Kant: "Leben und Werk"

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    • Literaturhinweise

      Für den Einstieg in die Philosophie empfehle ich unbedingt die "Kleine Weltgeschichte der Philosophie" von Hans Joachim Störig:

      buch.de/shop/home/suche/;jsess…UCH&suchen=Daten+absenden

      Sämtliche Volltexte zu Kant finden sich u.a. auf Zeno.org:

      zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel

      Gruß Joachim Stiller Münster

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Joachim Stiller ()

    • Leben, Persönlichkeit, Werke

      Ich lasse nun den ersten Abschnitt des Kapitels zu Kant aus dem Werk "Kleine Weltgeschichte der Philosophe" von Hans Joachim Störig folgen (S.439-440):

      "Wir haben die Darstellung nunmehr bis an die Schwelle des Zeitalters herangeführt, in dem die Entfaltung der abendländischen Philosophie im Werk Immanuel Kants einen Höhe- und Wendepunkt erreicht, der von vielen, auch von Gegnern der Kantschen Auffassungen, als "der" Höhepunkt angesehen wird und jedenfalls darin einmalig ist, dass er ausschließlich von der Gedankenarbeit eines einzigen Mannes bewirkt wurde. Im gleichen Jahr 1781, in dem Lessing, der große Dichter der deutschen Aufklärung und zugleich ihr bedeutendster Kritiker, die Augen schloss, erschien Kants erstes Hauptwerk, die "Kritik der reinen Vernunft", mit welchem die europäische Bewegung der Aufklärung zur Vollendung geführt und zugleich auf einer höheren Stufe überwunden wurde.
      Kant wurde geboren am 22. April 1724 in Königsberg (Preußen) als Sohn eines Sattlermeisters. (Der Vater schrieb sich noch Cant, die Familie soll schottischer Herkunft gewesen sein.) Seinem Elternhause, insbesondere seiner Mutter, verdankte er die Berührung mit dem Pietismus, einer religiösen Bewegung, die gegenüber bloßem Buchstabenglauben eine echte gefühlsbetonte Frömmigkeit forderte. Nach siebenjährigem Besuch des Friedericianums in Königsberg, dem er nach seiner eigenen späteren Erklärung für sein eigentliches Arbeits- und Interessengebiet, Naturwissenschaften und Philosophie, kaum etwas verdankt, begann er 1740 an der Universität seiner Vaterstadt zu studieren, zuerst Theologie, die er jedoch bald zugunsten der Philosophie und der Naturwissenschaften aufgab. Neun Jahre lang verdiente er dann sienen Lebensunterhalt als Hauslehrer auf Adeslgütern in der Umgebung von Königsberg und eignete sich in dieser Zeit, außer weltmännischer Gewandtheit, eine gründliche philosophische Bildung an. 1755 promovierte er und ließ sich als Privatdozent an der Universität nieder. Erst fünfzent Jahre später erhielt er die Professur für Logik und Metaphysik, die er bis an sein Lebensende innehatte." (Störig, S.439-440)

      Fortsetzung folgt...

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Leben, Persönlichkeit, Werke - Fortsetzung

      Hier nun die Fortsetzung des Abschnitts "Leben, Persönlichkeit, Werke (Störig, S.440):

      "Über vierzig Jahre lang hat er Vorlesungen gehalten, nicht nur über diese beiden Fächer, sondern auch über mathematische Physik, Geographie und Anthropologie sowie natürliche Theologie, Moral und Naturrecht. Er war ein beliebter und anregender Lehrer. Herder, der in Kants ersten Dozentenjahren in Königsberg studierte, preist Kants Vorzüge als Vortragender in einem Brief, in dem es heißt: "Er in seinen blühenden Jahren hatte die fröhliche Munterkeit eines Jünglings, seine offene, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude, die gedankenreichste Rede floss von seinen Lippen, Scherz und Witz und Laune standen ihm zu Gebote, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang. Er munterte auf und zwang angenehm zum Selbstdenken..." Ebenso anregend wie über philosophische Probleme wusste Kant in seinen geographischen Vorträgen über fremde Länder und Völker zu sprechen, obwohl er nie aus Königsberg und seiner Umgebung herausgekommen ist.
      Überhaupt ist Kants Leben äußerlich an Ereignissen arm und von großer Stetigkeit. Das hängt damit zusammen, dass Kant von Geburt an von schwacher Gesundheit war - er war kelin von Gestalt, schwächlich und etwas verwachsen, indem eine Schulter etwas höher als die andere war - und dass er in Erkenntnis dessen sich die genaue Einhaltung selbstgewählter Regeln zur Erhaltung seiner Gesundheit und eiserne Konzentration auf seine Lebensaufgabe vorgeschrieben hatte. Es gelang ihm dadurch, bei voller Gesundheit ein hohes Alter zu erreichen und seine Lebensarbeit im wesentlichen zu vollenden. Kants Lebensführung und seine Tageseinteilung entsprachen peinlich diesen Grundsätzen. Briefe und Berichte von Zeitgenossen geben ein anschauliches Bild davon. Stets stand er um 5 Uhr auf und begann alsdann zu arbeiten. Von 7 bis 9 Uhr hielt er seine Vorlesungen. Die Hauptarbeitszeit für das eigen Studium, in der auch seine wissenschaftlichen Schriften entstanden, lag von 9 bis 1 Uhr. Zum anschließenden Mittagessen hatte Kant fast immer Gäste, wobei er Männer uas dem praktischen Leben gegenüber Gelehrten bevorzugte. Diese Mahlzeiten dienten völliger Entspannung und dauerten meist mehrere Stunden, die mit Gesprächen über die verschiedensten Themen ausgefüllt waren. Nach einem Spaziergang, der ebenfalls genauester Einteilung und Regelmäßigkeit unterlag, nahm er seine Arbeit wieder auf, und ging Punkt 10 Uhr zu Bett." (Störig, S.440)

      Fortsetzung folgt...

