Gibt es Unverzeihliches?

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    • Gibt es Unverzeihliches?

      Als Neben-Thread zum Verzeihens-Thread: Verzeihen


      Gibt es auch Unverzeihliches? Der französische Philosoph
      Vladimir Jankélévitch meinte, den Deutschen dürfe man nicht
      verzeihen, weil sie den Holocaust nie bereut hätten. Hat er Recht?


      Jankélévitch hat auch ein eindrückliches Buch über "Le Pardon"
      veröffentlicht! Aber: Das Verzeihen kennt keine Regeln und schon gar
      nicht gibt es eine Pflicht zu verzeihen. Denn das Verzeihen ist strikt
      außer-gewöhnlich. Und deshalb ist es auch das Recht eines Opfers, auf
      der Unverzeihlichkeit zu bestehen. Und dieses Recht auf das
      Ressentiment nimmt Jankélévitch im Hass auf die Deutschen in
      Anspruch. Er bezeichnet die Täter als Bestien und Hunde. Es ist eine
      prinzipielle Voraussetzung für das Verzeihen, dass ein Opfer seinen
      Schädiger immer noch als Menschen wie seinesgleichen ansieht. Sonst
      ist Verzeihung unmöglich.

      Aus:
      30.06.2004 TAZ
      "Die Geste des Verzeihens kann unerträglich sein", sagt Klaus-Michael Kodalle


      Das Zitat soll das Thema in einem allgemeinen Sinne einführen - es soll hier nicht um eine Diskussion des Holocaust gehen.

      Gibt es Unverzeihliches?
    • Platons Antwort

      Spirit schrieb:

      Gibt es Unverzeihliches?

      Das Böse hat keinerlei Anteil am Guten. Verzeiht man das Böse, macht sich der Verzeiher mit dem Bösen gemein und verleugnet zugleich den unbedingten Vorrang des Guten.

      Platon nach Eislers Philosophen-Lexikon (griechische Sentenzen weggelassen):
      Die höchste Erkenntnis (...) ist die Erfassung der höchsten Idee, der Idee des Guten (Rep. 505 A ff.). Die Idee des Guten ist die oberste Norm des Wahren und des Schönen, der Grund der Wahrheit, des Erkennens und der Erkennbarkeit (..., Rep. 508 E). Das Gute steht höher (...) als das Sein; indem dieses besser ist als das Nichts, hat es am Guten seinen Grund (Phaed. 97 C; Ethischer Idealismus). Das Gute setzt das Sein, ist die Bedingung und Ursache der Existenz (..., Rep. 509 B). Die Idee des Guten (das Gute an sich) ist eins mit der göttlichen Vernunft (Phileb. 22), mit dem Demiurgen, welcher gemäß den Ideen alles aufs Beste gestaltet hat (..., Phaedr. 246 E; Tim. 28 ff.). Gott kann nicht die Ursache des Bösen sein (Rep. 379 C); dieses hat seinen Grund im Widerstande der Materie, des Formlosen, Unbestimmten, Ungeordneten (Theaet. 776 A, Polit. 269 D, Tim. 47 E, 68 E) oder, wie P. später erklärt, in der "bösen Weltseele", die er der guten gegenüberstellt (Leges 896 E).
      Maria (Freiburg, 19 Jahre), Mia (Kandel, 15 Jahre), Susanna (Mainz/Wiesbaden, 14 Jahre). — Hussein K. (Täter von Freiburg): "Das ist doch nur eine Frau". — Susanne Schröter (Ethnologin, Islamexpertin): "Das ist jetzt kein Einzelfall mehr". — Niall Ferguson (Historiker): "Merkel könnte als die Regierungschefin in die Geschichte eingehen, die Europa auf dem Gewissen hat".

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • Ich glaube, das ist keine prinzipielle Frage, sondern eine der persönlichen Fähigkeit.
      Man kann zwar aus Vernunftgründen einsehen, dass es besser wäre zu verzeihen, aber so zu tun als ob, ist eben immer gelogen.

      Es ist m.E. besser verzeihen zu können, als es nicht zu können, nur würde ich auch einen Raum dafür lassen, es nicht zu müssen.

