Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit

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    • Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit

      "Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit" liegt mir vor. Ich hatte den Eindruck, dass einige das Buch haben. Right? Wer es hat, bitte melden :) Ich schlage vor, dass wir dicht am Buch einen entsprechenden Lesethread zu den "philosophischen" Erörterungen Roths machen. (So ab Kapitel 13) Er legt zwar ein überaus klassisches Denken vor. Aber das muss uns ja nicht schocken ;)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fliege () aus folgendem Grund: Eingestellt auf Unterrubrik: Philosophie des Geistes.

    • Jörn schrieb:

      Ich hatte den Eindruck, dass einige das Buch haben.

      Ich habe das Buch als PDF und kann threadbegleitend relevante Teile des Textes hier nach Bedarf einstellen. "So ab Kapitel 13" umfasst die Seiten 314 bis 363 (wegen S. 362-363 wären noch einige Passagen aus Kapitel 1 nachzutragen, nämlich S. 20-25).
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln).
    • Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit - Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen, 5. Auflage, 1996:

      [Kapitel] 13 Realität und Wirklichkeit

      Wirklichkeit als Konstrukt des Gehirns

      Die Welt unserer Empfindungen besteht aus drei Bereichen: der Außenwelt, der Welt unseres Körpers und der Welt unserer geistigen und emotionalen Zustände. Diese drei Bereiche sind normalerweise deutlich voneinander getrennt. So verwechseln wir in aller Regel nicht die Gegenstände und Ereignisse der Außenwelt mit den Teilen unseres Körpers und den Vorgängen in ihm, und eine solche Verwechslung hätte schmerzhafte Folgen. Ebenso sind unsere Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen meist klar getrennt von den Geschehnissen m der Außenwelt; es wäre ebenfalls verhängnisvoll, Dinge und Vorgänge in der Außenwelt mit unseren Vorstellungen und Wünschen zu verwechseln.

      Die Trennung zwischen Prozessen unseres Körpers einerseits und mentalen und emotionalen Zuständen andererseits ist schon schwieriger. Mentale Zustände siedeln wir üblicherweise in unserem Körper an, meist im Kopf, und zwar zwischen und einige Zentimeter hinter den Augen. Notwendig ist diese Art der Lokalisierung aber nicht; antike und mittelalterliche Philosophen haben mentale Zustände im Herzen oder im Zwerchfell angesiedelt, und bei verschiedenen Völkern gibt es ebenfalls ganz verschiedene Lokalisierungen von Geist oder Seele im Körper. Entsprechend der abendländisch-neuzeitlichen Tradition sehen wir mentale Zustände nicht als körperlich an, aber auch diese Abgrenzung ist nicht selbstverständlich. Bei den Gefühlen ist sie noch schwieriger, denn Gefühle werden auch von uns meist nicht im Kopf, sondern im Körper angesiedelt und mit Vorgängen dort m Zusammenhang gebracht (zum Beispiel das berühmte "Magendrücken" bei Angstzuständen oder das Herzklopfen bei Freude oder Aufregung). Gefühle scheinen irgend etwas zwischen Mentalem und Körperlichem zu sein.

      Einen merkwürdigen Zwischenzustand nehmen auch Wahr-[314|315]nehmungen ein. Einerseits gehen wir davon aus, daß sie irgend etwas mit dem Kopf zu tun haben, denn dort befinden sich unsere wichtigsten Sinnesorgane, die für Wahrnehmungen notwendig sind. Andererseits werden die wahrgenommenen Dinge nicht im Kopf angesiedelt, sondern in der Außenwelt oder in meinem Körper, also dort, wo sich die Dinge und Ereignisse befinden, welche die Sinneseindrücke hervorgebracht haben. Ein Geräusch wird von mir in meiner näheren Umgebung lokalisiert; dieses Buch befindet sich links auf dem Schreibtisch und die mit den Fingern berührte Computertastatur unmittelbar vor mir; ein Schmerz wird von mir im linken Unterarm lokalisiert.

