Sprache als Rhizom?

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    • Sprache als Rhizom?

      Deleuze, Gilles; Guattari, Felix: Rhizom. Berlin, Merve Verlag 1977 schrieb:

      Die Welt ist chaotisch geworden, aber das Buch bleibt Bild der Welt, Würzelchen-Chaosmos statt Wurzel-Kosmos. Welch seltsame Mystifikation: das Buch wird umso totaler, je zerstückelter es ist. Das Buch als Bild der Welt - langweilig in jeder Hinsicht! Es genügt eben nicht zu rufen: Hoch lebe das Viele (multiple)! so schwer es auch sein mag, diesen Schrei auszustoßen. Typografische, lexikalische und selbst syntaktische Geschicklichkeiten

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      genügen nicht, um ihm Gehör zu verschaffen. Das Viele (multiple) MUSS MAN MACHEN : nicht dadurch, daß man fortwährend übergeordnete Dimensionen hinzufügt, sondern im Gegenteil ganz schlicht und einfach in allen Dimensionen, über die man verfügt: jedesmal n - 1 (Das Eine ist nur dann ein Teil der Vielheit, wenn es von ihr abgezogen wird). Das Einzelne abziehen, wenn eine Vielheit konstituiert wird; n - 1 schreiben.

      Ein solches System kann man Rhizom nennen. Als unterirdischer Sproß unterscheidet sich ein Rhizom grundsätzlich von großen und kleinen Wurzeln. Knollen und Knötchen sind Rhizome. Pflanzen mit großen oder kleinen Wurzeln können in vielerlei Hinsicht rhizomorph sein: man muß sich wirklich fragen, ob nicht das Rhizomorphe gerade das Spezifische an der Botanik ausmacht. Auch die Tiere sind es, wenn sie Meuten bilden, z. B. die Ratten. Ein Bau ist in allen seinen Funktionen rhizomorph: als Wohnung, Vorratslager, Rangiergelände, Versteck und Ruine. Das Rhizom selbst kann die verschiedensten Formen annehmen, von der Verästelung und Ausbreitung nach allen Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Knollen und Knötchen. Wenn die Ratten übereinandergleiten. Im Rhizom gibt es das Beste und das Schlimmste: die Kartoffeln, die Quecke , das Unkraut. Tier und Pflanze, die Quecke, das ist Meersalzkraut' . Wir ahnen schon, daß wir niemanden überzeugen werden, wenn wir nicht wenigstens annäherungsweise bestimmte Merkmale des Rhizoms aufzählen. 1. und 2. - Prinzip der Konnexion und der Heterogenität. Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden. Ganz anders dagegen der Baum oder die Wurzel, wo ein Punkt und eine Ordnung festgesetzt werden. Chomsky' s linguistischer Baum beginnt an einem Punkt S

      frz. chiendent = Quecke, wörtlich: Hundezahn frz. crab-grass Meersalzkraut, -örtlich: Krabbengras. (A. d. Ü.)

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      und breitet sich dichotomisch aus. In einem Rhizom dagegen verweist nicht jeder Strang notwendig auf einen linguistischen Strang: semiotische Kettenglieder aller Art sind dort nach den verschiedensten Codierungsarten mit politischen, ökonomischen und biologischen Kettengliedern verknüpft; es werden also nicht nur ganz unterschiedliche Zeichensysteme ins Spiel gebracht, sondern auch verschiedene Arten von Sachverhalten. Die kollektiven Aussageverkettungen funktionieren tatsächlich unmittelbar in den maschinellen Verkettungen, und man kann keinen radikalen Einschnitt zwischen den Zeichensystemen und ihren Objekten ansetzen. Selbst da, wo sie den Anspruch erhebt, sich ans Explizite zu halten und nichts an der Sprache vorauszusetzen, bleibt die Linguistik befangen in den Sphären eines Diskurses, der je schonverschiedene Verkettungsweisen und besondere gesellschaftliche Machttypen impliziert. Chomsky's Grammatikalität, das kategoriale Symbol S, das alle Sätze beherrscht, markiert in erster Linie ein Machtverhältnis und dann erst einen syntaktischen Zusammenhang: du bildest grammatikalisch korrekte Sätze, du unterteilst jede Aussage in NominalSyntagma und Verbal-Syntagma (erste Dichotomie...). Wir werfen solchen linguistischen Modellen nicht vor, sie seien zu abstrakt; ganz im Gegenteil: sie Sind es nicht genug; sie erreichen nicht die abstrakte Maschine, welche die Konnexion einer Sprache mit semantischen und pragmatischen Aussageinhalten herstellt, mit kollektiven

