Gehirn, Geist und Sprache (1): Hackers sprachphilosophische Kritik

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    • Gehirn, Geist und Sprache (1): Hackers sprachphilosophische Kritik

      Aus dem Klappentext: "Im ersten Teil des Buches wird das zentrale Argument von Bennett und Hacker präsentiert, das unter anderem jene begrifflichen Verwirrungen offenlegt, denen Neurowissenschaftler allzu häufig unterliegen, wenn sie aus ihren empirischen Forschungen die bekannten weitreichenden Schlussfolgerungen etwa über das Wesen des Menschen ziehen."

      In diesem Thread wird die sprachanalytische Kritik Hackers vorgestellt und diskutiert. Dies ist ein Lesethread zu diesem Buch. Die Kenntnis des original Textes oder vergleichbare (Internet)-Quellen wird also vorausgesetzt.

      Zugleich werden zwei weitere Threads starten, die sich der Kritik Hackers an Searle bzw. Dennett widmen. Der ursprüngliche Hauptthread wird geschlossen.

      Zudem gibt es einen Freestyle-Thread, der ohne Textkenntnisse genutzt werden kann und bereits läuft! HIER

      Hackers sprachanalytische Kritik

      Disput Hacker/Searle

      Disput Hacker/Dennett

      Englische Originalausgabe als PDF

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von rob () aus folgendem Grund: Zusätzlicher Link auf Wunsch von Jörn hinzugefügt

    • Teil-Ganzes-Beziehungen unterliegen "begrifflicher Wahrheit"

      Hacker erläutert zunächst seinen erkenntnistheoretischen Standpunkt.

      Hacker; Neuro + Philo, S. 16-17 (einige Absätze von mir) schrieb:

      Empirische Fragen, die das Nervensystem betreffen, gehören zum Gebiet der Neurowissenschaft. Deren Aufgabe ist es, Sachverhalte aufzuzeigen, die sich auf neuronale Strukturen und Wirkungen beziehen. Der kognitiven Neurowissenschaft obliegt es, jene neuronalen Bedingungen zu erklären, die perzeptuelle, kognitive, kogitative, affektive und volitionale Fähigkeiten ermöglichen. Diese erklärenden Theorien werden durch experimentelle Untersuchungen bestätigt oder widerlegt.

      Zum angestammten Bereich der Philosophie hingegen gehören sowohl begriffliche Fragen (bei denen es etwa um Begriffe wie "Geist" oder "sich erinnern", "denken" oder "sich etwas vorstellen" geht) als auch die Beschreibung der logischen Beziehungen zwischen Begriffen wie "Wahrnehmung" und "Empfindung", "Bewußtsein" und "Selbstbewußtsein" sowie die Untersuchung der strukturellen Beziehungen zwischen verschiedenen Begriffsfeldern wie dem Psychischen und dem Neuronalen oder dem Menschen und dem Verhalten.

      Begriffliche Fragen kommen vor allen Überlegungen, die Wahrheit und Falschheit betreffen. Bei diesen Fragen geht es [|] nicht um die Wahrheit oder Falschheit empirischer Aussagen, sondern um unsere Formen der Darstellung. Diese Formen werden von wahren (und falschen) erfahrungswissenschaftlichen Aussagen ebenso vorausgesetzt wie von zutreffenden (und unzutreffenden) erfahrungswissenschaftlichen Theorien.

      Sie bestimmen nicht, was empirisch wahr oder falsch ist, sondern was Sinn hat und was nicht. Daher sind begriffliche Fragen weder erfahrungswissenschaftlichen Untersuchungen und Experimenten noch erfahrungswissenschaftlichen Theorien zugänglich. Denn die Begriffe und die begrifflichen Beziehungen, um die es hier geht, werden von allen derartigen Untersuchungen und Theorien vorausgesetzt. Dabei geht es uns nicht um die Grenzen zwischen den Zuständigkeitsbereichen verschiedener Gewerkschaftsorganisationen, sondern um Unterscheidungen zwischen logisch verschiedenen Formen der theoretischen Forschung.

