Rekonstruktion der Lehre des Parmenides

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    • Noch einmal Störig über Parmenides

      Parmenides

      "Geboren um 525 v.Chr. in Elea und später angesehener Bürger daselbst, wurde Parmenides, vielleicht Schüler des Xenophanes, zum bedeutendsten Denker der eleatischen Schule. Im Altertum war er einer der angesehendsten Philosophen. Er hat den Gedanken des Xenophanes von einem unveränderlich Seienden aufgegriffen und ihm eine systematische Form gegeben. Es ist nicht feststellbar, welche Gedanken Parmenides von Xenophanes übernommen hat, und welche diesem vielleicht irrtümlich zugeschrieben werden. Platon hat einem seiner Dialoge den Titel "Parmenides" gegeben. Er lässt durch den schon gealterten Parmenides, dessen Schüler Zenon (etwa 40jährig) und Sokrates (als Jüngling) miteinander diskutieren.
      Ein in Bruchstücken erhalten gebliebenes Lehrgedicht (etwa 150 Zeilen in Hexametern) schildert eine Reise des Parmenides aus dem Reich der Nacht zu einer Göttin im Land des Lichts (der Wahrheit). Wahrheit und Wissen einerseits, Schein und bloße Meinung andererseits werden gegenübergestellt. Wahres Wissen wird erlangt durch einer Vernunfterkenntnis. Diese aber lehrt, dass es nur ein Sein, nicht jedoch Nichtseiendes geben kann. Nur das Seiende ist, das Nichtseinende ist nicht und kann nicht gedacht werden. Unter Seiendem ist dabei Raumerfüllendes verstanden, geleugnet wird also die Möglichkeit eines leeren Raumes. Die Annahme einer Bewegung setzt immer Nichtseiendes voraus - denn damit sich ein Körper an einen bestimmten Ort bewegen kann, muss vorher dort leerer Raum, also nichts, gewesen sein. Ebenso verhält es sich mit der Annahme einer Entwicklung, eines Werdens - denn was erst "werden" soll, "ist" zuvor noch nicht. Hieraus folgt für Parmenides der kühne Schluss, dass es in Wahrheit weder Werden noch Bewegung geben kann, sondern nur unveränderlich beharrendes Sein. Da das Seiende alles erfüllt, gibt es auch kein dem Sein gegenüberstehendes Denken. Vielmehr ist Denken und Seiendes eins. Die Sinne, die uns eine Welt ständigen Werdens und Vergehens und steter Bewegung vorführen, täuschen; sie sind die Quelle allen Irrtums. - Hier wie bei praktisch allen Vorsokratikern ist jede Deutung aus den Textfragmenten unsicher und umstritten." (Störig, S.146-147)
      Also, ich finde die Ausführungen von Störig so weit verständlich. Es geht hier also im Kern um einen Reduktionismus, der das Nichtsein von etwas leugnet, und damit nur ein unveränderliches, beharrendes Sein gelten lässt...

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Ich möchte nun den obigen Kerngedanken anhand eines kzurzen Auszugs aus dem Zeno-Fragment (nach Diesl) genauere in Augenschein nehmen. Zunächst der Auszug zu dne zwei Wegen des Denkens:

      4. "Wohlan, so will ich denn verkünden (Du aber nimm mein Wort zu Ohren), welche Wege der Forschung allein denkbar sind: der eine Weg, daß [das Seiende] ist und daß es unmöglich nicht sein kann, das ist der Weg der Überzeugung (denn er folgt der Wahrheit), der andere aber, daß es nicht ist und daß dies Nichtsein notwendig sei, dieser Pfad ist (so künde ich Dir) gänzlich unerforschbar. Denn das Nichtseiende kannst Du weder erkennen (es ist ja unausführbar) noch aussprechen."
      Hier sehen wir also, wie Parmeindes zwei Wege des Denkens formuliert, von denen nur der eine gangbar sei. Ich möchte beiede Wege des Denkens einmal in Anlehnung an das Lehrgedicht (nach Hille) so formulieren:

      (1) Das Seiende ist, es hat ein Sein, und es ist nur sein Sein, aber nicht sein Nichtsein.

      (2) Das Nichtsein von etwas gibt es nicht, es ist weder denkbar noch vorstellbar.