      Aussageverkettungen, mit einer ganzen Mikropolitik des gesellschaftlichen Feldes. Ein Rhizom verknüpft unaufhörlich semiotische Kettenteile, Machtorganisationen, Ereignisse in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen. Ein semiotisches Kettenglied gleicht einem Tuberkel, einer Agglomeration von mimischen und gestischen, Sprech-, Wahrnehmungsund Denkakten: es gibt keine Sprache an sich, keine Universalität der Sprache, sondern einen Wettstreit von Dialekten, Mundarten, Jargons und Fachsprachen. Es gibt keinen idealen Sprecher-Hörer, ebensowenig eine homogene Sprachgemeinschaft. Die

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      Sprache ist nach einer Formulierung von Weinreich "eine wesentlich heterogene Wirklichkeit" (1). Es gibt keine Muttersprache, sondern die Machtergreifung einer herrschenden Sprache in einer politischen Vielheit. Die Sprache stabilisiert sich im Unikreis einer Pfarrei, eines Bistums, einer Hauptstadt. Sie bildet Knollen. Sie entwickelt sich durch Stengel und unterirdische Ströme, längs Flußtälern oder Eisenbahnlinien, sie verschiebt sich durch Ölflecken (2). Man kann die Sprache natürlich immer internen strukturalen Dekompositionen unterziehen: das unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der Wurzelsuche. Gewiß gibt es immer etwas Genealogisches am Baum, das nicht der gängigen Methode entspricht. Die Sprache mit einer rhizomatischen Methode analysieren heißt vielmehr, sie auf andere Dimensionen und andere Register hin zu dezentrieren. Nur als Funktion von Entmachtung zieht sich eine Sprache auf sich selbst zurück.


      Der Textauszug aus dem Kapitel 3 - Wurzelbücher und Rhizome - stellt zum Ende hin einen starken Bezug zu einem Sprachverständnis her, das jenseits grammatikalisch einfacher Baum-Strukturiertheit liegt. Ist dieses Modell geeignet, um sowohl historische Entwicklung, geographische Entfaltung als auch generationsabhängige Variabilität und Funktionalität von lebendiger Sprache zu beschreiben?
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Ich weiß, daß wir uns hier in der Wissenschaftsabteilung befinden. Nun interessiert mich die Sprache als Untersuchungsgegenstand sehr. Ob es wohl möglich ist, diese Abschnitte so zu übersetzen, daß der Text über die Sprache, die jede(r) spricht, wenigstens einigermaßen verständlich wird?! Nein, nicht einigermaßen, sondern daß ich exakt weiß, wie diese Sprachkonzeption aussschaut und wie sie auf ein einzelnes Beispiel bezogen, anzuwenden wäre -falls sie anzuwenden ist. Ich kann die Antwort ja nicht vorwegnehmen. Aber Beispiele sind Erklärungshilfen, und möglicherweise würde ein Beispiel bereits zu einer vorläufigen Antwort führen.

