Der freie Wille - Blick eines Neurowissenschaftlers

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    • Der freie Wille - Blick eines Neurowissenschaftlers

      Hallo zusammen,

      ich kenne mich nicht in der Philosophie besonders gut aus - das vorweg. Ich denke nur sehr gerne über diese Dinge nach und habe gerade das Bedürfnis meine Gedanken irgendwo niederzuschreiben, wo auch ein Interesse daran bestehen kann.

      Nun, ich selbst habe die Fachrichtung Neurobiologie studiert und dementsprechend ein wenig Fachwissen bezüglich unseres Gehirns.

      In der Neurobiologie scheint dieses Thema ebenfalls stetiges Objekt heftiger Diskussionen zu sein. Viele Neurowissenschaftler betrachten die umfassende Beobachtung von neuronalen Prozessen als direktes Indiz, dass der Wille nicht frei sein kann, sondern nur Resultat solcher deterministischer Vorgänge. Man hört auch viel über die Studie, die eine Nervenzellaktivität zeitlich vor einer getroffenen Entscheidung feststellen konnte. Dazu muss ich zu meiner Schande gestehen, ich habe die Details dazu wieder vergessen und weiß nicht wie ich die Originalveröffentlichung finden soll, deswegen kann ich dazu im Speziellen jetzt weniger schreiben.

      Wenn jemand weiß, was ich meine und dazu Originalartikel parat hat wäre ich dankbar - dann kann ich mir da noch einmal drüber Gedanken machen und erläutern was dort meiner Meinung nach gemessen wird, schließlich hört man auch schnell Fehlinterpretationen, gerade wenn sie über Drittautoren vermittelt werden.

      Der eigentliche Grundgedanke jedoch bleibt derselbe in meinen Augen: Die Beobachtung, dass etwas beobachtet werden kann, das zeitlich oder kausal vor der bewussten Entscheidung geschehen ist und einen Einfluss darauf gehabt hat, wird als Argument genommen, dass der Wille nicht frei sein kann.

      Kürzlich ist mir jedoch das Kernproblem dieser Diskussion bewusst geworden: Kaum jemand weiß, was Freiheit des Willens wirklich bedeutet.

      Sehr gut zusammengefasst habe ich das eben gerade auf der Seite philosophieverstaendlich.de/freiheit definiert gefunden:


      Handlungsfreiheit
      Eine Person ist in ihrem Handeln frei, wenn sie tun kann, was sie tun will.
      Willensfreiheit
      Eine Person ist in ihrem Wollen frei, wenn sie die Fähigkeit hat, ihren Willen zu bestimmen, zu bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam werden sollen.
      Im Endeffekt definieren die meisten Menschen die Willensfreiheit wie die Handlungsfreiheit - ich kann jederzeit tun, was ich tun will.

      Mit einer solchen Definition kann es natürlich keinen freien Willen geben. Die Freiheit des Willens wird so dadurch begrenzt, dass man in einer Welt lebt in der man nicht der einzige Mensch ist. Mit einer solchen Definition wird die Freiheit des Willens zu einem Krieg um die Durchsetzung des individuellen Willens. Ein darwinistischer Existenzkampf auf psychologischer Ebene um das Recht des Willensstärkeren ist das Resultat.

      Die letzte Definition ist etwas anders formuliert in etwa der Satz, der mir dazu kürzlich in den Sinn kam:

      "Die Freiheit des Willens besteht nicht darin, jederzeit tun zu können was man will, sie besteht darin, jederzeit zu wollen was man tut."

      Ein solcher Kampf wie oben beschrieben ist keine Freiheit. Es ist nur der Wunsch danach; der Versuch, diesen Wunsch umzusetzen, nicht mehr.

      Der wirkliche Kampf den ich hier zu erkennen meine: Emotionen gegen den Verstand. Die gesamte Argumentation zur "Widerlegung" des freien Willens lautet doch in abstahierter Form: Mein Verstand ist nicht frei, weil er den Emotionen unterworfen ist (die wiederum Folge von Biochemie im Gehirn sind).