      Was diese kollektiven Gefühle angeht, naja, verständlich, aber irgendwo auch armselig alte Ressentiments nicht hinter sich lassen zu können.
      "Das Wissen ist ein schöner Schrein,
      Die Kunst erst legt den Schatz hinein."
      (Carl Spitzweg)
    • Spirit schrieb:

      Gibt es Unverzeihliches?

      Ich sehe das so wie Carl. Es gibt nichts Unverzeihliches, Verzeihen ist immer eine persönliche Sache zwischen dem Opfer und dem Täter / den Tätern, eine Sache zwischen gewissen Individuen, gilt für bestimmte Taten.

      Wenn also Vladimir Jankélévitch meint, man dürfe nicht verzeihen, dann hat er Unrecht. Wewohl er damit: "Aber: Das Verzeihen kennt keine Regeln und schon gar nicht gibt es eine Pflicht zu verzeihen. Denn das Verzeihen ist strikt außer-gewöhnlich. Und deshalb ist es auch das Recht eines Opfers, auf der Unverzeihlichkeit zu bestehen." recht hat. Man kann nicht von einem Opfer verlangen, es müsse verzeihen.

      Jankélévitch, wenn ich das recht verstehe, ist nun gar kein Opfer und kann daher eh nicht verzeihen. Was er fordert, ist was ganz anderes, er fordert Kollektivschuld, Sippenhaft. Das hat mit Verzeihen gar nichts zu tun und ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar.
    • Könnten wir einander nicht vergeben, d.h., uns gegenseitig von den Folgen unserer Taten wieder entbinden, so beschränkte sich unsere Fähigkeit zu handeln gewissermaßen auf eine einzige Tat, deren Folgen uns bis an unser Lebensende im wahrsten Sinne des Wortes verfolgen würden, im Guten wie im Bösen; gerade im Handeln wären wir das Opfer unserer selbst, als seien wir der Zauberlehrling, der das erlösende Wort: Besen; besen sei`s gewesen, nicht findet.

      Hannah Arendt, Vita activa, 1958
      Wenn wir Sprache und Denken aufgeben, können wir über alles hinausgehen. (Meister Sosan)
      „Langfristig gesehen sind wir alle tot“ (Meister Keynes)
    • @ spirit
      Es wurde -glaube ich- bereits getroffen:

      Her K. schrieb:

      Jankélévitch, wenn ich das recht verstehe, ist nun gar kein Opfer und kann daher eh nicht verzeihen. Was er fordert, ist was ganz anderes, er fordert Kollektivschuld, Sippenhaft. Das hat mit Verzeihen gar nichts zu tun und ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar.
      Es ist vorallem ein rassistischer Rassismus-Vorwurf: "Der Deutsche".
      Da also intellektuell völlig gescheiert, kann es nur emotionale Gründe für seinen Ausbruch geben. Es könnte die "Urangst" davor sein, erkennen zu müssen, dass "Menschen böse seien können" -auch man selbst. Anstatt sich dann mit diesem Sachverhalt konstruktiv auseinanderzusetzen, verortet er das Böse "woanders". Es entscheidet sich für Deutschland.

      Übrigens gab es auch französische Kollaborateure. Das waren dann vermutlich Eingereiste mit deutscher Abstammung. Am Ende entwickelt er noch eine Rassenlehre. Ganz unten: Die Deutschen.

      Hass ist menschlich.
      Insbesondere angesichts des Holocaust!
      Aber immer gefährlich und destruktiv.

      Am Ende gewinnen noch die Nazis:
      Der Hassende ist nie glücklich. Und solange die "Franzmänner" unglücklich sind, freut sich der "aufrechte Deutsche".
    • Ich bin aus reinem Zufall in Deutschland geboren, die Leute wissen das aber nicht. Ich habe zufällig einen Experten gelesen, auf den ich voll abfahre, der hat mir das indirekt bestätigt. Damit ist das Rätsel gelöst. Daran habe ich nie geglaubt. Nie wieder wird nie wieder. Dat is gut. Ich verstehe mich immer besser. Aber das habe ich vergessen. Ich weiß es :P nicht.
    • Spirit schrieb:

      Gibt es Unverzeihliches?