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Leben, Persönlichkeit, Werke - Fortsetzung

      Hier nun die letzte Fortsetzung des Abschnitts zu Leben, Persönlichkeit und Werken aus dem Kapitel Kant (Störig, S.141)

      "Kant hielt das selbstgesetzte Tagesprogramm so genau ein, dass die Königsberger dnach hätten ihre Uhr stellen können. Ein Biograph sagt: "Aufstehen, Kaffeetrinken, Schreiben, Kollegienlesen, Essen, Spaziernegehen, alles hatte seine bestimmte Zeit, und die Nachbarn wussten ganz genau, dasss die Glocke halb vier sei, wenn Immanuel Kant in seinem grauen Leibrock, das spansiche Rührchen in der Hand, aus seiner Haustür trat und nach der kleinen Lindenallee wanderte, die man seintwegen noch jetzt den Philosophengang nennt. Achtmal spazierte er dort auf und ab, in jeder Jahreszeit, und wenn das Wetter trübe war oder die grauen Wolken einen Regen verkündeten, sah man seinen Diener, den alten Lampe, ängstlich besorg hinter ihm drein wandeln mit einem grpßen Regenschirm unter dem Arm, wie ein Bild der Vorsehung."
      Die Ironie in diesen Sätzen Heinrich Heines, ebenso viele Anekdoten über Kants Eigenheiten, beziehen sich auf Kants Altersjahre. Auf der Höhe seines Lebens war Kant ein beliebter Gastgeber, als Gast wegen seiner geistreichen Unterhaltung gern gesehen. Er verkehrte viel mit den zwitweise in Königsberg tonangebenden russischen Offizieren, die größtentiels aus deutschsprachigen Familen stammten.
      Nach dem Erscheinen seiner Hauptwerke erlangte Kant bald und noch zu seinen Lebzeiten Berühmtheit über Deutschlands Grenzen hianus. Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil. Berufungen nach außerhalb lehnte stets ab. Als er am 12. Februar 1804, nachdem seine geistigen Kräfte in den letzten Lebensjahren nachgelassen hatten, die Augen schloss, eilten Menschen aller Städte in seine Wohnung, um den großen Mann noch einmal zu sehen. Stadt, Universität und Bevölkerung bereiteten ihm ein fürstliches Leichenbegräbnis, wie es das stille Königsberg noch nicht gesehen hatte. (...)" (Störig, S.141)

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Leben, Persönlichkeit, Werke - Fortsetzung

      "Zur leichteren Orientierung für den Leser geben wir zunächst eine einfache Aufzählung der wichtigsten Schriften Kants. Die Liste enthält nur diejenigen, auf die in der folgenden Darstellung bezug genommen wird.

      1755 Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprung des ganzen Veltgebäudes, nach Newtonschen Grundätzen abgehandelt.

      1756 Physiche Monadologie

      1766 Träume eines Geistsehers, erläutert durch Träume der Metaphysik

      1770 Dissertation über die Form und die Prinzipien der sinnlichen und der intelligiblen Welt

      1775 Von den verschiedenen Rassen der Menschen

      1781 Kritik der reinen Vernunft

      1784 Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können

      1785 Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

      1788 Kritik der praktischen Vernunft

      1790 Kritik der Urteilskraft

      1793 Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft

      1795 Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf

      1797 Die Metaphysik der Sitten in zwei Teilen

      1798 Der Streit der Fakultäten

      Kant hat seinen 1793 bekanntgemachten Entschluss, eine Gesamtausgabe seiner Schriften selbst herauszugeben, nicht mehr ausgeführt. Erst im 20. Jahrhundert gab die Preußische Akademie der Wissenschaften eine Gesamtausgabe in 18 Bänden heraus." (Störig, S.441-442)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 2: Die vorchritische Periode - A: Zu Kants natürwissenschaftlichen Schriften

      Ich gebe nun Stück für Stück den zweiten Teil des Kantkapitels von Störig (Kleine Weltgeschichte der Philosophie) wieder:

      „Den Zeitabschnitt bis zum Erscheinen der „Kritik der reinen Vernunft“ – oder besser bis zu der Zeit, da ihre Gedanken sich in Kant zu formen begannen – bezeichnet man als die „vorkritische “Periode in Kants Entwicklung. Während der Jahrzehnte vom Erscheinen seiner ersten Schrift (1747) bis zur Dissertation von 1770 war Kant ein fruchtbarer Schriftsteller. Von den Schriften aus dieser Zeit – die Mehrzahl ist in unserer Aufzählung nicht genannt – befassen sich die meisten mit naturwissenschaftlichen Fragen. Kant schrieb über das Feuer, über Vulkane, über physische Geographie, über die Theorie der Winde, über das Erdbeben von Lissabon. Die Grundlage seiner Anschauungen bildet die Physik Newtons, die für ihn immer ein Muster exakter wissenschaftlicher Naturerkenntnis geblieben ist.
      Hervorzuheben ist zunächst die „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“. Kant gibt hier eine Theorie von der Entstehung des Weltgebäudes und der Planetenbewegung. Newton hatte den Einfluss der Gravitation auf die Bewegungen der Himmelskörper erkannt und berechnet. Die Frage der Entstehung des Sonnensystems hatte er offengelassen. Ausdrücklich hatte er erklärt, dass sie einer natürlichen Erklärung nicht zugänglich sei. Die Umlaufbewegung der Himmelskörper ist nach ihm das Resultat zweier Kräfte, der Anziehungskraft, welche auf mechanische Weise zu erklären ist, und einer zweiten, tangential wirkenden Kraft, die verhindert, dass die Planeten, einfach der Schwerkraft folgend, in die Sonne stürzen. Diese letztere Kraft war nach Newton nur so zu erklären, dass der Schöpfer selbst den Körpern diese Bewegung verliehen, sie gewissermaßen in den Raum hinausgeschleudert hatte, bis sie von der Sonne eingefangen wurden." (Störig, S.442-443)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 2: Die vorkritische Periode - A: Fortsetzung

      "Kant stellt die These auf, dass beide Kräfte mechanisch zu erklären seien. Er nimmt einen Anfangszustand an, in dem die Materie in kleinsten Teilchen überall im Raum gleichmäßig verteilt war. Da die kleinsten Teilchen nach ihrer Dichtigkeit und Anziehungskraft verschieden sind, beginne alsbald die Teilchen von größerer spezifischer Dichte und damti anziehungskraft, die kleineren an sich heranzuziehen. Diese Anziehung allein würde bewirken, dass die leichteren Teilchen sich gradlienig auf die schweren zubewegen und sich dort zu Klumpen zusammenballen würden. Sie stoßen aber auf ihrem Wege dorthin auf andere Teilchen, Sie werden abgestoßen und von ihrer Richtung abgelenkt. Es entstehen Seitenbewegungen in andere Richtungen als der der ursprünglichen Anziehung. Aus den zuerst chaotisch durcheinandergehenden Bewegungen stellt isch allmählich ein Gleichgewicht der Bewegung her, bei dem das geringste Maß gegenseitiger Hemmung erreicht wird. Das ist die Kreisbewegung. Ein Teil der kreisförmig umlaufenden Teilchen wird in die Sonne hineingezogen und setzt diese selbst in Umdrehung. Die übrigen Teilchen bilden die Planeten. Diese sind, je näher der Sonne, um so dichter und um so kleiner.
      Kant versuchte mit dieser Hypothese zu zeigen, dass es nicht der Annahme übernatürlicher Kräfte bedarf, um die Entstehung eines harmonischen Weltganzen aus dem anfänglichen Chaos zu erklären, dass diese vielmehr allein aus den Gesetzen der Anziehung und Abstoßung erklärt werden kann. Vor der Frage allerdings, wie die ursprüngliche und Raum erfüllende Materie entstanden ist, versagt auch nach Kant die natürliche Erklärung. Wir müssen einen Schöpfer annehmen, der die Materie geschaffen und sie mit den Kräften begabt hat, die sie befähigen, aus dem Anfangszustand einen geordneten Kosmos zu bilden.
      Einige Jahrzehnte später kam der französische Mathematiker und Astronom Pierre Laplace (1749-1827)unabhängig von Kant zu ganz ähnlichen Vorstellungen. Seither ist diese - hier natürlich vereinfachte - Auffassung von der Weltentstehung als Kant-Laplacsche Theorie bekannt." (S.443-444)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 2: Die vorkritische Periode - A: Fortsetzung

      "Eine zweite Schrift, in der Kant zukunftsweisende naturwissenschaftliche Gedanken entwickelt, ist die "Physische Monadologie". Kant knüpft darin, wie schon der Titel anzeigt, an den Leibnizschen Begriff der Monade an. Er versucht, die kleinsten Teilchen, durch deren Bewegung das Weltgebäude entsteht, ihrem Wesen nach näher zu bestimmen. Er definiert ihr Wesen als "raumerfüllende Kraft". Das also, was das Wesen der Materie ausmacht, ihre Körperlichkeit und Undurchdringlichkeit, ist eine Kraft. Es gibt keinen "Stoff", nur Kraft (Energie)! Dieser Gedanke Kants hat eine geradezu sensationelle Wiederauferstehung erlebt in der Physik der Gegenwart, welche nicht nur in der Theorie animmt, dass "Materie" nur eine besondere Erscheinungsform der Energie ist, sondern mehr als handgreiflich in der praktischen Anwendung bewiesen aht, dass Meterie in Energie übergehen kann und umgekehrt.
      Als drittes der naturwissenschaftlichen Werke wollen wir noch die Schrift über die Rassen nennen. Kant stellt der bloßen klassifizierenden Naturbeschriebung die Idee der Naturgeschichte entgegen. Er spricht dabei Gedanken aus, die ihn als einend er Wegbereiter der im 19. Jahrhundert zu allgemeiner Anerkennung gelangten Idee der Entwicklung erweisen. "Die Naturgeschichte... würde die Veränderung der Erdgestalt, ingleichen die der Erdgeschöpfe (Pflanzzen und Tiere), die sich durch natürliche Wanderungen erlitten haben, und ihre daraus entsprungenen Abartungen von dem Urbilde der Stammgattung lehren. Sie würde vermutlich eine große Menge scheinbar verschiedener Arten und Rassen eben derselben Gattung machen und das jetzt so weitläufige Schulsystem der Naturbeschriebung in ein physisches System für den Verstand verwandeln." (Störig, S.444)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 2: Die vorkritische Periode - B: Die Herausbildung des kritischen Problems