      Nun, dem muss ich Recht geben. Das Problem liegt in der Arroganz der Menschen, sich anzumaßen der Verstand sei ein perfektes Instrument zur Urteilsbildung. Die Diskussion um die Freiheit des Willens dreht sich im Kern um die menschliche Arroganz, die eigene Überlegenheit als höchste Lebensform dieses Planeten unbedingt verteidigen zu müssen. Wenn wir wie Tiere keinen Willen sondern nur den Trieb hätten - was macht uns dann noch davon verschieden?

      Die Antwort lautet: Nichts.

      Und deswegen ist es auch die Freiheit des Willens, die den Menschen erst zum Menschen werden lässt.

      Die Fähigkeit nachzudenken, ob er auch tut was er will.

      Der Fehler ist, den Anfang des Willens im bewussten Wahrnehmungsprozess zu suchen. Im Verstand, in bewussten Gedanken. Der Fehler ist, sich einzureden diese Gedanken seien objektiv wahr. Wenn die Gedanken jedoch stets den Emotionen folgen - dann werden sie keinen freien Willen erzeugen, sie werden ihn beschränken und in einer Illusion vortäuschen, dass das Handeln dem freien Willen entsprach (weil man vernünftige Gründe für das Handeln finden kann).

      Wenn ich mich mit dem Verstand bewusst entschieden habe, etwas zu tun - das Ergebnis jedoch unbefriedigend ausfiel und ich mir selbst sage ich habe dort nicht richtig gehandelt - war mein Willen dann wirklich frei?

      Nein, denn er war offensichtlich abhängig vom Ergebnis. Hätte ich das Ergebnis gekannt und hätte eben anders gehandelt - so war mein Wille abhängig von Erwartungen und den Gefühlen, die meine Vorstellung erzeugt hat. Er war nicht frei. Die Gedanken werden zum Katalysator, zur Rechtfertigung von Handeln, nicht zur Ursache.

      Mein Wille ist solange nicht wirklich frei, solange ich mich damit an den Erwartungen festhalte, die ich an die Außenwelt stelle. Wenn die Außenwelt nicht reagiert wie ich will, so wird meine "Freiheit" stets bloß ein ewiger Kampf mit der Außenwelt sein.

      Die wirkliche Freiheit kommt erst, sobald man sich lossprechen kann von der Außenwelt. Mit dem, was ich will hat die Außenwelt doch nichts zu tun oder? Wieso will ich dann trotzdem die Außenwelt durch mein Handeln so beeinflussen, dass mein Wille erfüllt wird? Ist es dann nicht zu einem großen Teil auch einfach der Wille der anderen den ich hier vertrete?

      Mein Wille kann doch nur dann frei sein, wenn ich etwas tue und mir sicher bin, dass es richtig ist. Das heißt wenn das Ergebnis nicht wie erwartet ausfällt - dann war es eben nicht wie erwartet. Es war aber keine Einschränkung meines Willens, solange ich so handeln wollte. Wenn ich dann mit den Schultern zucken kann und mir sage dass ich etwas gelernt habe durch mein Handeln - erst dann macht mein Handeln im Sinne meines Willens auch einen Sinn. Wenn ich mich dann aber zunehmend in Gedanken hineinsteigere, mein Verhalten an die Reaktionen anderer anpasse, meinen Willen am Ende nur seiner "Freiheit" wegen umkämpfe - will ich das denn wirklich?

      Will ich eine Religion annehmen, die den Menschen Gutes bringen soll, um dann über Jahrtausende einen Krieg zu führen damit man endlich frei damit ist? Freiheit eines Willens, ein Wunsch, den man mit anderen höchstwahrscheinlich teilt? Was befreit mich letztendlich? Der Gedanke, mit welchen Maßnahmen ich an meine Freiheit komme? Oder die Erkenntnis, dass ich einfach nur sehend dafür werden muss, was ich wirklich will - ohne dass ich mich selbst mit meinem Verstand dafür betrügen muss um mein Leben lang Ziele zu verfolgen die ich garnicht will oder einfacher haben könnte.

      Freiheit des Willens ist, anzuerkennen das man bereits frei ist. Er ist nur deswegen oft nicht möglich, weil man im Spiel um den Willensstärkeren immer auf eifrige Mitstreiter treffen wird. Und wenn man sich dann an den gegenseitig erzeugten Emotionen hochzieht und darauf ein Gebäude des Verstandes aufbaut in dem alles Handeln logisch im Sinne des eigenen Willens erscheint weil man sich ja darin bedroht fühlt - dann baut man sich den Käfig drumherum.

