Namen

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    • Walter Benjamin schrieb:

      Von allen Wesen ist der Mensch das einzige, das seinesgleichen selbst benennt, wie es denn das einzige ist, das Gott nicht benannt hat[...]. Mit der Gebung des Namens weihen die Eltern ihre Kinder Gott; dem Namen, den sie hier geben, entspricht - metaphysisch, nicht ethymologisch verstanden - keine Erkenntnis, wie sie die Kinder auch neugeboren benennen.
      "Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen", in Gesammelte Schriften II,1. Suhrkamp, Frankfurt, 1991, pp. 149f


      Ausgehend von den beiden Zitaten aus dem Benjamin-Text "Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen" von Benjamin zur Diskussion stellen, den ich seit einigen Tagen zu lesen versuche (die Betonung liegt auf "versuchen"), soll es in diesem Thread einmal um Namen gehen, besonders um die Namen der Menschen.

      Menschen sind laut Benjamin die einzigen Wesen, die sich ihre Namen selber geben, wie es auch die Besonderheit der Sprache der Menschen sei, Dinge zu benennen, d. h. das geistige Wesen der Dinge immateriell zu fassen. Die Besonderheit des menschlichen Namens scheint dabei zu sein, dass ihm keine Erkenntnis entspricht, d.h. dass dem Namen "Johann", "Wolfgang", "rob" etc. nicht von sich aus eine Bedeutung zukommt, wie es z. B. bei den Namen der Dinge der Fall ist ("Tisch", Taschenrechner", "Druckerpapier mit Benjamin-Text").
      Bedenkenswert ist für mich die Tatsache, dass der Name einem gegeben wird. Man besitzt ihn also nicht von Anfang an und kann auch nicht frei über ihn verfügen. Dadurch wird er einerseits Symbol der gesellschaftlichen Einbindung des Einzelnen in die Familie bzw. Kirche (Taufe) oder Staat (Geburtsurkunde), andererseits bleibt er Ausddruck des jeweiligen Individuums, der sich eben erst durch den Namen von den anderen Mitgliedern der Gesellschaft abhebt. Dies scheint gerade dadurch zu geschehen, dass dem Namen bei der Namensgebung keine Erkenntnis, entspricht, der Mensch seine Bedeutung in der Welt, die sich daraufhin in seinem Namen spiegelt, sich also selber erschaffen kann. Die Neigung eines Sklavenhalters, seinen Sklaven neue Namen zu geben, könnte in diesem Sinn den Versuch darstellen, einem Menschen seinen eigenen Namen und der damit verbundenen Möglichkeit zur Selbstverwirklichung zu entziehen und durch einen neuen, jetzt aber bedeutungsgebundenen Namen (ähnlich wie "Tisch" oder "Taschenrechner") zu ersetzen. Ähnliches gilt für den Erlass der Nationalsozialisten, alle Juden mit den "jüdischen" Namen Sara oder Israel zu benennen. In diesem Sinn wäre es auch interessant, sich zu überlegen, warum man Haustieren einen Namen gibt, Nutztieren aber nicht unbedingt.

      Den kompletten Text (auf deutsch, obwohl die Website italienisch ist) gibt es hier: sciacchitano.it/Pensatori%20ep…ache%20%C3%BCberhaupt.pdf. Was haltet ihr von Benjamins Argumentation bezüglich der Namensgebung, bzw. welche Bedeutung haben Namen für Euch?
      Beim Brand der einzigen Bibliothek auf Melmac sind beide Bücher verbrannt. Und eines davon war noch nicht einmal fertig ausgemalt.

      ALF

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    • rob schrieb:

      Was haltet ihr von Benjamins Argumentation bezüglich der Namensgebung, bzw. welche Bedeutung haben Namen für Euch?

      Benjamin hat eine magische Weltauffassung hinsichtlich von Dingen, Geistern und auch Sprache(n).

      Benjamin, Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen, PDF-S. 5 schrieb:

      Die Sprache selbst ist in den Dingen selbst nicht vollkommen ausgesprochen. Dieser Satz hat einen doppelten Sinn nach der übertragenen und der sinnlichen Bedeutung: Die Sprachen der Dinge sind unvollkommen, und sie sind stumm. Den Dingen ist das reine sprachliche Formprinzip – der Laut – versagt. Sie können sich nur durch eine mehr oder minder stoffliche Gemeinschaft einander mitteilen. Diese Gemeinschaft ist unmittelbar und unendlich wie die jeder sprachlichen Mitteilung; sie ist magisch (denn es gibt auch Magie der Materie). Das Unvergleichliche der menschlichen Sprache ist, dass ihre magische Gemeinschaft mit den Dingen immateriell und rein geistig ist, und dafür ist der Laut das Symbol. Dieses symbolische Faktum spricht die Bibel aus, indem sie sagt, dass Gott dem Menschen den Odem einblies: das ist zugleich Leben und Geist und Sprache.

      Der von mir zitierte Absatz kommt direkt nach einem Hinweis von Benjamin auf Hamann (PDF-S. 4):
      "Sprache, die Mutter der Vernunft und Offenbarung, ihr A und Q", sagt Hamann.

      Zu Hamann gibt Antony Tatlow diesen Hinweis (Buchbesprechung zu D. Stephan Bock, Coining Poetry - Brechts 'Der gute Mensch von Sezuan', 1998; in New Essays on Brecht - Neue Versuche über Brecht, herausgegeben von Maarten van Dijk, 2001, S. 319-330; hier S. 324; Zitatnachweise auf S. 330):
      Mit der wiederentdeckten Kabbala wollte die Romantik einen platten Rationalismus bekämpfen. Schlegel schwebte vor, daraus ein Modell für die neue Ästhetik zu entwickeln. Hamann verwendet andauernd kabbalistische Strategien. Seine "Sprache weist performativ vor, was sie thematisiert. Die allusive Schreibart der Kabbala ist selbst im Modus der Allusion vorgetragen." Eine neuerliche Beschreibung der rhetorischen Folgen passt zu Coining Poetry wie die Faust aufs Auge:
      "Hamanns Stil ist wirklich furchtbar: verschlungen, dunkel, voller Anspielungen, Abschweifungen und unerfindlicher Bezugnahmen, voller privater Witze, Wortspiele in Wortspielen, Anagramme und Kryptogramme, voller Geheimnamen für Personen der Vergangenheit und Gegenwart, für Begriffe und unsagbare Visionen der Wahrheit. Wo das Fleisch der Worte den Geist nicht zu offenbaren vermag, da versucht er, der zurecht vergessenen kabbalistischen Ausdrucksweise der Mystagogen der Vergangenheit nachzueifern - in Formulierungen, von denen nicht zu sagen ist, wo die Imitation endet und die Parodie beginnt."
      Bei Hamann wie bei Bock haben wir es mit kabbalistischer Sprachmagie zu tun. Durch Vertauschung der "zweiundzwanzig hebräischen Buchstaben und der Gottesnamen" wie auch "durch Kontemplation ihrer linguistischen Elemente" soll "eine in göttlichen Buchstaben und Namen geschriebene Textur" entziffert werden. Die Gottesnamen sind letztlich Umsetzungen des immer großgeschriebenen Tetragramms IHVH.

      Mit ernst zu nehmender Sprachphilosophie und/oder Sprachwissenschaft hat all das eher wenig bis nichts zu tun. Es handelt sich dabei um pure Esoterik: romantisch-idealistisch aufgezäumt bei Hamann und bei Benjamin wieder aufgegriffen zur Unterfütterung seiner Analyseversuche in Kunst, Literatur und Geschichte.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • @Fliege: Ich weiß nicht genau, ob Benjamins Auffassung von Sprache diesen Magie-Begriff wirklich benötigt, aus dem Text wird nicht wirklich deutlich, was er mit dieser "Magie" meint. Indem er Sprache relativ umfassend als "Mitteilbarkeit" definiert, entfernt er sich sicherlich weit von der "herkömmlichen" Sprachtheorie, braucht aber im Prinzip keine esoterischen bzw. magischen Stützräder. Die menschliche Sprache als benennende bzw. nach dem "sprachlichen Sündenfall", der auch nicht unbedingt theologisch gedeutet werden muss, richtende Sprache wäre hierbei nur ein Spezialfall einer allgemeinen Mitteilbarkeit, der die "sinnlichen Sprachen" der Dinge in Laute übersetzt und umgekehrt eine Erkenntnis der sinnlichen Wahrnehmungen durch Benennung ermöglicht.