      Iselilja, oder wer auch immer, entweder Ihr müßt mich rausverweisen oder ... Ihr gebt ein wenig Hilfestellung.
    • Hallo Friederike

      Deleuze und Guattari (D&G) wurden praktisch schon zu Lebzeiten gefeiert und ihre Arbeiten fanden schnell Anklang vor allem in den Bereichen Kunst- und Kulturteorie. Sie gehen einher mit der Idee von der Sartre-rezipierenden Kommune, einer Zeit, in der es an allen Ecken nach (Kultur-) Revolution roch. Solche Texte zu "übersetzen" würde ihnen praktisch ihren Wesenscharakter nehmen.

      Aber zum Thema Sprache lässt sich dennoch etwas sagen. Normaler weise lernen wir Sprache nicht einfach so, chaotisch oder ungelenkt. Unsere Vorstellung einer Muttersprache sitzt zeimlich tief in uns. Erst beim zweitmaligen "Erlernen" der Sprache, in Form der Schrift und ihrer grammatikalischen Reflektion, beginnen wir eine Struktur in die Sprache zu legen, nach der wir uns fortan auch richten. D&G nennen bspw. Chomskys baumartige Grammatik. Der Baum als Metapher ist der Wurzel von der Form her sehr ähnlich. Ein Stamm mit vielen einzelnen Verzweigungen - der Archetypus einer Hierarchie (hier beginnt plötzlich auch das Verständnis der Ablehnung erstarrter Hierarchie durch das ganze Werk von D&G). Das Rhizom wird gern an der Kartoffel oder dem Wurzelwerk der Quecke verdeutlicht. Dort gibt es keine hierarchische Struktur in diesem Sinne. Alles ist mehr oder weniger mit allem verbunden. So ungefähr müsste man sich das ansatzweise vorstellen.

      Ich hoffe, ich konnte Dir etwas helfen.
      lg
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    • Lieber Iselilja,
      ja, nein. Es ist nicht so, daß ich Deleuze nicht gelesen hätte, u.a. auch einen vergleichsweise kurzen Text zum Modell des Rhizoms. Insofern faßt Du D/G's Ansatz, die Sprachverständniswege zu erkunden, in etwa so zusammen, wie ich es auch gerade noch hingekriegt hätte. Bitte mißverstehe mich nicht, ich freue mich, daß Du Dir die Mühe gemacht hast - nur, so wirklich viel weiterhelfen tuts mir nicht, weil die Komprimierung natürlich auch eine Verkürzung darstellt. Und mir kommen die von Dir zitierten Passagen schon ausgesprochen dicht vor - und mir verschlossen.
      Ich werde mitlesen und schauen, ob ich mich mit dem Sprach-Code der Beiden nicht doch wieder vertrauter machen kann.
      Aber nochmals, Danke!
    • Hallo Friederike

      Es ist auch bei mir schon einige Zeit her, dass ich D&G gelesen habe. Während damals noch ein Verstehen dessen im Vordergrund stand, scheinen beim heutigen "Überfliegen" die meisten Aussagen bereits in verschiedenen erweiterten Theorien (vgl. Luhmanns Systemtheorie) Anwendung zu finden, und man hat fast das Gefühl etwas "längst Überholtes" zu lesen. Dennoch kann es sinnvoll sein, die Wurzel einer Entwicklung einer Hermeneutik zu unterziehen, und sei es nur die momentane Entwicklung besser beurteilen zu können. Im wesentlichen stehen von meiner Seite aus zwei Themen im Hintergrund, die mein Interesse an der Sprachphilosophie aktuell nähren. Zum einen referiert die Körper-Geist-Diskussion immer wieder auf die Sprache in einem Modus der Veranschaulichung. Sprache dient somit als Darstellungsobjekt für dieses oder jenes Verständnis. Die zweite und eng damit verknüpfte Frage ist, inwiefern sich Sprache und Denken getrennt betrachten lassen. Soviel kurz dazu.