      Dies ist auf den ersten Blick nicht merkwürdig, denn wo sollten die wahrgenommenen Dinge und Ereignisse der Außenwelt oder meines Körpers sich sonst befinden? Merkwürdig wird dies alles erst, wenn ich mir klarmache, daß Wahrnehmungen dadurch entstehen, daß Sinnesrezeptoren durch entsprechende Vorgänge in der Außenwelt oder in meinem Körper gereizt werden und elektrische Impulse ins Gehirn senden. Entsprechend sollten wir die Wahrnehmungen im Gehirn empfinden, was aber nicht der Fall ist.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln).
    • Fliege schrieb:

      Ich habe das Buch als PDF und kann threadbegleitend relevante Teile des Textes hier nach Bedarf einstellen. "So ab Kapitel 13" umfasst die Seiten 314 bis 363 (wegen S. 362-363 wären noch einige Passagen aus Kapitel 1 nachzutragen, nämlich S. 20-25).


      Das wäre gut, weil ich es momentan nicht zur Hand habe. Außer eben Kapitel 12 und 13 als script.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Es sind Setzungen. Richtig. Der ganze Zusammenhang ist historisch nicht geklärt. Nicht einmal von der Anthroposophie, von der man das doch am ehesten erwarten sollte. Da wird sich wohl irgendjemand opfern müssen, dass einmal auszuarbeiten. Wenn man nun mit Descartes von einer "res extensia", der Körperlichkeit, und einer "res cogitans", dem Geist, ausgeht, dann fragt sich, wo man die Seele lokalisieren soll. Die mentalen Zustände lokalisieren wir im Kopf, aber die seelischen Zustände - innere Wahrnehmung und Gefühle, Willensregungen, Hunger, Durst, Angst, usw. lokalisieren wir tatsächlich im ganzen Körper. All das klingt in dem Text von Roth an. Wenn ich also eine Verschiebung dessen, was ich als Anthroposoph ja ganz sicher als Trichotomie des Menschen annehmen muss, also den Menschen als Körper, Seele und Geist, so vornehme, dass sich die mentalen Zustände im Kopf befinden, die seelischen Zustände im Körper als ein "Innen" und der Körper gar nicht existiert, oder eben nur als Teil der Außenwelt, als Teil des Außen, dann scheint mir das in jedem Fall eine gute Arbeitsgurndlage (Arbeitshypothese) zu sein. Der Körper hat also zwei Seiten, eine Innenseite und eine Außenseite.. Ich möchte gerne vorläufig daran festhalten... Gruß Joachim Stiller Münster

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Joachim Stiller ()

    • Unpersönlich schrieb:

      Fliege schrieb:

      Die Welt unserer Empfindungen besteht aus drei Bereichen: der Außenwelt, der Welt unseres Körpers und der Welt unserer geistigen und emotionalen Zustände. Diese drei Bereiche sind normalerweise deutlich voneinander getrennt.
      Nun, man akzeptiert diese Setzungen oder das Gespräch beginnt bei der Infragestellung ihrer.


      Das eigentlich interessante finde ich, dass man selbst in der Philosophie nicht ohne Postulate auskommt, wenn man eine bestimmte Betrachtung beginnt. Man fängt ja nie "ganz vorne" oder mit der "ersten Gewßheit" an, etwas zu erklären. Sondern irgendwie immer "mittendrin". Wenn man nur diese eine Betrachtung, also den Gegenstand der Thematik im Buch, vornehmen will, kann man aber "hier und jetzt" damit arbeiten, damit wie Aristoteles sagen würde "der Gedanke zum Stillstand kommen kann". Wenn wir jedoch darüber diskutieren wollen, vermute ich, dass wir selbst mit so oder so gearteten Setzungen arbeiten müssten.

      Wichtig an dieser Textstelle finde ich jedenfalls, dass Roth (nur) von den Empfindungen spricht, nicht etwa von den Gedanken. Vielleicht können wir das ja im Auge behalten.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von iselilja ()

    • Wenn ich das richtig sehe, besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass wir unsere Empfindungen - zumindest im Alltag - in drei Kategorien einteilen:

      o Wahrnehmungen von der Umwelt

      o Wahrnehmungen von unserem Körper

      o Wahrnehmungen von unseren mentalen Vorgängen

      Nun schließt sich fast zwangsläufig die Frage an, in welcher Beziehung diese Warhnehmungen bzw. Empfindungen zueinander stehen.