      Und nun könnte man mit der Akt-Potenz-Lehre des Aristoteles argumentieren:

      (1) Nur das Seinede "ist", es gibt nur den Akt (die Tatsächlichkeit).

      (2) Die bloße Potenz (Möglichkeit) des Nichtseins von etwas gibt es nicht.

      Wenn nun Parmenides allein Satz (1) gelten lässt, so reduziert er den Dualismus von Akt (Tatsächlichkeit) und Potenz (Möglichkeit) auf den bloßen Akt. Damit beraubt er aber den Menschen der Dimension seiner (geistigen) Freiheit, denn die (geistige) Freiheit des Mensche ist in erster Linie durch den Dualismus von Akt und Potenz bestimmt.

      So weit erst einmal... Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Man könnte es auch noch von einer etwas anderen Seite her betrachten. Hier noch einmal die beiden kognitiven Wege:

      (1) Das Seinende hat ein Sein. - Dieser Satz ist denkbar. Er markiert den richtigen Weg............................(Wahrnehmung)

      (2) Das Seinede kann ein Nichtsein haben. - Dieser Satz ist undenkbar. Er markiert den unmöglichen Weg......(Vorstellung)

      Und mit diesen beiden Annahmen ist bei Parmenides der Reduktionsimsu auf das bloße Sein vorgezeichnet. Parmenides leugnet praktisch die Möglichkeit der Vorstellung. Er setzt ganz auf die Wahrnehmung. Zumindes in Bezug auf die zwei kognitiven Wege...

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Wenn Parmenides sagt: "Das Sein "ist", und "nur" das Sein" und "Das Nichtsein gibt es nicht", dann macht er etwas zum Problem, das gar kein Problem darstellt. Nachvollziehbar ist der Gedanke des Parmenides ohne Weiteres, allein der macht keinen Sinn. Er ist sinnlos. Noch einmal: Das ganze Proble ist ein bloßes Scheinproblem. Ich jedenfalls habe überhaupt kein Problem damit, dass das Seiende "ist" und das Nichtseinede "nicht ist". Und daher kann es für mich auch ein Sein und ein Nichtsein nebeneinander geben. Dass dies für Parmenides absurd ist, ist umgekehrt für mich absurd. Parmenides nennt den Dualismus, überhaupt alles Denken in Gegensätzen, sterbliches Meinen der Unwissenden. Ich halte dem entgegen, dass diese Welt, zumindest vom philosophischen Standpunkt, eine Welt der Dualität ist, eine Welt der Gegensätze. Sie kann nur so verstanden werden. Und das ist auch der Grund, warum ich es so mit Heraklit halte. Heraklit geht da den viel wahrhaftigeren Weg. Und nicht umsonst war Heraklit - zumindest möglciherweise - in die Mysterien eingeweiht. Sehen wir uns noch einmal einen kurzen Auszug aus dem Lehrgedicht bezüglich des sterblichen Meinens der Unwissenden an:


      "Da das Geschick es gebunden hat ganz und unbewegbar zu sein,
      ist alles nur Name, was die Sterblichen da gesetzt haben,
      vertrauend, es sei wahr: Entstehen und Vergehen,
      bald Sein und bald Nichtsein, Wechsel des Ortes und Wandel des Aussehens."

      Für Parmenides gibt es, da es das Nichtsein nicht gibt, auch weder Enstehen und Vergehen, noch bald Sein und bald Nichtsein, noch jedweden Wechsel des Ortes (Bewegung) oder Wechesl des Ansehens (der Eigenschaften). An der Stelle übrigens misstraut Parmenides der Wahrnehmung. Er lässt allein das Sein gelten. Und so auch Zenon, der ja in diesen Tenor mit einstimmt, und ihn dadurch erweitert, dass er nicht nur versucht, rein sophistisch zu zeigen, dass es keine Bewegung gibt, sondern auch, dass es keine Vielheit und keine Vielfalt gibt. Hier misstrauen beide der Wahrnehmung. Es ist interessant, aber in Bezug auf das Nichtsein misstrauen die Eleaten dem Denken (bzw. der Vorstellung), in Bezug auf Entstehen und Vergehen, Bewegung, Veränderung und Vielheit (bzw. Vielfalt) misstrauen sie der Wahrnehmung. Die Eleaten scheinen nicht sonderlich viel Vertrauen sich sich selbst, in die Welt und in Gott gehabt zu haben...
      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • 1. Es geht hier auf gar keinen Falll um Platon, sondern einzig und allein um Parmenides und die beiden Parmenides-Fragmente.

