Kant: "Leben und Werk"

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    • Kant 5: Die Kritik der Urteilskraft IV

      "Wir kommen bei der Betrachtung der lebenden Natur ohne das Prinzip der Zweckmäßigkeit nicht aus. Beim unorganischen Gebilde, zum Beispiel einem Stein, kann ich die Teile ihne das Ganze und vor dem Ganzen denken. Der Stien entsteht durch Zusammenfügung seinr einzelnen Teile. Beim lebenden Wesen aknn ich den Teil nciht ohne das Ganze denken. Der Organismus entsteht niemals durch Zusammenfügen sienr Teile, sondern dieser Teil, dieses Organ, gehört in seiner gnaz bestimmten Gestalt und Funktion zu diesme Organismus, er ist nur ein ihm möglich und verständlich.
      Weiter komme ich, wenn ich zum Vergleich an einen von Menschen absichtlich hervorgebrachten Gegenstand, zum Beispiel ein Kleidungsstück, denke. Hier sind die einzelnen Teile gemäß einem vorgefassten Plan für das Ganze zweckmäßig. Und wenn ich dem Verständnis des lebendne Organismus näher kommen will, so kann ich nicht anders, als auch ihn, in Analogie zu den von menschlicher Intelligenz planmäßig hervorgebrachten Gebilden, als nach einem Plan eingerichtete zweckmäßige Ganzheit vorzustellen. Von der Intelligenz, auf die nach der Analogie auch diese zweckvolle Einrichtung zurückgehen müsste, aknn ich freilich nichts durch Erfahrung wissen. Glecihwohl muss ich sie nach dem Gesichtspuntk der Zweckmäßigkeit, dem Prinzip unserer reflektierendne Urteilskraft, beurteilen, weil ich hier auf eine Grneze stoße, wo die rein mechanische Kausale Erklärung (die die theoretische Vernunft leistet) versagt.
      Natürlich versuchen wir, und das sollen wir auch nach Kant, die kausale Erklärung möglichst weit zu treibne. Die biologische Wissenschaft hat das tiels schon vor Kant, vor allem aber bald nach Kant und seither weiter mit wachsendem Erfolg getan.
      Eine auf die objektive Zweckmäßigkeit der Dinge gerichtete Betrachtungsweise heißt eine teleologische. Den zweitne Teil der Kritik der Urteilskraft bildet deshalb die Kritik der teleologischen Urteilskraft." (Störig, S. 475-476)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 5: Schlusswort zu den drei Kritiken

      "Es ist verlockend, nun den tiefen Gedanken Kants in der Kritik der ästhetisdchen Urteilskraft, seinen Betrachtungen über die Begriffe des Schönen und des Erahbenen, über das Spiel, über das Genie oder über die Eigenart der verschiedenen Künste - welche ein Grundpfeiler aller seitherigen philosophischen Ästhetik geworden sind - im Einzelnen zu folgen, ebenso seinen Gedanken über die lbende Natur. Wir versagen uns das - eingedenk auch der in unserer Einleitung angegebenen Grundfragen -, um nur das Grundsätzliche hervortreten zu lassen und um Platz zu gewinnen für eine kurze zusammenfassende Rückschau auf das Werk der drei Kritiken.
      Denken (Erkennen), Wollen (Handeln) und Beurteilen (gefühlsmäßig und verstandesmäßig) sind die drei 'Wege, in denen unsere menschliche Vernunft zu dem ihr gegebenen Stellung nehmen kann.

      (1) Die Kritik der reinen Vernunft untersucht die Möglichkeit reiner systematischre Erkenntnis und will den Anteil der Vernunft (das Apriorische) an der Erkenntnis ermitteln. Sie findet, dass unser Erkenntnisvermögen zweigeteilt ist in dei Sinnlichkeit (die Fähigkeit sinnlicher Wahrnehmung) als unteres, den Verstand (die Fähigkeit zu denken) als oberes Vermögen. Als den apriorischen Anteil an der Erkenntnis stellt sie fest:
      1. Die apriorischen Formen der Anschauung, Raum und Ziet. Sie fassen die Empfindungen zur Raum-zeitlichen Einheit zusammen.
      2. Die Formen des Verstandes: die Kategorien und die ihnen entsprechenden Urteilsformen. Sie bringt die Anschauung unter Begriffe und verbindet diese zu Urteilen.
      3. Die regulativen Prinzipien der Vernunft (Ideen). Sie haben keien erkenntnismäßige (konstitutive) Funktion, leiten aber den Verstand zur höheren Zusammenfassung und Vereinheitlichung der Erkenntnis.

      (2) Die Kritik der Praktischen Vernunft untersucht die Möglichkeit konsequenten sittlichen Handelns und will den Anteil der Vernunft (das Apriorische) an dessen Prinzipien ermitteln. Sie findet, dass uns wiederum zwei Stufen des Willens (Begehrungsvermögen) gegeben sind: das bloß sinnliche Begehren als unteres Vermögen, die praktische Vernunft als oberes. Als den apriorischen Anteil an den Bestimmungsgründen des Willens stellt sie fest:
      1. Den kategorischen Imperativ, die reine Form eines allgemeinen Gesetzes, als allgemeines und notwendiges Prinzip sittlichen Handelns.
      2. Die praktische Gewissheit, dass es Freiheit des Willens, Unsterblichkeit und eine göttliche, sittliche Weltordnung gibt, an deser Verwirklichung mitzuwirken die unendliche Aufgabe der sittlichen Vernunft ist." (Störin, S. 476-477)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 5: Schlusswort zu den drei Kritiken II

