Kurze Problemlösung des Selbstwiderspruchs

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    • #phritz schrieb:

      Ich denke, wir können uns einig sein, dass dann, wenn ein solch widersprüchlicher Satz im Alltag vorkommt, er immer ohne Probleme richtig verstanden wird - eben weil der Kontext alles klar macht, oder genauer: Weil "Dieser Satz..." - also: ein anderer gemeinter Satz - immer im Kontext zu finden ist (siehe dazu meinen Startbeitrag oben)
      Ich habe damit nicht die geringsten Probleme :finger:

      Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es tatsächlich andere Ansätze der Lösungsversuche gibt. Und seien wir mal ehrlich: in der Alltagssprache sehen wir meistens davon ab Prädikate oder Ausdrücke der Metasprache zu verwenden (z.B. 'Dieser Satz hat fünf Wörter')
    • Woodshape (#phritz) schrieb:

      [...] in der Alltagssprache sehen wir meistens davon ab, Prädikate oder Ausdrücke der Metasprache zu verwenden (z.B. 'Dieser Satz hat fünf Wörter')

      Wenn einer häufiger falsche Aussagen trifft, dann möchte man irgendwann nicht mehr bloß falsche Aussagen durch wahre Aussagen ersetzen, also bloß die betreffenden Tatsachen erneut thematiseren, sondern man möchte thematisieren, dass einer nicht selten falsche Aussagen trifft. Zu diesem Zweck sind dann metasprachliche Ausdrücke auch in alltagssprachlichen Zusammenhängen unentbehrlich. So kommen Ausdrücke wie "wahr", "unwahr", "falsch", "widrig", "unrichtig" usw. in alltagssprachliche Aussagezusammenhänge auf einer Metaebene. Der Übergang von objekt- zu metasprachlicher Thematisierung kann abrupt erfolgen, so dass Kontexte auch für den Sprecher selber unklar bleiben. Dabei können dann sprachliche Unglücksfälle geschehen wie das Lügnerparadox.

      Daraus ergibt sich zudem, dass die beide Aussagen "Im Keller brennt Licht" und "Es ist wahr: im Keller brennt Licht" oder "Es ist wahr, dass im Keller Licht brennt" nicht identisch und auch nicht gleichbedeutend sind.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • Das stimmt natürlich Fliege. Das Problem des Lügnerparadox entsteht aber erst dann, wenn Prädikate der Metasprache auf denselben Satz angewendet werden - jemand müsste also explizit die Wahrheit einer alltagssprachlichen Behauptung äußern und das ist ein relativ konstruierter Fall.

      Natürlich können wir die Metasprache auch in der Alltagssprache verwenden. Wenn wir uns aber wirklich vor Augen führen, wie wir tatsächlich sprechen, dann sollte es ersichtlich sein, dass metasprachliche Prädikate eher ein seltener Fall sind.
      Dein Beispiel ist eigentlich ganz gut. Stellen wir uns jemanden vor, der häufiger falsche Aussagen trifft und wir wollen diese Person darauf aufmerksam machen. Üblicherweise würden wir doch sowas sagen wie 'das glaube ich dir jetzt nicht' oder 'du schwindelst doch' bzw. 'das denkst du dir doch nur aus' und dabei von der Metasprache absehen.
    • Fliege schrieb:

      Woodshape (#phritz) schrieb:

      [...] in der Alltagssprache sehen wir meistens davon ab, Prädikate oder Ausdrücke der Metasprache zu verwenden (z.B. 'Dieser Satz hat fünf Wörter')

      Wenn einer häufiger falsche Aussagen trifft, dann möchte man irgendwann nicht mehr bloß falsche Aussagen durch wahre Aussagen ersetzen, also bloß die betreffenden Tatsachen erneut thematiseren, sondern man möchte thematisieren, dass einer nicht selten falsche Aussagen trifft. Zu diesem Zweck sind dann metasprachliche Ausdrücke auch in alltagssprachlichen Zusammenhängen unentbehrlich. So kommen Ausdrücke wie "wahr", "unwahr", "falsch", "widrig", "unrichtig" usw. in alltagssprachliche Aussagezusammenhänge auf einer Metaebene. Der Übergang von objekt- zu metasprachlicher Thematisierung kann abrupt erfolgen, so dass Kontexte auch für den Sprecher selber unklar bleiben. Dabei können dann sprachliche Unglücksfälle geschehen wie das Lügnerparadox.