      2. Warum gehst Du eigentlich immer nur mit deinen schrägen Vorstellungen hausieren? Du nimmst selber nie etwas von anderen an, und dann erwartest Du, dass andere etwas von Dir annehmen?

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Einerseits willst Du nicht im Sein verhaftet sein, andererseits bist Du auf dem Lehrgedicht des Parmenides hängengeblieben, wie auf einem Horrortripp. Einerseits willst Du nicht im Sein verhaftet sein, andererseits machst Du einen riesigen Bogen um Herklit. Du lehnst die Ontologie ab, aber Du bist Ontologe. Du suchst verzweifelt nach der Dialektik, aber lehnst sie entschieden ab... Weißt Du überhaupt, was Du willst? Gruß Joachim Stiller Müsnter
    • Denker des Abendlandes - Heraklit und Parmenides

      Hier einmal die Folge "Denker des Abendlandes - Herkalit und Parmenides":

      youtube.com/watch?v=pw7oYDB0RKU

      Darin fasst Vossenkuhl die Lehre des Parmenides etwa so zusammen.

      (1) Nur das, was ist, ist.
      (2) Das, was nicht ist, ist nicht.
      (3) Nichts, was nicht ist, ist.
      (4) Nichts, was ist, ist nicht.

      Dem würde ich sogar zustimmen... Vielleicht knüpfen wir einmal daran an... Wenn wir diese vier Sätze von Vossenkuhl einmal ala hypothetische Lehre des Parmenides betrachten, dann müssten wir die Gültigkeit dieser vier Sätze auch an Hand der beiden Fragmente nachweisen können. Wir wollen dass gleich einmal tun. Zunächst sehen wir uns noch einmal das Lehrgediccht an, und dann das Diels-Fragment...

      Gruß Joachim Stiller Münster

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Lehrgedicht - Strophe II

      II. Zwei Wege des Denkens

      "Mir ist das Sein das allen (Seienden) Gemeinsame.
      Von wo ich auch beginne,
      immer wieder komme ich darauf zurück." Das ist eindeutig Lehrsatz (1).

      "Wohlan, so will ich denn sagen - du aber vernehme und pflege die Kunde -,
      welch Wege des Suchens und Fragens alleine denkbar sind:
      Der eine, daß es (das Sein) ist (5), und daß es nicht nicht sein kann (6);
      das ist der Weg der Überzeugung der zur Wahrheit gehört.
      Der andere aber, daß es (das Nichtsein) nicht ist und nicht sein kann (7)-
      ein Weg, so sage ich, ganz und gar nicht zu begehen,
      denn Nichtsein kannst du nicht erkennen noch etwas darüber sagen -
      es nicht zu (be-)greifen."

      So, jetzt wird es spannend. Jetzt ist nämlich nicht mehr vom Seinenden die Rede, sondern vom Sein. Daher ergeben sich in diesem Fall drei neue Lehrsätze:

      (5) Das Sein ist.
      (6) Das Sein ist nicht nicht.
      (7) Das Nicht-Sein ist nicht.

      Schwierig wird es nun durch die beiden Wege des Denkens, in denen Parmenides zwar die Sätze (5) und (6) bestätigt, aber Satz (7) verwirft. Ich persönlich würde Satz (7) allerdings auch verwerfen, denn dass Nicht Sein ist auch und nicht nicht. Die Frage ist, ob Parmenides hier das richtige meint. Ich fürchte allerdings, dass er sich hier verweigert, wie man aus dem letzten Satz von Strophe II schließen kann: Parmenides Erkennt das Nicht-Sein nicht nur nicht an, er verwirft es total. Und das macht eben den Reduktionismus aus...

      Korrekt müssten die vier neuen Lehrsätze also Lauten:

      (5) Das Sein ist.
      (6) Das Sein ist nicht nicht.
      (7b) Das Nicht-Sein ist auch.
      (8 ) Das Nich-Sein ist auch nicht nicht.

      Mit Strophe II sind allerdings noch weitere Probleme verbunden, die ich jetzt einmal übergehen möchte. Ich komme dann jetzt zur dritten Strophe...