      (3) Die Kritik der Urteilskraft untersucht die Möglichkeit einer (gefühlsmäßigen und verstandesmäßigen) Beurteilung des Naturgeschehens unter dem Gesichtspunkt von Zwecken und woll den Anteil der Vernunft (das Apriorische) an solcher Beurteilung ermitteln.
      Sie findet, dass uns auch hier zwei formen des Vermögens gegeben sind: das sinnliche Gefühl der Lust und Unlust als unteres und die reflektierende Urteilskraft als oberes Vermögen.
      Als den Anteil der Vernunft an solcher Beurteilung stellt sie das apriorische Prinzip der Zweckmäßigkeit fest.
      Wir ahben diese schematische Form der Übersicht gewählt, um den strengen Parallelismus in Aufbau und Gedankenwelt der drei Kritiken hervortreten zu lassen. In allen dreien sucht Kant nach Allgemeinheit und Notwendigkeit, mit anderen Worten, nach Gesetzmäßigkeit in unserer gesamten Geistestätigkeit - welche durch den Empirismus und den ihm folgenden Skeptizismus bedroht war. In allen dreien findet er: Die Welt ist gesetzmäßig - aber: Ihre Gesetze stammen aus uns selbst, wir tragen sie in sie hinein. Will man die Gesetze auffinden, so darf man nicht in der Welt, im menschlichen Geiste muss man suchen! Die Gesetze der Natur stammen aus den apriorischen Formen unseres Erkenntnisvermögens. Die (Möglichkeit der ) Gesetzmäßigkeit im Handeln stammt aus dem apriorischen Prinzip unseres Begehrungsvermögens. Die Möglichkeit, alles nach Zwecken zu beurtielen, stammt aus dem apriorischen Prinzip unserer reflektierenden Urteilskraft." (Störig, S.477-478 )
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 5: Schlusswort zu den drei Kritiken III

      "Einige abschließende Bemerkungen sollen die besondere Bedeutung und Stellung der Urteilskraft beleuchten.
      (1) Nur die Urteilskraft befähigt uns, uns in der Welt als einer einheitlichen zu orientieren. Der richtige Gebraucht der Urteilskraft ist so notwendig und allgemein erforderlich, "dass daher unter dem Namen des gesunden Menschenverstandes kein anderes als eben dieses Vermögen gemeint wird".
      (2) Die Urteilskraft ist das einigende Bindeglied zwischen der theoretischen und der praktischen Vernunft, zwischen den Reichen der Natur und der Freiheit. Sie hilft auf der einen Seite dem Verstand, indem sie ihm zur Möglichkeit systematischer, auf einen Endzweck gerichteter Naturbetrachtung verhilft; sie leistet auch der praktischen Vernunft ihren Dienst, indem sie durch Unterwerfung des Geschehens unter den Gesichtspunkt der Zwecke dem sittlichen und religiösen Glauben an einen sittlichen und vernünftigen Endzweck der Welt zu Hilfe kommt.
      (3) Das Ergebnis der Tätigketi der Urteilskraft ist eine weitere Ausdehnung des Vorranges des Praktischen über das Theoretische im Menschen. Die theoretische Vernunft lehrt uns nur strenge, man könnte sagen, blinde Gesetzmäßigkeit des Geschehens. Die praktische Vernunft befähigt und zwingt uns, trotzdem uns in unserem Handeln so zu verhalten, als ob alles Geschehen auf einen höheren (theoretisch nicht erkennbaren) sittlichen Endzweck eingerichtet sei. Die Urteilskraft ermöglicht uns , auch im Bereich der Erkenntnis das Naturgeschehen so zu beurteilen, wie wir es in unserem praktischen Handeln ohnedies voraussetzen müssen.
      (4) In der Urteilskraft wurzeln Intuition und Genialität. Kant scheidet scharf zwischen bloßem Talent und "großem Kopf" und dem Genie, jener freien und seltenen Gabe der Natur, welche in der glücklichen und unnachahmlichen Vereinigung von Einbildungskraft (Phantasie) und Verstand besteht und durch welche "die Natur der Kunst die Regel gibt".
      (5) Die Urteilskraft schließt damit die Kluft zwischen den zwei Welten der Natur und der Freiheit und gibt uns einen Begriff von der Einheitlichkeit des Menschen als eines vernünftigen Wesens (welche anzunehmen auch ein unaustilgbares Bedürfnis unserer Natur ist).
      (6) Eine Grenze bleibt bestehen. Es muss eingeschärft werden, dass das Prinzip der Urteilskraft auch aus uns selbst stammt. Wir können nicht die Dinge als zweckmäßig erkennen, sondern nur sie einer entsprechenden Beurteilung unterwerfen." (Störig, S.478-479)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant VI: Das nachkritische Werk - Die wichtigsten Schriften

      "Hiermit (mit der Kritik der Urteilskraft) endige ich als mein ganzes kritisches Geschäft. Ich werde ungesäumt zum Doktrinalen schreiten, um, wo möglich, meinem zunehmenden Alter die dazu noch einigermaßen günstige Zeit noch abzugewinnen." Kant betrachtete das "kritische Geschäft" also keineswegs schon als seine gnaze Philosophie, sondern als eine notwendige Vorarbeit - ein Bereinigen des Arbeitsfeldes und Legen eines sicheren Fundamentes -, welcher er freilich, mangels geigneter Vorarbeiten durch andere, die Hauptkraft seines Lebens zu opfern gezwungen war. Die zweite, nicht minder wichtige Aufgabe war nun, auf dem durch die Kritiken gereinigten und gefestigten Grunde das eigentliche Bauwerk aufzuführen, also eine systematische Darstellung alles dessen zu geben, was innerhalb der dort gezogenen Grenzen mit Sicherheit über Welt, Mensch, Gott ausgesagt werden kann. Das ist Kants Ziel in den "nachchritischen" Schriften. Wir wollen die wichtigsten aufzählen, aber nur mit zweien uns näher befassen." (Störig, S.479)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 6: Das nachkritische Werk - 1. Die wichtigsten Schriften II