      Ist übrigens "Warhenhmung" dasselbe wie "Empfindung" ?
    • rickson schrieb:

      Wenn ich das richtig sehe, besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass wir unsere Empfindungen - zumindest im Alltag - in drei Kategorien einteilen:

      o Wahrnehmungen von der Umwelt

      o Wahrnehmungen von unserem Körper

      o Wahrnehmungen von unseren mentalen Vorgängen

      Nun schließt sich fast zwangsläufig die Frage an, in welcher Beziehung diese Warhnehmungen bzw. Empfindungen zueinander stehen.

      Ist übrigens "Warhenhmung" dasselbe wie "Empfindung" ?


      Ich denke, dass wird sich sehr schnell im weiteren Textverlauf zeigen. Ich will aber auch nicht einfach vorgreifen.
      Vielleicht mag ja der Thread-Autor hier einen etwaigen Rhythmus vorschlagen, wie und in welchem Tempo wir eigentlich im Text vorgehen wollen?
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    • Roth, Gehirn, S. 314 schrieb:

      Die Welt unserer Empfindungen besteht aus drei Bereichen: der Außenwelt, der Welt unseres Körpers und der Welt unserer geistigen und emotionalen Zustände.

      rickson schrieb:

      Wenn ich das richtig sehe, besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass wir unsere Empfindungen - zumindest im Alltag - in drei Kategorien einteilen:
      o Wahrnehmungen von der Umwelt
      o Wahrnehmungen von unserem Körper
      o Wahrnehmungen von unseren mentalen Vorgängen
      [...]

      Roth sagt nun nicht: Ein Empfindungsbereich umfasst Empfindungen (Wahrnehmungen) betreffs (von der) Außenwelt usw.
      Vielmehr sagt er: Ein Empfindungsbereich umfasst Außenwelt usw.

      Was will Roth uns damit sagen (falls es sich nicht bloß um eine laxe Ausdrucksweise handelt)?
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln).
    • Fliege schrieb:

      Roth sagt nun nicht: Ein Empfindungsbereich umfasst Empfindungen (Wahrnehmungen) betreffs (von der) Außenwelt usw.
      Vielmehr sagt er: Ein Empfindungsbereich umfasst Außenwelt usw.

      Was will Roth uns damit sagen (falls es sich nicht bloß um eine laxe Ausdrucksweise handelt)?

      Meine Interpretation dessen lautet etwa so. Dass wir als Mensch intuitiv diese Dreiteilung selbst vornehmen im ganz normalen alltäglichem Lebensprozess. Der nächste Satz fängt zumindest mit dieser Intention an

      Roth schrieb:

      So verwechseln wir in aller Regel nicht die Gegenstände und Ergeignisse [...]

      Aus didaktischer Sicht ist es auch ziemlich intelligent, so anzufangen. Weil diese Art der Vermittlung natürlich ein Höchstmaß an Evidenz in uns als Leser annehmen läßt.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von iselilja ()

    • Fliege schrieb:

      Die Welt unserer Empfindungen besteht aus drei Bereichen: der Außenwelt, der Welt unseres Körpers und der Welt unserer geistigen und emotionalen Zustände. Diese drei Bereiche sind normalerweise deutlich voneinander getrennt.
      Nein.
      Ist doch der Körper das Ausdrucksmedium aller Gefühle. Man fühle mal ein Gefühl, ohne dabei was vom Körper zu registrieren. Geht nicht.
      Ist doch 'Aussenwelt' eindeutig ein geistiges Konzept oder sie besteht im Wahrgenommenwerden. Über eine Aussenwelt, die weder konzeptuell noch wahrnehmungsmässig bestünde, liesse sich absolut nichts sagen.
      Ist der Körper selbst auch 'Aussenwelt', so kann ich zB ja meine Hand sehen, wie ich die Tastatur sehe. Oder wenn ich Haare schneide liegen die am Boden, waren sie denn vorher, als sie noch aufm Kopp waren 'Innenwelt'??

