(Zu) extreme Studienfixierung?

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    • Nauplios schrieb:

      Außerdem kann gesagt werden, daß die Philosophie bei bestimmten Mitgliedern nicht in guten Händen ist.

      Böswillige Lust an Verdrehungen und Verleumdungen, Zynismus und Provokation, am "Törichten und Geistlosen" ist vielleicht auch eine Leidenschaft. Ob die Philosophie allerdings bei jenen in besseren Händen ist, deren Anliegen dafür anscheinend eher die Pflege persönlicher Animositäten und Empfindlichkeiten ist, oder ob persönliche Attacken und Streitereien unter Mitgliedern weniger töricht und geistlos sind, steht dahin.-

      So, das musste wohl auch einmal gesagt werden ;) .


      ***

      Madame Bovary schrieb:

      Zu fast jedem Thema, über das ich mit jemandem spreche, fällt mir irgendein Zitat oder Gedanke ein, den ich gelesen habe [...]


      Ohne Dich jetzt mit einer bekannten Romanfigur verwechseln zu wollen: zum Thema "Begeisterung" und "Leidenschaft" passt vielleicht aber auch dies (mir fiel es jedenfalls ein):

      An geruhsame Bilder gewöhnt, wandte sie [Emma Bovary] sich ganz dem Gegenteil, dem Erregten und Erregenden zu. Sie liebte das Meer nur um seiner Stürme willen, und das Grün nur dann, wenn es zwischen Ruinen sproß. Mehr empfindsam als künstlerisch geartet, mehr auf Gefühl bedacht als auf Betrachtung, mußte sie den Dingen irgend etwas Persönliches für sich abgewinnen können, und alles, was nicht unmittelbar ihrem Herzen Nahrung gab, verwarf sie als unnütz.
      (aus: G. Flaubert: Madame Bovary, übers. v. Hans Reisiger)

      Bzw. von einer ebenfalls nicht gerade philosophischen, verderblichen Leidenschaft wird ja auch in Flauberts Roman erzählt, dessen Protagonistin u.a. so charakterisiert wird. Anscheinend gibt es mindestens so viele unterschiedliche Leidenschaften, wie es Menschen gibt. Aber philosophische Leidenschaft...? Bzw. was wäre die "Begeisterung für den philosophischen Gedanken" ohne andererseits irgendeine reflexive/kritische/ironische/lebenspraktische/... Möglichkeit zur Distanz?

      Madame Bovary schrieb:

      Mein Philosophielehrer, mit dem ich über diese Probleme gesprochen habe, sagte mir auch eine ähnliche Lösung: Dass man die Philosophie nicht so ernst nehmen soll. "Der Philosophie spotten heißt wahrhaft philosophieren." sagt ja, glaube ich, Pascal.

      Manchmal wird Philosophie allerdings ja auch als ein Spiel oder auch als freies Spiel bezeichnet (sofern das kein Pleonasmus ist). Was sicher nicht heißt, dass man ein Spiel nicht auch ernst nehmen kann. Wo jedoch nur bitterer Ernst vorherrscht, bleibt für das das Spiel wohl kein Raum mehr, und auch extreme Fixierungen sind sicher alles andere als frei.

      Wetz schrieb:

      »Die Auszeichnung des Menschen ist, sowohl mit allem als auch ohne alles leben zu können.« Genaugenommen müsse sogar gesagt werden: »Wer ohne Philosophie nicht leben kann, ist kein Philosoph.«

      Und so gesehen ist Blumenbergs Skepsis gegenüber extremen Fixierungen und übersteigerten Bedürftigkeiten in der Philosophie sicher auch angebracht.
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko

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    • Nauplios schrieb:

      Fliege schrieb:

      Es ist wichtig, Blumenberg nicht wohlmeinend zu interpretieren. Blumenberg selber meint, was er sagt, nicht wohl. Er ist böse, maskiert sich aber gern als einverständigen Versteher. (Hervorh. v. mir)

      Noch nie ist Dümmeres in diesem Forum über Blumenberg geschrieben worden. -

      Zur analytischen Philosophie, welche in den 60er Jahren verstärkt an den Universitäten rezipiert wurde, schreibt Ferdinand Fellmann, Assistent Blumenbergs in Gießen:
      "Auch gegenüber der angelsächsischen Philosophie, die sich zunehmend an deutschen Universitäten etablierte, zeigte Blumenberg eine deutliche Abneigung. Das lag wohl auch darin, dass die nüchterne Ausdruckweise seinem stilistischen Ideal nicht entsprach." - (Hervorh. v. mir) (Quelle)

      Selbstverständlich ist Blumenberg auch zu keinerlei Bösartigkeit fähig, auch wenn er gelegentlich eine bösartige Geschichte (nach-)erzählt :rolleyes:.