      Daraus ergibt sich zudem, dass die beide Aussagen "Im Keller brennt Licht" und "Es ist wahr: im Keller brennt Licht" oder "Es ist wahr, dass im Keller Licht brennt" nicht identisch und auch nicht gleichbedeutend sind.


      Ich verstehe nicht, wie Du auf diese letzte Behauptung kommst.

      Kannst Du das Unterstrichene erklären? Gib' ein Beispiel, in dem die Behauptung "X." und die Behauptung "Es ist wahr: X." oder die Behauptung "Es ist der Fall: X." bei konstantem Zeichenkontext nicht dasselbe bedeuten. Damit meine ich: ein Beispiel, in dem diese Sätze in diesem Zeichenkontext nicht ersetzt werden könnten, weil sonst der Sinn oder die Argumente dieses Kontexts geändert werden.

      Randbemerkung: Die beiden Pixelketten [ABZ] und [ABZ] sind identisch und haben keine sprachliche Bedeutung (da es keine Sätze sind). Dagegen: Die beiden Sätze "ABZ" und "ABZ" können gleiches bedeuten.
    • #phritz schrieb:

      Ich verstehe nicht, wie Du auf diese letzte Behauptung kommst.

      Kannst Du das Unterstrichene ['und auch nicht gleichbedeutend'] erklären? Gib' ein Beispiel, in dem die Behauptung "X." und die Behauptung "Es ist wahr: X." oder die Behauptung "Es ist der Fall: X." bei konstantem Zeichenkontext nicht dasselbe bedeuten. Damit meine ich: ein Beispiel, in dem diese Sätze in diesem Zeichenkontext nicht ersetzt werden könnten, weil sonst der Sinn oder die Argumente dieses Kontexts geändert werden.

      Tochter: Im Keller brennt Licht.
      Vater: Warum erzählst zu mir, im Keller brennt Licht, obwohl ich fast sicher bin, dass im Keller kein Licht brennt?
      T: Ich versuche dich zu verunsichern, damit du aufstehst und im Keller nachschaust.
      V: Du weißt, es gilt für dich die Regel, dass du für die nächste Woche kein Taschengeld bekommst, wenn du mir eine Lüge erzählst.
      T: Ja, und wenn du aufstehst, um meine Behauptung zu prüfen, und im Keller brennt doch Licht, dann kriege ich die TV-Fernbedienung für den ganzen Abend.
      V: Gut, die Wette gilt..

      Der Vater möchte nicht die geltende Regel ändern von: wenn du mir eine Lüge erzählst, dann bekommst du für die nächste Woche kein Taschengeld, in: wenn im Keller Licht brennt, dann bekommst du für die nächste Woche kein Taschengeld.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".

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    • Fliege schrieb:

      #phritz schrieb:

      Ich verstehe nicht, wie Du auf diese letzte Behauptung kommst.

      Kannst Du das Unterstrichene ['und auch nicht gleichbedeutend'] erklären? Gib' ein Beispiel, in dem die Behauptung "X." und die Behauptung "Es ist wahr: X." oder die Behauptung "Es ist der Fall: X." bei konstantem Zeichenkontext nicht dasselbe bedeuten. Damit meine ich: ein Beispiel, in dem diese Sätze in diesem Zeichenkontext nicht ersetzt werden könnten, weil sonst der Sinn oder die Argumente dieses Kontexts geändert werden.

      Tochter: Im Keller brennt Licht.
      Vater: Warum erzählst zu mir, im Keller brennt Licht, obwohl ich fast sicher bin, dass im Keller kein Licht brennt?
      T: Ich versuche dich zu verunsichern, damit du aufstehst und im Keller nachschaust.
      V: Du weißt, es gilt für dich die Regel, dass du für die nächste Woche kein Taschengeld bekommst, wenn du mir eine Lüge erzählst.
      T: Ja, und wenn du aufstehst, um meine Behauptung zu prüfen, und im Keller brennt doch Licht, dann kriege ich die TV-Fernbedienung für den ganzen Abend.
      V: Gut, die Wette gilt..