      Ich denke: Ja, solange es mit echten Gefühlen verbunden ist, scheint es unverzeihlich. Ich glaube, Herr Jankélévitch verwechselt Unvergessliches mit Unzerzeihlichem? Schüre ich aber selbst die hässlichen Gefühle auf eine alte Sache, werde ich selbst auch zum Täter, und damit wird die Sache unverzeihlich gemacht.

      Gruss
      MK
      Es war spät abend als ich ankam.
    • Spirit zitiert aus TAZ schrieb:

      Er bezeichnet die Täter als Bestien und Hunde. Es ist eine prinzipielle Voraussetzung für das Verzeihen, dass ein Opfer seinen Schädiger immer noch als Menschen wie seinesgleichen ansieht. Sonst
      ist Verzeihung unmöglich.

      Kammerer schrieb:

      Ich glaube, Herr Jankélévitch verwechselt Unvergessliches mit Unzerzeihlichem? Schüre ich aber selbst die hässlichen Gefühle auf eine alte Sache, werde ich selbst auch zum Täter, und damit wird die Sache unverzeihlich gemacht.

      Jedes mal, wenn ich die Überschrift dieses Threads lese, werde ich daran erinnert, dass ich mir diese Frage ja noch selbst beantworten wollte...
      Spontan dachte ich so ähnlich, wie Kammerer, doch beim tieferen Ergründen der Grenzen meiner eigenen Duldsamkeit und Verzeihensfähigkeit stieß ich wohl auf "Unverzeihliches".
      So wäre mein (menschliches) Mitgefühl und grundsätzlich friedliebende Einstellung wohl doch arg auf die Probe gestellt, begegnete ich einem Kinderschänder.
      Jede Gewalt an Kindern ist für mich UNverzeihlich!
      "Gibt es denn Worte genug, um alle Mäuler damit zu stopfen?" Stanislaw Jerzy Lec

      ...ich bin dann mal im Nicht-Sprache-Wald Blattdeutsch lernen
      ...
    • Verzeihliches

      Lieber Spirit, ich nehme an, daß Du Verzeihliches im Visier hast. Dazu zähle ich Sündhaftigkeiten, welche auf dem Boden zivilisierter Gesellschaften erfolgten, um der Genußsucht willen, um der Karriere willen, zu Zwecken wirtschafts- oder partei-politischer Macht. Da mag vieles verzeihlich sein. Das Unverzeihliche überwiegt im Rückblick auf die Menschheitsgeschichte und die Gegenwart m.E. aber bei weitem. Entmenschte verhalten sich nach machtpolitischen Plänen, auf Befehl oder auch aus Wollust unmenschlich gegenüber Mitmenschen. Sie quälen, vertreiben, vergewaltigen, meucheln ohne jedwede Gewissensbisse. Solche sind m.E. des Verzeihens nicht würdig. Es gibt zahlreiche 'Menschen', denen m.E. nicht verziehen werden kann, sei denn man mißachtet ihre zahllosen Opfer. Ich muß Dir die historischen und gegenwärtigen Details des Entmenschtseins nicht aufzählen. Zum schwer verzeihlichen zähle ich auch die Gleichgültigkeit der Wohlsituierten gegenüber dem Elend in der heutigen Welt, gesteigert zum sadophilen Katastrophen-Tourismus. Gruß !
      cornak
    • Cornak schrieb:

      Solche sind m.E. des Verzeihens nicht würdig. Es gibt zahlreiche 'Menschen', denen m.E. nicht verziehen werden kann, sei denn man mißachtet ihre zahllosen Opfer.

      ist die "Grenze" des Verzeihens also - wie du es zu beschreiben scheinst - allgemein und objektiv durch Werte und Sachverhalte bestimmt? - oder nicht doch vielmehr durch die anthropologisch je individuelle Fähigkeit des Verzeihen-Könnens?

      Heißt Verzeihen denn, eine Tat zu entschuldigen, sie gut zu heißen? Ich würde sagen: nein. Das Verzeihen ist nicht auf die Tat gerichtet, sondern auf die Person. Die Tat wird nicht verziehen. Die Tat wäre ohne Zweifel oftmals unverzeihbar - aber Verzeihen ist mE nicht auf die Tat gerichtet.
    • Welchen Tätern verzeihen ?