      Der Wille ist frei. Aber er ist nicht automatisch frei durch die Existenz von Gedanken. Er ist auch nicht Sklave der Emotionen. Beide Betrachtungsweisen sind ein unsinniger Krieg zwischen Brüdern. Da der Wille in Wirklichkeit unterbewusst ist, kann man ihn nicht durch bewusste Gedanken erzeugen. Man kann nur lernen, ihn besser in bewusste Gedanken zu übersetzen. Die Fähigkeit dazu beschreibt die Freiheit des Willens in meinen Augen. Es ist weder, seine Emotionen, noch seine Gedanken unter Kontrolle zu halten. Es ist, beides als Symbiose verstehen zu lernen und sinnbringend gemeinsam umzusetzen.
    • hypocampus schrieb:

      "Die Freiheit des Willens besteht nicht darin, jederzeit tun zu können was man will, sie besteht darin, jederzeit zu wollen was man tut."

      Es gibt hier im Forum einen Thread, der während seiner Laufzeit einen sehr starken Zuspruch fand und eine interessante, kontroverse Diskussion bietet:

      Determination schrieb:

      Ist unser Handeln determiniert? Haben wir wirklich einen freien Willen?
      (Beim Klicken auf den Namen des Threadstarters geht der Thread auf.)

      Eventuell findest du dort Ansätze oder Gegenpositionen usw., um die Diskussion eventuell hier in deinem Thread neu zu beleben.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • hypocampus schrieb:

      Dazu muss ich zu meiner Schande gestehen, ich habe die Details dazu wieder vergessen und weiß nicht wie ich die Originalveröffentlichung finden soll, deswegen kann ich dazu im Speziellen jetzt weniger schreiben

      Ich glaube nicht, dass das eine Schande ist :) Das Experiment ist unter dem Namen des Forschers Benjamin Libet sehr bekannt geworden. Unter diesem Stichwort dürftest du leicht im Internet fündig werden.
    • Jörn schrieb:

      hypocampus schrieb:

      Dazu muss ich zu meiner Schande gestehen, ich habe die Details dazu wieder vergessen und weiß nicht wie ich die Originalveröffentlichung finden soll, deswegen kann ich dazu im Speziellen jetzt weniger schreiben

      Ich glaube nicht, dass das eine Schande ist :) Das Experiment ist unter dem Namen des Forschers Benjamin Libet sehr bekannt geworden. Unter diesem Stichwort dürftest du leicht im Internet fündig werden.

      Jörn schrieb:

      hypocampus schrieb:

      Dazu muss ich zu meiner Schande gestehen, ich habe die Details dazu wieder vergessen und weiß nicht wie ich die Originalveröffentlichung finden soll, deswegen kann ich dazu im Speziellen jetzt weniger schreiben

      Ich glaube nicht, dass das eine Schande ist :) Das Experiment ist unter dem Namen des Forschers Benjamin Libet sehr bekannt geworden. Unter diesem Stichwort dürftest du leicht im Internet fündig werden.

      Vielen Dank dafür, meine Stellungnahme ist hier nachzulesen:

      philosophie-raum.de/board61-wi…n/index73.html#post441024
    • hypocampus schrieb:

      Da der Wille in Wirklichkeit unterbewusst ist, kann man ihn nicht durch bewusste Gedanken erzeugen. Man kann nur lernen, ihn besser in bewusste Gedanken zu übersetzen.
      Ja, ja und ja. Man kann frei nach seinem WIllen handeln, aber man kann nicht wollen was man will. (Das hört sich doch recht komisch an, aber ihr wisst ja sicher, was ich meine ;) )
      flickr.com/photos/ymaoh/

      "Ich werde nicht da sein. Ich werde mich erheben und untergehen"
      Stephen Vincent Benett
    • Ich habe mir auch Gedanken gemacht zum Freien Willen.

      Was ist Freier Wille? Was rein "Geistiges, mit einer Phantomfunktion", nicht klar abgrenzbar, der Freie Wille ein konsumierbares (erlesbares) Bedürfnis im Geiste schlechthin.

