Eine Frage zum Wert einer Ware

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    • Eine Frage zum Wert einer Ware

      Hallo,

      auf S. 52/53 des 1. Bandes erklärt Marx, wie Ware einen Wert bekommt, nämlich durch die in ihr vergegenständlichte Arbeit. Das Arbeitsquantum lässt sich über die Arbeitszeit messen.
      Hier schreibt Marx, dass das aber nicht sein kann, da z. B. ein langsamer Arbeiter mehr Zeit zum produzieren einer Ware braucht, deshalb müsste die Ware mehr Wert haben - das stimmt aber nicht.

      Soweit ich die Erklärung verstanden habe, hat eine Ware den höchsten Wert, wenn die in der Ware vergegenständlichte Arbeitszeit der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeitszeit entspricht.

      Wenn ein Arbeiter mehr oder weniger Arbeitszeit benötigt, dann ist die Ware weniger wert.

      Ich weiß aber nicht genau, ob ich das richtig verstanden habe. Stimmt das so?

      Ein Beispiel hab ich mir auch noch ausgedacht:
      Das Durchschnittsarbeitsquantum für die Herstellung der Ware A ist 1 Stunde.
      Also hat die Ware den höchsten Wert, wenn der Arbeiter für die Produktion von Ware A genau 1 Stunde braucht.
      Wenn er mehr oder weniger Produktionszeit braucht, hat die Ware weniger Wert.

      Ist das so richtig?
    • Nein, Deine Schlussfolgerung ist falsch eingestielt.

      Nehmen wir an, die gesellschaftlich notwendige (durchschnittliche) Arbeitszeit zum Backen eines Brotes beträgt eine Stunde. Dann kostet das Brot - sagen wir - eine Geldeinheit (GE). Und zwar immer, egal ob ein Bäcker es in 0,5 Stunden schafft, oder ob er 2 Stunden braucht. Im 1. Fall macht er einen Reibach, im zweiten schmälert es seinen Gewinn...

      Ich weiß jetzt nicht, ob es deutlich geworden ist. Die hergestelltne Waren entsprechen im Preis "immer" der gesellschaftlich notwendigen (durchschnittlichen) Arbeitszeit, egal ob einer schneller produzieren kann, oder langsamer ist... Gruß Joachim Stiller Münster
    • Ich glaube, wir reden aneinander vorbei.

      Marx selbst hat ein Beispiel gebracht.
      (Das Kapital - 1. Band; S. 53)
      [...] Nach der Einführung des Dampfwebstuhls in England z. B. genügte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln. Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung in der Tat nach wie vor dieselbe Arbeitszeit, aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die Hälfte seines früheren Werts. [...]


      Dieses Beispiel untermauert meine Vermutung.
      Wenn ich das Beispiel mal interpretieren darf: der Arbeiter hat hier durch den Einsatz des Dampfwebstuhls die Produktionszeit von Gewebe verkürzt. Er hat also Gewebe hergestellt, in dem weniger Arbeit vergegenständlicht ist, deshalb ist das produzierte Gewebe weniger wert. Sein Arbeitsquantum ist weniger als das Durchschnittsquantum.
      Stimmt das jetzt?

      Ich verstehe nicht genau, was Marx hier mit "nach wie vor dieselbe Arbeitszeit" meint, da der "englische Handweber" ja anscheinend mit dem "Dampfwebstuhl" schneller produziert hat, also die Arbeitszeit verkürzt hat?!

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    • Also, da sind 1 000 Handweber, die für je ein Tuch eine Stunde brauchen Durch den Einsatz der Dampfmachine verkürzt sich die gesellschafltich notwendige (durchschnittliche) Arbeitszeit auf 0,5 Stunden. Das bedeutet, das Tuch kann jetzt zum halben Prais produziert werden. Die verbleibenden Handarbeiter haben dann natürlich das Nachsehen, denn sie sind ab einem bestimmten Punkt in der Entwicklung nicht mehr konkurrenzfähig, und können ihren Laden dicht machen. Da hat es zum Beispiel in Deutschland die schlesischen Weberaufstände gegeben, die sich gegen den mechanischen Webstuhl zur Wehr setzten wollten. Es dürfte klar sein, wer am Ende das Kräftemessen gewonnen hat... Gruß Joachim Stiller Münster
    • Joachim hat schon recht. Der Wert einer Ware bestimmt sich allein durch die gesellschaftliche Durchschnittsarbeitszeit, das deckt sich auch mit der von Dir zitierten Textpassage, die ich mal aufgedröselt und kommentiert habe:

      Nach der Einführung des Dampfwebstuhls in England z. B. genügte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln.

      Das heißt, in einer bestimmten Menge Garn - sagen wir 1 kg - ist jetzt nur noch etwa halb so viel "gesellschaftlich notwenige Durchschnittsarbeitszeit" enthalten

      Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung in der Tat nach wie vor dieselbe Arbeitszeit,

      Der Handweber hat blöderweise keinen Dampfwebstuhl zur Verfügung, er braucht deshalb doppelt so lange, um 1 kg Garn herzustellen wie der gesellschaftliche Durchschnitt.

      aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die Hälfte seines früheren Werts.

      d.h. in einer Stunde ist er nur halb so produktiv wie der gesellschaftliche Durchschnitt. Zwar stellt er noch genauso viel Garn her wie vor der Einführung des Dampfwebstuhls, aber sein Arbeitsprodukt ist nur noch halb so viel wert.

      Der Wert wird also zwar durch die zur Herstellung der Ware benötigte Zeit bestimmt, dabei handelt es sich aber nicht um die Zeit des individuellen Produzenten, sondern um eine "abstrakte Durchschnittszeit", von der jeder einzelne Produzent mehr oder weniger abweicht.
      Beim Brand der einzigen Bibliothek auf Melmac sind beide Bücher verbrannt. Und eines davon war noch nicht einmal fertig ausgemalt.

      ALF
    • Hier sind ein paar Literaturempfehlungen. Das Buch von Sieferle ("Marx zur Einführung", Junius Verlag) kann ich empfehlen. Die meisten Anmerkungen und eigentlich alle Vorworte der MEW-Ausgabe würde ich eher ignorieren, solange es nicht rein historische Angaben sind (oder man genaueres über Sowjetideologie erfahren möchte). Kann sein, dass das in den Bänden, die nach 1990 erschienenen oder neu aufgelegt worden sind, anders ist, wahrscheinlich aber eher nicht.
      Beim Brand der einzigen Bibliothek auf Melmac sind beide Bücher verbrannt. Und eines davon war noch nicht einmal fertig ausgemalt.

      ALF