      "Kants erste Bemühung galt sofort wieder der Religion. Wie kann eine positive Religion aussehen, die sich innerhalb der vorher kritisch bestimmten Grenzen hält? Wir haben die diesbezügliche Schrift schon gewürdigt. Aber auch für das Gebiet des sittlichen Handelns katten die "Grundlegung" und die zweite Kritik gewissermaßen erst den Rahmen hergestellt, innerhalb dessen nur eine positive Sittenelhre ausgeführt werden konnte. Dieses unternimmt die "Metaphysik der Sitten in zwei Teilen". Die Grundlinien seiner Geshcihtsphilosophie hatte Kant schon während seiner Kritischen Arbeit in der "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" aufgezeichnet. Ein Teilproblem aus dem Gesamtbereich der beiden letztgenannten Schriften behandelt Kants philosophischer Entwurf "Zum ewigen Frieden".
      Die Erzeihungslehre schließlich hat Kant nur in Vorlesungen behandelt. Sie wurden später gesammelt herausgegeben." (Störig, S.479)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 6: Das nachkritische Werk - 2. Die Metaphysik der Sitten

      "Denken wir an die in unserer Einleitung genannten drei Fragen Kants, so werden wir durch das bisher Gesagte in Bezug auf die zweite Frage nich unbefriedigt sein. Kant hat zwar in der zweiten Kritik die Möglichkeit sittlichen Handlens und dessen allgemeines Gesetz gezeigt. Wir möchten aber doch wissen, welche Folgerungen sich für das Handeln im einzelnen daraus ergeben.
      Alles menschlcihe Handlen hat zwei Seiten, eien äußerliche, juristische, indem es an bestimmte äußerlich formulierte Gesetze gebunden sein soll, und eine innere, moralische, indem es der selbständigen Willensbildung des Handlenden entspringt. Entsprechend hat die "Metaphysik der Sitten" zwei Teile: "Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre" und "Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre"." (Störig, S.480)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 6: Das nachkritische Werk - Die Rechtslehre

      "Was ist Recht? "diese Frage möchte wohl den Rechtsgelehrten... ebenso in Verlegenheit setzen als die berufene Aufforderung: Was ist Wahrheit? den Logiker." Die Frage zu beantworten, darf man nicht auf das sehen, was hier oder dort zu dieser Zeit oder jender Zeit als Gesetz gegolten hat. Man muss das allgemeine Kriterium suchen, an dem zu messen ist, ob das, was den Menschen als "Recht" gilt, auch recht sei! "Das Recht ist der Inbegriff der Bedingung, unter denen die willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit vereinigt werden kann." Das ist die allgemeine Definition. Wir überschlagen die erste Hälfte der Rechtslehre, in welcher das Privatrecht abgehandelt ist, und wenden uns dem öffentlichen Recht zu.
      Den ersten Teil hiervon bildet das Staatsrecht. Ein Staat ist die Vereinigung einer Menge von Menschen unter Rechtsgesetzen." Kant unterscheidet wie Montesquieu die drei Gewalten im Staate. "Die gesetzgebende Gewalt kann nur dem vereinigten Willen des Vokes zukommen." "Die zur Gesetzgebung vereinigten Glieder... eines Staates heißen Staatsbürger, und die rechtlichen, von ihrem Wesen unabtrennbaren Attribute derselben sind gesetzliche Freiheit, keinem anderen Gesetz zu gehorchen, als zu welchem er seine Bestimmung gegeben hat. - bürgerliche Gleichhiet, keinen Oberen im Volke in Ansehung seiner zu erkennen, als nur einen sochen, den er eben so rechtlich zu verbinden das moralische Vermögen aht, als dieser ihn verbinden kann..."
      Wie ist es, wenn die Verfassung eines Staates den von Kant festgelegten allgemeinen Rechtsgrundsätzen nicht entspricht? Gibt es dann ein Recht zum Widerstand, ein Recht zur Revolution? Nein! "Eine Veränderung der (fehlerhaften) Staatsverfassung, die wohl bisweilen nögig sein mag - kann also nur vom Souverän selbst durch Revormen, aber nicht vom Volk, mithin durch Revolution verrichtet werden..." (Störig, S.480-481)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 6: Das nachkritische Werk - Die Rechtslehre II

      "Doch stand Kant der Französischen Revolution, deren Zeitgenosse er war, mit größter Anteilnahme und Sympathie gegenüber! ja, seine Stellungnahme zu diesem Ereignis hat ihn dem reaktionären Regiment Friedrich Wilhelms II. in nicht geringerem Maße verdächtig gemacht als seine vernunftmäßige Behandlung der Religion. Als Kant durch die Zeitungen den Ausbruch der Revolution und die Ausrufung der Repubklik erfuhr, prach er mit Tränen in den Augen zu seinen Freunden: "Jetzt kann ich sagen wie Simon: Herr, nun lasset du deinen Diener in Frieden fahren, nachdem ich diesne Tag des Heils gesehen." Noch zehn Jahre später, im "Streit der Fakultäten", behandelt Kant unter der Frage "Ob das menschliche Geschlecht im beständigen Fortschreiten zum Besseren sein" die Revolution als "eine Begebenheit unserer Zeit, welche diese moralische Tendenz des Menschengeschlechtes beweist". Die Schrecken und Greuel im Gefolge der Revolution haben seine positive Bewertung nicht umgestoßen: "Die Revolution eines geistreichen Volks, die wir in unseren Tagen haben vor isch gehen sehen, amg gleingen oder scheitern; sie mag mit Elend und Greueltaten dermaßen angefüllt sein, dass ein wohldenkender Mensch sie, wenn er sie, zum zweiten Male unternehmend glücklich auszuführen hoffen könnte, doch das Experiment auf solche Kosten zu machen nie beschließen würde -, die Revolution, sage ich, findet doch in den Gemütern aller Zuschauer (die nicht slebst in diesem Spiel mit verwickelt sind) eine Teilnehmung dem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasmus grenzt und deren Äußerung selbst mit Gefahr verbunden war, die slaso keine andere, als eine moralsiche Anlage im Menschengeschlehct zur Ursache haben kann." (Störig, S.481)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 6: Das nachkritische Werk - Die Rechtslehre III

