Rache - ein legitimes Gefühl?

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    • Ich hatte es gerade so betrachtet, dass eine Urknalllogik eben keine Anwendung findet. Eben indem ich selbst zum Urheber, zur Ursache meiner Handlungen werde. Genau das unterscheidet eine Handlung von einem Geschehen. Ich bin Hersteller von Produkten, ich bin Verfasser von Texten. Niemand zwang mich zu schreiben, aber ich schreibe. Vielleicht hab ich es mir angewöhnt, zu selten davon abzusehen, aber auch das war meine Entscheidung. Und schaue ich zurück, gibt es für mich keinen Zweifel daran, dass ich an dem, was ich tue, einen eigenen Anteil hatte und habe, an den keine andere Ursache treten kann.

      Ob Rache nun als bloße Schädigung oder als Korrektur an einer vorhandenen Schädigung betrachtet wird, ist ein großer Unterschied. Wer sich mit seiner Rache besser fühlt ist besser und gesünder dran als einer, der sie aufgrund bestimmter Sozialisationen runter schluckt oder sein Bedürfnis an Dritte überträgt. Stattdessen ist eine direkte Auseinandersetzung mit dem Schuldigen sinnvoller, es kann schon reichen, ihn von dem Rachebedürfnis wissen zu lassen. Es braucht also nicht zwangsläufig einen Big Brother, der moderierend einschreitet oder eine deterministische Weltsicht. Letztere wäre dann eine Absage nicht nur an Schuld, sondern auch an Handeln und Praxis überhaupt.
    • Eben indem ich selbst zum Urheber, zur Ursache meiner Handlungen werde.

      Sehe ich halt nicht so. Gar nicht, und dennoch reflektiere ich meine Handlungen und finde das sinnvoll.
      Mir passiert städnig was und nun kann ich das eben als Erinnerung nochmals anschauen und ev. eine Differenz ausmachen zw. der damaligen Wirkweise und jetzt.

      Ich bin Hersteller von Produkten, ich bin Verfasser von Texten

      Naja, halt die übliche Selbstadelung.
      Mir fällt alles ein. Ich als Person allein kann gar nix.

      Niemand zwang mich zu schreiben, aber ich schreibe. Vielleicht hab ich es mir angewöhnt, zu selten davon abzusehen, aber auch das war meine Entscheidung.

      Bist Du da so sicher?

      Und schaue ich zurück, gibt es für mich keinen Zweifel daran, dass ich an dem, was ich tue, einen eigenen Anteil hatte und habe, an den keine andere Ursache treten kann.

      Für mich gibt es da lauter Zweifel. Lese ich alte Tagebuchseiten oder schaue mir Bilder an, die ich vor vielen Jahren gemalt habe oder betrachte ich Fotos 'von mir' aus den Siebzigern, dann kommt mir das alles sehr arbiträt vor ('ich habe das gemacht'?), dass mein angebliches Leben so und so verlaufen ist. Ich sehe da keine von mir autonom gehandhabte Planzentrale, die meine Biographie ausgesteuert hätte.

      Ob Rache nun als bloße Schädigung oder als Korrektur an einer vorhandenen Schädigung betrachtet wird, ist ein großer Unterschied.

      Naja, frag mal den, an dem die Rache ausgeübt wurde, ob er es als Korrektur empfindet.
    • laertes schrieb:

      Eben indem ich selbst zum Urheber, zur Ursache meiner Handlungen werde.

      Sehe ich halt nicht so. Gar nicht, und dennoch reflektiere ich meine Handlungen und finde das sinnvoll.
      Mir passiert städnig was und nun kann ich das eben als Erinnerung nochmals anschauen und ev. eine Differenz ausmachen zw. der damaligen Wirkweise und jetzt.

      Ich bin Hersteller von Produkten, ich bin Verfasser von Texten

      Naja, halt die übliche Selbstadelung.
      Mir fällt alles ein. Ich als Person allein kann gar nix.


      Es geht nicht um Selbstadelung, sondern um Zuordnung. Natürlich fällt mir alles ein. Die Texte hier zu verfassen, also auf den Tasten zu tippen und sie zu senden, benötigt natürlich andere Personen: die, die hier lesen, aber auch die, die die techn. Infrastruktur ermöglichten.
      Und natürlich lebe ich als Person in einer Welt aus Personen. Eine Person ist keine.