      Der Vater möchte nicht die geltende Regel ändern von: wenn du mir eine Lüge erzählst, dann bekommst du für die nächste Woche kein Taschengeld, in: wenn im Keller Licht brennt, dann bekommst du für die nächste Woche kein Taschengeld.


      Die beiden Sätze (siehe kursiv von Dir) sollten in dem Dialog vorkommen - und sollten dort ersetzt werden können. Das ist aber nicht der Fall.

      Worauf ich hinauswill: Es gibt ein Wahrheitstheorie, die auf Frege zurückgeht, und die besagt, dass das "wahr", oder die Prädikation "...ist wahr." redundant ist und immer weggelassen werden kann, ohne dass sich was ändert: de.wikipedia.org/wiki/Wahrheitstheorie#Redundanztheorie

      Wenn Du ein Gegenbeispiel gefunden hättest - oder gar eine Generierungsregel, um diese Gegenbeispiele zu produzieren - dann wäre diese Theorie unglaubwürdig geworden.
    • Der von dir verlinkte Wikipedia-Artikel gibt aber zugleich zu bedenken, dass die Wahrheits-Redundanztheorie natürlich nicht auf alle Sätze zutreffen kann, da es Sätze gibt, bei denen das Prädikat 'ist wahr' elementarer Bestandteil des Sinns bzw. der Aussage ist (und eben nicht redundant), z.B.:

      'Alle logischen Schlussfolgerungen - die auf korrekte Weise zustande gekommen sind - sind wahr'

      Aber auch hier ist wieder zu beachten, dass der vorliegende Satz sowohl Objekt- als auch Metasprache verwendet.
    • Woodshape schrieb:

      Der von dir verlinkte Wikipedia-Artikel gibt aber zugleich zu bedenken, dass die Wahrheits-Redundanztheorie natürlich nicht auf alle Sätze zutreffen kann, da es Sätze gibt, bei denen das Prädikat 'ist wahr' elementarer Bestandteil des Sinns bzw. der Aussage ist (und eben nicht redundant), z.B.:

      'Alle logischen Schlussfolgerungen - die auf korrekte Weise zustande gekommen sind - sind wahr'

      Aber auch hier ist wieder zu beachten, dass der vorliegende Satz sowohl Objekt- als auch Metasprache verwendet.


      Das "...ist wahr" - Prädikat muss immer die gesamte Aussage betreffen, dann kann es auch als redundant weggelassen werden. Man muss es sozusagen vor die Klammer ziehen können, um sagen zu können: "Es ist wahr: ....." Und nur dann ist es redundant, sonst nicht.

      In Deinem Beispiel wäre das möglich, wenn es hieße: "Ich halte es für wahr, dass alle logischen Schlussfolgerungen - die auf korrekte Weise zustande gekommen sind - wahr sind." Das erste "wahr" kann weggelassen werden, das letzte nicht.
    • Deine Antwort setzt natürlich voraus, dass 'ist wahr' dem propositionalen Inhalt tatsächlich nichts hinzufügt. Das muss aber nicht unbedingt der Fall sein. Nehmen wir folgendes Beispiel:

      'Der moderne homo sapiens hat sich aus dem homo erectus entwickelt' - eine Aussage über Evolutionsbiologie

      Nun stellen wir uns vor, dass diese Aussage von einer kreationistischen Lehrerin geäußert wird (Das Beispiel stammt von Jennifer Lackey). Wie sollte in diesem Fall das Redundanzproblem aussehen?
      Offensichtlich ist es hier unplausibel zu sagen 'Sie [die Lehrerin] hält es für wahr, dass ''der moderne homo sapiens hat sich aus dem homo erectus entwickelt''' fügt dem propositionalen Inhalt nichts hinzu.
    • #phritz schrieb:

      Die beiden Sätze (siehe kursiv von Dir) sollten in dem Dialog vorkommen - und sollten dort ersetzt werden können. Das ist aber nicht der Fall.

      Du verstehst mein Dialogbeispiel leider nicht, sonst hättest du erkannt, dass man das, was eine Lüge ist (nämlich ungefähr: Lüge = "X bei X ist wahr ist nicht wahr"), gar nicht verstehen kann, wenn man nicht auf mindestens eine Metaebene geht. Und in diesem Fall braucht man sogar eine zweite Metaebene!