      Die Benjamin'sche Deutung des Sündenfalls erinnert mich übrigens sehr stark an einen der frühesten philosophischen Werke überhaupt:

      Benjamin schrieb:

      Seine Apfel sollten die Erkenntnis verleihen, was gut und böse sei. Gott aber hatte schon am siebenten Tage mit den Worten der Schöpfung erkannt. Und siehe, es war sehr gut. Die Erkenntnis, zu der die Schlange verführt, das Wissen, was gut sei und böse, ist namenlos. Es ist im tiefsten Sinne nichtig, und dieses Wissen eben selbst das einzige Böse, das der paradiesische Zustand kennt


      Parmenides schrieb:

      Wohlan, ich will es dir sagen, welcher Wege der Forschung allein denkbar sind[...]! Der eine zeigt, dass das Seiende ist und dass es unmöglich ist, dass es nicht ist[...]. Der andere aber behauptet, dass es nicht ist und dass es dieses Nichtsein notwendig geben müsse. Dieser Weg ist[...] völlig unerforschlich. (fr. 4)

      Du aber halte von diesem Wege der Forschung dein Denken fern! (fr. 7)

      [nach Capelle, Fragmente der Vorsokratiker pp. 165f]
      Beim Brand der einzigen Bibliothek auf Melmac sind beide Bücher verbrannt. Und eines davon war noch nicht einmal fertig ausgemalt.

      ALF
    • Hallo Rob,

      rob schrieb:

      Was haltet ihr von Benjamins Argumentation bezüglich der Namensgebung, bzw. welche Bedeutung haben Namen für Euch?

      ich kann diese "Argumentation" als mögliches anthropologisches Kriterium nachvollziehen.

      ich möchte hier einmal mehrere Punkte ansprechen - die ich in Punkt drei verschränken möchte.

      1. Name - soziale Personalisierung und Individualisierung

      rob schrieb:

      Bedenkenswert ist für mich die Tatsache, dass der Name einem gegeben wird. Man besitzt ihn also nicht von Anfang an und kann auch nicht frei über ihn verfügen. Dadurch wird er einerseits Symbol der gesellschaftlichen Einbindung des Einzelnen in die Familie bzw. Kirche (Taufe) oder Staat (Geburtsurkunde), andererseits bleibt er Ausddruck des jeweiligen Individuums, der sich eben erst durch den Namen von den anderen Mitgliedern der Gesellschaft abhebt.


      Ja, obwohl es viele "Michaels", "Roberts" etc. gibt, so ist mit der Namensgebung doch auch eine Intention verbunden, die auf Individualität zielt, was den Vornamen angeht, und die auf Sozialität zielt, was den Nachnahmen angeht. In der Namensgebung selbst ist also schon eine Spannung/Verschränkung von nicht-vertretbarer Individualität und vertretbarer Personalität angezeigt. (Als seelisch-leibliches Individuum bin ich unvertretbar, als Person kann ich vertreten werden.)

      rob schrieb:

      Menschen sind laut Benjamin die einzigen Wesen, die sich ihre Namen selber geben, wie es auch die Besonderheit der Sprache der Menschen sei, Dinge zu benennen, d. h. das geistige Wesen der Dinge immateriell zu fassen. Die Besonderheit des menschlichen Namens scheint dabei zu sein, dass ihm keine Erkenntnis entspricht, d.h. dass dem Namen "Johann", "Wolfgang", "rob" etc. nicht von sich aus eine Bedeutung zukommt, wie es z. B. bei den Namen der Dinge der Fall ist ("Tisch", Taschenrechner", "Druckerpapier mit Benjamin-Text").

      ja, die Bedeutung(sindividualität) entfaltet sich im Wege der Individualisierung.

      Dies scheint gerade dadurch zu geschehen, dass dem Namen bei der Namensgebung keine Erkenntnis, entspricht, der Mensch seine Bedeutung in der Welt, die sich daraufhin in seinem Namen spiegelt, sich also selber erschaffen kann.

      das "selber schaffen" klingt mir persönlich ein wenig zu subjektphilosophisch oder zielt zumindest vor allem auf den Identitätsprozess (als Erkenntnisprozess) - weniger auf den Lebensprozess.

      rob schrieb:

      Die Neigung eines Sklavenhalters, seinen Sklaven neue Namen zu geben, könnte in diesem Sinn den Versuch darstellen, einem Menschen seinen eigenen Namen und der damit verbundenen Möglichkeit zur Selbstverwirklichung zu entziehen und durch einen neuen, jetzt aber bedeutungsgebundenen Namen (ähnlich wie "Tisch" oder "Taschenrechner") zu ersetzen. Ähnliches gilt für den Erlass der Nationalsozialisten, alle Juden mit den "jüdischen" Namen Sara oder Israel zu benennen. In diesem Sinn wäre es auch interessant, sich zu überlegen, warum man Haustieren einen Namen gibt, Nutztieren aber nicht unbedingt.

      das kann ich nachvollziehen. Ja - indem der alte Name ausgelöscht wird, wird die alte Identität negiert; durch die neue Namensgebung selbst wird eine Macht-Stellung performativ formiert (ICH taufe DICH....) und durch die neue Bedeutung eine neue Identität zugeschrieben.

      2. Namens-Performativität

      Wir geben auch Hunden oder Katzen Namen und wir erwarten, dass diese auf Ruf hin reagieren. Sie werden hierdurch in gewisser Weise Teil einer sozialen Gruppe; jedoch unterscheidet sich ihre Namens-Verwendung von der Namens-Verwendung durch Menschen. Menschen sind die einzigen Wesen, die sich die Namen "selbst" geben können und hiermit einen zu spezifizierenden Umgang pflegen - das erwarten wir von Hunden und Katzen nicht.
      Es geht also nicht um bloße "Namensgebung", sondern um Namensgebung an einen Adressaten, der in einer zu spezifizierenden Weise performativ in der Lage ist, mit diesem Namen umzugehen. Ich spreche in diesem Sinne von der "menschlichen Namensperformativität". ("Performatität" bezeichnet hier den Zusammenhang von "Sprechen" und "Handeln" (sowie "Leben") hinsichtlich einer "konkreten Ausführung/Tat/Lebenspraxis".)
      In der Ontogenese können wir dieses sprachliche und sozialperspektivische "Tun" wohl zwischen 2-4 Lebensjahren antreffen, also in einer Phase, in der sich die Unterschiede zu anderen Lebewesen (z.B. Primaten) zu zeigen scheinen.

      3. Individuum, Person, Individualisierung, Personalisierung, Verkörperung und Namens-Performativität

      Wir können also den Menschen als ein Lebewesen verstehen, der (sich und) anderen Menschen Namen gibt und mit diesen Namen soziale Interaktionen eingeht, in welchen er erwartet, dass diese Lebewesen ihren Namen auf eine bestimmte Art und Weise "verkörpern".
      Es geht nicht nur darum, stets auf den Namen "x" zu hören und dem Namen "x" irgend welche Eigenschaften zuzuschreiben, die es zu "erkennen" gäbe, sondern es geht auch darum, dass das individuelle Lebewesen y tatsächlich seine Eigenschaften x lebendig zum Ausdruck bringt: verkörpert. Ich lerne als Individuum in einer Gesellschaft meine Persönlichkeitseigenschaften zu entfalten (Individualisierung), unter anderem indem ich als "Person" an bestimmten Gruppenprozessen teilnehme, z.B. als "Schüler" oder "Student". Ich kann an diesen Gruppenprozessen nur teilnehmen, weil ich mich auch als eine Person verhalten kann, also bestimmten allgemeinen Regeln folgen kann, die für "alle" Teilnehmer (Personen) der Gruppe gelten. Und nur weil ich lerne, an derartigen Gruppen als Person teilzunehmen (Personalisierung), kann ich dann in diesen Gruppenrahmen auch meine individuellen Fertigkeiten als Individuum zum Ausdruck bringen, die mir dann als Individuum mit dem Namen x zugeschrieben werden.
      Eine wesentliche Eigenschaft, die ich in diesem Personalisierungsprozess lerne, um an diesen Gruppenprozessen teilnehmen zu können, ist gerade auch die angesprochene "Namensperformativität", denn könnte ich nicht auf meinen Namen hören und als Person mit einem Namen verkörpert handeln, wäre es mir nicht möglich, an diesen Prozessen handelnde, sprechend teilzunehmen und mich auf diese Weise zu individualisieren, also diejenigen Eigenschaften zu entwickeln und zum Ausdruck zu bringen, die mich als Individuum und somit individuellen Namensträger auszeichnen.