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Lehrgedicht - Strophe III

      III. Der einzig gangbare Weg

      "So bleibt noch die Kunde des einzigen Weges: Das Sein ist. (5)
      Auf diesem Wege stehen viele Zeichen.
      Als seiend ist es (das Sein) (5) ungeboren und unverderblich, ganz, einzig, ohne Geschwister,
      unerschütterlich, nicht erst zu vollenden:
      Es ist nicht ein Vergangenes, noch ein Zukünftiges,
      da es Jetzt ist, je zusammen alles, als Eines zusammenhaltend."

      "Denn welchen Ursprung seiner willst Du erkunden?
      Wie, woher soll es gewachsen sein?
      Weder lasse ich sagen oder denken "aus dem Nichtsein -"
      unsagbar und undenkbar ist doch, daß es (das Sein) nicht ist (6).
      Welches Muß hätte es wohl gedrängt, früher oder später
      anfangend mit dem Nichts, zu werden?
      So ist es entweder ganz und gar oder überhaupt nicht!"

      "Noch kann die Kraft der Überzeugung zulassen,
      daß aus dem Sein etwas neben ihm entstehe.
      Daher hat Dike das Entstehen und Vergehen nicht freigegeben,
      nachlassend die Fesseln, sondern hält sie fest."

      "Es ist auch nicht teilbar, denn es ist ganz von derselben Stärke,
      nicht da ein etwas Mehr, das es verhinderte zusammenzuhalten,
      noch ein etwas Weniger, ganz voll ist es des Seins.
      Im Zusammenhalten ist es ein Ganzes:
      denn Seiendes bleibt dem Seienden zunächst."

      "Aber da es äußerste letzte Normung ist, ist es überallher vollendet -
      vergleichbar der Maße einer wohlgerundeten Kugel -,
      von der Mitte aus überall von gleicher Kraft -
      denn es darf nicht da oder dort stärker oder schwächer sein."

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Lehrgedicht - Strophe IV

      IV. Der Grund-Satz"Du mußt sagen und erkennen: Sein ist.

      Es muß sein. Denn Nichtsein ist nicht.(7)
      Das dir stets zu sagen, halt' ich dich an.
      Ich warne dich vor jenem Weg des Suchens.
      Dann aber auch vor dem, auf dem die Sterblichen einherstraucheln,
      des Wissens bar, die Doppelköpfigen.
      Denn Hilflosigkeit richtet aus in ihrer Brust einen schwankenden Sinn.
      So werden sie dahingetrieben, taub zugleich und blind, vor den Kopf geschlagen,
      Geschlechter, die nicht zu entscheiden vermögen,
      bei denen Sein und Nichtsein als dasselbe gilt
      und wieder nicht als dasselbe Geltung hat,
      und jeder Weg sich wieder zurückwendet."

      "Denn das kannst du nie erzwingen, daß Nichtsein sei. (7)
      Drum halte von diesem Weg des Fragens fern den Gedanken,
      laß dich nicht auf ihn zwingen, nicht durch die Gewohnheit und ihr vieles Erfahren,
      nicht durch das Walten der ziellosen Augen, des brausenden Gehörs und der Zunge -
      entscheide, dich besinnend, auf die streitvolle Prüfung, die aus mir verkündete:
      nur ein Weg bleibt über."

      Auch hier wieder die falsche Beahuptund, das Nichtsein sei nicht...

      Den Rest des Lehrgedichtes schenke ich mir mal. Offensichtlich geht es in diesem Lehrgedicht nicht um das Seiende, sondern das Sein. In so fern kommen auch nur die Sätze (5), (6) und (7) darin vor. Nur ganz am Anfang tauchete einmal ganz kurz der Lehrsatz (1) auf.

      Wir vergleichen jetzt mit dem Diels-Fragment...

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Das Diels-Fragment - 2. - 8.

      2. Betrachte wie doch das Ferne Deinem Verstande zuverläßig nahe tritt. Denn er wird ja das Seiende nicht aus dem Zusammenhange des Seienden abtrennen, weder so, daß es sich in seinem Gefüge überall gänzlich auflockere, noch so, daß es sich zusammenballe. 3. Ein Gemeinsames [Zusammenhängendes] aber ist mir [das Seiende,] wo ich auch beginne. (1) Denn dahin werde ich wieder zurückkommen.