      Die Unterscheidung zwischen begrifflichen und empirischen Fragen ist von größter Bedeutung. Wird eine begriffliche Frage mit einer erfahrungswissenschaftlichen verwechselt, muß das Problem überaus widerspenstig wirken.

      Nun fehlt nur noch ein kleiner Zwischenschritt, um Hackers Hauptargument in der Neurodebatte zu erreichen. Der Zwischenschritt lautet: Fasst man Teil-Ganzes-Beziehungen falsch auf, liegt ein mereologischer Fehlschluss vor. Eine solche Falschauffassung ist nach Hacker nun nicht empirisch falsch, sondern begrifflich falsch, weil sie "begrifflicher Wahrheit" widerspricht.

      Darum sagt Hacker:

      Hacker, S. 19-20 schrieb:

      Doch ihre [der Neurowissenschaften] Entdeckungen ängern gar nichts an der begrifflichen Wahrheit, daß diese Fähigkeiten und deren Ausübung in der Wahrnehmung wie im Denken und Fühlen Eigenschaften von Menschen sind, nicht Eigenschaften ihrer Teile, insbesondere nicht des Gehirns.

      Man kann dies auch in folgend These packen: Nicht Wissenschaft, sondern ausschließlich Philosophie untersucht Ganzes-Teil-Beziehungen, denn solche Beziehungen unterliegen begrifflicher Wahrheit und nicht empirischer Wahrheit.

      Ist das so?
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln).

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • Fliege schrieb:

      Man kann dies auch in folgend These packen: Nicht Wissenschaft, sondern ausschließlich Philosophie untersucht Ganzes-Teil-Beziehungen, denn solche Beziehungen unterliegen begrifflicher Wahrheit und nicht empirischer Wahrheit.

      Diese These gibt nicht korrekt wieder, was Hacker oben ausgeführt hat:

      "Denn die Begriffe und die begrifflichen Beziehungen, um die es hier geht, werden von allen derartigen [erfahrungswissenschaftlichen] Untersuchungen und Theorien vorausgesetzt. Dabei geht es uns nicht um die Grenzen zwischen den Zuständigkeitsbereichen verschiedener Gewerkschaftsorganisationen, sondern um Unterscheidungen zwischen logisch verschiedenen Formen der theoretischen Forschung."

      "Theoretische Forschung" ist hier der Oberbegriff von Erfahrungswissenschaft und Philosophie. Auch Erfahrungswissenschaft ist insofern Theorie, als sie nicht ohne Begriffe, Begriffsdefinitionen, Grundsätze, logische Ableitungen usw. auskommt. Wenn man Philosophie - wie Hacker - als methodische Reflexion auf unseren - wissenschaftlichen und vorwissenschaftlichen - Begriffsgebrauch versteht, dann überschneiden sich also die Tätigkeitsbereiche von Erfahrungswissenschaftlern und Philosophen, und "sich überschneiden" bedeutet nicht: "sich ausschließen".


      Diese soeben von mir angestellte Überlegung ist ein Beispiel für die Art von begrifflicher Sinn-Klärung, die Hacker im Auge hat. Ein weiteres Beispiel aus dem Begleitthread:

      Ein User behauptet, dass zwischen Denken und Hirnaktivität eine (kausale) Wechselwirkung besteht. Nun fragt sich: Ist "Wechselwirkung" physikalisch gemeint? Dann müssten die beiden wechselwirkenden Sachverhalte physikalisch beschreibbar - d.h. vor allem: messbar - sein. Denn die Physik handelt nur von Gegenständen mit messbaren Eigenschaften. Wenn aber mit "Denken" kein physikalisches Objekt gemeint ist, dann verliert auch der Ausdruck "Wechselwirkung" seinen empirisch kontrollierbaren Sinn. Sollte die messbare Hirnaktivität als hinreichender Beleg für die physikalische Realität des Denkens aufgefasst werden, dann wird ebenfalls unklar, was da noch "wechselwirkt". Eine Wechselwirkung zwischen lokaler Hirnaktivität A und lokaler Hirnaktivität B ist zwar denkbar, aber das ist eben keine Wechselwirkung zwischen DENKEN und Hirnaktivität. Und um die ging es ja.