      Niemand zwang mich zu schreiben, aber ich schreibe. Vielleicht hab ich es mir angewöhnt, zu selten davon abzusehen, aber auch das war meine Entscheidung.

      Bist Du da so sicher?


      Ja.


      Und schaue ich zurück, gibt es für mich keinen Zweifel daran, dass ich an dem, was ich tue, einen eigenen Anteil hatte und habe, an den keine andere Ursache treten kann.

      Für mich gibt es da lauter Zweifel. Lese ich alte Tagebuchseiten oder schaue mir Bilder an, die ich vor vielen Jahren gemalt habe oder betrachte ich Fotos 'von mir' aus den Siebzigern, dann kommt mir das alles sehr arbiträt vor ('ich habe das gemacht'?), dass mein angebliches Leben so und so verlaufen ist. Ich sehe da keine von mir autonom gehandhabte Planzentrale, die meine Biographie ausgesteuert hätte.


      Wenn man häufiger zwischendurch reflektiert, ist der Überraschungseffekt nicht so groß.
      Die Zentrale bin einfach ich. Für mich ist es überflüssig, da noch mehr sehen zu wollen. Natürlich kommen Eindrücke bzw. Empfindungen aus jener Zeit dazu, die kann ich gelegentlich auch aufleben lassen. Für mich ergibt das dann genau meine Vergangenheit, ich weiß, das ist mein.


      Ob Rache nun als bloße Schädigung oder als Korrektur an einer vorhandenen Schädigung betrachtet wird, ist ein großer Unterschied.

      Naja, frag mal den, an dem die Rache ausgeübt wurde, ob er es als Korrektur empfindet.


      Wen interessiert das da außer dem, der plötzlich erkennt, dass Handeln Konsequenzen hat?
    • Für mich ergibt das dann genau meine Vergangenheit, ich weiß, das ist mein.

      Ah bah! Das alles ist ja doch abhängig von den einfallenden Erinnerungen. Wie könnte ich im verfügenden Sinne sagen, die seinen 'meine', wo ich ja angewiesen bin, dass sie mir erscheinen?

      Naja, frag mal den, an dem die Rache ausgeübt wurde, ob er es als Korrektur empfindet.


      Wen interessiert das da außer dem, der plötzlich erkennt, dass Handeln Konsequenzen hat?


      Mich.
    • laertes schrieb:

      Für mich ergibt das dann genau meine Vergangenheit, ich weiß, das ist mein.

      Ah bah! Das alles ist ja doch abhängig von den einfallenden Erinnerungen. Wie könnte ich im verfügenden Sinne sagen, die seinen 'meine', wo ich ja angewiesen bin, dass sie mir erscheinen?


      Das ist überhaupt nicht nochmals irgendwie abhängig.
      "Mein" ist eine Kategorie der Zuweisung. Damit sage ich, dass ich mich darin wiedererkenne, dass da etwas ist, dass ich mir wesentlich zurechne. Zum Beispiel rechne ich mir nicht die Jugend eines anderen als die meine zu. Logo.

      Naja, frag mal den, an dem die Rache ausgeübt wurde, ob er es als Korrektur empfindet.


      Wen interessiert das da außer dem, der plötzlich erkennt, dass Handeln Konsequenzen hat?


      Mich.


      Dann bevormundest du den Anderen. Oder du hättest dir den ersten Satz ("Naja, frag mal den, an dem die Rache ausgeübt wurde, ob er es als Korrektur empfindet.") sparen können - weil Strohmannargument - und gleich gesagt, du empfindest es nicht als Korrektur - wenngleich die Rache dir nicht gilt und du womöglich einem Wunsch nach Harmonie nachgehst.
    • Hallo A.,

      Astrid schrieb:

      Also ich finde, dass Rache ein vielschichtiger Begriff ist und man da auch etwas abstufen sollte und nicht gleich von der extremsten Art von Rache ausgehen soll. Vielleicht war da einfach meine Ausdrucksweise nicht ganz richtig, denn ich sehe das viel eher als eine Art "Denkzettel verpassen", was eigentlich eine wesentlich mildere Form von Rache ist in meinen Augen. Und es war ja auch nicht so, dass sich der andere irgendwie von mir zurückziehen wollte oder so, im Gegenteil, er hat sich am Ende sogar wieder bei mir gemeldet als wäre nichts gewesen. Außerdem hat er einen Vertrauensbruch begangen, indem er etwas weitererzählt hat, was ich ihm im Vertrauen gesagt habe und über sowas kann man meiner Meinung nach nicht einfach so hinwegsehen.
      ok. In meinem Beitrag hatte ich "Grenzsetzung" von "Rache" unterschieden. Anscheinend zielt diese Antwort in eine ähnliche Richtung.