      Lieber Spirit, ich lasse das problematische Verzeihen von Greueltaten beiseite, da es sich hierbei oft um Formen des Vergessens handelt, um ein Relativieren oder sogar "Verstehen". Mich bewegt nur die Frage, ob und inwiefern Greueltätern verziehen werden soll, muß, kann, solchen, die auch im Erinnern an die eigenen Grausamkeiten weder Reue zeigen noch auch nur im Ansatz bußfertig sind. Die römisch-katholische Bußpraxis - ich vermute die christliche überhaupt - trennt Sünde und Sünder. Sünder erhalten priesterliche Absolution, werden im Namen Gottes von Schuld freigesprochen, sofern sie bereuen und zu Bußakten bereit sind. In unsere Familie heiratete einige Jahre nach dem Kriegsende ein aufrechter Katholik ein, der als SS-Obersturmbannführer mehrere Jahre in einem russischen Lager gefangen war und nach seiner Entlassung in Westberlin dank stattlicher Pension ein komfortables Leben führte. Zitat : " Ich bereue lediglich, daß wir bis Kriegsende nicht a l l e Juden vergast haben." Wie ist es nun in (den nicht wenigen) vergleichbaren Fällen, wenn es gilt, den Tätern zu verzeihen ? Mit diesem Beispiel möchte ich nicht auf die Judenvernichtung fokussieren. Der letzte Scharfrichter Frankreichs richtete sich in seiner Pensionärswohnung in den USA sein einstiges Hinrichtungsarsenal ein und genoß die Erinnerungen an sein manuelles Geschick beim Töten (TV-Sendung). Verzeihlich ? Nur Extrembeispiele ? Ich meine, daß die Quäl- und Mordbereitschaft vieler Menschen im frühen Lebensalter manifest wird, sich manifestiert beim Abtreiben und Piesacken der eigenen Kinder und sich unter geeigneten sozialen Bedingungen fortsetzt bis zur freiwilligen, ja drangvollen und triebhaften Teilnahme an lustvoll-sadistischen Gemeinschaften. Gruß !
      cornak
    • Cornak schrieb:

      Ich meine, daß die Quäl- und Mordbereitschaft vieler Menschen im frühen Lebensalter manifest wird
      Aber wäre dies nicht gerade der Hinweis darauf, dass hier die "Schuld"- und also "auch die Verzeihens"-Frage fehl am Platz ist? Wenn man von einem unfreien Willen ausgeht (was mir bei nicht-kompatibilistischem Sprachverständnis zwingend erscheint), dann handelt man "gesellschaftlich inkonform", ohne "schuldig" zu sein. Man ist dann "natürlich disponiert" und "gesellschaftlich geprägt" und handelt den Gesetzen entsprechend oder nicht. Auch "Mitgefühl" ist ja nicht "selbst entschieden". Und wer die Gefahr von Strafe für gering hält, wenig Mitgefühl verspürt und den (persönlichen) Nutzen einer "verbotenen Tat" für hoch hält, der wird entsprechend handeln. Wo ist da die Schuld? Was wäre zu "verzeihen"?

      Wäre nicht die entscheidene Frage:
      Wer ist gefährlich, wer nicht?

    • Lieber Cornak,

      ich möchte noch einen Punkt klären, der mir wichtig erscheint.

      Darüber, dass wir uns beim Verzeihen den Tätern zuwenden, darüber haben wir uns nun verständigt - die Tat selbst, die der Täter ausführte, war eine schadenbringende Tat.

      Cornak schrieb:

      Ich meine, daß die Quäl- und Mordbereitschaft vieler Menschen im frühen Lebensalter manifest wird

      darüber sind wir uns auch einig.

      Cornak schrieb:

      Wie ist es nun in (den nicht wenigen) vergleichbaren Fällen, wenn es gilt, den Tätern zu verzeihen ?