      Diese Trennungen die Roth vornimmt, sind vage und undurchdacht.

      Aussenwelt(en), Körper werden aussschliesslich als Wahrnehmungen oder Vorstellungen erfahren und sind somit von Geist nicht getrennt.

      Roth setzt eine Aussenwelt ans sich voraus, naiver Realismus. Liesse er das bleiben, stürzte seine ganze Theorie ein.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Unpersönlich ()

    • Roth schrieb:

      Die Welt unserer Empfindungen besteht aus drei Bereichen: der Außenwelt, der Welt unseres Körpers und der Welt unserer geistigen und emotionalen Zustände.

      Geistige Zustände sollen sich empfinden lassen? Haben wir dafür etwas, das den Sinnesorganen ähnlich ist - so etwas wie ein "geistiges Auge" ein "inneres Ohr"? Wie sieht denn ein Gedanke aus wie z.B. 2 + 2 = 4?

      Fragwürdig ist hier sowohl der Begriff des "geistigen Zustands" als auch der der Empfindung. Geistiges, würde ich sagen, lässt sich mit dem Begriff des Zustands nicht hinreichend umschreiben. Ich habe zwar Empfindungen meines körperlichen/leiblichen Zustands, wenn ich angestrengt nachdenke, aber nicht von den Denkinhalten. Ohne den Begriff der Fähigkeit/Kompetenz/Leistung wird man Geistiges nicht angemessen beschreiben können. Roth nimmt mit dem lapidaren Satz oben eine Vorsortierung vor, die nicht haltbar ist.
    • iselilja schrieb:

      Meine Interpretation dessen lautet etwa so. Dass wir als Mensch intuitiv diese Dreiteilung selbst vornehmen im ganz normalen alltäglichem Lebensprozess. [...]

      Aus didaktischer Sicht ist es auch ziemlich intelligent, so anzufangen. Weil diese Art der Vermittlung natürlich ein Höchstmaß an Evidenz in uns als Leser annehmen läßt.

      Das mit geläufigen Unterscheidungen ist schön und gut. Doch umfasst einer dieser Empfindungsbereiche durchaus nicht Außenwelt, denn Außenwelt besteht nicht aus Empfindungen, die jemand hat. Will Roth nun behaupten, Außenwelt bestehe aus Empfindungen, die jemand hat, oder hat Roth bloß lax formuliert und meint keineswegs, Außenwelt bestehe aus Empfindungen, die jemand hat?
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln).
    • Her K. schrieb:

      Roth scheint nun - wie auch immer - einen grundlegenden Unterschied zwischen "realem" und "wirklichem" Gehirn zu sehen. Was für mich - wie gesagt - erst mal unverständlich ist.


      Dazu - zunächst ohne Kommentar - ein kurzer Text von Roth selbst:

      Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, S. 314 ff schrieb:

      Realität und Wirklichkeit
      Wirklichkeit als Konstrukt des Gehirns


      [...] Einen merkwürdigen Zwischenzustand nehmen auch Wahrnehmungen ein. Einerseits gehen wir davon aus, daß sie irgend etwas mit dem Kopf zu tun haben, denn dort befinden sich unsere wichtigsten Sinnesorgane, die für Wahrnehmungen notwendig sind. Andererseits werden die wahrgenommenen Dinge nicht im Kopf angesiedelt, sondern in der Außenwelt oder in meinem Körper, also dort, wo sich die Dinge und Ereignisse befinden, welche die Sinneseindrücke hervorgebracht haben. Ein Geräusch wird von mir in meiner näheren Umgebung lokalisiert; dieses Buch befindet sich links auf dem Schreibtisch und die mit den Fingern berührte Computertastatur unmittelbar vor mir; ein Schmerz wird von mir im linken Unterarm lokalisiert.