      "Vom Staatsrecht geht Kant zum Völkerrecht über. Die Elemente des Völkerrechts sind "1. dass Staaten, im äußeren Verhältnis gegeneinander betrachtet (wie gesetzlose Wilde), von Natur in einem nicht-rechtlichen Zustand sind; 2. dass dieser Zustand des Krieges (des Rechts des Stärkeren), wenngleich nicht wirklicher Krieg und immerwährende wirkliche Befehdung (Hostilität) ist, welche (indem sie es beide nicht besser haben wollen), obzwar dadurch keinem von dem anderen Unrecht geschieht, doch an sich selbst im höchsten Grade unrecht ist...; 3. dass ein Völkerbund nach der Idee eines ursprünglcihen gesellschaftlichen Vertrages notwendig ist, sich zwar einader nicht in die eihnheimischen Misshelligkeiten derselben zu mischen, aber doch gegen Angriffe der äußeren zu schützen; 4. dass die Verbidnung doch keine souveräne Gewalt... sondern nur eine Genossenschaft Föderation) enthalten müsse..."
      Kants besonderes Interesse richtet sich auf das Recht des Krieges. Es ist der schwierigste Teil des Völkerrechts, gewissermaßen ein Gesetz in einem an sich gesetzloschen Zustand, und ohne Widerspruch nur in dem Sinne möglich, "den Krieg nach solchen Grundsätzen zu führen, nach welchen es immer noch möglich bleibt, aus jenem Naturzustande der Staaten... herauszugehen und in einen rechtlichen zu treten". Kein Krieg unabhängiger Staaten kann daher ein Strafkrieg sien, noch weniger ein Ausrottungs- oder Unterjochungskrieg." (Störig, S.481-482)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 6: Das nachkritische Werk - Die Rechtslehre IV

      "Die Vernunft gebietet, über jeden Zustand des Krieges hinauszugehen. Die Vernunftidee einer friedlichen Gemeinschaft aller Völker ist nicht eine menschenfreundliche Idee, sondern ein rechtliches Prinzip. Denn es "spricht die moralisch-praktische Vernunft un uns ihr unwiderstehtliches Veto aus: Es soll kein Krieg sein, weder der, welcher zwischen Mit und Dir im Naturzustande, noch zwischen uns als Staaten, die, obzwar innerlich im gesetzlichen, doch äußerlich (im Verhältnis gegeneinander) im gesetzlosen Zustande sind -; denn das ist nicht die Art, wie jedermann sein Recht suchen soll." Es kommt nicht darauf an, ob der ewige Friede ein Ding oder Unding sei, sondern wir müssen so handeln, dass wir unablässig in diese Richtung wirken; schließlich ist die fortdauernde und allgemeine Friedensstiftung der eigentliche Endzweck der Rechtslehre. So erhebt sich über dem Bereicht des Völkerrechts als dritter Teil des öffentlichen Rechts das "Weltbürgerrecht".
      Der Gedanke eines Völkerbundes und ewigen Friedens lag Kantso sehr am Hezren, dass er ihn in dme philosophischen Entwurf "Zum ewigen Frieden" näher ausgeführt aht. Der Entwurf enthält sechs Priliminar- (vorbereitende) und drei Definitiv- (endgültige Artikel, Rechtsgrundsätze für die Begründung eines dauernden Friedesnzustandes, mit Erläuterungen Kants." (Störig, S.482)
      Die Wiedergabe der Präluminar- und Definitivartikel spare ich mir hier.

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 6: Das nachkritische Werk - Die Tugendlehre

      "Der erste Teil der Tugendlehre handelt von den Pflichten des Menschen gegen sich selbst. Ist eine "Pflicht gegen sich selbst" nicht ein Widerspruch in sich selbst? Scheinbar ja. Der Begriff der Pflicht enthält ein Element der Nötigung. Es gehört dazu notwendig ein Subjekt, welches verpflichtet, und ein zweites, welches verpflichtet wird. Da aber der Mensch einerseits Sinnenwesen (reines Naturwesen, mensch als Erscheinung), andererseits mit sittlischer Freiheti begabtes Vernunftwesen (Mensch an sich) ist, so bedeutet Pflicht gegen sich slebst, dass der Mensch als sittlich freier sich selbst als Sinnenwesen das Gesetz gibt.
      Der Mensch hat zunächst solche Pflichten gegen sich als ein rein animalisches (tierisches) Wesen. Diese Pflicht heißt Selbsterhaltung. Selbstmord ist ein Verbrechen, ebenso Selbstverstümmelung (freiwilliges Sich-selbst-Berauben an den eigenen physischen und moralischen Kräften). Dazu gehört auch die Selbstbetäubung durch Unmäßigkeit im Gebrauch der Genuss- und Nahrungsmittel.
      Der Mensch hat weiter Pflichten gegen sich selbst als moralisches Wesen. Sie heißen Wahrhaftigkeit und Selbstachtung. Ihnen entgegengesetzt sind die Laster der Lüge, des Geizes (nicht im Sinne von Habsucht oder Knauserigkeit, sondern als Vernachlässigung seiner selbst unter das Maß des eigenen natürlichen Bedürfnissens) und falsche Demut (Kriecherei).
      Der Mensch hat drittesn Pflichten gegen sich als den angeborenen Richter über sich selber, gegen sein Gewissen.
      Das erste Gebot aber aller Pflichten gegen sich selbst ist: Erkenne dich selbst! "Nicht nach deiner physischen Vollkommenheit..., sondern nach der moralischen in Beziehung auf deine Pflicht - dein Herz -,ob es gut oder böse sein..." - "Das moralische Selbsterkenntnis, das in die schwerer zu ergründenden Tiefen (Abgrund) des Herzens zu dringen verlangt, ost aller menschlichen Weisheit Anfang." Übrigens ist auch die "Religionsfreiheit", die Pflicht zur Erkenntnis unserer Pflicht als göttlischer Gebote - da ja die Idee Gottes aus unserer eigenen Vernunft hervorgeht -, eine Pflicht gegen sich selbst.

