Warum gut sein?

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    • Riha schrieb:

      Warum bemühe ich mich, gut zu sein?

      Weil es dazu beiträgt,selbst in Freude leben können.


      Nun stell dir vor, die Gesellschaft pflegt ein gewisses, vielleicht sogar diffuses Bild vom Gutsein und honoriert Verhalten, die diesem Bild ähneln und straft solche, die sich davon distanzieren.
      Dann könnte man die Frage, warum ich mich bemühe, gut zu sein, einfach mit der Hoffnung, in der Gesellschaft entsprechend "gut wegzukommen", erklären oder mit der Angst, dem gesellschaftlichen Bild nicht zu entsprechen und entsprechende Reaktionen erwarten zu müssen.
      Die vermeintliche Freude, die ich dann empfinde, ist möglicherweise nur eine Form der Erleichterung und der Gewissheit, auf der sicheren Seite zu sein.
    • marcus d schrieb:

      Riha schrieb:

      Warum bemühe ich mich, gut zu sein?

      Weil es dazu beiträgt,selbst in Freude leben können.


      Nun stell dir vor, die Gesellschaft pflegt ein gewisses, vielleicht sogar diffuses Bild vom Gutsein und honoriert Verhalten, die diesem Bild ähneln und straft solche, die sich davon distanzieren.
      Dann könnte man die Frage, warum ich mich bemühe, gut zu sein, einfach mit der Hoffnung, in der Gesellschaft entsprechend "gut wegzukommen", erklären oder mit der Angst, dem gesellschaftlichen Bild nicht zu entsprechen und entsprechende Reaktionen erwarten zu müssen.
      Die vermeintliche Freude, die ich dann empfinde, ist möglicherweise nur eine Form der Erleichterung und der Gewissheit, auf der sicheren Seite zu sein.

      Ja, genau.

      Hier im Forum schrieb jemand : "Mutter Theresa tut Gutes ,weit Guttun der Mutter Theresa gut tut". Das bringt meine Auffassung zum Gutsein auf den Punkt. Im Endeffekt läuft alles,was ich tue, darauf hinaus , Freude oder wenigstens Erleichterung zu erleben. Ohne jegliche Freude gäbe es für mich auf die Frage "Wozu lebe ich?" keine befriedigende Antwort.
    • Die Frage, warum man sich ethisch verhalten solle (jenseits der bestehenden strafbewehrten Gesetze) ist außerordentlich schwierig, wenn nicht gar unmöglich zu beantworten. Manfred Immler hat sich mit der Frage einer rationalen Ethik befasst:

      religiosophie.de/immler_ethik.pdf

      Julian Nida-Rümelin behandelt hochkarätig die Frage "Warum moralisch sein?" anhand der Philosophiegeschichte und eigener Überlegungen:

      religiosophie.de/moralbegr%C3%BCndung.pdf

      Die Antworten dürften kaum geeignet sein, einen Menschen, der nur auf seinen Vorteil aus ist, auch zu Lasten anderer, zu überzeugen.

      Beispiele:

      1. A macht aus einem kleinen Versicherungsschaden ein großen; die Versicherung erstattet ihm € 1000 statt € 150. Anschließend ist A sehr zufrieden, klopft sich auf die Schulter und sagt, prima gelaufen. Warum sollte er die Gelegenheit nicht nutzen, sich auf Kosten der Versicherung einen Vorteil zu verschaffen? Schließlich zahlt er schon seit Jahren Prämien, ohne bisher etwas davon gehabt zu haben, so die Rechtfertigung.

      2. Der Vorstand eines global agierenden Unternehmens lässt in einem Entwicklingsland Menschen 16 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche für einen Hungerlohn arbeiten. Er erzielt so einen beachtlichen zusätzlichen Gewinn für sein Unternehmen und einen höheren Jahresbonus für sich. Wenn einer erkrankt oder verhungert, sind genug andere da, die den Job zu den Konditionen machen. Warum also sollte er ihnen mehr zahlen?

      3. Richard III. wollte ein Bösewicht sein, aus Machtinteresse. Viele Potentaten handeln so: sie lassen z. B. alle Familienmitglieder umbringen, die ihnen irgendwann einmal die Macht streitig machen könnten, auch solche, die noch Kinder sind. Dann lehnen sie sich zufrieden zurück und sagen zu sich, gut so, jetzt ist meine Macht und die meiner Dynastie auf Dauer gesichert.


      Was würden Sie einem streng katholischen Mafiosi sagen, der nicht einmal die bestehenden Gesetze beachtet? Dass er irrational handelt, wenn er keine Kohärenz zwischen seiner Religion und seiner Lebensführung herstellt? Der lacht Sie aus. (Die "Hölle" ist weit weg und man geht ja jede Woche zur Beichte und auf dem Totenbett kann man noch alles bereuen.)
      Zu der Frage, ob außerhalb unseres möglichen Erkenntnishorizonts irgend etwas ist, können wir nichts sagen, gar nichts.
      Wovon man nichts sagen kann, darüber sollte man schweigen.
      Annahmen über Seiendes außerhalb unserer Erkenntnismöglichkeiten sind reine Fantasie.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von king ()

    • sammler schrieb:

      .....

      2) Warum gut sein und nicht böse?

      .....
      Was denkt ihr?
      (Ihr könnt am besten mit Zahlen auch gern zu einem einzelnen Punkt etwas beitragen)


      Warum schon darüber nachdenken, ob man gut oder böse sein soll, wenn gar nicht klar ist, was überhaupt gut oder böse/schlecht ist?