      Ausgangspunkt der Grenzsetzung und der Rache ist normalerweise, dass wir irgend eine Grenzüberschreitung durch andere wahrnehmen. In diesem Fall hat die andere Person u.a. etwas weitererzählt, was dann als Grenzübertretung bzw. Normverstoß bzw. Vertrauensbruch gewertet wurde.
      Es wird dann ausgesagt: "über sowas kann man meiner Meinung nach nicht einfach so hinwegsehen."

      Einer Opferrolle oder der Einstellung „Wenn dich einer auf die linke Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mt 5,39) muss man nicht notwendig lediglich "Rache" gegenüberstellen. "Grenzsetzung" zielt darauf, dass der andere erkennt, dass eine Grenzverstoßwahrnehmung stattgefunden hat, dass diese kommuniziert werden soll und dass in einem konstruktiven Sinne damit gerechnet wird, dass dieser als "Person" "einsieht", dass er diese Grenze wahrnehmen sollte.
      Hiervon unterscheidet sich die Rache, die auf eine Art "Ausgleich" zielt: derjenige, der sich rächt, möchte mit der "Rachehandlung" seinen Wert, seine eigene Wertschätzung etc. widerherstellen; etwas biopsychologischer formuliert könnte man sagen, dass die Person sich durch die Rache emotional "regulieren" möchte.
      Meines Erachtens anerkennt die "Grenzssetzung" einerseits den anderen als Person, wodurch der Grenzsetzende zugleich als souveräne Person handelt.
      In der Rache wird hingegen weder der andere als Person anerkannt, noch handelt man als souveräne Person - vielmehr findet eine Regression statt.

      Beste Grüße,
      s.
    • Spirit schrieb:

      "Grenzsetzung" zielt darauf, dass der andere erkennt, dass eine Grenzverstoßwahrnehmung stattgefunden hat, dass diese kommuniziert werden soll und dass in einem konstruktiven Sinne damit gerechnet wird, dass dieser als "Person" "einsieht", dass er diese Grenze wahrnehmen sollte.

      Möglicherweise fand die Grenzverletzung durch B statt, weil eine von A gezogene Grenze von B wahrgenommen bzw. eingesehen worden ist. So hat B eventuell die Grenze besonders schmerzhaft übertreten können, weil sich B in As Gelände gut auskennt. Das Ergebnis mag durchaus im Sinne des Grenzverletzers gewesen sein.
      Um nun zu erreichen, dass B künftig die von A gezogene Grenze nicht bloß wahrnimmt, sondern auch wahrt, dürfte Rache von A an B nicht geeignet sein.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — Es lebe der "Karl-Eduard-von-Schnitzler-Preis für herausragenden und vor allem unabhängigen Journalismus" (Claudio Casula).
    • Rachegefühle

      Hi Samstrid! (SCNR :D )

      Naja, Du weisst ja in etwa was nun kommt... :LtD: ...also gar nicht lesen...oder zumindest erst nen starken Kaffee holen...keine Angst ist eigentlich nix Neues dabei...ist gar nicht notwendig...liegt daran dass ihr die Welt nicht versteht und deshalb dem gleichen/ähnlichen Problem Milliarden und Abermilliarden verschiedenster Namen gebt... :D

      ...wir brauchen statt Psychiatrien philosophische Heilanstalten.... :LtD:


      Astrid schrieb:

      ... der RACHE für ein legitimes Gefühl hält,


      Welches Gefühl bitte sollte denn nicht legitim sein? Gefühle sind die Steuersignale des unbewussten Lebens, die wir evolutionär aus dem Tierreich übernommen haben:

      - Gefühle sind das Ergebnis von Kognition! -> Problem: es kann ein Irrtum dabei sein!

      - Gefühle sind also Handlungsanweisungen aus dem Unterbewusstsein, wo u.U. eine extrem komplexe Kognition abgelaufen ist/in Verbindung mit bewusster Kognition

      - soweit also: gegen die Gefühle handeln bedeutete Kognition ignorieren und damit Freiheit (im Sinne der Definition Spinozas) zu verlieren


      Astrid schrieb:

      Ist Rache legitim?