      Der zweite Teil der Tugendlehre handlet von den Pflichten gegen andere Menschen.
      Diese sind erstens Pflichten der Liebe. Dazu gehören Wohltätigkeit, Dankbarkeit, Teilnehmung. Ihnen entgegengesetzt sind die Laster des Menschnhasses, die abscheuliche Familie des Neides, der Undankbarkeit und der Schadenfreude." (Störig, S.484-485)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 6: Das nachkritische Werk - Die Tugendlehre II

      "Die Pflichten gegen andere sind zweitens Pflichten der Achtung. Mensch sein ist an sich eine Würde. Denn der Mensch kann von keinem anderen als ein bloßes Mittel, sondern muss jederzeit zugleich als Zweck gebraucth werden. Darin besteht die Würde der Persönlichkeit, die ihn über alle anderen Wesen erhebt. Die Laster, welche die Pflicht der Achtung verletzt, heißen Hochmut, Afterreden (üble Nachrede) und Verhöhnung. Liebe und Achtung sind innigst vereint in der Freundschaft, denn diese ist, in ihrer Vollkommenheit betrachtet, die Vereinigung zweier Menschen in Liebe und Achtung.
      Bloße Beiwerke der Tugend - die an sich bloß einen schönen, tugendähnlichen Schein geben, aber doch nützlich sind, weil sie in uns das Bestreben erwecken, die Wirklichkeit dem schönen Schein möglichst anzunähern - sind die Umgangstugenden der Zugänglichkeit, Gesprächigkeit, Höflichkeit, Gastfreiheit.
      Man sieht, dass die zunächst etwas formal und inhaltsleer erscheinendne Prinzipien der praktischen Vernunft durchaus einer Anwendung auf das Ganze des täglichen Lebens fähig sind. In der Kantschen Darstellung tritt das durch die stets gegebenen praktischen Beispiele und die oft höchst verfänglichen "kasuistischen Fragen" deutlisch hervor.
      Man sieht allerdings auch, dass hier stets nur von Pflichten die Rede ist. Das könnte so verstanden werden, als ob Kant einer finsteren Sittenlehre das Wort reden wolle, die jeder natürlichen und unbefangenen Fröhlichkeit abhold wäre. Dass das nicht ganz so ist, zeigen Kants Schlussbemerkungen über die "ethische Asketik" (Kultur der Tugend). Die Tugendregeln laufen für Kant darauf hinaus, wackeren und fröhlichen Gemüts in Befolgung der Pflichten zu sein. Was man nicht mit Lust, sondern bloß als Frondienst tut, das hat keinen inneren Wert. Deshalb stellt Kant neben den Wahlspruch der Stoiker: Gewöhne dich, die zufälligen Übel zu ertraagen und die ebenso zufälligen Ergötzlichkeiten des Lebens zu entbehren, ausdrücklich das fröhliche Herz des Epikur. Denn wer sollte mehr Ursache haben, frohen Muts zu sein, als der, der seine Pflicht tut? Deshalb wendet sich Kant auch gegen die Mönchsasketik. Selbstkreuzigung und Fleischespeinigung zielen darauf ab, die Schuld, anstatt sie moralsich zu bereuen, büßen zu wollen; auch können sie "den Frohsinn, der die Tugend begleitet, nicht bewirken, vielmehr nciht ohen geheimen Hass gegen das Tugendgebot stattfinden". (Störig, S.485-486)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 6: Das nachkritische Werk - Schlusswort

      "Im Jahre 1798 schrieb Kant in einem Brief: "Das Los... für Geistesarbeiten, bei sonst ziemlichem körperlichem Wohlsein, wei gelähmt zu sein: den völligen Abschluss meiner Rechnung, in Sachen, welch das Ganze der Philosophie (sowohl Zweck als Mittel anlangend) betreffen, vor sich liegen und es noch immer nicht vollendet zu sehen...: ein tantalischer Schmerz, der indessen doch nicht hoffnungslos ist..."
      Kants Hoffnung, sein systematisches Werk zur gleichen Vollendung zu bringen, wie das kritische, erfüllt sich nicht. Sein Plan, wie aus dem nachlass zu ersehen ist, ging auf ein System der Transzendentalphilosophie, also ein System, welches alles umfassen sollte, was über Gott, die Welt und den Menschen (die unvermeidlichen Aufgaben der Metaphysik), von der Vernunftanlage des Menschen aus gesehen (die im wesentlichen ein praktische ist), ausgesagt werden kannn.
      Das Werk, welches das Gebäude krönen sollte, hätte vielleicht den Titel getragen: "Der höchst e Standpunkt der Transzendentalphilosophie im System der Ideen. Gott, die Welt und der seiner Pflicht angemessene Mensch in der Welt." (Störig, S.486-487)
      ---- Ende ----

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 7: Zur Kritik und Würdigung Kants - 1. Einige kritische Gesichtspunkte

      Den folgenden Abschnitt "Zur Kritik und Würdigung Kants" wollte ich erst weglassen. Ich habe mich nun aber doch entschlossen, ihn noch mit reinzunehmen...