      "Wenden wir uns nun der eigentlichen Philosophie zu! Das philosophische System, das Kant während seines Studiums und des ersten Abschnitts seiner Tätigkeit als das herrschende in Deutschland vorfand, war das Leibniz-Wolffsche. Es war, wenn man es mit kurzen Schlagworten kennzeichnen will, Rationalismus, in der methode dogmatisch. Es ist Rationalismus, das heißt: es ist Vernunftphilosophie, die auf dem Standpunkt steht: Was meine Vernunft über die Welt aussagt, das ist wahr. Es ist möglich, aus den (angeborenen) Grundsätzen der Vernunft heraus ein richtiges Bild der Welt zu entwickeln, und zwar - das ist wichtig - ohne Zuhilfenahme der Erfahrung. Da für den Rationalismus die Erfahrung nicht die Grundlage und auch nicht die Grenze unserers Erkennens ist, besteht für seine Anhänger kein Grund, an der Möglichkeit einer Metaphysik, als einer über jegliche Erfahrung hinausgehende Wissenschaft vom Übersinnlichen, zu zweifeln. Die Rationalisten haben denn auch solche metaphysischen Systeme aufgebaut. Sie verfuhren dabei dogmatisch, das heißt ohne vorherige kritische Prüfung, ob denn die Vernunft tatsächlich imstande sei, von der Erfahrung unabhängige Gewissheit zu liefern. Der Leibniz-Wolffschen Philosophie, in die er schon durch seinen Lehrer, den Wolffianer Knutzen, eingeführt war, hat Kant zunächst bis etwa zum Jahre 1760 angehangen.
      Dann beginnt sich ein Umschwing in seinem Denken abzuzeichnen. Kant wurde aus dem "dogamtischen Schlummer" geweckt und zwar durch den englischen Philosophen des Empirismus, John Locke, sowie durch die skeptischen Konsewuezen, die David Hume in Bezug auf dei Möglichkeit sicheren Wissens aus den Lehren Lockes gezogen ahtte. Locke hatte gesagt: Es ist nichts im Verstande, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen wäre. Das ist konsequenter empirismus. Allein die Erfahrung (die äußere durch die Sinne, die innere durch die selbstbeobachtende Tätigkeit des Bewusstseins) ist Quelle unserer Erkenntnis und auch Grenze. Für einen solchen Empirismus ist Metaphysik, im Sinne einer Wissenschaft vom Übersinnlichen, unmöglich, da eben für das Übersinnliche die Erfahrng keine Grundlage bietet." (Störig, S.445)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 2: Die vorkritische Periode - B: Fortsetzung...

      "Dass Kant an der Berechtigung des Rationalismus und damit an der Möglichkeit einer Metaphysik im alten Sinne zu zweifeln begonnen hatte, zeigen deutlich (unter anderem) die "Träume eines Geistsehers". Kant benutzte die Ausweinandersetzung mit dem schwedischen Theosophen und Geistsehers Emanuel Swedenborg (1688-1772), zu der ihn Freunde aufgefordert hatten, zu einer Abrechnung mit den "Träumereien" der dogmatischen Metaphysik. Von beiden sagt er, dass ihre Annahmen zwar denkmöglich sind, dass sie diese Eigenschaft aber mit manchen Wahngebilden der Verrückten teilen. Er zeigt, wie man - sobald man den sicheren Boden der Erfahrung verlässt - auf streng logische Weise zu den seltsamsten und ausgefallensten Sätzen und Systemen gelangen kann. Wie weit Kant von der dogmatischen Metaphysik abgerückt ist, wird deutlich, wenn er zum Beispiel über die Wolffsche Philosophie sagt: "Wenn wir die Luftbaumeister der mancherlei Gedankenwelten betrachten..., denjenigen etwa, welcher die Ordnung der Dinge, so wie sie von Wolffen aus wenig Bauzeug der Erfahrung, aber mehr erschlichenen Begriffen gezimmert... bewohnet, so werden wir uns bei dem Widerspruche irher Version gedulden, bis diese Herren ausgeträumt haben." Die ganze Schrift ist in ähnlichem satirischem Ton gehalten: "Der scharfsinnige HHudibras hätte uns allein das Rätsel auflösen können; denn nach seiner Meinung: wenn ein hypochondrischer Wind in den Eingeweiden tobt, so kommt es darauf an, welche Richtung er nimmt, geht er abwärts, so wird daraus ein F-, steift er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder eine heilige Eingebung." Aber die Schlüsse, die Kant aus seinen Erörterungen zieht, sond hächst erstaunlich: "Die Metaphysik, in welche ich das Schicksal ahbe, verliebt zu sein, ob ich micht gleich von ihr nur selten eigener Gunstbezeugungen rühmen kann, leistet zweierlei Vorteile. Der erste is, denen Aufgaben ein Genüg ezu tun, die das forschende Gemüt aufwirft, wenn es verborgenen Eigenschaften der Dinge nachspähet. Aber hier täuscht der Ausgang nur gar zu oft die Hoffnung." (So auch hier im Falle Swedenborg, den Kant als "Knadidaten des Hospitals" bezeichnet.) "Der andere Vorteil ist der Natur des menschlichen Verstandes mehr angemessen und besteht darin einzusehen, ob die Augabe aus demjeingen, was man wissen kann, auch bestimmt sei und welches Verhältinis die Frage zu den Erfahrungsbegriffen haben, darauf sich unsere Urteile allezeit stützen müssen. Insoferne ist die Metaphysik eine Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft..." Hier sehen wir, wie Kant von der Metaphysik im alten Sinn andgültig Abschid nimmt - sich nicht ohne Überwindung, da er gesteht, in ise verliebt zu sein - und wie zum ersten Male die neue, die Kantische Bestimmung der Metaphysik ausgesprochen wird: Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft. Kant führt fort: "Ich habe die Grenze hier zwar nicht gneua gestimmt..." (Störig, S.445-447)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 2: Die vorkritische Periode - Fortsezung...