      Es zeigt sich also, dass mit der Namensperformativität verschiedene Aspekte verbunden sind, die über die bloße Namensgebung, Erkenntnis, Identifizierung hinausgehen, die es mir erlauben, als menschliches Lebewesen innerhalb einer Sozialsphäre zu leben.
      Insofern scheint die beschriebene Namensperformativität als anthropologisches Kriterium nachvollziehbar. Das Kriterium zielt nicht nur auf "Sprache" und "Identität", sondern auf eine spezifisch menschliche Verschränkung von "Sprache", "Identität", "Selbsterkenntnis", "perspektivischem Sozialverhalten" und Lebenspraxis. 

      Beste Grüße,
      S.

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    • rob schrieb:

      Ich weiß nicht genau, ob Benjamins Auffassung von Sprache diesen Magie-Begriff wirklich benötigt, aus dem Text wird nicht wirklich deutlich, was er mit dieser "Magie" meint. Indem er Sprache relativ umfassend als "Mitteilbarkeit" definiert, entfernt er sich sicherlich weit von der "herkömmlichen" Sprachtheorie, braucht aber im Prinzip keine esoterischen bzw. magischen Stützräder.

      Ich bin da weniger zuversichtlich.

      Kurios erscheint mir beispielsweise diese Passage von Benjamin (PDF-S. 2):
      Die Sprache teilt das sprachliche Wesen der Dinge mit. Dessen klarste Erscheinung ist aber die Sprache selbst. Die Antwort auf die Frage: was teilt die Sprache mit? lautet also: Jede Sprache teilt sich selbst mit. Die Sprache dieser Lampe z. B. teilt nicht die Lampe mit (denn das geistige Wesen der Lampe, sofern es mitteilbar ist, ist durchaus nicht die Lampe selbst), sondern: die Sprach-Lampe, die Lampe in der Mitteilung, die Lampe im Ausdruck. Denn in der Sprache verhält es sich so: Das sprachliche Wesen der Dinge ist ihre Sprache. Das Verständnis der Sprachtheorie hängt davon ab, diesen Satz zu einer Klarheit zu bringen, die auch jeden Schein einer Tautologie in ihm vernichtet. Dieser Satz ist untautologisch, denn er bedeutet: das, was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, ist seine Sprache. Auf diesem "ist" (gleich "ist unmittelbar") beruht alles.

      Die Logik dieser Passage möchte ich versuchsweise an einem anderen Beispiel ausprobieren:

      Der Fluss bewegt das flüssige Wesen der Dinge. Dessen klarste Erscheinung ist aber der Fluss selbst. Die Antwort auf die Frage: was bewegt der Fluss? lautet also: Jeder Fluss bewegt sich selbst. Der Fluss dieses Sees zum Beispiel bewegt nicht den See (denn das geistige Wesen des Sees, sofern er sich bewegt, ist durchaus nicht der See selbst), sondern: der Fluss-See, der See in Bewegung, der Sees im Bewegungsausdruck. Denn im Fluss verhält es sich so: Das flüssige Wesen der Dinge ist ihr Fluss. Das Verständnis des Flusses hängt davon ab, diesen Satz zur Klarheit zu bringen, die auch jeden Schein einer Tautologie in ihm vernichtet. Dieser Satz ist untautologisch, denn er bedeutet: das, was an einem geistigen Wesen sich bewegt, ist sein Fluss. Auf diesem 'ist' (gleich 'ist unmittelbar') beruht alles.

      In diesem Beispiel geht es um einen See mit Abfluss, der eine Strömung aufweist, da Wasser aus Molekülen besteht, die ohne Frost keine sonderlich stabile Struktur bilden.
      Um Fluss-See, flüssige oder geistige Wesen der Dinge sowie den sich selbst bewegenden Fluss geht es höchstens in einer Pseudo-Erklärung von allenfalls poetisch-literarischem Belang (das Tautologie-Problem spricht Benjamin sogar selber an).
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".

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    • Ergänzendes Material zu Walter Benjamins Sprach- und Namenstheorie

      Till R. Kuhnle, Von Dante zu Derrida - Kabbala und Literaturtheorie (Vortrag, 2007, PDF-S.1 und 8-9); Günther Butzer und Hubert Zapf (Herausgeber): Theorien der Literatur IV, 2009 schrieb:

      Sympathie des Zeichens mit dem Bezeichneten (Eine der Grundideen der Kabbalistik) – Novalis
      [... PDF-S. 1 | 2-8 ...]
      Der Messianismus der kabbalistischen Mystik wird jedoch nicht auf der Bühne der Weltgeschichte gedacht, sondern hat seinen Ort in einer der Welt abgewandten und einzig der Schrift zugewandten [PDF-S. 8 | 9] Spiritualität: Das System der Kabbala strebt nach seiner Selbstaufhebung, die dereinst mit dem Hereinbrechen des messianischen Zeitalters erfolgen werde. Oder anders formuliert: Es ist der Messias, der den Worten der Thora ihre letztgültige Ordnung geben und das Licht der reinen Erkenntnis zum Strahlen bringen wird. Man könnte - allerdings mutatis mutandis - mit Walter Benjamin von der "reinen Sprache" sprechen. Jedenfalls steht die Kabbala mit am Ausgang der Suche nach der vollkommenen Sprache [...].

      Donatella Di Cesare, Anmerkungen zu Novalis Monolog; Athenäum - Jahrbuch für Romantik, 5. Jahrgang, 1995, S. 152-153 schrieb:

      Kabbala und Sprachmystik. Für die Romantik - wie schon für Hamann - ist die Kabbala das Paradigma einer nichtinstrumentalen Sprachauffassung. Hamann definiert sich selbst mehrfach als "kabbalistischen Philologen" (...). In seiner Theorie der Sprachmagie - verstanden als "grammatische Mystik" - geht es Novalis um eine Reformulierung "eine[r] der Grundideen der Kabbalistik" (...).
      Die Identifikation mit der Kabbala, mit der mystischen Tradition, geschieht sozusagen negativ. Sie ist Folge einer Entscheidung gegen die im Rationalismus vorherrschende konventionalistische Sprachauffasung. Im Gegensatz zu dieser Auffassung steht das Sprachverständnis der Romantik, die romantische Erfahrung der [152|153] Sprachmagie. Magie wegen der Fähigkeit der Sprache, durch ihren Klang alle Dinge des Universums greifbar zu machen; Magie wegen dessen, was Novalis "Sympathie des Zeichens mit dem Bezeichneten" (...) nennt - womit die Konventionalität der Sprache vollends in Frage gestellt wird; Magie schließlich, weil die Sprache ihrer eigensten Natur nach Offenbarung ist. Aus all diesen Faktoren erwächst das Bedürfnis, aus dem dunklen Grund der mystischen Tradition zu schöpfen.