      Zur inneren Folgerichtigkeit des Systems

      "Die eine Art von Einwänden, die man gegen ein philosophisches System erheben kann, geht auf mangelnde Folgerichtigkeit.
      Ein solcher Vorwurf ist gegen Kant zunächst erhoben worden in religiöser Hinsicht. Wir geben einige charakteristische Stimmen wieder: "Wie ein Gaukler aus einem leeren Hut, zieht Kant, zur großen Überraschung seiner Leser, aus dem Begriff der Pflicht einen Gott, Unsterblichkeit und Freiheit heraus." - Man ist bei Kant wie auf dem Jahrmarkt. Da ist alles zu haben: Willensunfreiheit und Willensfreiheit... Atheismus und der liebe Gott." - "Kant deckt das Grundlose (der spekulativen Theologie) auf, lässt hingegen die populäre unangetastet und stellt sie sogar in veredelter Gestalt auf, als einen auf moralisches Gefühl gestützden Glauben. Diesen verdrehten später die Philosophaster zu Gottesbewusstsein..., der Gottheit und dgl. mehr; während vielmehr Kant, als er alte ehrwürdige Irrtümer einriss und die Gefährlichkeit der Sache kannte, nur hatte, durch die Moraltheologie, einstweilen ein paar schwache Stützen unterschieben wollen, damit der Einsturz nicht ihn träfe, sondern er Zeit gewönne, sich wegzubegeben."
      Ein Biograph schildert, wie Kant, nachdem er durch die Kritik der reinen Vernunft der Religion den Todesstoß versetzt hat, mit seinem Diener Lampe spazierengeht und bemerkt, dass die Augen des alten Mannes mit Trännen gefüllt sind. "Da erbarmte sich Immanuel Kant und zeigt, dass er nicht bloß ein großer Philosoph , sondern auch ein guter Mensch ist, und halb gutmütig, halb ironisch spricht er: der alte Lampe muss einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sien, sagt die praktische Vernunft - meinetwegen, so mag die praktische Vernunft die Existenz gottes verbürgen."
      Diese Einwände bewegen sich alle in gleicher Richtung. Sie finden eine gewisse Stütze zum Beispiel in einer brieflichen Äußerung Kants gegenüber MosesMendelsohn: "Zwar denke ich vieles mit der allerkläresten Überzeugung und zu meiner großen Zufriedenheit, was ich niemals den Mut haben werde zu sagen; niemals aber werde ich etwas sagen, was ich nicht denke."
      Gleichwohl tut man Kant unrecht, wenn man ihn als einen verkappten Atheosten hinstellt, der nur davor zurückscheut, die letzte Konsequenz auszusprechen. Alle Äußerungen Kants von seiner Jugendzeit bis ins höchste Alter zeugen davon, dass er ein echtes religiöses Bedürfnis hatte. Das gnaze Unternehmen der Kritiken muss man so verstehen, wie Kant selbst gesagt hat: durch Aufheben des Wissens Platz zum Glauben zu schaffen." (Störig, S. 487-488 )
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 7: Zur Kritik und Würdigung Kants - 1. Einige kritische Gesichtspunkte II

      "Ein zweiter Vorwurf geht auf Kants Folgerichtigkeit in politischer Hinsicht, insbesondere darauf, dass Kant zwar die Französische Revolution begrüßte, im Doktrinären aber die Revolution verwarf. Wir haben das im vorigen Abschnitt gegenübergestellt. Der berühmte Jurist Fuerbach (Vater des Philosophen Ludwig F. und Großvater des Malers anselm F. ) erhob diesen Einwand nachdrücklich schon in seinem 1798 erschienenen "Antihobbes".
      Ein dritter Einwand betrifft das Kantsche Ding an sich. Kant wird nicht müde einzuschärfen, erstens, dass das alleinige Ausgangsmaterial aller Erfahrung die sinnlich gegebene Anschauung ist, dass wir alle Dinge nur als Erscheinungen erkennen; zweitens, dass die apriorischen Formen, in denen unsere Sinnlichkeit und unser Verstand dieses Material bearbeiten - Raum, Zeit und Kategorien also -, nur im Bereich der Erscheinungen Gültigkeit haben und außerhalb davon sinnlos sind. Wenn die Sinne uns Empfindungen vermitteln, so muss offenbar außerhalb unserer selbst etwas vorhanden sein, was auf sie einwirkt, was sie affiziert. Mehr können wir allerdings über dieses Etwas nicht ausmachen.Aber "es muss etwas vorhanden sein" - das ist ein Schluss von einer Wirkung (der Empfehlung) auf eine Ursache (das Ding an sich), das ist ein Kausalschluss, die Anwendung einer Kategorie (der Kausalität) also, die nach Kants eigener Lehre nur für Erscheinungen gilt, über den Bereich der Erscheinungen hinaus!
      Das ist ein Einwurf, der schon zu Kants Lebzeiten (von Jacobi und von G.E. Schulze in seinem Buch "Aemesidemus") geltend gemacht wirde. Die (mögliche) Konsequenz, zu sagen: Mit den Empfindungen fängt es an, sie sind das erste, was uns gegeben ist; ob nicht etwas vorhanden ist, was wie hervorruft, darüber weiß ich nichts, und das beeinträchtigt auch nicht meien Fragestellung (so ähnlich übrigens Hume) - hat Kant nicht gezogen. Damit wäre das Bewusstsein ganz in seinen eigenen Kreis eingeschlossen. Das hätte es ihm aber unmöglich gemacht, sein morlaischen und religiösen Überzeugungen, insbesondere auch die Freiheit, unter Berufung auf den "Menschen an sich" (homo noumenon) zu begründen." (Störig, 488-489)
      Gruß Joachim Stilelr Münster
    • Kant 7: Zur Kritik und Würdigung Kants - 1. Einige kritische Gesichtspunkte III