      Unausweichlicher Fakt ist, dass Sprache irgendwie vom Menschen erlernt wird. Es gibt also keine angeborenen Sprachmuster oder ähnliches, so wie es etwa angeborene Reflexschemata bei Neugeborenen gibt. Zu diesen Reflex-Schemata wären allerdings die prinzipielle Fähigkeit, eine Sprache im anatomisch gegebenen Kontext erlernen zu können, mit einzubeziehen. Ein Erlernen setzt neben der Fähigkeit lernen zu können auch einen (oder mehrere) Lehrer voraus. Ohne diese beiden Vorraussetzungen müsste man das Zustandekommen von gesprochener, lebendiger Sprache einem anderweitigen Entwicklungsprozess zuordnen können. Davon gibt es aber empirisch keine Hinweise. Was hingegen beobachtbar ist, ist das prozesshafte Erlernen einer (oder mehrerer) Sprache in einem Umfeld, welches in erster Linie durch Eltern und in zweiter Linie durch gleichaltrige Kinder vorangetrieben wird. Ob sich durch diese "zweite Linie" eine Veränderung des Erlernens (hinsichtlich Geschwindigkeit und Variabilität) ergibt ist soweit noch nicht ersichtlich, wird aber mit zunehmendem Alter wahrscheinlicher. Bis zu diesem Zeitpunkt (etwa bis 3 Jahre) ist eine sprachlich-strukturelle Indifferenz aus der Perspektive des Lernenden gegeben, die eng mit der Bewegung des Kindes zusammenhängt. Vgl. dazu Bewegungsentwicklung & Sprache bei Kindern von 0 – 3 Jahren.


      Später evtl. mehr dazu.. lg
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    • Man geht allerdings davon aus, dass es bereits eine pränatale Beinflussung des eigentlichen Spracherwerbs gibt, die sowohl hinsichtlich der Prosodie als auch der Phoneme eine Rolle spielt. Was vermutlich zu einem schnelleren, wenn an die Mutter gebundenen, Spracherwerb führt. vgl. hier

      Das heißt nun offensichtlich, dass einem Verstehen von sprachlichen Inhalten eine "akkustische Einstimmung" lange vorrausgeht, scheinbar auch unabhängig davon, wieviele Sprachen postnatal erworben werden. Auffällig ist jedenfalls die vorherrschende Meinung, dass ein Neugeborenes jede native menschliche Sprache erwerben kann. Nativismus und Kognitivismus hätten also somit mindestens eine gemeinsame Grundlage, auch wenn sich ihre Ansätze wesentlich unterscheiden. Das Tabula-Rasa-Prinzip wird hingegen heute nicht oder kaum mehr ernsthaft verfolgt. Prinzipiell könnten also sowohl Chomskys Ansatz einer wirkenden Universalgrammatik als auch D&Gs Ansatz eines rhizomatischen Spracherberbs zutreffend sein.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von iselilja ()

    • Interessant dürfte u.a. auch sein, dass hinsichtlich der neuronalen Korrelation Spracherwerb nicht gleich Spracherwerb ist.

      Kühls, Holger schrieb:

      Interessanter Weise sieht das anders aus, wenn ein Kind im frühen Alter zwei Sprachen lernt, also zweisprachig aufwächst. In diesem Fall entsteht ein einziges neuronales Netz für beide Sprachen. In der Computertomografie (CT) werden bei der Nutzung beider Sprachen die gleichen Areale und Bereiche als aktiv angezeigt. Das Kind, das sehr früh mehrere Sprachen erwirbt, lernt dabei jede der Sprachen mühelos und nahezu automatisch.

      Wenn ein Mensch hingegen später lernt, dann entwickelt sich für diese zweite Sprache teilweise ein neues Netzwerk. Und das führt dazu, dass das Erlernen dieser zweiten Sprache sehr viel mehr Anstrengung, Mühe und Üben bedeutet und nicht wie bei der ersten Sprache nahezu automatisch und intuitiv durch Nachahmung und fast spielerischem Versuch und Irrtum läuft. Zudem wird auch niemals die Vollkommenheit der ersten Sprache erreicht.