      Ich denke ja, ansonsten werde ich von den Dreidimensionalen gnadenlos ausgenutzt.

      Man muss von Fall zu Fall abwägen. Eine geringfügige Einmaligkeit sollte mit einem nachdrücklichen Hinweis bereinigt sein. o.s.ä.

      Machen wir ein Beispiel wo Rache keinen Sinn macht: Ein Freund schnappt mir die Freundin weg. Als Freund ist er freilich gestorben, Rache dürfte hier keinen Sinn bringen. (es sei denn es geht um Sex als Sport :D )

      Nur sollte meine Gegenhandlung intelligent/angemessen sein und der Bewusstseinsstufe entsprechen! Auch der Ausschluss von Irrtum bei Annahmen welche zu meinem Gefühl führte ist zu prüfen.

      Astrid schrieb:

      Ist es eine Art der "Wertschätzung"?


      Ich denke das ist kompletter Unsinn. Ihm ist nichts Besseres eingefallen, um sein Rachegefühl zu legitimieren.


      mpg Philzer
      Der freie Wille, als Ausdruck der Mythologisierung von Prozessen in vierdimensionalen Erkenntisapparaten, ist der Zuckerguss auf der Alleinstellungsideologie des Pantheismus. Er ist notwendig zur religiösen Selbstüberhöhung des Individuums, das in Wahrheit nichts ist, ohne die Gesellschaft. - Philzer

      Es gibt keine richtige Philosophie in der falschen.

      Dem frei fabulierenden Verstand sind keine Grenzen gesetzt. Wohl aber Motive. - Philzer

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Philzer ()

    • Halllo Leute,

      ich wollte nur weiters berichten dass sich besagte Person B an der dier Denkzettel vollzogen werden sollte, sich tunlichst in den Fängen des Netzes verborgen hält und offenbar dauerhaft damit das Weite gesucht hat. Damit erübrigt sich für meinen Freund das Thema und wird von ihm auch nicht mehr als so dringlich eingestuft. Was wiederrum meine These bekräftigt, dass zwischen einem emotional hochkommenden Rachegedanken und eiskalter Rache doch Welten liegen, die auch bei der Bewertung des Charakters zu beachten sind. Wer "eiskalte Rache" auch nach Jahren des Wartens und Forschens noch ausübt hat mM patologische Züge. Nicht so der Hitzkopf, der vielleicht emotional einfach "natürlich" empfindet, wie es m d formuliert hat.

      LG

      Astrid

      PS: Ich finde wir sollten noch einmal mehr darüber reden, ob es tätsächlich jetzt ein "natürliches Gerechtigkeitsgefühl" ist, Rachegedanken zu haben, ich finde die These davon jedenfalls interessant.

      Ich bin ein Freund der Weisheit,
      aber nicht alle ihrer Freunde
      sind auch meine Freunde.

    • Es geht ums Weiterzählen von "vertraulichen" Mitteilungen, die an weitgehend unbekannte und nicht greifbare Leute gerichtet worden sind?
      Man kann sich freilich einen Knieschuss setzen und dann herumzetern.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — Es lebe der "Karl-Eduard-von-Schnitzler-Preis für herausragenden und vor allem unabhängigen Journalismus" (Claudio Casula).
    • Astrid schrieb:

      PS: Ich finde wir sollten noch einmal mehr darüber reden, ob es tätsächlich jetzt ein "natürliches Gerechtigkeitsgefühl" ist, Rachegedanken zu haben, ich finde die These davon jedenfalls interessant.

      es gibt hier mE zwei verschiedene Varianten der "Wut" zu unterscheiden sowie eine Form des Hasses.

      Die erste Form der "Wut" tritt nach Kränkungen/Verletzungen etc. recht spontan auf und stellt ein "natürliches Rachegefühl" dar. Bei Kindern sieht man dies oft sehr spontan: sie fühlen sich durch etwas verletzt, vielleicht auch einen (unabsichtlichen Schlag) und wollen dann sofort, unmittelbar dadurch, dass sie den anderen schlagen die "Schmerz" zurückgeben und ihm zeigen, wie weh das (subjektiv) getan hat.
      Das ist in der Kindheit eine sehr wichtige Form der Wut - und wenn man so will auch der "Rache".