      Würde ich nämlich (for sake of argument) auf "X bei X ist wahr ist nicht wahr" deine Ersetzungsregel anwenden, wonach statt 'X ist wahr' schlicht 'X' stehen können soll, so käme heraus:
      "X bei nicht X".

      Ich nehme hoffnungsfroh an, du verstehst es nun. Ohne Metaebene(n) entsteht "X bei nicht X" durch einen Use-Mention-Error (UME), wobei "X bei nicht X" obendrein durch einen netten Selbstwiderspruch die Herzen zu betören vermag.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".

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    • Woodshape schrieb:

      Deine Antwort setzt natürlich voraus, dass 'ist wahr' dem propositionalen Inhalt tatsächlich nichts hinzufügt. Das muss aber nicht unbedingt der Fall sein. Nehmen wir folgendes Beispiel:

      'Der moderne homo sapiens hat sich aus dem homo erectus entwickelt' - eine Aussage über Evolutionsbiologie

      Nun stellen wir uns vor, dass diese Aussage von einer kreationistischen Lehrerin geäußert wird (Das Beispiel stammt von Jennifer Lackey). Wie sollte in diesem Fall das Redundanzproblem aussehen?
      Offensichtlich ist es hier unplausibel zu sagen 'Sie [die Lehrerin] hält es für wahr, dass ''der moderne homo sapiens hat sich aus dem homo erectus entwickelt''' fügt dem propositionalen Inhalt nichts hinzu.

      Das Beispiel finde ich nicht überzeugend, denn die kreationistische Lehrerin würde das nie so sagen, sondern als Aussage aus der Evolutionsbiologie kennzeichnen und nicht so äußern, dass es als ihre Aussage missverstanden werden könnte.
    • Woodshape schrieb:

      Ich sollte natürlich dazu sagen, dass es sich in meinem Beispiel um eine kreationistische Biologielehrerin handelt. Entsprechend spielen institutionalisierte Regeln eine Mitrolle.

      Hm, das ist aber mE hier nicht relevant. Jemand (J) trifft die Aussage p. Normalerweise wird man davon ausgehen, dass J p für wahr hält. Das trifft natürlich nicht immer zu, J könnte p für unwahr halten und dennoch p behaupten. Das wäre dann eine Lüge. Im Beispiel würde sich die kreationistische Biologielehrerin gezwungen fühlen, ihren Schülern eine Lüge (ihrer Ansicht nach) zu erzählen, (z.B. um nicht gefeuert zu werden). Dabei machte es aber keinen Unterschied, ob diese Biologielehrerin nur "p" sagen würde oder "p und p ist wahr".

      Die Redundanztheorie der Wahrheit halte ich für falsch, falls damit gemeint sein sollte, dass das Wörtchen "wahr" immer redundant sei. Aber insofern halte ich sie für richtig, als dass die Behauptungen "p" und "es ist wahr, dass p" mE synonym sind, dass also Zweitere zu Ersterer nichts Gehaltvolles mehr hinzufügt. Auch im Beispieldialog von Fliege ist das so. Es macht keinen Unterschied, ob die Tochter sagt: "Im Keller brennt Licht" oder: "es ist wahr, dass im Keller Licht brennt".
    • Her K. (zu Woodshape) schrieb:

      Auch im Beispieldialog von Fliege ist das so. Es macht keinen Unterschied, ob die Tochter sagt: "Im Keller brennt Licht" oder: "es ist wahr, dass im Keller Licht brennt".

      Will die Tochter wie im Beispieldialog auf eine Wette mit ihrem Vater hinaus, um an die TV-Fernbedienung heran zu kommen (darauf läuft der Dialog nämlich hinaus), ist "im Keller bennt Licht" besser, da glaubwürdiger, als "es ist wahr, im Keller brennt Licht". Denn erstens eröffnet sie den Dialog, so dass "es ist wahr, dass ..." dem Vater unmotiviert und darum verdächtig erscheinen würde (man geht erst nach Gegenfrage auf eine Metaebene). Und zweitens geht es der Tochter nicht um eine Diskussion über das Lügen und über etwaige Bestrafung fürs Lügen; sie nutzt das vom Vater erwartungsgemäß aufgebrachte Lügenthema lediglich für ein Wettangebot.