      Interessanterweise ist dies noch etwas differenzierter zu sehen. Vor allem im Broca-Areal, das für die Grammatik zuständig ist, ergeben sich für jede deutlich später erworbene Sprache neue neuronale Netze, d.h. gerade im Hinblick auf Grammatik lässt sich durch noch so intensives Lernen nicht der Stand erreichen, den ein "Frühlerner" erreicht. Etwas Ähnliches gilt für die Aussprache - der fremde Akzent bleibt. Dies erklärt auch, warum Gastarbeiter, die schon 30 Jahre in Deutschland leben, an ihrer Sprache erkannt werden können. Hingegen kann der Wortschatz durch entsprechendes Lernen oder durch längere Aufenthalte in einem Land, in dem die gelernte Sprache gesprochen wird, sich dem eines Einheimischen angleichen.
      vgl. hier

      Allerdings stellt Sprache als eigenständiger Sachverhalt ein Unikat in der uns zugänglichen natürlichen Umwelt dar. Alle anderen Erwerbs-Prozesse, die sich bereits im Kindesalter manifestieren, haben keine natürlichen Alternativen, welche vergleichsweise Studien über die neuronalen Zusammenhänge bieten könnten. So gibt es bspw. kein zweites Farbspektrum, das wir wahrnehmend ab einem bestimmten Alter "erlernen" könnten, oder bspw. auch keine alternative Motorik. Insofern ist die allgemeinere Frage, ob eine früherworbene Alternative (hier Bilingualität) zu neuronaler Konzentrierung führt, einzigartig und damit nicht komparatistisch falsifizierbar.
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    • "H. Kühls" schrieb:

      Interessanter Weise sieht das anders aus, wenn ein Kind im frühen Alter zwei Sprachen lernt, also zweisprachig aufwächst. In diesem Fall entsteht ein einziges neuronales Netz für beide Sprachen. In der Computertomografie (CT) werden bei der Nutzung beider Sprachen die gleichen Areale und Bereiche als aktiv angezeigt. Das Kind, das sehr früh mehrere Sprachen erwirbt, lernt dabei jede der Sprachen mühelos und nahezu automatisch.

      Wenn ein Mensch hingegen später lernt, dann entwickelt sich für diese zweite Sprache teilweise ein neues Netzwerk. Und das führt dazu, dass das Erlernen dieser zweiten Sprache sehr viel mehr Anstrengung, Mühe und Üben bedeutet und nicht wie bei der ersten Sprache nahezu automatisch und intuitiv durch Nachahmung und fast spielerischem Versuch und Irrtum läuft. Zudem wird auch niemals die Vollkommenheit der ersten Sprache erreicht.

      Deine verlinkten Lit. Hinweise habe ich noch nicht gelesen. Möglicherweise stünde dort eine Antwort.
      Eine reine Wissens-Nachfrage, Iselilja: wird irgendwo erwähnt, ob überhaupt und wenn ja, wie es sich bei gehörlosen Kindern bzw. Säuglingen im Gehirn abbildet?
    • Hallo Friederike

      Dieser Fragestellung war ich bisher noch nicht nachgegangen. Sie scheint mir aber sehr interessant zu sein. Eine Dissertation zu diesem Thema gibt es jedenfalls - in wieweit sie diese Frage beantwortet, kann ich aber noch nicht beurteilen. Habe sie selbst noch nicht gelesen.

      lg
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    • Soweit ich das momentan beurteilen kann, bestehen signifikante Ähnlichkeiten zwischen dem Erwerb einer gesprochenen und dem Erwerb einer Gebärdensprache. Sowohl beim Erwerb als Primärsprache (L1) als auch als spätere Zweitsprache (L2).