      Günter Bader, Die Emergenz des Namens - Amnesie, Aphasie, Theologie, 2006, S. 236 schrieb:

      [... I]nnerhalb dieses weitesten Sinnes von Sprachkritik - Sprachkritik als Metakritik - bildet sich um 1900 eine Gemengelage, die jetzt erst als 'Kritik der Sprache' oder 'Sprachkritik' in engerem Sinn bezeichnet wird, oder, um das über die Kritik hinausgehende Unmaß anzuzeigen, als 'Sprachskepsis', oder noch einmal anders gewendet als 'Sprachmystik'.
      Die hierzu zu zählenden disparaten Texte, poetische, philosophische, feuilletonistische, kommen darin überein, dass sie den Akzent von der Ausübung von Metakritik auf die Freilegung von Metasprache, genauer: der 'letzten' Metasprache verschieben. Sie verbinden die Kritik der Sprache mit dem Hinweis auf eine andere 'Sprache', die sie als nicht hintergehbare Metasprache reklamieren, sei es die Sprache des Alltags, die Sprache der Dinge, die Sprache Adams, die Sprache des Nichts und des Schweigens, sei es die Sprache der Sprache.
      Das ist der Punkt, von dem Benjamin und Scholem ausgehen: Ohne Einsicht in die Sprache der Sprache kein Zugang zum Namen, und ohne Einsicht in den Namen kein Zugang zum einzigen Namen [---'].

      Elisabeth Hamacher, Gershom Scholem und die Allgemeine Religionsgeschichte, 1999, S. 165-167 schrieb:

      Den Dreh- und Angelpunkt der Kabbalaforschung Scholems bilden zweifellos seine Darstellung und Deutung des mystischen Symbolismus der Kabbalisten. [...] Er selbst liefert die Hinweise auf die für ihn wichtigsten Quellen seiner Auffassung von Offenbarung und Tradition und ihrer symbolischen Auslegung. Außer der Sprachphilosophie deutscher Klassik und Romantik (W. v. Humboldt, J. G. Herder, F. Schelling und besonders J. G. Hamann) sowie der Trias Rosenzweig, Buber, Benjamin, mit deren Schriften [165|166] sich der Kabbalaforscher sein Leben lang auseinandersetzte, erwähnt Scholem [...]. Keinerlei Bezug nimmt er dagegen auf Ernst Cassirer, obwohl sich eine Beziehung zu dessen <k>Philosophie der symbolischen Formen</k> schwerlich leugnen läßt [...].
      [... 166|167 ...]
      Für die Beeinflussung Scholems durch Benjamin [...] spricht der frühe Zeitpunkt von Benjamins Spracharbeit aus dem Jahre 1916 [Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen] und die Tatsache, daß ihr Autor nichts über die Kabbala selbst zu wissen brauchte, um deren sprachmystische Begriffe, wie sie bei den Romantikern begegnen, aufzugreifen. In jedem Fall sind die sprachphilosophischen Ideen Scholems, allein sein Sprachgebrauch (Wort-Name, Offenbarung, Magie der Sprache) ohne Kenntnis von Benjamins frühen Schriften zur Sprache kaum wirklich zu verstehen und adäquat zu interpretieren.

      Alfred Toth, Der sympathische Abgrund - Ein präsemiotisches Modell der Nicht-Arbitrarität der Zeichen, 2008, S. 13-14 schrieb:

      Paracelsus folgt also der Schöpfungstheologie "insoweit, als die Welt sprachlose Sprache Gottes ist. Adam ist 'der erste signator gewesen' (...), der jedem Ding 'seinem Wesen nach' einen Namen beilegte. Die adamitische Ursprungssprache, die zum Fundament der Sprachtheologie Böhmes, Hamanns und Benjamins wird, hält trotz aller historischen Verderbnis der Sprachen (babylonische Sprachverwirrung) den Menschen in Kontakt zu einer Sprachform, die die sprachlose Signatur der [13|14] Dinge mimetisch im Wort, im Namen vergegenwärtigt [...]. In der adamitischen Sprache, in der jedes Wort ein Ikon des Dinges ist, kann es die Konventionalität von Zeichen nicht geben [...]. Die semiologische Ordnung der Körper entspricht der ontologischen Ordnung der Körper und Dinge" (...).
      Diese Aussage Böhmes ist also der Schlüssel, weshalb die paracelsische Semiotik auf einem nicht-arbiträren Zeichenbegriff beruht. Man beachte, dass nur wegen ihres nicht-arbiträren Zeichenbegriffs die Semiotik als <k>scientia scientiarum</k> fungieren kann!

      Toth, Abgrund, S. 19 schrieb:

      Demzufolge können die Bemühungen Hamanns und, ihm folgend, Swedenborgs, als Annäherungen zur Rekonstruktion des Abgrunds zwischen Zeichen und Objekt aufgefasst werden. Es handelt sich also sowohl bei den Konzeptionen der adamitischen Namensprachen bei Paracelsus und Benjamin, bei den Engelssprachen Böhmes, Hamanns und Swedenborgs und auch bei der Physiognomik Lavaters letztlich um vorwissenschaftliche Präsemiotiken.

      Toth, Abgrund, S. 45-46 schrieb:

      Innerhalb der allgemeinen Semiotik wurden ihnen [auf dem nicht-arbiträren Zeichenbegriff basierenden Präsemiotiken] allerdings durch die Veröffentlichung von Saussures linguistischer Zeichentheorie (1916) ein Todesstoss versetzt; einige Themen einer nicht-arbiträren Semiotik lebten am längsten noch in Benjamins und Adornos Konzepten einer adamitischen Ursprache fort, welche sich gegen die mechanistische, auf [45|46] Lautgesetzen basierende historisch-vergleichende Sprachwissenschaft richtete.

      Mario Kumekawa, Nach dem Sündenfall - Über die Vorstellung der besseren Sprache bei Ludwig Wittgenstein und dem frühen Walter Benjamin; Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Heft 115, 1999, S. 113-129:

      Mario Kumekawa; englisch-sprachige Zusammenfassung schrieb:

      Though Ludwig Wittgenstein and Walter Benjamin lived in the same era and were the authors of language-philosophical texts, which show apparant traits of the time and a jewish tradition, there have been only a few comparative studies which try to find some inner relations and logical commonness in their writings. But there are, in spite of many differences in their styles, some important similarities of philosophical methods. This essay tries to represent those corresponding points between Wittgenstein and Benjamin, who didn't know each other personally, and were unaware of each others works.
      The first condition which enables us to compare our philosophers was the 'crisis of language', which occured at the beginning of the twentieth century. There was at that time a destruction of solid ground, which had seemingly secured the meanings of human-languages. Poets and avantgarde artists expressed how the objektive forms of languages began to part from their one-dimentional, plain meanings. Wittgenstein and Benjamin regarded this critical situation of language as a positive moment which led to the true state of our words, because language must be, in so many cases, multivocal and it would be otherwise too easy if one wanted to find a simple and setted meaning of the world. The second moment is the idea of language-reformation.
      At first, Wittgenstein and Benjamin considered our languages to have corrupted and thought of better, or higher, ones. Trying to find or develop a better language than our normal one can be called an european tradition. But today, it's turned out to be a misscarried project because we can not think any more of a meta-language with which our languages can be amended. As Wittgenstein claimed, the meanings must be shown only in each concrete situation in which languages are used. From such a perspective, Wittgenstein and Benjamin regarded our ordinary language, paradoxically, as a complete and finished one. For you can say nothing certain about the meanings of language, you must start your investigations of meanings by inspecting concrete examples of language-application. The language must be then understood as the origin of reality in which any questions about the meanings should come to an end.
      The late Wittgenstein claimed that philosophical problems take place only when you don't glance over ('übersehen') the use of languages. This method of glancing over is the most important means for Wittgenstein's language-philosophy. Each case of use should be inspected as an isolated star which carries no explainable relation to other cases. Only by glancing over various examples of use you see the true state of a word without questioning it's meanings. Especially for the words which have no equivalent in the world of objects, like philosophical concepts, Wittgenstein's way of inspecting meanings could have great significance.
      In addition, Benjamin's theory of platonic ideas, which he describes in his early work The Origin of Germanic Tragedy in a very unique style, contains the same process. From Benjamin's view of languages, the figur of a word as a whole, you can call it as its true meaning, must be shown as a constellation of concrete exmples which can not be reduced into a generality of meaning.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".
    • Da ich rob zugesagt hatte, etwas zum Thema zu schreiben (sorry, hat etwas gedauert, aber ich wollte den sicher nicht leicht zugänglichen Benjamin-Text erst in Ruhe lesen und vor allem verstehen ), hier noch ein kurzer Beitrag:

      Walter Benjamin schrieb:

      Der Name hat im Bereich der Sprache einzig diesen Sinn und diese unvergleichlich hohe Bedeutung: daß er das innerste Wesen der Sprache selbst ist. Der Name ist dasjenige, durch das sich nichts mehr und in dem die Sprache selbst und absolut sich mitteilt. Im Namen ist das geistige Wesen, das sich mitteilt, die Sprache. (Über die Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen, in: Walter Benjamin. Sprache und Geschichte. Philosophische Essays, ausgewählt v. Rolf Tiedemann.)

