalen Zuschreibungen auf die äußerlich beobachtbaren Bedingungen zurück, auf deren Grundlage wir anderen mentale Zustände zuschreiben.“
    Mit diesem Blick von der Seite verpassen sie aber gerade das Entscheidende: Die Perspektive der 1. Person singular. Das berühmte (für manche berüchtigte) „Wie es ist“. Die vorgelegten (Sprachspiel-)Analysen (etc.) lassen einfach den inneren mentalen Zustand selbst unberücksichtigt und sind daher abzulehnen.

    to be continued :)