      Solche Überlegungen begrifflicher, logischer Art sind, wie man leicht sehen kann, keine empirischen Beschreibungen, obwohl sie für eine erfolgreiche empirische Erforschung von Denken und Hirnaktivität grundlegend sind. Denn wenn der Experimentator nicht weiß, wo er Denken beobachten bzw. wie er es der Beobachtung zugänglich machen kann, kann er auch keine empirischen Befunde über den Zusammenhang von Denken mit anderen empirischen Sachverhalten beibringen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hermeneuticus ()

    • Hermeneuticus schrieb:

      Fliege schrieb:

      Man kann dies auch in folgende These packen: Nicht Wissenschaft, sondern ausschließlich Philosophie untersucht Ganzes-Teil-Beziehungen, denn solche Beziehungen unterliegen begrifflicher Wahrheit und nicht empirischer Wahrheit.

      Diese These gibt nicht korrekt wieder, was Hacker oben ausgeführt hat:
      "Denn die Begriffe und die begrifflichen Beziehungen, um die es hier geht, werden von allen derartigen [erfahrungswissenschaftlichen] Untersuchungen und Theorien vorausgesetzt. Dabei geht es uns nicht um die Grenzen zwischen den Zuständigkeitsbereichen verschiedener Gewerkschaftsorganisationen, sondern um Unterscheidungen zwischen logisch verschiedenen Formen der theoretischen Forschung."

      "Theoretische Forschung" ist hier der Oberbegriff von Erfahrungswissenschaft und Philosophie. Auch Erfahrungswissenschaft ist insofern Theorie, als sie nicht ohne Begriffe, Begriffsdefinitionen, Grundsätze, logische Ableitungen usw. auskommt. Wenn man Philosophie - wie Hacker - als methodische Reflexion auf unseren - wissenschaftlichen und vorwissenschaftlichen - Begriffsgebrauch versteht, dann überschneiden sich also die Tätigkeitsbereiche von Erfahrungswissenschaftlern und Philosophen, und "sich überschneiden" bedeutet nicht: "sich ausschließen".

      Hacker hat im Zitat wohl zu weitschweifig und daher leider auch zu unklar formuliert. Ergänzend können wir dessen Kurzfassung in der Erwiderung auf Dennett und Searle heranziehen:

      Hacker; Neuro + Philo, S. 180 schrieb:

      Die kognitive Neurowissenschaft ist experimentelle Forschung mit dem Ziel, empirische Wahrheiten über die neuronalen Grundlagen der Fähigkeiten von Menschen [...] herauszubekommen. Sinn ist eine Voraussetzung der Wahrheit. Wenn eine Wortgebilde keinen Sinn hat, wird es auch keine Wahrheit zum Ausdruck bringen. Und wenn es keine Wahrheit ausdrückt, kann es nichts erklären. Die philosophische Untersuchung der begrifflichen Grundlagen der Neurowissenschaft verfolgt das Ziel der Ermittlung und Klärung begrifflicher Wahrheiten, die von triftigen Beschreibungen der Entdeckungen und Theorien im Bereich der kognitiven Neurowissenschaften vorausgesetzt werden und als Bedingungen der Sinnhaftigkeit solcher Beschreibungen fungieren.

      Da überschneiden sich keine Zuständigkeitsbereiche, sondern ausschließlich Philosophie gibt "begriffliche Wahrheiten" an, die als verbindliche Voraussetzungen von Wissenschaft zu übernehmen sind (Normativismus bei Hacker), andernfalls produziert Wissenschaft bloß Unsinn.

      Das ergibt (ich wiederhole unverändert die betreffende Passage): Nicht Wissenschaft, sondern ausschließlich Philosophie untersucht Ganzes-Teil-Beziehungen, denn solche Beziehungen unterliegen begrifflicher Wahrheit und nicht empirischer Wahrheit.

      Was meinen andere?
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln).