      So wie ich das verstehe geht es also um die Frage, was das "innerste Wesen" der Sprache selbst ausmacht, was es heißt dass sie eben Sprache ist. Entscheidend scheint mir dabei zugleich die hier angesprochene Differenz von "durch" und "in": Nicht "durch" das Medium der Sprache lässt sich Benjamin zufolge etwas anderes, das nicht Sprache ist, etwa eine bestimmte vor- oder außersprachliche Erkenntnis, Intention oder Absicht, vermitteln, dem sie im Grunde nur 'äußerlich' und damit marginale Nebensache ist wie vielleicht eine Verpackung oder ein Transportgefäß seinem Inhalt (in der Sprache der alten Metaphysik: dem sie nicht wesentlich ist) - vielmehr gilt: "jede Sprache teilt sich in sich selbst mit" (ebd., 32). In diesem "in" besteht für Benjamin ihre "magische" Unmittelbarkeit und auch Unendlichkeit: Was auch immer in ihr sich mitteilt kann daher "nicht von außen beschränkt oder gemessen werden" (ebd., 33); es ist mit jeglichen anderen, von 'außen' herangetragenen Maßen und Maßstäben inkommensurabel. In diesem Sinn gibt es für Benjamin auch keinen autonomen "Sprecher" der Sprache, der als ihr Herr nach Belieben über sie verfügen könnte.

      Am idealtypischsten oder reinsten sieht Benjamin diese wesentliche nicht-instrumentelle oder absichtsgeleitete Selbstmitteilung oder Selbstaus- und ansprache dabei offenbar im Namen verkörpert (der ja zugleich auch eine Form der Anrede ist). Der Eigenname steht für sich; er verkörpert oder verbürgt seinen (Eigen- ;) )Sinn und seine Bedeutung in sich selbst, ohne dass das etwas über seinen Träger aussagen muss. Darin ähnelt er vielleicht auch ein wenig dem Kunstwerk, über das Gadamer schreibt, sein Sinn beruhe darauf, "daß es da ist" (ders: Die Aktualität des Schönen. Kunst als Spiel, Symbol und Fest): Es lässt sich ebenso wenig zu einem bloßen Sinn- oder Bedeutungsträger reduzieren wie die Sprache zu einem bloßen Vehikel der Mitteilung und weist insofern auch jede diesbezügliche Sinnerwartung - etwa 'nomen est omen' o.ä. - in ihre Schranken.
      Inwiefern dieses Sprachverständnis zugleich auch mit seinem Selbstverständnis als Autor verbunden ist zeigt auch ein Brief Benjamins an Martin Buber vom 17.7. 1916 - dem Jahr der Niederschrift dieses frühen Sprachaufsatzes -, im Zusammenhang mit seiner Ablehnung, an der Monatsschrift Der Jude mitzuarbeiten, wozu deren Herausgeber Buber ihn eingeladen hatte, nämlich u.a. aus seiner grundsätzlichen Position "zu allem politisch wirksamen Schrifttum" (zit.n. Benjamin-Handbuch, 594) und der ihr zugrundeliegenden instrumentellen Sprachauffassung. Denn für solches Schrifttum sei "die Sprache nur ein Mittel der mehr oder weniger suggestiven Verbreitung der Motive die im Innern der Seele den Handelnden bestimmen" (ebd.). Gegenüber dieser "expansiven Tendenz" setzt Benjamin seinen "Begriff zugleich sachlichen und hochpolitischen Schreibens", unmittelbar - d.h. nicht als Mittel zu einem über sie selbst hinausweisenden Zweck - "hinzuführen auf das dem Wort versagte [sic!]", so dass auf diesem Weg, in ihrer jeweils besonderen Beziehung zum Unsagbaren, der "magische Funke zwischen Wort und bewegender Tat überspringen" (ebd.) kann.
      Des weiteren:

      Genau besehen versucht Benjamins Brief an Buber, ein Dilemma sprachphilosophisch zu überwinden, auf das ihn die Darlegung der Kantischen Ethik [...] geführt hatte. Dort hatte er den sittlichen Willen im Sinne Kants als "'motivfrei', einzig bestimmt durch das Sittengesetz" definiert (...). Entsprechend lehnt er in dem Brief an Buber die Auffassung ab, daß die Sprache dazu diene, mehr oder weniger suggestiv Motive zu verbreiten. Damit ist die Einsicht umschrieben, daß wir (...) in "keiner einzelnen empirischen Beeinflussung [...] Gewähr [ haben], wirklich den sittlichen Willen als solchen zu treffen" (...). Einer Freundin, Carla Seligson, erläutert er diesen Gedanken dahingehend, daß kein Mensch da, wo er frei sei, von unserem Willen beeinflußt werden könne noch dürfe. (...) Scheint demnach moralische Erziehung prinzipiell zum Scheitern verurteilt, so bietet dem Schüler Wynekens das Erlebnis der Gemeinschaft die Gewähr einer "Gestaltwerdung des Sittlichen", die als religiöser Prozeß jeder näheren Analyse widerstrebe.
      Es spricht einiges für die Annahme, daß die Theorie der Sprachmagie nunmehr jene Systemstelle im Denken Benjamins ausfüllt, die die Gemeinschaft in seinen früheren Überlegungen besetzt hielt. (Uwe Steiner: "Über die Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen", in: Burkhardt Lindner (Hrsg.): Benjamin-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart 2011, 592 - 602, hier 595)


      Dass das alles nicht der letzte Schrei der Sprachphilosophie ist und auch nicht jedermanns Sache oder Geschmack sein muss ist klar. Wer sich dünkt, ein solches Denken anhand eines Schlagworts wie "magische Weltauffassung" kurzerhand als poetisch-esoterischen Blödsinn oder als philosophisch nicht ernst zu nehmendes Kuriosum abtun zu können - es steht ihm frei. Es hat ihm dann auch wohl nichts weiter zu sagen.

      ***

      rob schrieb:

      Bedenkenswert ist für mich die Tatsache, dass der Name einem gegeben wird. Man besitzt ihn also nicht von Anfang an und kann auch nicht frei über ihn verfügen. Dadurch wird er einerseits Symbol der gesellschaftlichen Einbindung des Einzelnen in die Familie bzw. Kirche (Taufe) oder Staat (Geburtsurkunde), andererseits bleibt er Ausddruck des jeweiligen Individuums, der sich eben erst durch den Namen von den anderen Mitgliedern der Gesellschaft abhebt. Dies scheint gerade dadurch zu geschehen, dass dem Namen bei der Namensgebung keine Erkenntnis, entspricht, der Mensch seine Bedeutung in der Welt, die sich daraufhin in seinem Namen spiegelt, sich also selber erschaffen kann. Die Neigung eines Sklavenhalters, seinen Sklaven neue Namen zu geben, könnte in diesem Sinn den Versuch darstellen, einem Menschen seinen eigenen Namen und der damit verbundenen Möglichkeit zur Selbstverwirklichung zu entziehen und durch einen neuen, jetzt aber bedeutungsgebundenen Namen (ähnlich wie "Tisch" oder "Taschenrechner") zu ersetzen.