      4. Wohlan, so will ich denn verkünden (Du aber nimm mein Wort zu Ohren), welche Wege der Forschung allein denkbar sind: der eine Weg, daß [das Seiende] ist (1) und daß es unmöglich nicht sein kann (4), das ist der Weg der Überzeugung (denn er folgt der Wahrheit), der andere aber, daß es nicht ist (2) und daß dies Nichtsein notwendig sei (7) , dieser Pfad ist (so künde ich Dir) gänzlich unerforschbar. Denn das Nichtseiende kannst Du weder erkennen (es ist ja unausführbar) noch aussprechen.

      5. Denn [das Seiende] denken und sein ist dasselbe.

      6. Dies ist nötig zu sagen und zu denken, daß [nur] das Seiende existiert. (1) Denn seine Existenz ist möglich, die des Nichtseienden dagegen nicht (3); das heiß' ich Dich wohl zu beherzigen. Es ist dies nämlich der erste Weg der Forschung, vor dem ich Dich warne. Sodann aber auch vor jenem, auf dem da einherschwanken nichts wissende Sterbliche, Doppelköpfe. Denn Ratlosigkeit lenkt den schwanken Sinn in ihrer Brust. So treiben sie hin stumm zugleich und blind die Ratlosen, urteilslose Haufen, denen Sein und Nichtsein für dasselbe gilt und nicht für dasselbe, für die es bei allem einen Gegenweg gibt.

      7. Denn unmöglich kann das Vorhandensein von Nichtseiendem zwingend erwiesen werden. (3) Vielmehr halte Du Deine Gedanken von diesem Wege der Forschung ferne.

      8. So bleibt nur noch Kunde von Einem Wege, daß [das Seiende] existiert. (1) Usw.

      Den Rest des Fragmentes schenke ich mir mal...
      Offensichtlich hat das Dielsfragment, auf dass sich anscheinend auch Vossenkuhl bezieht, einen komplett anderen Inhalt. In diesem Fragment geht es nun nicht mum das Sein, sondern um das Seiende. Und trotzdem führt der Textauszug zu dem gleichen Reduktionismus. Wo? Hier:

      "... und daß es (das Seinede) unmöglich nicht sein kann, ... "

      Und eben das ist ein Irrtum. In dierser Möglichkeitsform ist es eben falsch. Sein Seinendes kann sehr wohl nicht sein und ein Nicht-Seinedes kann sehr wohl sein. Man muss nur den Faktor Zeit mit hinzunehmen. Daraus ergeben sich zwei neue Lehrsätze:

      (4b) Das was ist, kann auch einmal nicht sein.
      (3b) Das was nicht ist, kann auch einmal sein.

      Der zweite Durchlauf durch dei beiden Fragmente von Parmenides bestätigt nur, was ich beim ersten Durchlauf schon herausgefunden hatte.

      Nun könnte man hingehen, die einseitig-reduktionsitische Lehre des Parmenides um die fehlende Hälfte des Nicht-Seins und des Nichtseinenden, zu verfollständigen. Wie dass dann Lehrsatztechnisch aussehen könnte, zeige ich gleich im Anschluss...

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Der Neue Parmenides

      Hier einmal die 10 Lehrsätze des "neuen" Parmenides:

      (1) Nur das, was ist, ist.
      (2) Das, was nicht ist, ist nicht.
      (3) Nichts, was nicht ist, ist.
      (4) Nichts, was ist, ist nicht.

      (4b) Das was ist, kann auch einmal nicht sein.
      (3b) Das was nicht ist, kann auch einmal sein.

      (5) Das Sein ist.
      (6) Das Sein ist nicht nicht.
      (7b) Das Nicht-Sein ist auch.
      (8 ) Das Nicht-Sein ist nicht nicht.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Joachim Stiller schrieb:

      Offensichtlich hat das Dielsfragment, auf dass sich anscheinend auch Vossenkuhl bezieht, einen komplett anderen Inhalt.