      mir ist hier noch nicht ganz klar, was du mit der Aussage "A verzeiht B" zum Ausdruck bringen möchtest.
      Ich stecke einmal das Feld von zwei Seiten durch Extrempositionen ab:
      1. "A verzeiht B" kann bedeuten, dass A zu B sagt, dass er ihm verzeiht und HIERDURCH B entlastet wird. Im Vordergrund steht hier weniger der seelische Prozess von A, sondern einzig die Entlastung von B durch A.
      2. "A verzeiht B" kann bedeuten, dass A einen seelischen Prozess durchläuft. Am Ende dieses Prozesses verzeiht A B innerlich. Es geht hierbei nicht darum, dieses Verzeihen B mitzuteilen, sondern einzig um den inneren Prozess. B könnte auch schon gestorben sein. Würde A B treffen, dann könnte er zu ihm sagen: "Ich habe dir innerlich verziehen, aber ich kann dir nicht abnehmen, dass du dir selbst verzeihst. Und wenn ich dir auch verziehen habe, so heißt das auch nicht, dass ich mich mit dir versöhnen - die alten Verhältnisse also wieder herstellen - möchte, denn ich habe aus den Ereignissen gelernt und möchte sicher gehen, dass dies zukünftig nicht mehr geschieht."

      Kannst du auf dieser Skala den Begriff des Verzeihens verorten, den du in deiner Aussage "den Tätern verzeihen" verwendest?

      Beste Grüße,
      S.
    • zum Beitrag 15

      Lieber Spirit,
      ich überlege noch. Welche Taten resp. Missetaten bedürfen überhaupt des Verzeihens ? Mir fallen da zunächst Rechtsverstöße ein und sodann persönliche Kränkungen. Rechtsverstöße : Verstöße gegen öffentliches Recht, gegen persönliches, gegen Völker- und Kirchenrecht. Persönliche Kränkungen : Untreue, Lüge, Verleumdung, Beleidigung, Verrat, einige Formen des Diebstahls,...

      Nun aber : Wodurch werde ich als Betroffener dazu ermächtigt, zu vergeben ? Welcher Voraussetzungen bedarf es für einen solchen Akt ? Falls die Kränkung persönlicher Art war und ausschließlich zwei Personen betrifft, Kränker und Gekränkten, scheint ein übereinstimmender Wunsch dazu zu genügen, die Sache aus der Welt zu schaffen. Das Gewissen des Kränkenden ist entlastet und die Selbstachtung des Verzeihenden gestärkt. Ich lasse hier alle psychopathologischen Formen des Verzeihens beiseite, etwa das Verzeihen, bei dem es um eine veränderte Balance von Dominanz geht, um einen Rollentausch.

      Bin ich aber dazu berechtigt - oder wodurch ermächtigt - Teilnehmern an Massakern, Völkermorden, Waffeneinsatz gegenüber Wehrlosen etc zu verzeihen, sobald ich das aus irgendwelchen emotionalen oder gar materiellen Gründen möchte ? Für andere Unverzeihliches kann für mich doch aus sehr persönlichen Gründen die Gestalt von Verzeihlichem annehmen. Würde ich dadurch nicht zum nachträglichen Mit-Täter ? Mitschuld durch das Verzeihen (Relativieren, Beschweigen...) von Kollektivschuld, an der ich selbst (weil ich doch selbst) nicht aktiv beteiligt war ? Nicht ausschließlich, aber auch ein deutsches Gewissensproblem ?

      Ich weiß nicht, ob ich damit einen Teil Deiner Frage beantwortet habe. Gibt es innere Reifungsprozesse, welche mich nicht nur dazu befähigen, sondern auch berechtigen, Tätern zu verzeihen, gleichviel, worum es sich bei den Taten handelte ? Etwa den Initiatoren und Teilnehmern der Wannsee-Konferenz und ihren "eifrigen Vollstreckern" Zitat : "Ich war Uniformträger und mußte gehorchen."). Gruß !
      cornak
    • Unverzeihlich ist Subjektiv.

      Nehmen wir mal einen Mörder, warscheinlich werden jetzt viele sofort unverzeihlich sagen. Morden, Vergewaltigen. Das ist alles so Allgemein als Unverzeihlich. Aber bestimmt gibt es auch leute die soetwas verzeihen könnten wenn sie mit diesen Personen durch Positive Emotionen verbunden sind.

      Sünden kann man auch verzeihen, obwohl da erstmal die Sünde definiert werden müsste.
    • Lieber Cornak,

      Cornak schrieb:

      Lieber Spirit,
      ich überlege noch. Welche Taten resp. Missetaten bedürfen überhaupt des Verzeihens ? Mir fallen da zunächst Rechtsverstöße ein und sodann persönliche Kränkungen. Rechtsverstöße : Verstöße gegen öffentliches Recht, gegen persönliches, gegen Völker- und Kirchenrecht. Persönliche Kränkungen : Untreue, Lüge, Verleumdung, Beleidigung, Verrat, einige Formen des Diebstahls,...