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • Ich kann auch in dem weiteren Zitat keinen Anhaltspunkt für eine strikte Arbeitsteilung zwischen Philosophie und empirischer Forschung erkennen. Das wäre ja auch gar nicht sinnvoll, weil, wie gesagt, auch empirische Forschung begriffliche Grundlagen/Voraussetzungen hat (z.B. in Form von Hypothesen). Soweit sich Erfahrungswissenschaftler mit diesen theoretischen Grundlagen ihrer Wissenschaft befassen, tun sie dasselbe, worauf Philosophen spezialisiert sind: sie führen logisch-begriffliche Reflexionen durch, um die Stimmigkeit ihrer begrifflichen Voraussetzungen (deren "Sinn") zu prüfen.
      Der Unterschied zwischen den verschiedenen Aufgabenbereichen der Forschung ist keiner von unterschiedlichen Personengruppen oder Berufen, sondern ein sachlicher, logischer. Zur empirischen Forschung gehören beide Bereiche: Begriffliche Klärung und (experimentelle) Datenbeschaffung.

      Würde Hacker wirklich meinen, dass die begriffliche Reflexion ausschließlich die Philosophie bzw. die Philosophen anginge, wäre es doch absurd, dass er engstens mit Bennett, dem empirischen Hirnforscher, zusammenarbeitet.
    • Fliege schrieb:

      Das ergibt (ich wiederhole unverändert die betreffende Passage): Nicht Wissenschaft, sondern ausschließlich Philosophie untersucht Ganzes-Teil-Beziehungen, denn solche Beziehungen unterliegen begrifflicher Wahrheit und nicht empirischer Wahrheit.

      Was meinen andere?

      Ich meine genau das Gegenteil, Fliege :) Nehmen wir ein Beispiel, das auch Hacker (ähnlich) nutzt: Fliegen Motoren oder Flugzeuge? Diese Frage kann - nach Hacker - nur der Philosoph erörtern (oder ein Ingenieur, indem er philosophiert). Warum aber das Flugzeug mit diesem Motor hervorragend fliegt, aber mit jenem nicht, das wiederum untersucht nur der Ingenieur (oder Wittgenstein, insofern er als Ingenieur arbeitet :) um ein Beispiel zu nehmen, was dir besonder schwer im Magen liegen könnte :-).

      Das ergibt nach meiner Ansicht für die obige Frage: Nur die Wissenschaft untersucht, welche Neuronen wie feuern müssen, damit wir lachen können. Der Philosoph achtet nur darauf, dass die Wissenschaftler nicht voreilig behaupten, die Neuronen lachen :) Nur die Wissenschaft untersucht also empirisch Ganzes-Teil-Beziehungen, die Philosophie schaut ihr - nach Hacker - dabei nur aufs Maul.
    • Hermeneuticus schrieb:

      Das wäre ja auch gar nicht sinnvoll, weil, wie gesagt, auch empirische Forschung begriffliche Grundlagen/Voraussetzungen hat (z.B. in Form von Hypothesen).

      Es ist eines - angeblich - begriffliche Voraussetzungen zu haben, aber ein anderes über sie zu reflektieren. Mit anderen Worten: deine Folgerung ist daneben, weil das (angebliche) Haben von Voraussetzungen natürlich noch keine Philosophie ist.
    • Fliege schrieb:

      Nicht Wissenschaft, sondern ausschließlich Philosophie untersucht Ganzes-Teil-Beziehungen, denn solche Beziehungen unterliegen begrifflicher Wahrheit und nicht empirischer Wahrheit.
      Diese These gibt schon wieder, was Hacker meint.
      Beschäftigt sich aber ausschließlich die Philosophie mit Ganzes-Teil-(G-T-)Beziehungen? Im Rahmen der Mereologie erhebt sie sicher den Anspruch auf eine Deutungshoheit über G-T-Beziehungen als abstrakte Konzeption. In den empirischen Wissenschaften werden aber ebenfalls ständig Zusammenhänge hergestellt, die in einer G-T-Beziehung zueinander stehen. Diese Zusammenhänge können praktischer Natur sein, wenn beispielsweise ein neuronaler Ablauf auf physiologische Prozesse reduziert wird. Sie sind auch theoretischer Natur, in der Deduktion und der Induktion.