      "Die Grenze zu bestimmen wird fortan Kants Aufgabe. Hie Rationalismus - hie Empirismus! Wer aht recht? Um das zu entscheiden - sagt Kant -, muss ich zuvor etwas tun, was auf wahrhaftkritische Weise noch niemand vor mir unternommen hat: Ich muss die Struktur des gnazen menschlichen Denkapparates untersuchen. Erst wenn ich Klarheit ahbe, wolches die Arbeitsweisen dieses Apparates, die Quellen unserer Erkenntnis, ihr Geltungsgebiet und ihre Grenzen sind, werde ich mit Fug beurteilen können, ob Metaphysik möglich ist und wie sie gegenbenenfalls aussehen kann. Vielleicht wird sich dann ergeben, dass von beiden - Rationalismus und Empirismus - keiner recht hat? Oder beide, aber jeder nur in begrenztem Sinne? "Meine Absicht ist, alle diejenigen, so es wert finden, sich mit Metaphysik zu beschäftigen, zu überzeugen: dass es unumgänglich notwendig sei, ihre Arbeit vorderhand auszusetzen, alles bisher Geschehene als ungeschehen zu betrachten, und vor allen Dingen zuerst die Frage aufzuwerfen: "Ob auch so etwas, als Metaphysik, überall nur möglich sein?"Ist sei Wissenschaft, woe kommt es, dass sie sich nicht, wie andere Wissenschaften, in allgemeinen und dauernden Beifall setzen kann? Ist sie keine, wie geht es zu, dass sie doch... den menschlichen Verstand mit niemals erlöshcenden, abe rnie erfüllten Hoffnungen hinhält?Man mag alsoo entweder über die Natur dieser angemaßten Wissenschaft etwas Sicheres ausgemacht werden; denn mit demselben Fuße kann es mit ihr unmöglich länger bleiben."
      Dass Kant dieser Aufgabe die nächsten fünfzehn Jahre intensivsten Nachdenkens widmete, zeigt erstens die Schwierigkeit der Aufgabe, zweitesn die Gründlichkeit und Geduld, mit der Kant sie bearbeitete, und deutet drittesn weiderum schon darauf hin, dass Kant sich offenbar mit keiner der beiden wiedrstreitenden Richtungen zufriedengeben wollte und konnte. Einen ersten Blick auf die Kantische Lösung der Aufgabe gab die 1770 erschienene Schrift "Über die Formen und Prinzipien der sinnlichen und intelligiblen Welt". Aber es dauerte noch weiter elf Jahre, bis Kant in seinem 57. Lebensjahr die Welt mir der "Kritik der reinen Vernunft" überraschte." (Störig, S.447)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 1. Eigenart, Aufbau, Grundbegriffe

      "Ich erkühne mich zu sagen, dass nicht eine einzige metaphysische Aufgabe sein müsse, die hier nicht aufgelöst oder zu deren Auflösung nicht wenigstens der Schlüssel dargereicht worden."
      Von einem Werk, dass mit solchem Anspruch auftritt, werden wir - nach Kant selbst - die Erfüllung zweier Forderungen verlangen können: unbedingte Gewissheit der Ergebnisse und Deutlichkeit ihrer Darstellung. Das Urteil über das Erstere überlässt Kand der Entscheidung des Lesers und der Nachwelt. Was die Deutlichkeit anbelangt, so sagt Kant, dass er für die Deutlichekit durch Begriffe hinreichend gesorgt habe. Daneben auch Deutlichkeit durch Anschauungen, also durch praktische Beispiele und konkrete Erläuterungen, zu geben war Kantzuerst ebenfalls notwendig erscheinen. "ich sah aber die Größe meiner Aufgabe un die Menge der Gegenstände, womit ich es zu tun haben würde, gar bald ein; und da ich gewahr ward, dass diese ganz allein im trockenen, bloß scholasitschen Vortrage das Werk schon genug ausdehnen würde, so fand ich es unratsam, es durch Beispiele und Erläuterungen, die nur in populärer Absicht notwendig sind, noch mehr anzuschwellen..."
      Kant hat also nur ds Gerüst gegeben. Es darzustellen, hat er immerhin ein recht umfangreiches Buch - in der Erstausgabe der 2. Auflage 884 Seiten - benötigt. Können wir hoffen, den Inhalt auf wenigen Seiten vorzustellen? Das ist völlig unmöglich. Wir können aber versuchen, von folgendem einen ersten Eindruck zu vermitteln: von Eigenart und Aufbau des Werkes, von den drei grundlegenden Fragestellungen, von Kants besonderer Arbeitsmethode, von der Richtung, in die seine Antworten gehen.
      Die Hauptwerke Kants gehören nun einmal nicht nur den inhaltsreichsten, sondern auch den schierigsten der Weltliteratur. Kant war sich der Schwierigkeit wohl bewusst. Er selbst bezeichnet seine "Deduktion der reinen Verstandesbegriffe", das Kernstück der ersten Kritik, als "das Schwerste, das jemals zum Behufe der Metaphysik unternommen werden konnte". Sich gegenüber den Schwierigkeiten eindringender Vernunftkritik einfach auf den sogenannten gemeinen Menschenverstand zu berufen - wie es nämlich eine schottische Philosophenschule, begründet von Thoams Reid (1710-1796), gegen Hume getan hatte - ist "beim Lichte besehen... nichts anderes, als eine Berufung auf das Urteil der Menge; ein Zuklatschen, über das der Philosoph errötet". Dem gemeinen Menschenverstand lässt Kant durchaus sein Recht, aber "Meißel und Schlägel können ganz wohl dazu dienen, ein Stück Zimmerholz zu bearbeiten, aber zum Kupferstechen muss man die Radiernadel benutzen"." (Störig, S.448-449)
      Gruß Joachim Stiller Münsrer
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 1. Eigenart, Aufbau, Grundbegriffe II