      Hier sprichst Du mE allerdings eine andere Bedeutung oder Funktion des Namens an, nämlich dass er seinem Träger auch so etwas wie soziale Identität verleiht. Dass das Individuum sich durch seinen Namen von anderen abhebt kann ich jedoch nur bedingt nachvollziehen (es kann z.B. ja -zig Leute geben, die "Anna" oder "Peter" heißen), ebenso wie dass "der Mensch seine Bedeutung in der Welt, die sich daraufhin in seinem Namen spiegelt, sich also selber erschaffen kann". Dass man sich (s)einen Namen (bzw. das was er "bedeutet") insofern auch selbst zum omen machen oder selbst erwerben kann mag ja vorkommen; ist allerdings wohl nicht das, was Benjamin im Sinn gehabt zu haben scheint. Denn auch solche "Selbstverwirklichung" orientiert sich dann ja an etwas Bestimmten, was der Name seiner (Sprach-)Geschichte oder auch der Geschichte seiner Träger nach bedeutet, was u.U. ja auch dazu führen kann, dass er mit bestimmten Vor-Urteilen oder auch Erwartungen überfrachtet wird. Er steht damit jedoch auch für etwas anderes, ebenso wie ein Name wie z.B. "Kevin" manchmal ja kein Name, sondern eine Diagnose sein soll ...
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko
    • Bartleby schrieb:

      Dass das Individuum sich durch seinen Namen von anderen abhebt kann ich jedoch nur bedingt nachvollziehen (es kann z.B. ja -zig Leute geben, die "Anna" oder "Peter" heißen),

      ich kann wiederum nicht ganz nachvollziehen, dass das nicht nachvollziehbar ist.
      Geschichtlich ist es hier sicherlich hilfreich, wenn man hier zunächst einmal an kleine Gemeinden denkt. Hier können dann wiederum "Familien" und entsprechende Familien-Namen unterschieden werden. Der Familienname drückt zunächst die "Zugehörigkeit" eines Menschen zu einem Sozialverband aus, während hingegen dem Vornamen gerade die soziale und zugleich individuierende Funktion zukommt, das Individuum von anderen Familienangehörigen zu unterscheiden.
      Diese soziale sowie individuierende Funktion ist hierauf bezogen meines Erachtens klar nachvollziehbar und sie wird dementsprechend auch soziologisch beschrieben - nicht nur in Deutschland, sondern z.B. auch für ostasiatische Länder, in welchen es oftmals nur wenige Großfamilien-Namen gibt, weshalb es dort auch wesentlich mehr Kombinations- und Auswahlmöglichkeiten für Vornamen gibt.

      Dass es dann auch zu "Moden" kommt, etwa viele "Peter" heißen, das führt in einem räumlich abgegrenzten Gebiet erst einmal auch kaum zu Ordnungsproblemen, insofern der Vor- und der Nachname miteinander hier wieder zu individuierenden Kombinationen führen.
      Historisch lässt sich hier auch leicht nachvollziehen, wie es immer wieder Moden in bestimmten Schichten gab, neue, individuelle Namen zu verwenden, die dann von anderen Schichten aufgegriffen wurde, so dass die ersten Schichten wieder neue Namen aufgriffen, usw. .
      Hinzu kommt noch die Möglichkeit, mehrere Vornamen zu tragen.
      (Man denke z.B. auch einfach an die Namen der Accounts in diesem Forum - soweit ich sehe kommt es hier nicht zu Doppelnamen, sondern es gibt nur eine Bartleby, einen Spirit, usw.. . Und gerade in einem virtuellen Raum wird deutlich, wenn es an Mimik, körperleiblichem Ausdruck mangelt, wie sehr hier dem Namen zunächst einmal eine individualisierende Funktion zukommt. )

      Das alles macht es mE verständlich, dass dem Namen die soziale Funktion zukommt, das Lebewesen Mensch zu indidivuieren und seiner Individualität sprachlichen, zugleich lebendigen Ausdruck zu verleihen.

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    • Zur sozialen Funktion von Namen erst einmal, weitere Beiträge von mir folgen hoffentlich noch:

      Ich glaube nicht, dass sich die soziale Funktion des Namens von der sprachtheoretischen im Sinne von Benjamin trennen lässt. Wenn Sprache für ihn Mitteilbarkeit darstellt, benötigt sie auch zwangsläufig etwas, dem sie sich mitteilt, also einen gesellschaftlichen Bezug. Dadurch, dass dem Namen des Neugeborenen keine Erkenntnis entspricht, wird eine Erwartungshaltung bei der Namensgebung vermieden. Ob das tatsächlich so ist, man also tatsächlich als neugeborenes - und nicht als mit einer Menge von Vorurteilen geborenes - Kind zur Welt kommt, ist eine andere Frage. Erwartungshaltungen bei Namen wie "Kevin", "Jaqueline" oder "Dietrich" sind schließlich nicht dem Namen selbst geschuldet, sondern einem Vorurteil gegenüber Mileus, in denen dieser Name gerne gewählt wird.
      Beim Brand der einzigen Bibliothek auf Melmac sind beide Bücher verbrannt. Und eines davon war noch nicht einmal fertig ausgemalt.

      ALF
    • Hallo Rob!

      Bemerkenswert scheint mir in dem Zusammenhang, dass viele Völker sich den Namen "Mensch" gaben. Wer solch einer Gruppe angehörte, war ihrer Ansicht nach einer, die übrigen wurden mit meist abwertenden Namen bedacht, man denke nur an "Eskimo" (Rohfleischfresser) für die Inuit.
      "Rom" heißt auch Mensch. "Roma" ist nur der Plural.

      Barbaren waren alle Nichtgriechen, denn ihre Sprache klang in hellenischen Ohren wie "bah, bah, bah".
      Man ist schnell dabei, die anderen auszuschließen.
      Auch das gehört zur menschlichen Freiheit der Namensgebung.

      Man beachte den Unterschied zwischen der Selbstbenennung und der "Fremdbenamsung" durch die Araber!
      WIKI:
      Das Wort Tuareg (männliche Einzahl Targi, weibliche Einzahl Targia) leitet sich von dem Wort Targa, dem berberischen Namen für die Provinz Fezzan in Libyen, ab. Damit bezeichnete Tuareg ursprünglich die Bewohner des Fezzan.[2] Targa ist ein berberisches
      Wort, das mit „Rinne“ oder „Kanal“, im weitesten Sinne auch mit
      „Garten“ übersetzt werden kann (Chaker, Claudot-Hawad, Gast 1984:31).
      Lokaler Ansicht zufolge bezeichnet Targa nicht den gesamten Fezzan,
      sondern lediglich die Region zwischen den Städten Sebha und Ubari und
      wird arabisch als „gutes Land“ (bilad al-khayr) bezeichnet.
      Gemeint ist damit das fruchtbare Wadi al-Haya (vormals Wadi al-Ajal),
      das den gesamten Süden Libyens mit agrarischen Produkten versorgt (Kohl
      2007:47).

      Die bis heute weit verbreitete arabische Volksetymologie: Tawariq (Einzahl: Tarqi),
      übersetzt „von Gott Verstoßene“ dient dazu, eine arabische
      Überlegenheit über die Tuareg auszudrücken. Grund dafür sind die
      liberalen religiösen Auffassungen der Tuareg, die von Vertretern einer
      strengen muslimischen Doktrin als verwerflich angesehen wird.


      Eng damit verbunden scheint mir die Aufsplitterung in unzählige Sprachen und Dialekte.
      Nach dem Turmfall zu Babel "kauderwelschte" die Menschheit, so jedenfalls die Bibel.
      Friedrich II scheiterte, als er elternlose Neugeborene von Ammen aufziehen ließ, um zu erfahren, welche wohl die Ursprache wäre. Den Frauen war es streng verboten, Worte an die Babys zu richten. Damit sie nur ja nicht beeinflusst würden durch die Zungen der Ammen, blieben diese stumm.
      DIe Kinder starben aber ohne sprachliche Zuwendung.

      Die Namen, die Menschen ihren Kindern geben, haben magische Bedeutung. "Werde der, wie du heißt!", das galt früher.
      Heute bei Kevin, Natascha und Co wirken wohl andere Prioritäten.

      Ich habe vor Jahren zwei interessante Bücher über die Ursprache der Menschheit gelesen. Der Autor (den Namen kann ich hoffentlich nachreichen) ging von einer Handvoll Ursilben aus, ich glaube, es waren sieben. Auf diesen Ursilben sollen nach seiner Theorie alle Sprachen aufbauen.
      "Ba", dieser kindliche Lall-Laut, ist seiner Meinung die allererste Silbe aus der Reihe, davon mit sämtlichen Konsonanten Varianten, "da", "ma", "wa" usw. und die Umdrehungen "ab", "am" ...
      DIe nächste Silbe ist "kall" mit allen Abwandlungen, es folgen "aqu" und weitere.