      Freier Wille: Fakt (philosophisch), Wirklichkeit (in der Wirkung), Notwendigkeit (als Gegenpol zur Abhängigkeit), Erkenntnis (in kognitiver Beziehung), Illusion (vernünftig / notwendig).

      Danach kann man den Freien Willen bestrafen, wenn er Schaden anrichtet.
      Der Freie Wille kann ein Mörder anderen freien Willens sein. Dh. auf der mentalen Ebene werden (freie? zu unfreien?) Willen geknechtet und gemordet.

      Der Spruch "... So Gott will ..." und damit eine Handlung begründen, vorbereiten, tun, und wenn erfolgreich nach Wille getan, hat es Gott angeblich so gewollt, auch wenn es der pure MordsTerror gegen anderes Leben ist, Gott habe es so gewollt, Reinwaschung von jeder Schuld des Täters, er hat ja nur Gottes Willen "gehorcht". Übel gell, da kommt einem glatt das geistige Kotzen bei so einer Argumentation, aber wohl genau das ist der Kern des Freien Willens, alles so zu drehen, dass es einem passt? ! ? die Determination ist "Gott", Gott ist der Freie Wille "in Einem"
      - echt gruslig.

      Mit dem Freien Willen kann man sonstwas erklären, sich Namen geben, Bedeutungen leben, nach dem immer Besten streben....
      Man kann mit dem freien Willen sogar den freien Willen negieren.
      Der Freie Wille *trotzt* der Determination und ihrer Reglementierung schon, noch während "er" aus "ihr" folgt.
      Der freie Wille kann quasi alles umdrehen nach Lust und Laune zu seiner selbstigen Begründung.
      Der Freie Wille macht sich auch gerne zur Ursache und am liebsten jede Wirkung von ihm/sich abhängig. Damit wird die Konstanz des Freien Willens als höhere Instanz sozusagen schützt.
      Der freie Wille wirkt wie eine universale Instanz zur Beruhigung.
      TrotzDem ist man unzähligen widerstreitenden Freien Willen ausgeliefert, dass man da ziemlich oft den Überblick über den eigenen f.W. verliert,

      meint der MVG.
      Wenn man das Böse in sich spürt, was macht da das Böse mit einem? Es macht noch böser.
      Emotionen werden vom Geist beherrscht, der herrscht auch über alle Gefühle.
      Ich glaube das. Ich glaube auch an die Lüge. Multiversalgeist gefällt das.
    • Multiversalgeist schrieb:

      Freier Wille: Fakt (philosophisch), Wirklichkeit (in der Wirkung), Notwendigkeit (als Gegenpol zur Abhängigkeit), Erkenntnis (in kognitiver Beziehung), Illusion (vernünftig / notwendig).
      Hallo Multiversalgeist, :rolleyes: Respekt ! Das alles hat mit Gleichgewicht zu tun. Was du ansprichst ist nichts anderes als die Basis, damit du dein Leben selbst steuerst, damit du stattdessen nicht gesteuert wirst.

      Multiversalgeist schrieb:

      TrotzDem ist man unzähligen widerstreitenden Freien Willen ausgeliefert, dass man da ziemlich oft den Überblick über den eigenen f.W. verliert,
      Du sprichst hier Unbewusst das Karma an.
    • hypocampus schrieb:

      Hallo zusammen,

      ich kenne mich nicht in der Philosophie besonders gut aus - das vorweg. Ich denke nur sehr gerne über diese Dinge nach und habe gerade das Bedürfnis meine Gedanken irgendwo niederzuschreiben, wo auch ein Interesse daran bestehen kann.

      Nun, ich selbst habe die Fachrichtung Neurobiologie studiert und dementsprechend ein wenig Fachwissen bezüglich unseres Gehirns.

      In der Neurobiologie scheint dieses Thema ebenfalls stetiges Objekt heftiger Diskussionen zu sein. Viele Neurowissenschaftler betrachten die umfassende Beobachtung von neuronalen Prozessen als direktes Indiz, dass der Wille nicht frei sein kann, sondern nur Resultat solcher deterministischer Vorgänge. Man hört auch viel über die Studie, die eine Nervenzellaktivität zeitlich vor einer getroffenen Entscheidung feststellen konnte. Dazu muss ich zu meiner Schande gestehen, ich habe die Details dazu wieder vergessen und weiß nicht wie ich die Originalveröffentlichung finden soll, deswegen kann ich dazu im Speziellen jetzt weniger schreiben.