      Dies ist auf den ersten Blick nicht merkwürdig, denn wo sollten die wahrgenommenen Dinge und Ereignisse der Außenwelt oder meines Körpers sich sonst befinden? Merkwürdig wird dies alles erst, wenn ich mir klarmache, daß Wahrnehmungen dadurch entstehen, daß Sinnesrezeptoren durch entsprechende Vorgänge in der Außenwelt oder in meinem Körper gereizt werden und elektrische Impulse ins Gehirn senden. Entsprechend sollten wir die Wahrnehmungen im Gehirn empfinden, was aber nicht der Fall ist.

      Die Tatsache der »direkten« oder »peripheren« Wahrnehmung hat viele Physiologen, Psychologen und Philosophen sehr verwirrt und zur Frage dazu veranlaßt: Wie kommen die Gegenstände der Wahrnehmungen, die ja »im Kopf« entstehen, wieder »nach draußen«? Es wurden abenteuerliche Hypothesen entwickelt, um zu erklären, wie dies geschehen könnte. So nahm man an, die Wahrnehmungsinhalte würden über die Sinnesbahnen in die Welt »rückprojiziert« (vgl. Sass, 1989). Es gibt aber dafür keinerlei plausible neuronale Mechanismen, und es würde auch nichts nützen, wenn es sie gäbe, denn auch der uns umgebende Raum, in den angeblich die Dinge »hinausprojiziert« werden, entsteht wie alle anderen Wahrnehmungen im Gehirn. Andere siedelten die Wahrnehmungen und Empfindungen in den Sinnesorganen an. Nach unserem heutigen neurobiologisehen Wissen ist dies ebenso unsinnig. Dasjenige, was sich in den Sinnesorganen vollzieht, ist grundsätzlich nicht von Bewußtsein begleitet; auch stammen — wie wir bereits gehört haben — die meisten Details unserer Wahrnehmung und erst recht deren Bedeutungen gar nicht aus den aktuellen Sinnesreizen, sondern werden »zentral« erzeugt. Schließlich können wir Sinnesempfindungen auch ohne Reizung der Sinnesorgane haben, zum Beispiel in Form von Halluzinationen, beim Träumen oder aufgrund von Hirnstimulation.

      Wo existieren also die Gegenstände der Wahrnehmung? Eine Lösung dieses Problems wurde von Wolfgang Köhler in seinem Aufsatz »Ein altes Scheinproblem« von 1929 dargelegt. Köhler vertritt hier die Auffassung, daß überhaupt nichts hinausprojiziert wird, sondern daß alles, was ich wahrnehme, nur eine Welt bildet, von Wolfgang Köhler und Wolfgang Metzger »phänomenale Welt« genannt (Köhler, 1929; Metzger, 1975). Erwin Schrödinger hat (offenbar unabhängig von Köhler) in seinem Buch »Geist und Materie« einen sehr ähnlichen Standpunkt vertreten (Schrödinger, 1958, 1986).

      In dieser Welt, die ich in einem Aufsatz von 1985 »Wirklichkeit« genannt habe (Roth, 1985), gibt es die drei genannten Bereiche: die Welt der mentalen Zustände und des Ich, die Welt des Körpers und die Außenwelt. Diese drei Bereiche sind Aufgliederungen der phänomenalen Welt, der Wirklichkeit. Dieser Wirklichkeit wird gedanklich eine transphänomenale Welt gegenüber gestellt, die unerfahrbar ist und dementsprechend in der phänomenalen Welt nicht vorkommt.

      Dies bedeutet, daß alle erlebten Vorgänge zwischen mir und meinem Körper, zwischen mir und der Außenwelt, zwischen meinem Körper und der Außenwelt innerhalb der Wirklichkeit ablaufen. Wenn ich einen Gegenstand anfasse oder mit einer Person spreche, so fasse ich einen wirklichen Gegenstand an und spreche mit einer wirklichen Person. Die drei Wirklichkeitsbereiche stoßen direkt aneinander oder gehen direkt ineinander über. Deshalb sind mir meine Wahrnehmungen unmittelbar gegeben, mein Körper hat unmittelbaren Kontakt mit den Gegenständen der Welt. In dieser Erlebniswelt bewirkt auch mein Willensentschluß direkt meine Handlungen. Es gibt dabei keine vermittelnde Instanz in Form von Sinnesorganen oder eines Gehirns.