      Der Mann bringt extrem viele Beispiele aus Hunderten von Sprachen, auch Ketchua, Aymara usw. Seine ungarischen Vergleiche sind jedenfalls schlüssig.
      Ich spreche diese Sprache und weiß, wieviele Irrtümer und falsche Schreibweisen sich da quer durch viele Bücher ziehen.

      Mit freundlichen Grüßen
      Raphael
      Ich denke, daher spinn´ ich.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von raphael.t ()

    • Die Namen, die sich eizelne Volksgruppen geben, sind auch eine interessante Sache. Ohne viel darüber zu wissen, würde ich einmal behaupten, dass vor allem autark lebende Stämme sich selbst als "Mensch" und die anderen mit abwertenden Begriffen bezeichnet haben. Damit wird natürlich ein Gemeischaftsgefühl verdeutlicht, dass außenstehende nicht als potentielle Handelspartner o.ä. sondern als Konkurrenten ansieht.

      Die Aufteilung der Sprachen ist ein weiteres Thema des Aufsatzes von Benjamin, der sie nicht erst mit dem Turmbau von Babel, sondern direkt mit dem Sündenfall in Verbindung setzt, nämlich als notwendige Differenzierung nach dem Verlust der einen vollkommen erkennenden Sprache des Paradieses (in meiner oben verlinkten Datei auf Seite 8 ).

      raphael.t schrieb:

      Die Namen, die Menschen ihren Kindern geben, haben magische Bedeutung. "Werde der, wie du heißt!", das galt früher.

      Benjamin unterscheidet zwischen einer "etymologischen" und einer "metaphysischen" Bedeutung der Namen eines Menschen. Die "magische Bedeutung" die du ansprichst(die vielleicht eher ein Wunsch der Eltern war), entspricht wohl der "etymologischen" von Benjamin, die er bewusst außen vor gelassen hat (ob sich diese Trennung so durchhalten lässt, ist eine andere Frage).
      Beim Brand der einzigen Bibliothek auf Melmac sind beide Bücher verbrannt. Und eines davon war noch nicht einmal fertig ausgemalt.

      ALF
    • rob schrieb:

      Die Namen, die sich eizelne Volksgruppen geben, sind auch eine interessante Sache. Ohne viel darüber zu wissen, würde ich einmal behaupten, dass vor allem autark lebende Stämme sich selbst als "Mensch" und die anderen mit abwertenden Begriffen bezeichnet haben. Damit wird natürlich ein Gemeischaftsgefühl verdeutlicht, dass außenstehende nicht als potentielle Handelspartner o.ä. sondern als Konkurrenten ansieht.

      Eventuell interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auf der großen, nördlichen Insel von Japan - Hokkaido - ein Urvolk lebte und teilweise heute noch lebt (das nicht japanisch ist), das sich Ainu nennt. Ainu bedeutet: Mensch. Wegen der Insellage hatten die Ainu so gut wie keinen Kontakt mit anderen Menschen (bis in frühgeschichtlicher Zeit als die Menschen kamen, die später die Japaner wurden). Soweit mir bekannt ist, nahmen die Ainu sogar an, die einzigen Menschen zu sein. Ainu ist ein Name wie Kranich oder Maus. Beispiel: Ich bin keine Maus, sondern ein Ainu.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".
    • rob schrieb:

      Erwartungshaltungen bei Namen wie "Kevin", "Jaqueline" oder "Dietrich" sind schließlich nicht dem Namen selbst geschuldet, sondern einem Vorurteil gegenüber Mileus, in denen dieser Name gerne gewählt wird.
      Das ist natürlich richtig. Aber es spiegelt schon eine andere Erwartungshaltung der Eltern, wenn sie ihren Sprößling Karl-Friedrich oder Tim nennen. Die Phonetik und die Länge eines Namens, sowie die Modernität, als auch die Verbreitung eines Namens spielen auch eine Rolle. Auch Konnotationen, wie sie sich zum Beispiel aus der Geschichte ergeben, spielen eine Rolle. Wie können Leutchen aus New Orleans ihre Tochter Katrina nennen? Unmöglich! Genauso unmöglich wie in D einen Buben Adolf nennen zu wollen. Verboten ist es nicht, aber jeder würde die Eltern der seelischen Grausamkeit zeihen.

      Ist der Spanier tatsächlich stolz? Wenn man mal in einem spanischen Telefonbuch blättert, könnte man jedenfalls einen Grund dafür finden. Jeder OttoNormalo hat da einen Namen, als sei er ein Fürst oder ganz hoher Herr. Die Deutschen sind da ja sehr viel "bescheidener". Karl-Heinz Wuttke aus Duisburg - eine reine Erfindung - aber eine gewisse Hemdsärmeligkeit (freundlich ausgedrückt) springt einem tatsächlich sofort entgegen. Mich hat auch immer "fasziniert" wie viel deutsche weibliche Vornamen mit einem stummen -e wie bei Wuttke, enden. Heik-e, Ulrik-e, Elke-e, Hild-e ...

      Noch im Jahre 1500 gab es eigentlich nur 3 männliche Vornamen in Deutschland. Johann + ??. Heutzutage geben sich ja Eltern ganz ungewöhnlich viel Mühe bei der Namensgebung. Und "färbt" nicht ein "Ann-Christin" ganz anders als ein "Rita". Bei Rita "erwarten" wir deutlich mehr Pfeffer. Sind die Roberts nicht alle tendenziell etwas zu ernsthafte 1-senSchreiber, was man von Tim und Ingo nicht unbedingt sagen wollte.

      Und was ist mit dem berühmten nomen est omen? Es gibt ja die NamensKabbala, aber ich möchte nicht andauern esoterische werden und enthalte mich deshalb weiterer Einlassungen dazu.

      Wir hier können uns ja selber einen Namen geben. Ich habe mit meinem Nachnamen gespielt und schätze das englische Wort flow sehr. Was einen umtreibt sich nach einem nervigem Insekt, das man allerdings nie richtig zu packen kriegt, nennen kann, ist schon kurios. :S
    • Hallo Rob!

      Einerseits heißt es "nomen est omen", andererseits "Namen sind Schall und Rauch".
      Auch da sollte man den Kulturkreis, aus dem diese Sprüche entwachsen, näher betrachten.

      Die Römer waren --- bei aller technischer Nüchternheit --- abergläubische Leute, zumindest in der vorchristlichen Zeit.
      Da wurde dem Vogelflug Bedeutung beigemessen, dort wurden Eingeweide beschaut.
      Orakel waren allgegenwärtig, Namen wurden gerne gedeutet.

      Der zweite Satz stammt übrigens aus dem Faust.
      Der deutsche Michel hat gelernt sich zurückzuhalten und sich zurückzunehmen, auch in der Deutung dessen, was sich außerhalb seiner befindet.
      Ich meine nicht die heutige Gesinnung mit ihren lockeren Sprüchen auf der Straße, in Foren und anderswo, sondern die Wertewelt des 19. Jahrhunderts, als man sich nicht allzuviele Gedanken über Dinge und Menschen -- besonders Autoritäten --- machen sollte, denn alles hätte ja seine Ordnung und und es wäre besser, diese nicht zu hinterfragen.

      Einen Menschen, der sich mit einem außergewöhnlichen Namen bei einem vorstellt, hat man selbstverständlich zu akzeptieren, der Name wird einen dennoch beschäftigen.
      Zur Namensgebung:

      Im späten 13. Jahrhundert gab es im Wiener Register keine einteiligen Namen mehr. Durch die Zuteilung von zweiteiligen Namen an die Bevölkerung gewannen weltliche und kirchliche Behörden eine bessere Kontrolle über ihre leibeigenen Schäfchen, Verwechslungen, wie vorher mit 20 Johanns in einem Dorf, konnten so vermieden werden.
      Wie es genau zu den zweiteiligen Namen kam und was sich da abspielte, wäre noch näher zu beleuchten.

