Kant Ethik (Kategorischer Imperativ) Verständnisprobleme

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    • Hab mal ne Frage zu der Lügen-Problematik bei Kant. Mir ist nicht klar, wieso lügen nach Kant verboten sein soll. Lügen ist keine primär "Sünde" (mir fällt grad das Gegenstück zu Kardinaltugend nicht ein), denn über das lügen selbst entscheidet sich nicht eine Tat, sonder immer worüber gelogen wird. So kann lügen viele viel Menschen retten.

      Auch weiss ich nicht, ob man die KI so einfach auf sekundäre Handlungen anwenden kann. Beispiel: Ich verstecke verfolgte Menschen in einem "UNrechtsstaat". Dann ist die Maxime des Schutzes von Leben doch wohl deutlich wichtiger als die des "ich kann nicht wollen, dass alle Menschen lügen." - was in meinen Augen gar nicht Maxim-fähig ist.
      War on the Saints.
    • Apostasis schrieb:

      Hab mal ne Frage zu der Lügen-Problematik bei Kant. Mir ist nicht klar, wieso lügen nach Kant verboten sein soll. Lügen ist keine primär "Sünde" (mir fällt grad das Gegenstück zu Kardinaltugend nicht ein), denn über das lügen selbst entscheidet sich nicht eine Tat, sonder immer worüber gelogen wird. So kann lügen viele viel Menschen retten.

      Auch weiss ich nicht, ob man die KI so einfach auf sekundäre Handlungen anwenden kann. Beispiel: Ich verstecke verfolgte Menschen in einem "UNrechtsstaat". Dann ist die Maxime des Schutzes von Leben doch wohl deutlich wichtiger als die des "ich kann nicht wollen, dass alle Menschen lügen." - was in meinen Augen gar nicht Maxim-fähig ist.

      Zum Lügenverbot hat sich Kant in seinem Aufsatz "Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen" (1797) geäußert:
      Wahrhaftigkeit in Aussagen, die man nicht umgehen kann, ist formale Pflicht des Menschen gegen jeden, es mag ihm oder einem andern daraus auch noch so großer Nachteil erwachsen; und, ob ich zwar dem, welcher mich ungerechter weise zur Aussage nötigt, nicht Unrecht tue, wenn ich sie verfälsche, so tue ich doch durch eine solche Verfälschung, die darum auch (obzwar nicht im Sinn des Juristen) Lüge genannt werden kann, im wesentlichsten Stücke der Pflicht überhaupt Unrecht: d.i. ich mache, so viel an mir ist, daß Aussagen (Deklarationen) überhaupt keinen Glauben finden, mithin auch alle Rechte, die auf Verträgen gegründet werden, wegfallen und ihre Kraft einbüßen; welches ein Unrecht ist, das der Menschheit überhaupt zugefügt wird.

      Die Lüge also, bloß als vorsätzlich unwahre Deklaration gegen einen andern Menschen definiert, bedarf nicht des Zusatzes, daß sie einem anderen schaden müsse; wie die Juristen es zu ihrer Definition verlangen (mendacium est falsiloquium in praeiudicium alterius). Denn sie schadet jederzeit einem anderen, wenn gleich nicht einem andern Menschen, doch der Menschheit überhaupt, indem sie die Rechtsquelle unbrauchbar macht.

      Kant interpretiert seine KI-Formel völlig willkürlich, was aber kein Wunder ist, weil die KI-Formel als Leerformel zu etwas anderem gar nicht taugt. Als Leerformel hat Kants KI-Formel nicht die Kraft, zwischen irgendetwas zu diskriminieren.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".