      Es macht also durchaus einen Unterschied, ob die Tochter X sagt oder ob sie sagt, es sei wahr, dass X.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • Fliege schrieb:

      Es macht also durchaus einen Unterschied, ob die Tochter X sagt oder ob sie sagt, es sei wahr, dass X.

      Aber es macht keinen Unterschied für die Bedeutung von X, so wie X aufgefasst wird und so wie X aufgefasst werden soll. Der Vater wird eine (sonst zusammenhanglose) Aussage "X" seiner Tochter so auffassen: "ich behaupte, dass X wahr ist". (In bestimmten Kontexten mag das anders sein, die Behauptung "X" könnte auch ironisch gemeint sein und als solche verstanden werden.)

      Gleiches gilt die Aussage der hypothetischen Biologielehrerin oben: wenn die ihrer Klasse sagte: "'Der moderne homo sapiens hat sich aus dem homo erectus entwickelt", dann würde das von ihren Schülern als Tatsachenbehauptung, als Überzeugung der Lehrerin interpretiert werden. Etwas anderes wäre, wenn sie sagte: "'Der moderne homo sapiens hat sich laut Evolutionsbiologie aus dem homo erectus entwickelt". Damit würde eine Distanz der persönlichen Auffassung ausgedrückt. Dieser Satz kann wahr sein, ohne dass die Lehrerin ihn für wahr hält. Ihre eigene Überzeugung braucht sie dann nicht zu offenbaren.
    • Man könnte an dieser Stelle einwenden, dass es bestimmte epistemische Anforderungen an bestimmte Sprechakte gibt. Eine zentrale Norm scheint aus dem 'knowledge account of assertion' hervor zu gehen, etwa:

      • Behaupte nur, was du weißt

      In diesem Sinne ist es intuitiv tatsächlich redundant einer Behauptung ein 'Ich weiß...' anzufügen.

      (von Wahrheit spreche ich an dieser Stelle bewusst nicht)
    • Woodshape schrieb:

      Deine Antwort setzt natürlich voraus, dass 'ist wahr' dem propositionalen Inhalt tatsächlich nichts hinzufügt. Das muss aber nicht unbedingt der Fall sein. Nehmen wir folgendes Beispiel:

      'Der moderne homo sapiens hat sich aus dem homo erectus entwickelt' - eine Aussage über Evolutionsbiologie

      Nun stellen wir uns vor, dass diese Aussage von einer kreationistischen Lehrerin geäußert wird (Das Beispiel stammt von Jennifer Lackey). Wie sollte in diesem Fall das Redundanzproblem aussehen?
      Offensichtlich ist es hier unplausibel zu sagen 'Sie [die Lehrerin] hält es für wahr, dass ''der moderne homo sapiens hat sich aus dem homo erectus entwickelt''' fügt dem propositionalen Inhalt nichts hinzu.


      X="Der moderne homo sapiens hat sich aus dem homo erectus entwickelt"

      Ich denke es macht einen Unterschied zu sagen: "Ich halte es für wahr: X" und "Es ist wahr: X"; ersteres ist eine Angabe über den eigenen Glauben, ein Für-Wahr-Halten - eine propositional attitude - zweiteres eine objektiv formulierte Tatsachenfeststellung.

      Wenn die Lehrerin sagt: "Ich halte es für wahr: X.", obwohl sie das in Wirklichkeit nicht für wahr hält, da sie dem Kreationismus zuneigt, ist sie eine Lügnerin (würde sie der Evolutionstheorie zuneigen, wäre ihr statement ehrlich)

      Wenn die Lehrerin sagt: "Es ist wahr: X.", dann setzt sie sich objektiv, und die Frage nach ihrem Kreationismus oder überhaupt ihren inneren Einstellungen spielt keine Rolle.
    • Fliege schrieb:

      #phritz schrieb:

      Die beiden Sätze (siehe kursiv von Dir) sollten in dem Dialog vorkommen - und sollten dort ersetzt werden können. Das ist aber nicht der Fall.