      Nicht jedesmal muss offenbar die Mereologie zu Rate gezogen werden, um gewisse G-T-Beziehungen fest- oder klarzustellen. Ich nehme an, die Mereologie hat nur da Sinn, wo es zu Problemen bei der Klärung der G-T-Beziehungen kommt. Also entweder bei ganz abstrakt-formalen Systemen (z. B. in der Mathematik), oder bei Systemen, welche die Leib-Seele-Problematik behandeln, die also an der Schnittstelle von Körper und Geist angesiedelt sind. Hacker liegt demnach richtig bei der Anwendung mereologischer Überlegungen (die mechanischen Beispiele wären allerdings falsch).

      Kann mit diesen Überlegungen jemand was anfangen?
      Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind. (A. Camus)
    • Hermeneuticus schrieb:


      Ein User behauptet, dass zwischen Denken und Hirnaktivität eine (kausale) Wechselwirkung besteht. Nun fragt sich: Ist "Wechselwirkung" physikalisch gemeint? Dann müssten die beiden wechselwirkenden Sachverhalte physikalisch beschreibbar - d.h. vor allem: messbar - sein. Denn die Physik handelt nur von Gegenständen mit messbaren Eigenschaften. Wenn aber mit "Denken" kein physikalisches Objekt gemeint ist, dann verliert auch der Ausdruck "Wechselwirkung" seinen empirisch kontrollierbaren Sinn.

      Du meinst ,dass es keinen Sinn hat ,dem Denken eine physikalischen Wirkung zuzuschreiben.

      Aber wenn z.B. Telekinese gelänge ,dann wäre es durchaus sinnvoll zu sagen, dass der Gedanke ( in Form eines Wollens) die Bewegung der Materie bewirkt hat. Das jedoch ist keine Frage der Sinnhaftigkeit ,sondern der Empirie.
    • Riha schrieb:

      Aber wenn z.B. Telekinese gelänge ,dann wäre es durchaus sinnvoll zu sagen [...]
      Ja, und wenn der Heilige Geist sich auf Erden materialisieren würde und zu den Menschen spräche: "Leute, das mit eurem Leib-Seele-Problem, das ist doch ganz einfach, passt gut auf..." :LtD:

      Sorry.
      Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind. (A. Camus)
    • Wenn Fliege darauf hinaus will, dass Hacker auf eine strenge Trennung der Kompetenzbereiche von Naturwissenschaften und Philosophie aus ist, gebe ich ihm aber natürlich recht. Hacker ist einer der letzten Ritter der analytisch/syntetisch Unterscheidung - er wendet sich dabei auch ganz explizit gegen Quine. Weder Searle noch Dennett sehen das natürlich so. Und damit ist natürlich ein Kernpunkt des Streites benannt.
    • Ich glaube nicht, dass das ein Kernpunkt des Streites ist. Der Kernpunkt des Streites ist mE der "mereologischer Fehlschluss" und "Homunkulus-Fehlschluss"-Vorwurf.

      Auch wenn Hacker mit seiner Auffassung einer strikten Trennung zwischen Philosophie und Naturwissenschaft nicht überzeugen sollte, man die als falsch ansieht, (wie auch immer), hat das wenig mit dem o.g. Kernpunkten zu tun.

      Eine Argumentation derart: "Hacker liegt da falsch, also liegt er überall falsch" halte ich für grundverkehrt.
    • Was ich glaube

      Riha:
      Du meinst ,dass es keinen Sinn hat ,dem Denken eine physikalischen Wirkung zuzuschreiben.

      Wenn Denken kein physikalisches Objekt mit messbaren Eigenschaften ist, dann hat das in der Tat keinen Sinn.
      Ich glaube nicht, dass es Denken ohne Gehirnaktivität gibt. Wenn es aber nicht gelingt, Denken und Gehirnaktivität als distinkte Entitäten zu fassen, dann ist es Unsinn, von einer Wechselwirkung oder einer kausalen Wirkung des einen aufs andere zu sprechen.