      "Dem Leser, der Kant studieren will, darf gesagt werden, zur Vorbereitung zunächst noch eine ausführlichere Einführung zu lese, als sie hier gegeben werden kann, und auch dann noch nicht mit der Lektüre der Kritiken zu beginnen, sondrn zum Einlesen in die Sprache Kants eine der leichteren vorchritischen Schriften zu lesen, zur Einführung in die Gedankenwelt der "Kritik" die "Prolegomena", die von Kant selbst als eine vereinfachte und verkürzte Darstellung der Hauptgedanken der "Kritik der reinen Vernunft" besteht außer Vorrede und Einleitung aus zwei Hauptteilen: der transzendentalen Elementarlehre, die den überwiegenden Teil des Buches ausmacht, und der transzendentalen Methodenlehre. Die Elementnelehre hat wiederum zwei Teile: die transzendentale Ästhetik behandlet das Vermögen der Sinnlichkeit; die transzendentale Logik das Vermögen des Denkens. Die Logik hat auch wieder zwei Teile: die transzendentale Analytik behandelt den Verstand, die transzendentale Dialektik die Vernunft.
      Wir wollen gleich an dieser Stelle versuchen, die heir gebrauchten Begriffe und einige weiter zu erklären. Wir können dabe dem Gedankengang von Kants eigener Einleitung folgen.
      "Kritik" bedeutet hier nicht wie heite "kritisieren", im Sinne von beurteilen , sondern Durchleuchtung, Überprüfung, Grenzbestimmtung.
      Alle Erkenntnis fängt mir der Erfahrung an. Diesen Satz der Empiristen stellt Kant an den Anfang. Wie sollten wir etwas erkennen, wenn nicht Gegenstände an unsere Sinne rühren und unsere Verstandestätigketi in Bewegung bringen? Zeitlich geht Erfahrung jeder Erkenntnis voraus. Aber damit ist nicht gesagt, dass alle Erkenntnis aus der Erfahrung entspringt. Es könnte ja sein, dass das, was wir Erfahrung nennen, selbst schon ein Zusammengesetztes wäre, zusammengesetzt aus den von außen kommenden Eindrücken und etwas, was wir selbst hinzufügen. Eien kritische analyse muss beide Faktoren isolieren. es muss untersucht werden, ob es etwas gibt, das wir vor aller Erfahrung, das heißt a priori (von vornherein) besitzen. Empirische Erkenntnis ist immer a posteriori (im Nachhinein, hinterher - eben aus der Erfahrung) gewonnen. Rein heißt eine Erkenntnis a priori, wenn ihr gar nichts Empirisches beigemischt ist." (Störig, S.449-450)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 1. Eigenart, Aufbau, Grundbegriffe III

      "Worin können wir eine solche reine Erkenntnis von einer empirischen unterscheiden? Es gibt zwei untrügliche Kennzeichen: Notwendigkeit und strenge Allgemeinheit. Erfahrung allein kann nie strenge Notwendigkeit geben. Erfahrung lehrt stets nur (wie nämlich Hume gezeigt hat), dass etwas so oder so beschaffen sit, nicht, dass es notwendig so beschaffen sein müsse. Erfahrung kann ihren Sätzen auch keine strenge Allgemeinheit verleihen. Wir können mit ihr nie über eien relative, vergleichsweise Allgemeinheit hinauskommen, wir können jeweils nur sagen: Soweit wir bisher beobachten konnten, gibt es von dem und dem Satz keine Ausnahme. Tritt also ein Satz mit unbedingter Notwendigketi und strenger Allgemeinheit auf, so muss er apriorischen Ursprungs sein. Das gilt zum Beispiel für den Satz: Jede Veränderung muss eine Ursache haben haben. Hume hatte gezeigt, dass der Satz als notwendiger und allgemeiner nicht aus der Erfahrung stammen kann. Er hatte gefolgert: also ist der Satz nicht notwendig und allgemein, sondern nur ein Produkt der Gewöhnung. Kant schließt: der Satz ist notwendig und allgemein, aber er kann dann eben nicht aus der Erfahrung stammen!
      Grundlegend für alles Weitere ist nun die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen. Urteil ist die logische Verbindung eines Subjekts mir einem Prädikat. Analytisch heißt "auflösend", "zergliedernd". Wenn ich sage: Alle Körper sind ausgedehnt, oder Die Kugel ist rund, so spreche ich im Prädikat nur etwas aus, was schon im Begriff des Subjekts enthalten ist, denn der Begriff "Körper" enthält das Merkmal "ausgedehnt", der Begriff "Kugel" das Merkmal "rund". Das sind analytische Urteile. - Synthetisch heißt "verbindend", "zusammensetzend". Wenn ich sage: Die(se) Kugel ist golden, so füge ich damit dem Begriff "Kugel" etwas hinzu, was in ihm keineswegs schon enthalten ist - denn eine Kugel braucht durchaus nicht golden zu sein. Was ich hier hinzufüge - das Merkmal der gildenen Farbe -, stammt aus der Erfahrung. Wenn ich mich nciht durch Wahrnehmung überzeugt habe, dass die Kugel golden ist, kann ich das Urteil nicht abgeben." (Störig, S.450)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 1. Eigenart, Aufbau, Grundbegriffe IV