      Wenn jemand weiß, was ich meine und dazu Originalartikel parat hat wäre ich dankbar - dann kann ich mir da noch einmal drüber Gedanken machen und erläutern was dort meiner Meinung nach gemessen wird, schließlich hört man auch schnell Fehlinterpretationen, gerade wenn sie über Drittautoren vermittelt werden.

      Der eigentliche Grundgedanke jedoch bleibt derselbe in meinen Augen: Die Beobachtung, dass etwas beobachtet werden kann, das zeitlich oder kausal vor der bewussten Entscheidung geschehen ist und einen Einfluss darauf gehabt hat, wird als Argument genommen, dass der Wille nicht frei sein kann.

      Kürzlich ist mir jedoch das Kernproblem dieser Diskussion bewusst geworden: Kaum jemand weiß, was Freiheit des Willens wirklich bedeutet.

      Sehr gut zusammengefasst habe ich das eben gerade auf der Seite philosophieverstaendlich.de/freiheit definiert gefunden:


      Handlungsfreiheit
      Eine Person ist in ihrem Handeln frei, wenn sie tun kann, was sie tun will.
      Willensfreiheit
      Eine Person ist in ihrem Wollen frei, wenn sie die Fähigkeit hat, ihren Willen zu bestimmen, zu bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam werden sollen.

      Im Endeffekt definieren die meisten Menschen die Willensfreiheit wie die Handlungsfreiheit - ich kann jederzeit tun, was ich tun will.
      Mit einer solchen Definition kann es natürlich keinen freien Willen geben. Die Freiheit des Willens wird so dadurch begrenzt, dass man in einer Welt lebt in der man nicht der einzige Mensch ist. Mit einer solchen Definition wird die Freiheit des Willens zu einem Krieg um die Durchsetzung des individuellen Willens. Ein darwinistischer Existenzkampf auf psychologischer Ebene um das Recht des Willensstärkeren ist das Resultat.

      Die letzte Definition ist etwas anders formuliert in etwa der Satz, der mir dazu kürzlich in den Sinn kam:

      "Die Freiheit des Willens besteht nicht darin, jederzeit tun zu können was man will, sie besteht darin, jederzeit zu wollen was man tut."

      Ein solcher Kampf wie oben beschrieben ist keine Freiheit. Es ist nur der Wunsch danach; der Versuch, diesen Wunsch umzusetzen, nicht mehr.

      Der wirkliche Kampf den ich hier zu erkennen meine: Emotionen gegen den Verstand. Die gesamte Argumentation zur "Widerlegung" des freien Willens lautet doch in abstahierter Form: Mein Verstand ist nicht frei, weil er den Emotionen unterworfen ist (die wiederum Folge von Biochemie im Gehirn sind).

      Nun, dem muss ich Recht geben. Das Problem liegt in der Arroganz der Menschen, sich anzumaßen der Verstand sei ein perfektes Instrument zur Urteilsbildung. Die Diskussion um die Freiheit des Willens dreht sich im Kern um die menschliche Arroganz, die eigene Überlegenheit als höchste Lebensform dieses Planeten unbedingt verteidigen zu müssen. Wenn wir wie Tiere keinen Willen sondern nur den Trieb hätten - was macht uns dann noch davon verschieden?

      Die Antwort lautet: Nichts.

      Und deswegen ist es auch die Freiheit des Willens, die den Menschen erst zum Menschen werden lässt.

      Die Fähigkeit nachzudenken, ob er auch tut was er will.

      Der Fehler ist, den Anfang des Willens im bewussten Wahrnehmungsprozess zu suchen. Im Verstand, in bewussten Gedanken. Der Fehler ist, sich einzureden diese Gedanken seien objektiv wahr. Wenn die Gedanken jedoch stets den Emotionen folgen - dann werden sie keinen freien Willen erzeugen, sie werden ihn beschränken und in einer Illusion vortäuschen, dass das Handeln dem freien Willen entsprach (weil man vernünftige Gründe für das Handeln finden kann).