      Ich halte sowohl das Denken als auch physikalische Objekte für real. Aber ich glaube nicht, dass unser Erleben die ganze Realität erfasst, sowenig wie ich glaube, dass physikalische Beschreibungen die ganze Realität erfassen. Darum würde ich zögern, die Wirklichkeit unseres Erlebens (hier: Denkens) einerseits und die von unserer Physik beschriebene Wirklichkeit andererseits für selbständige Seiende-an-sich zu halten, zwischen denen dann sekundär so und so geartete Beziehungen oder Wechselwirkungen stattfinden können.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hermeneuticus ()

    • @Jörn

      Das mag sein, aber falls so, finde ich diesen Punkt wenig interessant. Interessanter finde ich die anderen Einwände von Hacker ("mereologischer Fehlschluss" und "Homunkulus-Fehlschluss").

      Ich denke erst mal, dass, auch wenn Hacker mit seiner Auffassung einer strikten Trennung von Philosophie/Naturwissenschaft nicht richtig liegen sollte, das nichts von der Stichhaltigkeit seiner anderen Einwände nimmt. Dass, mit anderen Worten, es hier nicht reicht, die eine Auffassung zurückzuweisen und zu meinen. damit seien auch seine anderen Auffassungen erledigt.
    • Jörn schrieb:

      Hacker ist einer der letzten Ritter der analytisch/syntetisch Unterscheidung - er wendet sich dabei auch ganz explizit gegen Quine. Weder Searle noch Dennett sehen das natürlich so. Und damit ist natürlich ein Kernpunkt des Streites benannt.

      Fragt sich nur noch, ob denn Hackers Unterscheidung sachlich falsch ist.

      Sind methodische Fragen, Fragen nach der Bedeutung von Begriffen, von Grundsätzen, Fragen nach logischer Schlüssigkeit usw. denn empirisch zu beantworten? Hat Quine, der sich ja viel mit Logik beschäftigte, wirklich behauptet, dass man Fehlschlüsse durch empirische Datensammlungen feststellen und korrigieren kann? Kann man die Wahrheit des Satzes "4 x 9 = 36" durch Meinungsumfragen belegen oder widerlegen? Ist das empirische Faktum, dass die Personen P. Q, R der Ansicht sind, der Satz "Wenn A = B und C = D, dann A = D" sei wahr, während S, T, U ihn für unwahr halten, für die Wahrheit/Unwahrheit des Satzes in irgendeiner Weise relevant?
    • Her K. schrieb:

      Dass, mit anderen Worten, es hier nicht reicht, die eine Auffassung zurückzuweisen und zu meinen. damit seien auch seine anderen Auffassungen erledigt.

      Wenn es darum ginge, diese Auffassung in einem Nebensatz zu verwerfen, hätte ich mir kaum die Mühe gemacht, diverse Threads zu eröffnen und die gescheitesten Köpfe des Forums zum Streiten einzuladen :)

      Die Ansichten, die Hacker vertritt, hielt ich über viele Jahre hinweg (im Großen und Ganzen) für eine philosophische Selbstverständlichkeit. Und manches davon ist es auch; das sehen übrigens auch Dennett und Searle so, die beide in ihren Aufsätzen auf die (nicht unerheblichen) Gemeinsamkeiten hinweisen. Erst sehr langsam kamen mir diesbezüglich (leise) Zweifel. Dennetts Aufsatz hat mich dann endgültig aus dem "dogmatischen Schlummer" geweckt.

