Ist Verzeihen ein moralischer Akt?

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    • Spirit schrieb:

      Ist Verzeihen ein "moralischer" Akt?

      Wenn ein Busfahrer trotz Aufforderung durch Halteknopfdrücken nicht am nächsten Haltepunkt stoppt, sondern erst am übernächsten, nachdem er seinen Lapsus bemerkt hat, könnte der Busfahrer sagen: Bitte sehen Sie mir das nach = bitte verzeihen Sie mir.
      Der Fahrgast könnte sagen: Das ist nicht weiter schlimm = ich verzeihe Ihnen.

      Warum könnte das der Fahrgast sagen?
      Weil:
      .....|-------- 500 m --------|
      .....|- 200 m -|--- 250 m ---|

      -----O---------x-------------O----->
      .....^.........^.............^
      .....|.........|.............|
      .....|.........|.............tatsächlicher Halt
      .....|.........Ziel
      .....gewünschter Halt


      Verziehen wird der Zeitverlust durch Fahrtfortsetzung zur nächsten Haltestelle (eine Minute) und der Zeitverlust samt Mehraufwand durch 50 Meter längere Gehstrecke (2 Minuten).
      Mithin liegt in diesem Beispiel kein moralisches Problem vor, denn es geht darum, ob die Zielerreichung (irgendwo pünktlich zugegen zu sein) durch Einwirkung anderer verhindert wird.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — Es lebe der "Karl-Eduard-von-Schnitzler-Preis für herausragenden und vor allem unabhängigen Journalismus" (Claudio Casula).
    • Verzeihen kann eine Methode des Vergessens sein. Grade weil Menschen nicht vergessen können, also der Schmerz von heute morgen nicht einfach verschwunden ist, müssen sich Konzepte angeeignet werden um damit umgehen zu können.
      Diese Konzepte können sich je nach Kultur und Empfindung unterscheiden. Da wäre z.B. die Möglichkeit der Rache welche aber praktische Nachteile hat.
      Verzeihen setzt aber auch Überwindung vorraus. Es ist ja erst dann nötig wenn durch ein moralitsches Verständnis ein Ungleichgewicht herrscht, also eine Handlung gegen eben als unmoralisch empfunden wird. Der Akt des Vezeihens kann selber auch ein Moralischer sein, wenn er aus eben jenen Maßstäben abgeleitet wird aus dehnen z.B. das Verzeihen erst nötig wird. So kann man jemanden das Nichtverzeihen verzeihen, ansonsten wäre der Vorwurf des Nichtverzeihens ja einen selber auch belasten. Verzeihen kann aber m.E. auch eine sehr Ich-bezogene Angelegentheit sein, also als technische Handhabung von Schmerz ohne Einbezug desjenigen dem Verziehen wird.
    • Verzeihen könnte doch nur dann ein moralischer Akt sein, wenn es eine Verpflichtung gäbe, zu verzeihen, oder?
      Ich meine, niemand hat doch einen Anspruch darauf, dass ihm oder ihr verziehen wird.
      Das Nichtverzeihen verzeihen? In welche Position erhebe mich da, wenn ich als diejenige, die jemanden verletzt hat, das Nichtverzeihen meines "Opfers" verzeihe?

      Ich halte es für einen selber schon sehr wichtig (für das menschliche Miteinander auch), dass man verzeiht, eben als Mittel mit der Verletzung umgehen zu können. Rache ist da keine Lösung, war es nie, wird es nie.

      Verzeihen als moralischen Akt anzusehen, also irgendetwas liegt mir da Quer.
      Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter (Goethe)
    • Ich entschuldige mich - also verzeiht mir !

      Hallo Spirit, ich gehe schon seit Tagen vorbei an diesem von Dir initiierten Thema, weil ich vermute, daß es Dich mehr individualpsychologisch als philosophisch bewegt oder gar umtreibt. Das Verzeihen kann als moralischer Akt beschönigt werde. Jedoch kann niemand es überprüfen, und insofern bleibt es bestenfalls ein "eigenes Guthaben" im negativen Sinne.

      Im heute üblichen Sprachgebrauch darf jede/jeder ungeniert sagen :"Ich entschuldige mich !" Wie das ?????

      Das Schuldig-geworden-sein ist ein großes Thema, dem mit philosophischen Imponderabilien m.E. nicht beizukommen ist. Ich spreche nicht vom grünen Tisch ! Hier geht es doch um das Mitmenschsein im Grund-legenden. Sobald ich einen jemanden oder eine jemandin fragen würde, ob er mein Verzeihen des mir von ihm/ihr Angetanen als einen moralischen Akten zu meinen Gunsten verbuchen könnte, wäre sowieso alles vorbei. D'accord bin ich hier ausschließlich mit den heutigen Jüngern Zarathustras, die von zur Lebenszeit aufgestellten moralischen Bilanzen absolut nichts halten. Grüße in der Hoffnung auf Mitschuld !
      cornak
    • Spirit schrieb:

      Ist Verzeihen ein "moralischer" Akt?
      1. Moral setz implizit den "freien Willen" voraus. Um diesen mir ungeliebten Begriff zu vermeiden -und dennoch zu deiner Frage antworten zu können- umgehe ich diesen durch den Oberbegriff "Gesellschafts-konformes Verhalten".

      2. "Bescheidenheit zeigen" (im Sinne von "sich nicht wichtiger nehmen" als andere Mitglieder der Gesellschaft) würde ich dann als "moralischen Akt" bezeichnen:

      Eingestehen, dass man auch selbst "schuldig" hätte werden können.


      Verzeihen wäre dann eine symbolische Mitteilung für: "Ich halte mich dir gegenüber nicht (generell) für moralisch überlegen, allenfalls im aktuellen Fall, glaube aber, dass du einsichtig bist und diesen Fehler nicht widerholen wirst."

    • Jörn schrieb:

      Kannst du dafür ein Beispiel geben?

      Nehmen wir mal an, "jemandem helfen" sei ein moralischer Akt, also etwas, was gut (oder schlecht) sein kann. Wenn das so ist, dann sehe ich nicht, warum "jemandem verzeihen" nicht ebenso ein moralischer Akt sein könnte. Also biete ich ein "ja" als Antwort an, für den Fall, dass ich "ein moralischer Akt" richtig deute.
    • Wenn ich etwas verzeihe, habe ich eine vorher geschehene "sache" bereits als für mich negativ gewertet. Ergo ist ein Verzeihen m.M.n. ein Eingeständnis an die "Gegenseite", ein beschwichtigender Akt. Also ja.

      Edit: Insofern man Eingeständnis/des lieben Frieden willens als Moral anerkennt.
      Überheblichkeit ist die erste Leitersprosse auf dem Weg nach unten.
      Ernst Ferstl