      Liebisch, Ulrike - Kortikale Verarbeitung von bewegungs- und sprachrelevanten visuellen Stimuli bei Gehörlosen, Gebärdensprachdolmetschern und Hörenden – eine Untersuchung mit funktioneller Kernspintomografie - Dissertation schrieb:

      3.2.1.1 Unterschiede zwischen frühem und spätem Spracherwerb bei Gehörlosen
      Für die eben berichteten Ergebnisse wurden gehörlose Kinder untersucht, die von Geburt an Kontakt zur Gebärdensprache hatten, da ihre Eltern ebenfalls gehörlos waren. Wie aber stellen sich Lernstrategien im Spracherwerb dar, wenn die Gebärdensprache nicht primärsprachlich, sondern später erworben wird (bei 90% aller Gehörlosen der Fall)? Es konnte nachgewiesen werden, dass Gebärdensprachen weniger gut beherrscht werden, je später sie gelernt werden (vgl. Newport, 1988 ). Für die Interpretation der Untersuchungsergebnisse von großer Bedeutung ist neben dem Wissen, dass die Gebärdensprache schlechter beherrscht wird, der Umstand, wie Spätlernende die Gebärdensprache erwerben. Supalla & Newport (1980) fanden heraus, dass Gehörlose, die Gebärdensprache bei Eintritt in das Schulalter erlernten, diese eher „ganzheitlich“ erlernen und von Gebärdenvarianten auf inkonsequente Weise Gebrauch machen. Das bedeutet, dass diese Gruppe der Gehörlosen nicht die grammatikalisch-semantischen Feinheiten und den Aufbau der Sprache in der Abfolge der eben beschriebenen Schritte erlernt, sondern sich eher ganze Wörter in einem bestimmten Kontext aneignet, ohne diese Wörter anhand verschiedener Situationen und Silbe für Silbe zu erwerben (vgl. Supalla & Newport, 1980). Die Gruppe der Spätlernenden zeichnet sich durch explizite (bewusste) Sprachaneignung aus, wogegen Kleinkinder Sprache implizit (unbewusst) erlernen.
      Leider fehlt auch hier die Möglichkeit der Untersuchung hinsichtlich einer frühen Bilingualität, was wohl daraus resultieren dürfte, dass gehörlose Mütter ihrem Kind nicht zwei Variationen von Gebärdensprachen beibringen. Aber ansonsten ist die Arbeit von Liebisch sehr aufschlußreich.
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    • Sprache wird nach bisheriger Betrachtung wesentlich durch zwei Dinge bestimmt. Zum einen die intersubjektive Kommunikation, welche das rhizomatische Konzept durchgängig plausibel macht. Zum anderen die objektiv erfahrene Lebenswelt, an der sich vor allem Sprachinhalte und Bedeutungen teilweise verankern ließen. Da diese Lebenswelt auch in unterschiedlichen Sprachgruppen gegeben ist, wäre auch Chomskys Universalgrammatik plausibel genug, um eine sinnvolle Interpretation von Sprachentstehung zu gewinnen. Beide könnten also sowohl als auch zutreffend sein. Jedoch muss hier nicht zwingend eine Entscheidung für oder wider getroffen werden, denn der unübersehbare Vorteil des rhizomatischen Modells ist, dass es Hierarchien nicht völlig ausschließt. Grammatik also auch nur ein inherenter Teil des Rhizoms wäre. Was auch prinzipiell zum Verhältnis Objektivität und Sprache passen würde, denn Sprach-Varietäten würden somit zu keinerlei Widersprüchen zu einer grundlegenden Grammatik führen.
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    • Die bisherige Betrachtung richtete sich vor allem auf die Individualentwicklung, also wie ein einzelner Mensch zur Sprache kommt. Ein weit tiefer greifendes Problem stellt sich allerdings mit der Frage wie entsteht Sprache historisch, denn die bereits in #5 angesprochenen Bedingungen (Lehrer / Lernender) sind ja bei der Individualentwicklung immer bereits vorhanden, der Mensch wird in dieses Verhältnis hineingeboren. Jedoch kann man nun nicht die historischen Anfänge in der Art beleuchten, wie es auf wissenschaftlicher Basis bei der Individualentwicklung möglich ist. So kann man zwar an Hand von archäologischen Befunden der Schädelstrukturen auf etwaige Voraussetzungen zum Spracherwerb schließen, etwa die unterschiedliche Größe des Neocortex bei den einzelnen Entwicklungsstufen hin zum Homo sapiens, jedoch bleiben die tatsächlichen intersubjektiven und objektiv wirkenden Zusammenhänge verschlossen. Die Beobachtung und Beurteilung dessen wird also andere Wege suchen müssen. So könnten z.B. Primaten als "Lieferant" solcher Beobachtungsmöglichkeiten herangezogen werden. Diese sind dem Menschen der Evolutionstheorie nach in ihrer Gesamtheit am nächsten. Doch hier ist Vorsicht geboten. Wer glaubt, damit einen ungetrübten Blick in die Vergangenheit zu bekommen, hat die Evolutionstheorie vergewaltigt. Auch Primaten sind zum einen bereits in dieses Verhältnis (Lehrer / Lernender) eingebunden und zum anderen unterliegen natürlich auch sie der Evolution - sie sind keine Wesen aus einer längst vergangenen Zeit. Die Anfänge der Sprache finden bei ihnen also nicht im Heute statt. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass sie einen gewissen Bezug zur Sprachfähigkeit haben. So ist z.B. bekannt, dass sie sich gegenseitig mit konkreter Akustik vor Gefahren warnen oder auch dass sie eine prozesshafte Sprachsymbolik "logisch" verstehen können (vgl. Wie nehmen Affen Laute wahr S.22ff). Was sich auf diesem Weg also erkennen ließe, sind sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten beim Individualerwerb von Sprache zwischen Menschen und Affen. Aber kann dies auch erklären, wie Sprache an sich entsteht?
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      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Sprache setzt vor allem Wahrnehmung, Rationalität und Sozialität voraus.
      Ich denke der Faktor der uns in die Situation gebracht hat in der wir heute sprachlich sind, hat vor allem was mit Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Komplexität zu tun. Sprache ist insofern nur ein erweitertes komplexes System von Wahrnehmung, Denken und kommunikativem Verhalten, das durch bestimmte soziale und menschliche pragmatische Veränderungen potenzialisiert/prozessualisiert und WEITERentwickelt wurde.