      Du scheinst außerstande zu sein, davon Kenntnis zu nehmen, dass das Lehrgedicht des Parmenides in rund zwanzig größeren und kleineren Fragmenten teilweise erhalten ist. Überliefert sind diese Fragmente des einen Lehrgedichtes durch längere oder kürzere Zitate in Schriften anderer Autoren, namentlich in (siehe Übersicht hier):
      - DK 28 B 1 Sext. adv.math. 7,111 f; Simpl. in cael. 557, 25 f (Sextus Empiricus)
      - DK 28 B 2 Prokl. in Tim. 1; Simpl. in phys. 116,28 f (Proklos)
      - DK 28 B 3 Clem. Alex. strom. 440,12; Plot. Enn. 5,1,8 (Clemens Alexandrinus)
      - DK 28 B 4 Clem. Alex. strom. 2
      - DK 28 B 5 Prokl. in Parm. 708,16
      - DK 28 B 6 Simpl. in phys. 86,7 f (Simplicius)
      - DK 28 B 7 Plat. soph. 237a, 158d; Simpl. in phys. 135,21 f (Platon)
      - DK 28 B 8 Simpl. in phys. 145,1-146,25
      - usw.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln).
    • Ich denke, ich verstehe durchaus...

      In den Fragmenten heißt es eindeutig: eon.

      On
      bzw. on to ist das "Sein". Dann kann eon ja nur das "Seinede" sein. Und dann wäre das Diels-Fragment echter. Und damit wäre das Lehrgedicht Schrott... Jedenfalls kommt Vossenkuhl mit seinen vier Sätzen dann gut hin, denn die beziehen sich auf die Diels-Übersetzung... Da Wäre interessant, etwas mehr über die Historie der beiden Fragmente zu erfahren...

      Ich schaue gleich noch mal in dem Wiki-Artikel zu Parmenides. Das stand glaube ich auch was...

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Da Du, Joachim, kein Vertrauen in Parmenides hast, bleibt noch Platon als Autorität.

      Bovor ich mich aber auf Platon berufe, möchte ich noch auf folgende Besonderheit hinweisen: Nicht selten ist unklar, wo oder womit ein Anfang gemacht werden soll. Da zu befürchten ist, das Endergebnis sei vom Startpunkt abhängig. Daher sind Verfahren zu bevorzugen, die irgendwo angefangen werden können. Beachtenswert ist daher die Aussage der Göttin, dass es einerlei sei woher man anfange, da man dorthin zurückkomme. Dies steht im folgenden Fragment:
      Ein Gemeinsames ist es für mich, von woher ich anfange; denn ich werde dorthin wieder zurückkommen. [DK 28 B 5]

      Dieses Fragment vermittelt bei mir zwischen den beiden Hauptsachen des Parmenides, d.h. es leitet über "Von der Natur" zum "Über das Sein".

      Alltag hat Platon zweifach diskreditiert. Zum Einen wurde Platon mit phonographischem Gedächtinis ausgezeichnet aber zugleich statt als Autor, zum Protokollführer der Parmenides-Dialoge gemacht. Zum Andern hat Alltag sich erfrecht zu fragen, ob Platon den Parmenides-Dialog überhaupt verstanden hat. Die positive Antwort darauf ist in Platons Werk "Sophistes" zu finden. Im Sophistes ist der Protagonist namenlos, <ein Fremder aus Elea>, und das ist schlicht unverträglich mit einem Protokoll. Der Sophistes beginnt mit einer ausschweifenden Vorübung. Platon sagt dann:
      [238c] Fremder: Und wir sagen doch, es sei weder recht noch billig, dass man Seiendes mit Nichtseienden zusammenzufügen suche.
      Theaitetos: Du sprichst vollkommen wahr.
      Fremder: Siehst Du also, wie ganz unmöglich es ist, richtig das Nichtseiende auszusprechen, oder etwas davon zu sagen, oder es auch nur an und für sich zu denken; sondern wie es etwas Undenkliches ist und Unbeschreibliches und Unaussprechliches und Unerklärliches.
      Theaitetos: Auf alle Weise freilich.

      Ist Dir, Joachim, Platon genug Autorität?
      Nicht!
      Dann lass es Dir von Alltag so sagen: Vom Nichts lässt sich nichts weiter, als diesen Satz sagen.
      Denn jede weitere Aussage ist doch Etwas, statt Nichts. --- L.G. --- Alltag

      P.S.
      Ofensichtlich ist es so, dass das, was Du vermisst, eben bei den Alten anders benannt wurde.

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