      "Das würde bedeuten, dass ich synthetische Urteile nur a posteriori, aus der Erfahrung, bilden könnte. Ein so gebildetes Urteil ist natürlich dann keineswegs allgemein und notwendig. Wie sit es nun aber mit einem allgemeinen Satz, wie etwa: Jede Veränderung hat eine Ursache? Die Erfahrung würde, wie schon gezeigt, mich niemals berechtigen, ihn als allgemein und notwendig aufzustellen. Der Satz ist synthetisch - denn ich kann den Begriff der Veränderung zergliedern so weit ich will, ich finde nur ein Anderswerden in der Zeit, aber kein Moment der notwendigen Verknüpfung mit einer Ursache. Und der Satz ist allgemein und notwendig. Also gibt es doch synthetische Urteile a priori? Ja! antwirtet Kant. Näheres Zusehen zeigt, dass sowohl der gemeine Verstand wie die Wissenschaften solche synthetischen Urteile a priori in Fülle enthalten. Zunächst sind (erstens) die mathematischen Urteile synthetisch. Kant wählt dafür ein gnaz einfaches Beispiel: Der Satz 7 + 5 = 12 ist ein apriorischer, denn er gilt notwendig und ohne Ausnahme. Ist er analytisch? Das heißt: liegt der Begriff "12" schin im Begriff der Summe von sieben und 5? Kant sagt: Nein. Das wird klarer, wenn ich an die Summe größerer Zahlen denke. Ich kann aus der bloßen Vorstellung der Summe von 7654 und 3647 niemals das richtige Ergebnis gewinnen, solange ich nicht die Anschauung zu Hilfe nehme, als rechne, und das heißt zähle. Sehr merkwürdig ist dabei, dass der Satz nicht ohne Hilfe der Anschauung zustand ekommt, trotzdem aber a priori, das heißt unabhängig von aller Erfahrung sein soll. Möglich wäre das nur, wenn es so etwas wie eine reine , erfahrungsreie Anschauung geben würde. - Ähnliches gilt für andere Sätze der reinen Mathematik. Auch (zweitens) die Naturwissenschaften enthalten synthetische Sätze a priori. Auch (dritttens) die Metaphysik sollte zum Mindesten, da sie ja Erkenntnsi über die Erfahrung hinaus geben will, aus solchen Sätzen bestehen. Damit stehen wir vor der Hauptfrage der Kritik der reinen Vernunft: Wie sind synthetische Sätze a priori möglich?" (Störig, S.450-451)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 1. Eigenart, Aufbau, Grundbegriffe V

      "Sie schließt, da Mathematik, Naturwissenschaften und Metaphysik solche Sätze enthalten, die Unterfrage ein:
      - Wie ist reine Mathematik möglcih?
      - Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?
      - Wie sit Metaphysik - jedenfalls wenn sie Wissenschaft heißen will - möglich?
      Diese Fragen zu beantworten ist Aufgabe der der besonderen Wissenschaft, die Kant nurn "Kritik der reinen Vernunft" nennt. Reine Vernunft ist eben diejenige, welche die Prinzipien, etwa a priori zu erkennen, in sich enthält. Kritik nennt Kant sein Buch, weil es nicht ein vollständiges System dr reinen Vernunft bieten soll, sondern bloß eine kritische Beurteilung der reinen Vernunft, ihrer Quellen und Grenzen. Soviel zur Problemstellung und zum Titel des Werkes. Um die oben angeführte Gliederung zu verstehen, müssen wie uns noch den Sinn der dort verwendeten Begriffe vergegenwärtigen. Transzendental nennt Kant "alle Erkenntnsi, die sich nciht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, sofern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt". Transzendental-Philosophie ist also ein System aller Prinzipien der reinen Vernunft. Transzendental (nicht zu verwechseln mit dem schillernden Begriff "transzendent") bedeutet aber nicht etwas "jenseits der Erfahrung", "über alles Erfahrbare hinausreichend", sondern "jeglicher Erfahrung vorausgehend, sie erst ermöglichend".
      Die Einteilung in Ästhetik und Logik beruht einfach darauf, dass es zwei Quellen der menschlichen Erkenntnis gibt: die sinnliche Wahrnehmung und den Verstand. Beide sind daraufhin zu untersuchen, inwieweit sie Elemente a priori in sich enthalten, und zwar die Sinnlichkeit, durch die uns die Gegenstände gegeben werden, vor dem Verstand, durch den sie gedacht erden. Ästhetik nennt Kant dne Teil, der die Sinnlichkeit betrifft, nach dem ursprünglichen Sinn dieses Wortes, welcher nicht wie heute gebräuchlich "Lehre vom Schönen" ist, sondern "Lehre von den sinnlichen Ermpfindungen". (Störig, S.451-452)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 2. Die transzendentale Ästhetik