      Wird diese Form des Ausdrucks stark durch die Eltern unterdrückt, dann kann das Kind nicht lernen, mit diesen Gefühlen aktiv umzugehen und sie zu regulieren, so dass sie sich "anstauen" können.
      Die Achtsamkeitsforschung zeigt anhand empirischer Studien, dass vor allem Menschen, die diese Form der Wut als Kinder nicht zeigen durften, sehr große Probleme haben, zu verzeihen. Dieses Unterdrücken und NIcht-Regulieren der Wut führt dann dazu, dass sich eine Art "Bitterkeit" mit Hassgefühlen entwickelt. Diese Menschen fühlen sich sehr oft als "Opfer", schreiben dann anderen Menschen, die sie als "böse" erleben, die ursache ihrer Schmerzen zu, sie fühlen sich auch oft verfolgt, glauben, dass andere vielleicht neidisch oder eifersüchtig auf sie sind, und sie regen sich immer wieder über die "Unverschämtheiten" und die "Bosartigkeit" der anderen Menschen auf. Diese Menschen kommen quasi dann nicht mehr aus der "Bitterkeit" heraus, fühlen immer wieder Groll, der sich immer wieder zu Hass entwickelt, ohne dass hier wirklich eine beruhigende Emotionsregulation vollziehen könnte.

      Dann gibt es eine zweite Form der "Wut", die ich "aktive, abgrenzende Aktivität" nennen würde. Wenn ein Kind lernt, die erste Form der Wut zu regulieren, dann taucht, nachdem die erste Form der Wut reguliert wurde, nach einer kurzen Zeit noch einmal eine zweite Regung auf, die man vielleicht auch "Gerechtigkeitsgefühl" nennen könnte. Hier geht es nicht mehr um den subjektiv erlebten Schmerz, sondern um sachliche, vorausschauende Grenzsetzung. Diese "Erregung" motiviert dann dazu, anderen eine "Grenze" zu setzen und ihnen klar zu sagen, dass es so nicht geht.
      Meines Erachtens wäre es hier aber verfehlt von "Rache"zu sprechen. Allenfalls kann man hier vielleicht von einem "Denkzettel" sprechen, der durchaus rational motiviert ist - etwa im Sinne einer konstruktiven, sachlichen, berechtigten Frustration/Grenzsetzung des anderen.

      Beste Grüße,
      S.
    • Wut & Rache-Denkzettel

      Hi Spirit!

      Die Trennung in die spontane, emotionale Wut einerseits, und die rationale Vernunft andererseits, find ich sehr gut.

      Könnte man daraus schliessen, dass ein Individuum, welches langanhaltend auf eine Rache sinnt, der Situation vernunftmässig nicht gewachsen ist - kann also keine Vernunftlösung herbeiführen, und deshalb die Emotion nicht bewältigt/abgebaut werden kann?

      mpg Philzer
      Der freie Wille, als Ausdruck der Mythologisierung von Prozessen in vierdimensionalen Erkenntisapparaten, ist der Zuckerguss auf der Alleinstellungsideologie des Pantheismus. Er ist notwendig zur religiösen Selbstüberhöhung des Individuums, das in Wahrheit nichts ist, ohne die Gesellschaft. - Philzer

      Es gibt keine richtige Philosophie in der falschen.

      Dem frei fabulierenden Verstand sind keine Grenzen gesetzt. Wohl aber Motive. - Philzer
    • Philzer schrieb:

      Könnte man daraus schliessen, dass ein Individuum, welches langanhaltend auf eine Rache sinnt, der Situation vernunftmässig nicht gewachsen ist - kann also keine Vernunftlösung herbeiführen, und deshalb die Emotion nicht bewältigt/abgebaut werden kann?

      ja. Ich würde hier allerdings keinen Hiatus verorten.
      Zunächst gibt es ein Rachegefühl aus "Kränkung" heraus, das "destruktiv" auftreten kann. Bewältigt ein Mensch diese Kränkungserfahrung nicht, dann entwickelt sich tendentiell Groll und Verbitterung.
      Man könnte nun sagen, dass die "Vernunft" diesen "gekränkten" Anteil bei der Hand nimmt, ihm vernünftig sowie liebevoll zuspricht: ihm die "Situation", die beteiligten unterschiedlichen Perspektiven sachlich erläutert und das Selbstwertgefühl regeneriert.
      Hierbei kann es dann zu einer zweiten Art von Wut/Emotionswallung kommen, die ich durchaus als produktiv bezeichnen würde, die auf "Abgrenzung" zielt. Dann, wenn "Versöhnung" erst einmal nicht möglich ist, dann kann es produktiv sein, erst einmal "Distanz" zu halten, da die "Versöhnung" lediglich gespielte Harmonie wäre, die dazu zwingt, anhand von Rollen verbliebenen "Groll" zu unterdrücken - was langfristig wieder zu (undurchsichtigen) Problemen führen wird.
      Es kann aber natürlich durchaus sein, dass ein Verzeihen wieder zu einer harmonischen Sphäre führt.
    • Gefühlsaskese durch Vernunft

      Frei nach Nietzsche: Jeder Gedanke erwächst aus einem Affekt.