      Fliege schrieb:

      Hans Blumenberg, Der Kamikazeheld schrieb:

      [...]
      Es ist gut, daß dieser Bericht Erinnerung ist und den Meister [Heidegger] nicht mehr erreichen kann. Sonst wäre die Pointe, die der Berichterstatter übermittelt, zu bösartig.
      [...]
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).

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    • Falls Blumenberg die extreme Besessenheit mit jener Skepsis betrachtet hat, die Fliege bei ihm sieht, dann kann ich umso weniger nachvollziehen, wie er einen poetischen Charakter in der Philosophie gegen die kalte Analytik verteidigen wollte. Wer die Philosophie nicht mit der Motivation eines heißen Herzens und der Unbestechlichkeit eines kühlen Verstands zu führen beabsichtigt, dem nehme ich die Gegnerschaft zu den Angelsachsen nicht ab.
      "For it is a knell, that summons thee to Heaven - or to Hell!" W. Shakespeare, MacBeth
    • weil Blumenberg eine Prosa schreibt, gegenüber welcher manche philosophische Wissenschaftsprosa so lieblos erscheint wie ihr Inhalt geistlos ist.

      Auch gegenüber der angelsächsischen Philosophie, die sich zunehmend an deutschen Universitäten etablierte, zeigte Blumenberg eine deutliche Abneigung. Das lag wohl auch darin, dass die nüchterne Ausdruckweise seinem stilistischen Ideal nicht entsprach.

      Schimmermatt schrieb:

      Falls Blumenberg die extreme Besessenheit mit jener Skepsis betrachtet hat, die Fliege bei ihm sieht, dann kann ich umso weniger nachvollziehen, wie er einen poetischen Charakter in der Philosophie gegen die kalte Analytik verteidigen wollte.

      Ich kann darin eigentlich keinen Widerspruch erkennen. Die stilistische Abneigung des Metaphorologen Blumenberg richtet sich offenbar gegen eine nüchterne, geist- und "lieblose" "Wissenschaftsprosa" (die - was auch immer genauer darunter zu verstehen ist - allerdings sicher nicht das Markenzeichen der analytischen Philosophie schlechthin ist). Aber ob das den Umkehrschluss zulässt, dass ein "poetischer Charakter" sich durch "extreme Besessenheit" auszeichnet ...?

      "Sie ist eine etwas perverse Natur, eine Frau der falschen Poesie und der falschen Gefühle" - sagt Flaubert über Emma. (Quelle)

      Flauberts Erzähler spricht in Bezug auf Emma Bovary, die auch nicht ohne bestimmte Dinge leben kann (sie verschuldet sich letztlich bis zum Ruin bei einem Händler mit dem bezeichnenden Namen Lheureux), auch von ihrer "Unfähigkeit, etwas zu verstehen, was sie nicht selbst empfand, oder an etwas zu glauben, was nicht auf herkömmliche Weise zutage trat"; und ein Motiv des gesamten Romans ist ja auch das Missverhältnis zwischen einer vermeintlichen Authentizität des Gefühls und der tatsächlich wenig romantischen trivialen, konventionellen Abgedroschenheit und Seichtigkeit, mit der es zum Ausdruck gebracht wird. Ob das "typisch französisch" ist sei hier dahingestellt ;) - entscheidender ist in diesem Zusammenhang vielleicht, dass es offenbar auch so etwas wie "falsche Poesie" geben kann, und dass andererseits vielleicht auch nicht alles, was eher "nüchtern" und prosaisch daherkommt, deswegen gleich unpoetisch sein muss.
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko

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    • "einfach mal so" Spaß zu haben, weil alles reflektiert und metareflektiert wird.
      @M.B. : Dieses Problem kenne ich leider nur zu gut. Nicht weil ich der selben Leidenschaft unterliege wie du, aber einfach weil ich auch Philosophie studiere. Ich glaube leider, dass gehört dazu. Es ist eine Hass-Liebe. Ich sage mir oft, dass ich nicht ncohmal Philosophie studieren würde, einfach aus dem Grund, dass ich nicht mehr still sein kann in meinem Kopf. Alles wird reflektiert, hinterfragt. Jedoch merke ich dann weider die Freude, wenn ich die Seminartitel lese fürs nächste Semester, oder wenn ich meinen Bücherschrank schaue und sehe, was ich schon gelesen habe und was ich noch lesen muss.

      Du musst einfach mit der Zeit lernen, damit zurecht zu kommen und darauf achten, dass dein Alltag nicht zu sehr davon beeinflusst wird. Sonst kannst du sehr unglücklich werden. Du musst lernen Pausen einzulegen und vor Allem musst du mentale Disziplin lernen. Du darfst nicht immer philosophieren. Nachdenken ja, aber nicht philosophieren! Zumindest mir hats geholfen. :)
      War on the Saints.