      Man denke, in diesem Zusammenhang z.B. an G.E. Moores Argument der offenen Frage

      de.wikipedia.org/wiki/George_E…rgument_der_offenen_Frage

      oder

      an Nietzsches Genealogie der Moral
    • Joachim Stiller schrieb:

      Aber man kann des Gute negativ fassen:

      Gut ist, was niemandem schadet. Diese Möglichkeit hatte Moore nicht bedacht...

      Gruß Joachim Stiller Münster



      Man kann jedoch auch in diesem Fall fragen, ohne dass diese Frage sinnlos erscheint: Ist es auch gut niemanden zu schaden?

      Meiner Meinung nach ist es nicht gut, niemanden zu schaden. Man denke z.B. an das organisierte Verbrechen oder diktatorische Regime.
    • marcus d schrieb:

      Joachim Stiller schrieb:

      Aber man kann des Gute negativ fassen:

      Gut ist, was niemandem schadet. Diese Möglichkeit hatte Moore nicht bedacht...

      Gruß Joachim Stiller Münster


      Der Gang aufs Örtchen wäre demnach gut.
      Einem Unfallopfer erste Hilfe zu leisten wäre ebenfalls gut.
      Ein Auto Umparken wäre auch gut.
      Und es wäre gut gewesen wenn Moore das bedacht hätte.

      Die Frage ist aber, ob man mit so einer Definition die Frage nach dem Guten verstehbarer macht. Denn eigentlich verkompliziert es die Sache weiter um die Frage: Was ist ein Schaden?
      Insofern ist durch eine solche Defintion nichts gewonnen.
    • Mal_Nach_Denken schrieb:

      Insofern ist durch eine solche Defintion nichts gewonnen.

      Joachim Stiller schrieb:

      Definier bitte "gewonnen".

      Ich sehe zwei Möglichkeiten:
      1. Entweder versteht Stiller die Pointe nicht,
      2. oder Stiller macht einen Witz (wenn auch mit schwacher Pointe).
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Mal_Nach_Denken schrieb:

      Man denke z.B. an das organisierte Verbrechen oder diktatorische Regime.

      Dies führt dazu, dass man abwägen muss, wieviel "Böses" man tun darf, um unterm Strich was Gutes rauszubekommen. Ist es richtig, jemanden zu foltern, um das Versteck des gekidnappten Kindes zu erfahren? Darf man einen Mord begehen, um einen Diktator loszuwerden? Wie stehts mit einem Terroristen? Darf man Menschen ohne Chance auf Verteidigung beliebig festhalten, weil sie mutmaßliche Terroristen sind?

      Neben dem Problem der Abwägung stellt sich für ein Rechtswesen auch die Frage, wie es zu solchen Grenzsituationen steht. Darf z.B. der Tyrannenmord verfassungsmäßig verankert werden? Ein weites Feld...
      Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind. (A. Camus)
    • Geworfener schrieb:

      Mal_Nach_Denken schrieb:

      Man denke z.B. an das organisierte Verbrechen oder diktatorische Regime.

      Dies führt dazu, dass man abwägen muss, wieviel "Böses" man tun darf, um unterm Strich was Gutes rauszubekommen. ....

      Das setzt aber voraus, dass man zuvor schon definiert hat, was gut ist und was schlecht. Aber ganz egal von welcher Defintion man ausgeht. Man kann diese Defintion immer in Frage stellen. Letztlich bleibt die eigene Beantwortung der Frage, was denn nun gut sei, immer eine Frage des persönlichen Geschmacks.

      Für den Nazi ist etwas anderes gut als für den Humanisten.
    • marcus d schrieb:

      Joachim Stiller schrieb:

      Aber man kann des Gute negativ fassen:

      Gut ist, was niemandem schadet.


      Der Gang aufs Örtchen wäre demnach gut.
      Einem Unfallopfer erste Hilfe zu leisten wäre ebenfalls gut.

      Hilfeleistung geht aber bereits über das obige Kriterium für das Gute (niemandem schaden) hinaus. Wenn man das Unfallopfer, ohne es zusätzlich zu maltretiereren, einfach links liegen ließe,wäre das nach ob. Def. auch schon gut.

      Nach meiner Auffassung ist das Gute nicht bloß "das Böse, was man lässt" ,sondern es muss auch Hilfsbereitschaft hinzukommen.
    • Relative Ethik

      Für mich am aufschlussreichsten war bisher der Beitrag von king, der sehr plakativ die Relativität von Ethik dargestellt hat. In gewisser Weise ist das Wertesystem einer bestimmten Gesellschaft irgendeine Schnittmenge aller Werte, vielleicht der Durchschnitt oder der kleinste gemeinsame Nenner (eher sowas wie ein komplexes Wechselspiel, ein Austarieren aller Einflüsse).

      Interessant ist, dass selbst in Gruppen, in denen noch radikalere Reglements als in dem sprichwörtlichen Wolfsrudel herrschen, also z. B. in Mafiaorganisationen, es einige erwünschte Eigenschaften gibt, die sie mit harmlosen Gruppen teilen (z. B. Loyalität). Ließen sich aus solchen Gemeinsamkeiten nicht allgemeingültige ethische Grundgesetze destillieren? Innerhalb von beliebigen sozialen Gruppen müssten doch sowas wie Bindungskräfte herrschen, ohne die sie auseinander brechen würden. Es kommt mir plausibel vor, dass sie auch in Form moralischer Imperative formuliert sein könnten.

      Ob sich jedoch eine rationale Ethik herleiten lässt, die immer und überall ihre Gültigkeit hat, wage ich zu bezweifeln. Dazu sind die möglichen Formen des Zusammenlebens zu vielfältig.
      Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind. (A. Camus)