      Du verstehst mein Dialogbeispiel leider nicht, sonst hättest du erkannt, dass man das, was eine Lüge ist (nämlich ungefähr: Lüge = "X bei X ist wahr ist nicht wahr"), gar nicht verstehen kann, wenn man nicht auf mindestens eine Metaebene geht. Und in diesem Fall braucht man sogar eine zweite Metaebene!


      Leider bist Du hier auf einem völlig falschen Gleis gelandet. Mir ging es nicht um Lügen.

      Wenn Du mein Anliegen richtig verstanden hättest, sollte einer Deiner kursiven Sätze in Deinem Beispiel als Zeichen vorkommen, damit klar ist, was ersetzt werden soll. Das ist aber nicht so. Folglich hast Du schlicht nicht verstanden, was ich wollte.

      In der Ersetzungsregel { X ; "Es ist wahr: X." ; ...} spielen Lügen keinerlei Rolle. Warum sollte das so sein? Oder siehst Du hier irgendwo etwas, was darauf hindeutet? Also ich nicht. Selbst dann nicht, wenn X gelogen wäre.

      Mag sein, dass Dein Fehler mit dem zu tun hat, was ich Woodshape in #37 gesagt habe, nämlich dass Du Wahrheit mit Ehrlichkeit, und Lüge mit Falschheit verwechselst. Oder genauer: Du hast ein Für-Wahr-Halten mit einer Wahr-Feststellung verwechselt.


      Würde ich nämlich (for sake of argument) auf "X bei X ist wahr ist nicht wahr" deine Ersetzungsregel anwenden, wonach statt 'X ist wahr' schlicht 'X' stehen können soll, so käme heraus: "X bei nicht X".


      Was soll das heißen "...bei..."? In meiner Ersetzungsregel spielt das keine Rolle.

      Hoffnungsfroh, Dir hiermit geholfen zu haben.
    • Woodshape schrieb:

      #phritz schrieb:

      Ich denke, wir können uns einig sein, dass dann, wenn ein solch widersprüchlicher Satz im Alltag vorkommt, er immer ohne Probleme richtig verstanden wird - eben weil der Kontext alles klar macht, oder genauer: Weil "Dieser Satz..." - also: ein anderer gemeinter Satz - immer im Kontext zu finden ist (siehe dazu meinen Startbeitrag oben)
      Ich habe damit nicht die geringsten Probleme :finger:

      Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es tatsächlich andere Ansätze der Lösungsversuche gibt. Und seien wir mal ehrlich: in der Alltagssprache sehen wir meistens davon ab Prädikate oder Ausdrücke der Metasprache zu verwenden (z.B. 'Dieser Satz hat fünf Wörter')

      Hm, ich glaube, die Kontext-Lösung hilft so erst mal nicht viel, um das Lügner-Paradoxon zu lösen.

      Es ist nicht verboten und in der Alltagssprache sehr wohl verständlich, einen Satz auf sich selber zu beziehen, siehe Dein Beispiel "Dieser Satz enthält fünf Wörter". Und der Kontext kann eben gerade der sein, Beispiele für solche selbstbezüglichen Sätze zu nennen.

      Man könnte zwar vielleicht behaupten, der Satz "Dieser Satz ist falsch" sei irgendwie sinnlos, weil er keinen Bezug zu einem Wahrmacher und daher keine Proposition enthalte, die wahr oder unwahr sein könne, aber das hilft leider auch nicht viel weiter. Denn dann kann man das Paradoxon auch so formulieren: "Dieser Satz enthält keine wahre Proposition".
    • Ich glaube stark, dass wir einfach unterschiedliche Vorstellung davon habe, was Alltagssprache überhaupt bedeutet und welche Sätze tatsächlich alltagssprachlich gebraucht werden.

      Ganz ehrlich: 'Dieser Satz hat fünf Wörter' und 'Dieser Satz ist falsch' habe ich noch nie in meinem Leben außerhalb einer Fachdiskussion gehört und ich bezweifle stark, dass es bei euch anders ist.
      Ich zitiere Wittgenstein:

      "Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen [...] Wird dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück." (PU §116)

      Man könnte die Theorie aufstellen, dass Prädikate der Metasprache überhaupt nicht wirklich als Metasprache Teil der Alltagssprache sind...