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    • Eisler, Rudolf, Kant-Lexikon, Art. Lüge schrieb:

      Lüge. Die Lüge ist unbedingt verwerflich, auch die "Notlüge". Die Lüge, auch wo sie unschädlich ist, ist nie unschuldig, sondern "eine schwere Verletzung der Pflicht gegen sich selbst, und zwar einer solchen, die ganz unerläßlich ist, weil ihre Übertretung die Würde der Menschheit in unserer eigenen Person herabsetzt und die Denkungsart in ihrer Wurzel angreift, denn Betrug macht alles zweifelhaft und verdächtig und benimmt selbst der Tugend alles Vertrauen, wenn man sie nach ihrem Äußeren beurteilen soll", An Maria von Herbert, Frühjahr 1792. Ich kann die Lüge als ein allgemeines Gesetz nicht wollen, "denn nach einem solchen würde es eigentlich gar kein Versprechen geben", GMS 1. Abs. (III 21 f.). Der Mensch muß in allem, was er sagt, wahrhaft sein, d. h. er soll nicht täuschen, äußerlich wie innerlich. "Die Übertretung dieser Pflicht der Wahrhaftigkeit heißt die Lüge; weshalb es äußere, aber auch eine innere Lüge geben kann." "Eine Lüge aber, sie mag innerlich oder äußerlich sein, ist zwiefacher Art: 1. Wenn man das für wahr ausgibt, dessen man sich doch als unwahr bewußt ist, 2. wenn man etwas für gewiß ausgibt, wovon man sich doch bewußt ist, subjektiv ungewiß zu sein." "Die Lüge ('vom Vater der Lügen, durch den alles Böse in die Welt gekommen ist') ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur", Fried, i. d. Phil. 2. Abs. (V 4, 39 f.). "Die größte Verletzung der Pflicht des Menschen gegen sich selbst, bloß als moralisches Wesen betrachtet (die Menschheit in seiner Person), ist das Widerspiel der Wahrhaftigkeit: die Lüge." "Die Lüge ist Wegwerfung und gleichsam Vernichtung seiner Menschenwürde", MST § 9 (III 277 ff.). Es gibt kein "Recht, aus Menschenliebe zu lügen" (gegen B. Constant u. a.). Der Mensch hat nur "ein Recht auf seine eigene Wahrhaftigkeit". Wahrhaftigkeit ist "formale Pflicht des Menschen" gegen jedermann, mag daraus für wen immer ein noch so großer Nachteil erwachsen. Indem ich lüge, mache ich, "daß Aussagen (Deklarationen) überhaupt keinen Glauben finden", füge also der "Menschheit überhaupt" ein Unrecht zu. Die Lüge schadet immer, da sie "die Rechtsquellen unbrauchbar macht". Auch kann eine (gutmütige) Lüge durch Zufall strafbar werden, indem sie gerade das herbeiführt, was vermieden werden sollte (z. B. ein Mord), und der Lügner dafür verantwortlich gemacht werden kann. "Es ist also ein heiliges, unbedingt gebietendes, durch keine Konvenienzen einzuschränkendes Vernunftgebot: in allen Erklärungen wahrhaft (ehrlich) zu sein", Über e. vermeintl. Recht, aus Menschenliebe zu lügen (VI 201 ff.). Die Lügenhaftigkeit ist (als "Falschheit", "selbst ohne alle Absicht zu schaden") "an sich böse". Die Lüge ist "zu nichts gut", in welcher Absicht immer; sie ist "an sich selbst böse und verwerflich". Lügenhaftigkeit ist "Nichtswürdigkeit, wodurch dem Menschen aller Charakter abgesprochen wird", Theodiz. (VI 152 f.). "Das Lügen macht den Menschen zum Gegenstande der allgemeinen Verachtung und ist ein Mittel, ihm bei sich selbst die Achtung und Glaubwürdigkeit zu rauben, die jeder für sich haben sollte", über Pädagogik (VIII 241). Die Lüge muß man unmittelbar häßlich schildern und sie "keiner anderen Regel der Moralität, z. B. der Pflicht gegen andere unterordnen", Bruchstücke aus d. Nachlaß (VIII 265). Vgl. Wahrhaftigkeit, Gewissenhaftigkeit.
    • @Joachim Stiller: Dafür, dass Du felinator hier im Thread so runter geputzt hast, ist Deine Kant-Kenne aber n bisserl dünne, wa?

      Fliege, was Du für die Schwäche einer Leerformel hältst, ist die zurückhaltende Stärke eines reinen Formalismus, der auch in tausend Jahren noch die gleiche Relevanz entfalten wird - etwas, dass eine inhaltlich-partikulare Ethik nicht bewerkstelligen könnte.
      "For it is a knell, that summons thee to Heaven - or to Hell!" W. Shakespeare, MacBeth