      Im Moment sitze ich zwischen den Stühlen, aber mit einer Arschbacke noch auf dem Hackersitz. Was mich also interessiert, ist eine Diskussion, die mich philosophisch weiter bringt. Wenn manche meiner Formulierungen etwas polemisch klingen ("letzte Ritter der analytisch/syntetisch-Unterscheidung") dann einfach, weil ich manchmal Lust auf rhetorische Kalauer und Übertreibungen habe :) Zudem hat Hacker eine Art und Weise zu schreiben, die (mich) förmlich zu drastischen Widerspruch herausfordert.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • Geworfener schrieb:

      Riha schrieb:

      Aber wenn z.B. Telekinese gelänge ,dann wäre es durchaus sinnvoll zu sagen [...]
      Ja, und wenn der Heilige Geist sich auf Erden materialisieren würde und zu den Menschen spräche: "Leute, das mit eurem Leib-Seele-Problem, das ist doch ganz einfach, passt gut auf..." :LtD:

      Sorry.

      Dein ob. Satz ist ein sinnvoller Satz ,denn es ist klar ,was damit gemeint ist. Aber für die Existenz des Heiligen Geistes spricht keinerlei empirische Erfahrung, deshalb glaube ich nicht ,dass es ihn gibt.
    • Wittgenstein meint (zunächst Tractatus, 4.112; dann Philosophische Untersuchungen, § 109): "Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken", "[d]as Resultat der Philosophie [...] das Klarwerden von Sätzen"; "Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache".
      Hacker findet (Neuro + Philo, S. 16): "Begriffliche Fragen kommen vor allen Überlegungen, die Wahrheit und Falschheit betreffen."
      Janich sieht es ganz ähnlich (Kein neues Menschenbild - Zur Sprache der Hirnforschung, 2009, S. 10; zitiert nach Kritikon-Rezension, Dezember 2009): "Sprachkritik ist die wichtigste Aufgabe, die die theoretische Philosophie heute übernehmen kann".

      Wie könnte dazu der weltanschauliche Hintergrund aussehen?
      Ich schlage zur Charakterisierung dieses Hintergrundes folgende Skizze vor (von Martin Morgenstern, Apriorismus; Website): "Der logische Idealismus der Marburger Schule ist eine Theorie apriorischer Erkenntnis. Die ursprüngliche Absicht, die Cohen in seiner Logik der reinen Erkenntnis (1902) verfolgt, besteht darin, das System der reinen Erkenntnisse zu entwickeln, das von den exakten Wissenschaften vorausgesetzt wird. In dem Begriff der reinen Erkenntnis versucht Cohen, die Konzeptionen Platons und Kants miteinander zu verknüpfen. [...] Alles Denken und Erkennen bewegt sich immer schon in diesem selbst geschaffenen begrifflichen Rahmen. Die Möglichkeit reiner oder apriorischer Erkenntnis erklärt der logische Idealismus durch die Erneuerung des alten eleatischen Grundsatzes der Identität von Denken und Sein."

      Was hat es mit "begrifflicher Wahrheit" auf sich?
      Ich befüchte, "begriffliche Wahrheit" soll (bei und nach Hacker und anderen) einer angeblichen "Identität von Denken und Sein" entspringen. Damit wäre "Identität von Denken und Sein" als zentrale metaphysische These herausgestellt.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln).
    • Her K. schrieb:

      Der Kernpunkt des Streites ist mE der "mereologischer Fehlschluss" und "Homunkulus-Fehlschluss"-Vorwurf.



      Der Kernpunkt ist nach meiner Auffassung die Frage ,ob es eine sinnvolle Aussage ist ,wenn man dem Gehirn psychologische Eigenschaften zuschreibt.

      Dazu meine ich :

      Wenn jemand sagt : "Das Hirn denkt" kann man zu Recht sagen: Mir ist gar nicht klar ,was damit gemeint ist, das hat doch keinen Sinn (Bedeutung)

      Aber wenn ich sage: Die Gedanken des Menschen werden durch sein Gehirn verursacht, dann schreibe ich die Gedanken dem Gehirn als Eigenschaft (nicht als Substanz ,denn Gedanken kann es ohne Hirn nicht geben) zu, und es ist mE auch klar ,was damit gemeint ist.

      Deshalb mein Fazit: Ja, man kann dem Gehirn sinnvoll psychologische Eigenschaften zuschreiben (siehe voriger Satz)