      Nun aber : Wodurch werde ich als Betroffener dazu ermächtigt, zu vergeben ? Welcher Voraussetzungen bedarf es für einen solchen Akt ? Falls die Kränkung persönlicher Art war und ausschließlich zwei Personen betrifft, Kränker und Gekränkten, scheint ein übereinstimmender Wunsch dazu zu genügen, die Sache aus der Welt zu schaffen. Das Gewissen des Kränkenden ist entlastet und die Selbstachtung des Verzeihenden gestärkt. Ich lasse hier alle psychopathologischen Formen des Verzeihens beiseite, etwa das Verzeihen, bei dem es um eine veränderte Balance von Dominanz geht, um einen Rollentausch.

      Bin ich aber dazu berechtigt - oder wodurch ermächtigt - Teilnehmern an Massakern, Völkermorden, Waffeneinsatz gegenüber Wehrlosen etc zu verzeihen, sobald ich das aus irgendwelchen emotionalen oder gar materiellen Gründen möchte ? Für andere Unverzeihliches kann für mich doch aus sehr persönlichen Gründen die Gestalt von Verzeihlichem annehmen. Würde ich dadurch nicht zum nachträglichen Mit-Täter ? Mitschuld durch das Verzeihen (Relativieren, Beschweigen...) von Kollektivschuld, an der ich selbst (weil ich doch selbst) nicht aktiv beteiligt war ? Nicht ausschließlich, aber auch ein deutsches Gewissensproblem ?

      Ich weiß nicht, ob ich damit einen Teil Deiner Frage beantwortet habe. Gibt es innere Reifungsprozesse, welche mich nicht nur dazu befähigen, sondern auch berechtigen, Tätern zu verzeihen, gleichviel, worum es sich bei den Taten handelte ? Etwa den Initiatoren und Teilnehmern der Wannsee-Konferenz und ihren "eifrigen Vollstreckern" Zitat : "Ich war Uniformträger und mußte gehorchen."). Gruß !
      Mir fällt in Hinsicht auf die Verzeihensthematik in letzter Zeit immer wieder folgender Punkt auf.
      Wenn wir sagen: "Ich verzeihe dir", dann können wir diesen Satz in (mindestens) zwei Varianten verstehen.
      1. Person A verzeiht Person B in einer Interaktion.
      2. Person A verzeiht Person B innerlich.

      Zu 1. Der erste Fall zielt darauf, dass Person A die Person B in gewisser Weise erlöst. Mit dieser, meines Erachtens sehr gebräuchlichen, aber meines ERachtens sehr seltsamen Sicht ist die Auffassung verbunden, dass Person A nicht nur innerlich Person B verzeihen kann, sondern dass sie mit ihrer Aussage tatsächlich in Person B den Verzeihensprozess bewirkt.
      Ein Beispiel: Person B kränkt Person A. Person A wendet sich von Person B ab. Person B ist sehr trautig darüber und möchte, dass ihr Person A verzeiht. Irgendwann verzeiht ihr Person A und hierdurch ist Person B von ihrer Tat erlöst.
      Person B ist also vollkommen abhängig von Person A. Und Person A kommt die Macht zu, Person B von bestimmten Gefühlen der Reue, der Schuld etc. zu befreien.
      Was genau in Person A vor sich geht, das wissen wir in dieser VErsion auch nicht so genau. Entscheidend scheint vor allem zu sein, dass sie irgendwann zu Person B sagt, dass sie ihr verzeiht. Und uns interessiert in diesem Fall anscheinend mehr der Täter, der dann durch Person A erlöst wird. Ob Person A eigentlich noch leidet, innerlich noch gekränkt ist, jedoch lediglich zu Person B sagt, dass sie ihr verziehen hat, das scheint uns nicht so sehr zu interessieren. Zumindest steht es nicht im Vordergrund dieser Variante - scheint es mir.
      Diese Variante 1 ist offensichtlich sehr am christlichen Sünden-Erlösungs-Modell orientiert, weshalb der Täter abhängig vom Erlöser ist und seine Perspektive in gewisser Weise im Vordergrund steht.