      Wenn ich mich mit dem Verstand bewusst entschieden habe, etwas zu tun - das Ergebnis jedoch unbefriedigend ausfiel und ich mir selbst sage ich habe dort nicht richtig gehandelt - war mein Willen dann wirklich frei?

      Nein, denn er war offensichtlich abhängig vom Ergebnis. Hätte ich das Ergebnis gekannt und hätte eben anders gehandelt - so war mein Wille abhängig von Erwartungen und den Gefühlen, die meine Vorstellung erzeugt hat. Er war nicht frei. Die Gedanken werden zum Katalysator, zur Rechtfertigung von Handeln, nicht zur Ursache.

      Mein Wille ist solange nicht wirklich frei, solange ich mich damit an den Erwartungen festhalte, die ich an die Außenwelt stelle. Wenn die Außenwelt nicht reagiert wie ich will, so wird meine "Freiheit" stets bloß ein ewiger Kampf mit der Außenwelt sein.

      Die wirkliche Freiheit kommt erst, sobald man sich lossprechen kann von der Außenwelt. Mit dem, was ich will hat die Außenwelt doch nichts zu tun oder? Wieso will ich dann trotzdem die Außenwelt durch mein Handeln so beeinflussen, dass mein Wille erfüllt wird? Ist es dann nicht zu einem großen Teil auch einfach der Wille der anderen den ich hier vertrete?

      Mein Wille kann doch nur dann frei sein, wenn ich etwas tue und mir sicher bin, dass es richtig ist. Das heißt wenn das Ergebnis nicht wie erwartet ausfällt - dann war es eben nicht wie erwartet. Es war aber keine Einschränkung meines Willens, solange ich so handeln wollte. Wenn ich dann mit den Schultern zucken kann und mir sage dass ich etwas gelernt habe durch mein Handeln - erst dann macht mein Handeln im Sinne meines Willens auch einen Sinn. Wenn ich mich dann aber zunehmend in Gedanken hineinsteigere, mein Verhalten an die Reaktionen anderer anpasse, meinen Willen am Ende nur seiner "Freiheit" wegen umkämpfe - will ich das denn wirklich?

      Will ich eine Religion annehmen, die den Menschen Gutes bringen soll, um dann über Jahrtausende einen Krieg zu führen damit man endlich frei damit ist? Freiheit eines Willens, ein Wunsch, den man mit anderen höchstwahrscheinlich teilt? Was befreit mich letztendlich? Der Gedanke, mit welchen Maßnahmen ich an meine Freiheit komme? Oder die Erkenntnis, dass ich einfach nur sehend dafür werden muss, was ich wirklich will - ohne dass ich mich selbst mit meinem Verstand dafür betrügen muss um mein Leben lang Ziele zu verfolgen die ich garnicht will oder einfacher haben könnte.

      Freiheit des Willens ist, anzuerkennen das man bereits frei ist. Er ist nur deswegen oft nicht möglich, weil man im Spiel um den Willensstärkeren immer auf eifrige Mitstreiter treffen wird. Und wenn man sich dann an den gegenseitig erzeugten Emotionen hochzieht und darauf ein Gebäude des Verstandes aufbaut in dem alles Handeln logisch im Sinne des eigenen Willens erscheint weil man sich ja darin bedroht fühlt - dann baut man sich den Käfig drumherum.

      Der Wille ist frei. Aber er ist nicht automatisch frei durch die Existenz von Gedanken. Er ist auch nicht Sklave der Emotionen. Beide Betrachtungsweisen sind ein unsinniger Krieg zwischen Brüdern. Da der Wille in Wirklichkeit unterbewusst ist, kann man ihn nicht durch bewusste Gedanken erzeugen. Man kann nur lernen, ihn besser in bewusste Gedanken zu übersetzen. Die Fähigkeit dazu beschreibt die Freiheit des Willens in meinen Augen. Es ist weder, seine Emotionen, noch seine Gedanken unter Kontrolle zu halten. Es ist, beides als Symbiose verstehen zu lernen und sinnbringend gemeinsam umzusetzen.
      Weil dein Wille (potentiell) frei ist, kannst du Absichten haben. Gedanken sind selbst nicht die Sklavenhalter, aber sie können sie verursachen.