      "In ganz ähnlicher Art ist ein Einwand gegen Kants Begriff der Freiheit begründet worden: Kant selbst hat den (nach ihm "scheinbaren")Widerspruch mit einer Deutlichkeit herausgearbeitet, wie es auch sein schärfster Kritiker nicht besser könnte. Auf der einen Seite der menschliche Wille im lückenlosen Kausalzusammenhang alles Naturgeschehens! Es wäre möglich, wenn wir nur die (nie erreichbare genaueste kenntnis von allen äußeren Einwirkungen und inneren Regungen des Handelnden in seinem ganzen Leben vor der Tat hätten, die Tat selbst so vollkommen kausal zu begründen, ja sie vorherzusagen, wie ein Naturereignis. Auf der anderen Seite die Forderung des Sittengesetzes "Du sollst!" - woraus sich für Kant ein "Du kannst" das heißt Freihet, ergibt. Für Kant löst sich der Widerspruch so, dass in der zweiten Hinsicht eben der Mensch als "Mensch an sich" in Aktion tritt. Wie soll es aber möglich sein, dass aus der übersinnlichen sittlichen Freihiet heraus der Mensch nun fähig sein soll, "eine neue Reihe von Veränderungen (im Naturgeschehen!) von sich aus zu beginnen"? Wie stellt es die Wenunft an, praktisch zu werden? Das ist nach Kant selbst ein Rätsel, das man sowenig weiter erklären kann wie die Existenz des Sittengesetzes selbst. Es gibt ja nach Kant auch keien Möglichkeit, die Freiheit empirisch zu beweisen. Sie ist nur ein aus unserem praktischen Handeln resultierendes Ideal, ein Glaube. Nun gut - hätte man sagen können - die Freiheit ist nicht zu beweisen, aber handel trotzdem auf jeden Fall so, als ob es sie gäbe! Dann wäre es freilich schwierig, aus dieser Art Freiheit, sagen wir im Strafrecht, praktische Konsequenzen zu ziehen. Wohl aus solchen Motiven heraus versucht Kant die Freiheit doch noch etwas mehr sein zu lassen als ein reines Ideal; er sucht sie in einer überempirischen Weltlichkeit, dem Reich der Freiheit, zu verankern.
      Es ist hiermit - und ähnliches gilt für Kants Argumente für Unsterblichkeit und Gott - ähnlich bestellt wie beim Ding an sich; die tiefsten motive für Kants Haltung liegen in seiner unbedingten Moralität.
      Gewichtig ist das gegen Kant gerichtete Argument: Er habe, indem er die Vernunft als Werkzeug des Erkennens fasst, über das Wesen der Vernunft eine (nicht kritisch überprüfte)Vorentscheidung getroffen; und weiter : Kant untersuche dieses Werkzeug des Erkennens im Hinblick auf seine Funktion und Leistung - womit aber? Mit eben dieser Vernunft, die damit die einzige Instanz für die Beurteilung iherer selbst darstellt! Eine Paradoxie, aus der anscheinen kein Weg heruasführt." (Störig, S.489-490)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 7: Zur Kritik und Würdigung Kants - 1. Einige kritische Gesichtspunkte IV

      Zu Kants Methode

      "
      Auch hier wollen wir eine Reihe möglicher Einwände betrachten.
      Man hat gesagt, Kant verfahre zu rationalistisch. Das soll hier nicht heißen, dass er zuwenig empirisch verführe - der Erfahrung gibt er durchaus ihr Recht. Es soll heißen, dass Kant überhaupt alles rational (verstandesmäßig) anlegt und aufbaut und die irrationalen (im weitesten Sinne daher mit "gefühlsmäßig" nur sehr unvollkommen wiederzugeben) Kräfte im Menschen unterschätzt. Gemessen an andern europäischen Philosophen scheint es freilich, dass Kant auch nicht "rationaler" verfährt als sie. Im Gegenteil. kant hat den Bereich des Verstandes außerordentlich eingeschränkt.
      In der gleichen Richtung liegen nun spezielle Einwände, die sich auf Kants Ethik beziehen. Tatsächlcih ist Kants Ethik eine reine Vernunftethik und keine Gefühlsethik. Unsere Gefühle sind nach Kant so verschieden, dass sie keinen allgemeinen und notwendigen Maßstab (den er ja sucht) des Guten und Bösen abgeben könnte. Diese Verbannung aller Geführlsmomente aus der Ethik, die Überspannung des Pflichtgefühls, Kants schroffe Entgegensetzung von Pflicht und neigung (nach der eine Handlung fast nur dann als moralisch erscheint, wenn sie aus Pflicht gegen die Neigung geschieht) meint Kants großer Schüler Friedrich Schiller in seinem Vers:

      "Gewissensskrupel"
      Gerne dient' ich den Freunden, doch tu' isch's leider mit Neigung.
      Und so wurmt es mich oft, das ich nicht tugendhaft bin.

      "Entscheidung"
      Da ist kein anderer Rat. du musst suchen, sie zu verachten.
      Und mit Abscheu alsdann tun, was die Pflicht die gebeut."