      Die Vagheit des Vernunftbegriffes lässt auch zu, dass Rache als vernünftig betrachtet wird, nämlich dann, wenn sie eine Grundlage für eine gesellschaftliche Ordnung liefert, d.h. wenn sich Mitglieder ausdrücklich oder stillschweigend mit dem Prinzip Rache abfinden bzw. darauf ihre Gemeinschaft errichten. Das hat den Vorteil, das Gefühlsleben als Wesenszug des Menschen anzuerkennen, anstatt die Gefühle selbst als ungerechtfertigt zu verstehen bzw. auf eine Wesensänderung des Menschen zu setzen oder sie mit einem gemeinschaftlichen Zusammenschluss zu erzwingen.
      Mein Bedürfnis nach Rache wird sicher auch davon beeinflusst, ob der Schuldige in meiner Nähe lebt oder sich mir weitestgehend entzogen hat.
      Und schließlich ist gerade die Rache etwas, das uns zeigt, wir haben es mit Handlungen zu tun, die wir zwar nicht verhindert haben, aber von denen wir schon wissen, dass wir auf sie noch wirken können. Eine Naturkatastrophe wird kaum Rachegefühle hervorrufen, ein Kindsmord oder dergleichen wohl schon.
    • m d schrieb:

      Das hat den Vorteil, das Gefühlsleben als Wesenszug des Menschen anzuerkennen, anstatt die Gefühle selbst als ungerechtfertigt zu verstehen bzw. auf eine Wesensänderung des Menschen zu setzen oder sie mit einem gemeinschaftlichen Zusammenschluss zu erzwingen.

      du denkst hier "Gefühle" und Vernunft "gegeneinander", so dass sich die Frage stellt: entweder Vernunft, die die Gefühle als ungerechtfertigt versteht, oder die Gefühle, die der Vernunft gegenüberstehen.
      In meinem Beitrag zuvor habe ich beispielsweise beschrieben, wie die Vernunft die Gefühle gerade mit anderen Gefühlen annehmen und aussöhnen kann. Es geht hier nicht um ein Unterdrücken, sondern um menschliche "Entwicklung".
      Ein kleines Kind kann Rachgefühle verspüren und aggressiv werden. Ein Erwachsener kann diese nun zensieren und unterdrücken oder er kann ihm helfen, diese zu regulieren aufgrund seiner eigenen "gefühlvollen" Verhaltensweisen.
      Wenn das Kind lernt, mit diesen Gefühlen anhand eigener Gefühle umzugehen, dann nimmt es keinen Gegensatz von Vernunft und Gefühl (Irrationalität) wahr, sondern beide greifen versöhnlich ineinander.
      Das Kind muss dann, erwachsen geworden, nicht mehr so reagieren, wie es als kleines, verletztes Kind reagierte (Regression), sondern es kann durchaus Gefühle leben und zeigen, die die eigene Versöhnlichkeit und emotionale Kompetenz zum Ausdruck bringen.
    • Spirit schrieb:

      m d schrieb:

      Das hat den Vorteil, das Gefühlsleben als Wesenszug des Menschen anzuerkennen, anstatt die Gefühle selbst als ungerechtfertigt zu verstehen bzw. auf eine Wesensänderung des Menschen zu setzen oder sie mit einem gemeinschaftlichen Zusammenschluss zu erzwingen.