      Ich nehme an, dass die Schreiber da nicht nur gelegentlich, sondern ausnahmslos willkürlich (und korrupt) vorgegangen sind.
      Harmlos ist, dass jemand Berger geheißen wurde, weil er aus den Bergen kam oder Schmied, weil er diesen Beruf hatte.
      Schritt jemand erhobenen Hauptes daher, hieß er fortan aber rasch "Stolzkopf", hatte jemand rote Haare, hieß er günstigstenfalls "Fuchs", schlimmer "Rotschädel".
      "Halbwachs" (Halwachs, Halwax) für den körperlich zu kurz Geratenen spricht auch nicht gerade für eine feine Klinge.

      Die ashkenazischen Ostjuden mussten sich ihre (deutschen) Namen mit Geld erkaufen, wer zahlen konnte, hieß "Rubinstein", "Goldstein" oder "Diamant", wer nicht, der wurde oft mit einem abschätzigen und gemeinen Namen bedacht und somit gebrandmarkt.

      Mit freundlichen Grüßen
      Raphael
      Ich denke, daher spinn´ ich.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von raphael.t ()

    • Hallo Leute!

      Zur Namensthematik fallen mir noch die Sikhs mit ihrem ausgeprägten Bekennertum ein, das sich schon äußerlich beweist: immer Turban, darunter ewiglanges Haar und die Männer heißen alle "Singh", die Frauen "Kaur". Damit zeigt man offen, wer man ist.

      DIe Traumnamen der Indianer waren Ergebnis ihres Erwachsenwerdens. Weshalb hierzulande das Elternrecht auf die Wahl der Namensgebung ihres Kindes für dieses ein Leben zur Prägung wird, weiß ich nicht. Es ist nicht Usus in Europa, dass man als Volljähriger seinen Namen wechselt, in den USA ist das kein Problem.
      Ein US-Bekannter in Wien, der "Matthew" statt "Paul" heißen wollte, ging auf die US-Botschaft, äußerte seinen Wunsch, dem prompt entsprochen wurde, ohne große Kosten, ohne bedeutenden bürokratischen Aufwand.

      Raphael
      Ich denke, daher spinn´ ich.
    • Hallo Leute!

      Fällt zu diesem interessanten Thema niemandem mehr etwas ein? Das täte mir Leid, als Alleinunterhalter möchte ich hier nämlich nicht auftreten.
      Übrigens hat ein Biologe mit seinen Mitteln den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen in der heutigen Türkei verortet, und zwar in einer Zeit vor ca. 9- 10 000 Jahren.
      Fruchtbarer Halbmond, Beginn des Ackerbaus; erste Städte, wie Catal Hüyük, finden sich in dem Gebiet.
      Wenn Interesse da ist, kann ich ja ausführlicher werden.

      Raphael
      Ich denke, daher spinn´ ich.
    • raphael.t schrieb:

      Fällt zu diesem interessanten Thema niemandem mehr etwas ein? Das täte mir Leid, als Alleinunterhalter möchte ich hier nämlich nicht auftreten.


      Einfallen würde mir schon noch etwas, das dauert aber alles noch etwas. Der Thread hat sich ja sowieso schon ziemlich von dem ursprünglich diskutierten Benjamin-Text entfernt, was ehrlich gesagt auch von Anfang an ein wenig von mir beabsichtigt war. Das Problem für mich ist aber, dass relativ breit die Etymologie von Vornamen, Nachnamen, Namen von Volksstämmen, Zusammenhänge zwischen Namen und ihren Trägern etc diskutiert werden, sodass ich auch nicht wirklich weiß, was genau ich antworten soll. Vielleicht lohnt es sich, mal wieder einen roten Faden zu finden und sich klar zu werden, über was man eigentlich reden will. Die nächsten Tage werde ich die letzten Beiträge von Dir und Flowolf vielleicht einmal in dieser Hinsicht genauer durchlesen.
      Beim Brand der einzigen Bibliothek auf Melmac sind beide Bücher verbrannt. Und eines davon war noch nicht einmal fertig ausgemalt.

      ALF
    • Hallo Rob!

      Danke für deine Rückmeldung!
      Das Thema ist wahrlich breit und heißt eigentlich Sprache, zumindest in meiner Interpretation, denn streng genommen sind Namen ja Nomen, Namenwörter, auch Substantive oder Hauptwörter genannt, mit deren Hilfe wir die Subjekte und Objekte unseres Lebens bezeichnen.
      Die alten Römer hingegen hielten das Zeitwort (Verbum) für so wichtig, dass sie es generell als "Wort" benannten.
      Auch darüber ließe sich philosophieren.
      Ich könnte in mehreren Bereichen des Themas in die Tiefe gehen, aber wenn kein Rückhall kommt, weiß ich nicht, woran ich bin.
      Kommunikation ist idealerweise ein Austausch.
      Ich nehme an, dass du über wenig Zeit verfügst, und es steht mir nicht zu, das zu kritisieren.

      Mit freundlichen Grüßen
      Raphael
      Ich denke, daher spinn´ ich.
    • Als Sache und Name noch identisch waren

      Identität von Sache und Name als von Benjamin angenommener Urzustand, der unheilsgeschichtlich verloren gegangen sein soll und zurück gewonnen werden müsse ("Einheit des Seins"), verweist auf ein erkenntnistheoretisches Konzept.

      Siehe dazu:

      Kindlers neues Literaturlexikon, Walter Benjamin - Ursprung des deutschen Trauerspiels (1928 ) schrieb:

      Erkenntnis in dieser absoluten Subjektivität ist trauerauslösend, sofern sie - einseitig im Subjekt lokalisiert - nicht der Wahrheit des Objekts gerecht wird, sondern dem sich selbst aussagenden Sachgehalt des Objekts entfremdet ist. Das allegorische "Überbenennen" ist Frucht des Baumes der Erkenntnis und als solches Sündenfall, sofern es den Verlust des adamitischen Paradieszustandes, in dem Sache und Name noch identisch waren - im Wort Gottes - anzeigt (vgl. dazu auch den frühen, 1916 entstandenen Aufsatz "Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen"). Benjamin definiert das "schlechthin Materialische" und jenes "absolut Geistige" als "Pole satanischen Bereiches" und "das Bewußtsein als ihre gauklerische Synthesis, mit welcher sie die echte, die des Lebens, äfft". Die echte Synthesis, die nicht nur begriffliche Einheit des Bewußtseins, sondern unmittelbare Einheit des Seins ist, gelingt nur im heilsgechichtlichen Einbruch, der die abstrakte Subjektivität ihrer Abstraktion aufhebt (und damit als allegorisches Benennen überflüssig macht) und die erstarrte dinghafte Materie sprechen läßt.

      Ähnliches begegnet bei Karl Jaspers im Zusammenhang mit der von ihm thematisierten Subjekt-Objekt-Spaltung. Heideggers Aletheia-Konzept des Seins in der Wahrheit lässt sich ebenfalls als Parallele heranziehen. Benjamin bezieht sich in den 1910-er Jahren, als dessen Abhandlung über Sprache entstand, nicht auf Jaspers und Heidegger, sondern (wie später auch Jaspers und Heidegger) auf neuplatonische und/oder religiöse Modelle.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".
    • Hallo Fliege!

      Danke für den Beitrag, ich habe den Text nicht nur mit Interesse, sondern auch mit Vergnügen gelesen!

      Im Urzustand waren Sache und Name noch eins und davor gab es noch keine Namen, denn die verlieh der Mensch in einem Schöpferakt, nicht nur als Ausdruck seiner Sprachkunst sondern auch seines Willens.
      Er beschwor die Dinge, die er benannte, indem er sie "besprach".
      Es gab nach dem Sündenfall die Vertreibung aus dem Paradies, nach einem weiteren den Sprachenwirrwarr, und was uns heute oder morgen blüht, ist voraussehbar: das Aussterben von Sprachen. Dieser Umstand beweist, dass wir uns dem paradiesischen Urzustand der Einsprachigkeit zumindest zu nähern versuchen.

      Raphael
      Ich denke, daher spinn´ ich.