      Ein Fragment im "Athenäum", der berühmten, von den Brüdern Schlegel herausgegebenen Zeitschrift der deutschen Romantik, lautet: "Die Pflicht ist Kants ein und alles. Aus Pflicht der Dankbarkeit, behauptet er, müsse mandie Alten verteidigen und schützen, und nur aus Pflicht ist er selbst ein großer Mann geowrden."
      Wie wissen aus der Schlussstelle der Metaphysik der Sitten, dass Kant keine Asketik predigen wollte. Wir dürfen auch nicht meinen, dass er die Rolle, die Gefühle als Motiv menschlichen Handlens spielen, ganz verkannt ahbe. Er wusste wohl, dass die Menschen von Gefühlen sich leiten lassen. Aber er rechnete das alles zur "unteren" Sphäre der bloß sinnlichen Lust- und Unlustgefühle beziehungsweise des "unterens"Begehrungsvermögens; für das konsequente sittliche Handlen wollte er sich auf eine Gefühlsbasis nicht verlassen.
      Ein anderer methodoscher Einwand ist, dass Kant an die Stelle einer psychologischen Methode, welche also Grundelemente, Aufbau und Arbeitsweise unseres Bewusstseins auf empirischem Wege zu bestimmen sucht, seine "transzendentale" methode gesetzt ahbe. Es ist richtig, dass Kant das getan hat. Doch hier müssen wir dagen: Das andere war nicht Kants Frage! Es ist zweierlei, ob ich Bewusstseinsabläufe im Menschen psyhcologisch erforsche ode rob ich ihre formalen Gesetze mit transzendentaler Methode ergründe. Erkenntnistheorie und Psychologie sind nie dasselbe." (Störig, S. 490-491)
      Gruß Jaochim Stiller Münster

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    • Kant 7: Zur Kritik und Würdigung Kants - 1. Einige kritische Gesichtspunkte V

      Von heute gesehen

      "Vomheutigen Stand der Erkenntnis aus liegt ein "Einwand" nahe: Kant untersucht kritisch, welche Fromen in unserem Verstand sind, welche Prinzipien in unserer Vernunft wirkeen. Er fragt nicht, wie sich hineingekommen sien könenn. Er ferfährt nicht genetisch. Dass wir vernunft haben, ist ihm ein nicht weiter erklärbares Rätsel.
      "Einwand" ist oben in Anführung gesetzt, weil es einen Anachronischmusbedeuten würde, wollte man von Kant verlangen, er hätte bedenken müssen, was zu seiner Zeit noch niemand wusste. Der Entwicklungsgedanke und die Evolutionslehre sind Kinder des 19. Jahrhunderts; Darwins Hauptwerk "Die Entstehung der Arten" erschien 1895, etwa gleichzeitig wirkte Herbert Spencer.
      Seitdem liegt die Frage nahe: Ist der Mensch mit fertigen Kategorien im Kopf aus der Hand des Schöpfers gekommen? Ist nciht vielmehr alles, was wir in uns tragen - sowohl das Erkenntnisvermögen wei gerade auch das in der Stimmer des Gewissens verkörperte Sittengesetz - Produkt einer gewaltige Zeiträume umfassenden Entwicklung, die im letzten Teil zu beleuchtende Evolutionäre Erkenntnistheorie - ein KIidn unserer Gegenwart.
      Von heute haus lässt sich gleich die Frage anschließen: Ist vielleicht, was wir Gewissen nennen, als eine Art sozialer Ablagerung aus dem Umgang des Menschen mit seinesgleiche in Staat, Gesellscht, Familie ebenfalls ganz allmählich entstanden?
      Es ist selbstverständlich, dass 200 Jahre nach Kant manches anders aussieht als zu seiner Zeit. Kants Ergebnisse stellen jedenfalls einer genetischen Betrachtung keine unüberwindlichen Hindernisse entgegen; im Gegenteil, er hat ihr eher mit seiner Idee einer allgemeine Naturgeschichte den Weg gebahnt." (Störig, S491-492)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 7: Zur Kritik und Würdigung Kants - 1. Einige kritische Gesichtspunkte VI

      "Zum Schluss noch eine Bemerkung zu der Art und Weise, wie Kant Raum und Zeit sieht. Der Raum als apriorisch gegebene Form unserer Anschauunge ist für Kant so beschaffen, wei er der Geometrie Euklids zugurnde leigt: drie Dimensionen, die rechtwinklich zueinanderstehen, unendlich und ohen Grenzen. Kant folgt heir Isaac Newton. Kant ahnte nicht, dass im 19. Jahrhundert nichteuklidische Geometrien entstehen würden, die in sich widerspruchsfrei sind, und erst recht nicht, dass Poincare und Einstein Anfang unseres Jahrhunderts zeigten: Der reale Raum (in großen Dimensionen betrachtet) ist, soweit er von Masse erfüllt ist, nicht gnaz euklidisch, sondern "gekrümmt". Schwer zu begreifen, das der menschliche Verstand, nachdem ihm in den Jahrmillionen der Evolution der euklidische Raum als Form seiner Anschauung eingeprägt worden ist, schließlich doch den Gedanken an einen nichteuklidischen kosmsichen Raum fassen konnte.
      Anmerkung: Der junge Kant war in Bezug auf den Raum, über den er sich mit Leibnitz auseinandersetzte, noch nicht festgelet. 1747 (mit 27 jahren) meinte er in seiner Dissertation: Es könne ein Zufall sein (kontingent), dass der Raum drei Dimensionen hat; eine Wissenschaft von den möglichen Arten des Raumes sei das größte Unternehmen, das ein endlicher Verstand unternehmen könnte. Wie prophetisch!
      Was die Zeit anlangt, so schloss sich Kant auch hier Newton an, der gelehrt ahtte: "Die wahre, mathematisch Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Anzeichen auf einen äußeren Gegenstand." Auch hierin haben wir seit Einstein und Minkowski umlernen müssen. Zeit kann nicht als unabhängig vom Ruam betrachtet werden, sie bildet mit diesme ein vierdimensionales Kontinuum. Und sie verfließt nicht gleichförmig, ist vielmehr vom Bewegungszustand des Beobachter abhängig." (Störig, S. 492-493)
      Gruß Joachim Stiller Münster