      Das alles klingt vielleicht irgendwie auch plausibel, aber ich glaube nicht, dass sich Verzeihen wirklich auf diese Weise vollzieht. Warum?
      Manchmal erleben wir es, dass Person A der Person B verzeiht. Person B sagt dann aber: Es ist sehr schön, dass du mir verzeihen kannst, aber ich habe mir selbst noch nicht verziehen.
      Das verweist darauf, dass Person B sich selbst verzeihen muss. Und zugleich verweist dies darauf, dass Person A Person B nicht wirklich verzeihen kann: dass ihr eigener, innerer Prozess daher viel wichtiger ist.

      Es erscheint vor diesem Hintergrund also als bloßer Zufall, wenn sich Person A und Person B begegnent und sich das VErzeihen genau in diesem Moment bei beiden vollzieht.
      Oftmals ist es viel eher so, dass beide vielleicht schon seit längerer Zeit verziehen haben oder dass einer von beiden noch grollt - oder beide noch grollen.
      Der Akt der Aussage wird meines Erachtens sehr überschätzt.

      Deshalb geht es meines Erachtens beim Verzeihen auch nicht primär darum, ob ich irgend welchen Völkern, etc. verzeihen und ihnen damit ihre "Schuld" etc. abnehmen kann. Und es stellt sich hier auch nicht die Frage, ob ich das bei Personen, Gruppen oder Völkern kann. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob ich innerlich verzeihen kann. -> Variante 2

      Ein Mensch kann meines Erachtens einen Mord, sexuellen Missbrauche, etc. genau dann verzeihen, wenn er tatsächlich verzeihen kann. Es steht nicht fest, ob irgend eine Tat "unerzeihlich" ist oder nicht.
      Für manche Menschen ist es vielleicht schon unverzeihlich, wenn sie verbal beleidigt wird. Für einen anderen, wenn er von seiner Frau betrogen wird. Für einen weiteren, wenn er sexuell missbraucht wird. Und wieder ein anderer vermag all das zu verzeihen.

      Mir scheint, dass es deshalb nicht etwas "Unverzeihliches" gibt. Denkbar ist allerdings der Fall, dass ein Mensch durch eine Tat derart geschädigt wird, dass er unfähig wird, zu verzeihen. Er ist somit doppelt bestraft: er erlebt eine extreme Traumatisierung und zugleich führt diese Schädigung, Traumatisierung dazu, dass er dieses Ereignis niemals verzeihen, also sein gesamtes Leben mit sich tragen wird.

      Empirische Studien zeigen allerdings, dass es durchaus Menschen gibt, die in der Lage sind, mehrfachen sexuellen Missbrauch und ähnliche Taten zu verzeihen. Damit ein Mensch durch die Tat selbst - und nicht schon durch seine Kapazität vor der Tat - unfähig wird zu verzeihen, muss also durch die Tat schon eine erhebliche Schädigung eintreten.

      Beste Grüße,
      S.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Spirit ()

    • Ein von außen forciertes Verzeihen-Ritual kann kontraproduktiv sein, wenn es zu schnell kommt. Es kann wie ein moralischer Druck hin zu weiteren Verschleierungen wirken und vielleicht auch im Rahmen einer Gegenübertragung sein. Die Gesellschaft möchte das Unglück möglicherweise nicht als Tatsache der Realität anerkennen, die bitte "ganz" und "sinnhaft" erscheinen soll und sucht einen Weg, es quasi Ungeschehen zu machen. Vielleicht werden bei dem Täter Schuldgefühle und Leid evoziert und beim Opfer dasselbe.

      Wichtig ist aber nicht, dass die Realität von Außen möglichst schnell wieder ganz erscheint, sondern dass Gefühle wie Wut, Schuld, Hass und Scham ihren Raum finden, beobachtet werden, registriert werden und in ihrer Dynamik und ihrer Genese und ihren möglichen Folgen verstanden werden. Erst dann kann das Verzeihen folgen.
      Der Realsozialismus hat alle Beteiligten zu Knechten gemacht. Der Links-Liberalismus möchte alle Beteiligten zu Bürgern machen.