      du denkst hier "Gefühle" und Vernunft "gegeneinander", so dass sich die Frage stellt: entweder Vernunft, die die Gefühle als ungerechtfertigt versteht, oder die Gefühle, die der Vernunft gegenüberstehen.
      In meinem Beitrag zuvor habe ich beispielsweise beschrieben, wie die Vernunft die Gefühle gerade mit anderen Gefühlen annehmen und aussöhnen kann. Es geht hier nicht um ein Unterdrücken, sondern um menschliche "Entwicklung".
      Ein kleines Kind kann Rachgefühle verspüren und aggressiv werden. Ein Erwachsener kann diese nun zensieren und unterdrücken oder er kann ihm helfen, diese zu regulieren aufgrund seiner eigenen "gefühlvollen" Verhaltensweisen.
      Wenn das Kind lernt, mit diesen Gefühlen anhand eigener Gefühle umzugehen, dann nimmt es keinen Gegensatz von Vernunft und Gefühl (Irrationalität) wahr, sondern beide greifen versöhnlich ineinander.
      Das Kind muss dann, erwachsen geworden, nicht mehr so reagieren, wie es als kleines, verletztes Kind reagierte (Regression), sondern es kann durchaus Gefühle leben und zeigen, die die eigene Versöhnlichkeit und emotionale Kompetenz zum Ausdruck bringen.


      Ich bin da skeptisch. Wenn du von "Entwicklung" sprichst, dann meinst du ja die Entwicklung dessen, der sonst dem Rachebedürfnis nachgäbe. Aber ich kann die Entwicklung auch beeinflussen, indem ich ein Zeichen setze: dass ich vergelte. Was mich eigentlich hauptsächlich reizt, ist, dass ich skeptisch gegenüber jene Versöhnlichkeit bin. Sie könnte dazu einladen, Menschen einen Weg zu bereiten, der Opfer bringt, aber keine Vergeltung. Rache entsteht doch gewöhnlich bei dem, der sich angegriffen und betroffen fühlt. Warum ich den Fall mit meinen Gefühlen anstatt mit dem Verursacher austragen sollte, sehe ich noch nicht überzeugend begründet.
    • m d schrieb:

      Rache entsteht doch gewöhnlich bei dem, der sich angegriffen und betroffen fühlt. Warum ich den Fall mit meinen Gefühlen anstatt mit dem Verursacher austragen sollte, sehe ich noch nicht überzeugend begründet.

      Wo fehlt dir ein Begründungselement?

      Wenn du die Gefühle mit deinem Verursacher im Sinne der Rache austragen möchtest, dann entspricht dies meines Erachtens lediglich einem kindlich-regressiven, nicht-souveränen agieren, das - von außen gesehen - zu nichts führt, lediglich destruktiv ist. Der gesamte Akt ist lediglich Ausdruck der Ohnmacht, Regression. Verletzheit und Nicht-Souveränität dieses Menschen.
      Wenn du hingegen eine "Grenze" setzt und kommunizierst, dann ist das keine Rache, sondern tendentiell konstruktiv: du handelst als Person und behandelst den anderen als Person und weist ihn kommunikativ zu einer Grenze. Wenn du deine Gefühle so gut regulieren kannst, dass die "Kränkung" erst überhaupt nicht entsteht, dann existiert das Problem überhaupt nicht, da dein Selbstwertgefühl so stabil ist, dass es nicht verletzt ist und den Konflikt nicht nach außen verlagern muss.

      Wenn eine Verletzung/Kränkung entsteht, dann geht es darum, mit dieser Verletzung/Kränkung umzugehen. Indem ein Mensch aggressiv nach außen Rache übt, verstrickt er sich nur immer mehr in Verletzungs- und Kränkungskreisläufe, da jeder stets denkt - wenn man auf diese Weise handelt - dass die eigene Rache "gerechtfertigt" ist. Man handelt quasi wie in einer Kausalschleife aus Unfreiheit, vollkommen durch Affekte determiniert, ohne die Freiheit und Souveränität, aus dieser destruktiven Affektkausalität, aussteigen zu können.

      Man kann dieses Verhalten vielleicht im Sinne einer Kulturevolution interpretieren: so lange die Kulturen noch nicht ein bestimmtes Entwicklungsniveau erreicht haben, bekriegen sie sich immer wieder durch Rache-Handlungen, bis sich innheralb der Kulturen und zwischen den Kulturen ein kommunikatives und emotionales Niveau etabliert, so dass diese in Frieden miteinander leben können. In dieser Phylogenese richtet sich der Mensch (die Ontogenese) quasi in der Kultur vom Kleinkind zum Erwachsenen auf.Wir können dies mE ganz gut bei den "Konflikten" erkennen, die wir bei anderen Ländern täglich beobachten, aber auch einfach, wenn wir dem Familien-Leben und der Kindheitsentwicklung zusehen.

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