      Wie paßt dies mit all den Tatsachen zusammen, die wir über die Leistungen der Sinnesorgane und der vielen Gehirnzentren zusammengetragen haben und die uns zeigen, welch ein verwickelter Prozeß Wahrnehmung ist? Um diese scheinbar widersprüchlichen Annahmen zu vereinen, müssen wir annehmen, daß die Wirklichkeit und ihre Gliederung in drei Bereiche ein Konstrukt des Gehirns ist, und zwar ein Konstrukt, in dem die physiologisch-neuronalen Prozesse des Gehirns, die den mentalen Zuständen zugrunde liegen, nicht vorkommen. Wir können diese Zustände als äußerliche Geschehnisse studieren, nicht jedoch erlebnismäßig erfahren.
    • Fliege schrieb:

      Will Roth nun behaupten, Außenwelt bestehe aus Empfindungen, die jemand hat, oder hat Roth bloß lax formuliert und meint keineswegs, Außenwelt bestehe aus Empfindungen, die jemand hat?


      Das sehe (interpretiere) ich anders. Die Empfindung, die Du verspürst, liegt nicht selbst (als Empfindung) in der Außenwelt, sondern Du hast eine Empfindung von der Außenwelt. Du kannst also sehr gut beurteilen, ob etwas in Dir oder außerhalb von dir abläuft. Verwechselungen dessen würden sicher Konsequenzen für Dich haben. Dein Zahnschmerz tritt in Dir auf, den Stein der zu Boden fällt ist nicht Teil von Dir und gehört somit zur Außenwelt. Also was Roth bisher hier anführt sind ganz normale Verständnisse der ganz alltäglichen Welt, so wie es eigentlich jeder versteht.
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    • Unpersönlich schrieb:

      Nein.
      Ist doch der Körper das Ausdrucksmedium aller Gefühle. Man fühle mal ein Gefühl, ohne dabei was vom Körper zu registrieren. Geht nicht.
      Ist doch 'Aussenwelt' eindeutig ein geistiges Konzept oder sie besteht im Wahrgenommenwerden. Über eine Aussenwelt, die weder konzeptuell noch wahrnehmungsmässig bestünde, liesse sich absolut nichts sagen.


      Unterscheide bitte die Begriffe Empfindung und Gefühl. Gefühle selbst laufen natürlich im Körper ab. Aber das steht ja Roths Aussage nicht entgegen, im Gegenteil. Dies wäre nämlich der eine Bereich von den dreien.
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      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Jörn schrieb:

      iselilja schrieb:

      Vielleicht mag ja der Thread-Autor hier einen etwaigen Rhythmus vorschlagen, wie und in welchem Tempo wir eigentlich im Text vorgehen wollen?

      Ich bin für alle Beiträge dankbar, die sich einigermaßen eng am Text bewegen.


      Prima. Wollen wir uns darauf einigen, dass wir dem Autor auch etwas Credit geben in seinen Ausführungen, ohne immer gleich anzunehmen, dasss er sowieso keine Ahnung hat oder sowieso völlig falsch liegt mit seiner Ansicht? Vielleicht will uns ja der Autor doch etwas vermitteln, was wir bisher noch nicht verstanden haben. Würde ich zumindest vermuten :)

      PS: Man sollte beim Lesen eines Buches auch beachten, dass der Autor vermutlich nicht nur uns Philosophen als Publikum ansprechen will, sondern vielleicht (des lieben Geldes wegen) auch eine breitere Öffentlichkeit. Wer selbst von Euch schon mal was publiziert hat, kennt diesem Umstand vielleicht. Es ist garnicht so leicht, in einem geschlossenen (und damit wohl auch endlichen) Text etwas so perfekt zu formulieren, dass es jeder sofort beim ersten Lesen versteht. Also ist es auch verständlich wenn ein Autor hier und dort gezwungen ist, Formulierungen zu wählen, die vielleicht nicht so ganz gelungen von uns empfunden werden.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

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