      Sprache ist wie Information ein an sich offenes und unendliches System, wird aber vom Akteur in menschlichen Grenzen ausgeführt.
      Diese Grenzen sind aber nicht universal zwanghaft. Es ist also ein konkret objektgebundener Zwang der Sprache erzeugt (menschlicher Nutzen) und doch damit die Eigenschaft, als kreatives und FEHLBARES Repräsentationssystem der Realität ein zwanghaft offenes und nur RELATIV GEORDNETES System zu sein, offenlegt.

      Sprache und Wissen könnte man also als Rhizom verstehen, genau so wie die gesamte Existenz.
      Rhizome lassen es auch zu, das unabhängige Systeme aus dem selben Ursprung entstehen (für den reduktionismus).

      Insofern nimmst du dein bestehendes Netzwerk von Existenzen, das man als Rhizom beschreiben kann, wobei mir die Bezeichnung RELATIV ABHÄNGIGES UND DYNAMISCHES/TRANSFORMATIVES SYSTEM schon ausreicht, und TAGST (stattest aus) jede Existenz mit einem Symbol und einer präzisen Definition.
      Schon hast du ein ad-hoc wahrheit-konstruierendes Sprachsystem was du auch als Rhizom bezeichnen könntest.
      :D

      wie gesagt, die Systemtheorie reicht aus um diese Verhältnisse zu beschreiben, Rhizom erinnert da irgendwie nur an Spiel-Theorie ;)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von wowie ()