      Ich lasse nun zunächst den zweiten Abschnitt aus dem dritten Teil des Kant-Kapitels aus dem Werk „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig folgen:

      "Dieser Titel (Transzendentale Ästhetik) bedeutet also: Transzendentale Untersuchung des Vermögens der Sinneserkenntnis. Sinnlichkeit ist das in uns liegende Vermögen, von etwas, das von außen auf uns einwirkt, beeindruckt (affiziert) zu werden. Die Sinne, und nur sie allein, liefern uns Anschauungen, das heißt unmittelbare Vorstellungen einzelner Gegenstände. Auf den ersten Blick scheint eine solche Einzelvorstellung, sagen wir einer Rose, das nicht weiter analysierbare Letzte zu sein, auf das wir bei der Zergliederung unseres Erkenntnisprozesses stoßen können. Kritische Untersuchung zeigt, dass das keinesfalls so ist, dass vielmehr an ihrem Zustandekommen schon zweierlei beteiligt ist: Wir haben verschiedene Sinne. Der Geruchssinn vermittelt in unserem Beispiel einen bestimmten Duft, Gesicht und Tastsinn eine bestimmte Form und Farbe des Gegenstandes. Die Sinne liefern uns nur Empfindungen, die als solche gewissermaßen nur den Rohstoff, die Materie, abgeben zur Vorstellung "Rose". Es ist noch etwas in uns, das die Empfindungen erst ordnet, und zwar in ganz bestimmter Weise ordnet: in eine räumliche und zeitliche Einheit. Die Einzelvorstellung ist also nicht bloß Stoff, sondern bereits geformter Stoff. Dasjenige in uns, was diese Ordnung bewirkt, kann nicht selbst wieder aus der Empfindung stammen.“ (Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S.452-453)

      Der Raum

      „Von allem Empirischen kann ich, wenn ich will, absehen (abstrahieren). Ich kann von der Rose je nachdem ihren Geruch, ihre Farbe oder anderes wegdenken. Von einem aber kann ich nicht absehen, ohne die Vorstellung selbst zunichte zu machen: von der Ausgedehntheit im Raum. Die Raumvorstellung ist a priori. Raum ist demnach nichts anderes als die Form, in der uns alle Erscheinungen der äußeren Sinne gegeben werden. Er haftet nicht an den Gegenständen selbst. Wir sind es, die die Raumvorstellung an die "Dinge" herantragen. Der Sinnesapparat des Menschen ist so organisiert, dass alles, was wir überhaupt wahrnehmen, uns in der Form des Nebeneinanders im Raum erscheinen muss. Erscheinen! Wenn die Sinne Empfindungen liefern, so muss allerdings wohl etwas vorhanden sein, das von außen auf sie einwirkt. Mehr lässt sich aber über dieses äußere Etwas gar nicht sagen. Die Schranke, die mir dadurch gezogen ist, dass dieses Äußere mir immer nur in der Form "erscheint", wie sie mir meine Sinne zuleiten, kann ich niemals überspringen, Von dem, was hinter der Erscheinung steht, vom ding an sich (Noumenon nennt es Kant auch) kann ich nichts wissen.
      Mit dieser Einschränkung jedoch - das heißt die Dinge als Erscheinung für uns genommen, und anders sind sie uns nie zugänglich - ist die Raumvorstellung im strengsten Sinne allgemein und notwendig. Alle Menschen haben die gleiche Struktur der Sinnlichkeit; alle Menschen (wie es bei anderen Lebewesen ist, wissen wir nicht) kann, was immer ihnen erscheint, nur in der Form des Raumes erscheinen. In diesem Sinne kann Kant sagen: "Der Raum hat empirische Realität", das heißt, er hat objektive Gültigkeit für alles, was uns jemals als äußerer Gegenstand erscheinen kann. Ob die Dinge an sich im Raume sind - wir können es nicht wissen. Deshalb kann Kant fortfahren - ohne dass es einen Widerspruch zum Vorherigen bedeutet - "Der Raum hat transzendentale Idealität", das heißt, der Raum ist ein Nichts, sobald wie die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrungen weglassen. Der Raum ist mithin die reine apriorische Anschauungsform unseres äußeren Sinnes.“ (Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S.453)


      Die Zeit

      "Wie der Raum ist uns auch die Zeit a priori gegeben. Die Zeit ist die reine Form unseres inneren Sinnes, des Anschauens unserer selbst und unserer inneren Zustände. Wir beobachten in uns die verschiedenartigen Gemütszustände - Gefühle, Willensregungen, Vorstellungen. So verschieden sie aber untereinander sind, eines haben sie alle gemeinsam: Sie verlaufen in der Zeit. Die Zeit stammt nicht aus einem von ihnen, sondern sie ist die Bedingung, ohne die wir überhaupt keine Erfahrung von ihnen haben könnten. Die Zeit ist allgemein und notwendig, sie ist die a priori gegebene Form unserer inneren Anschauung.
      Nun ist aber auch alles Äußere uns nur in der Form von Vorstellungen in uns gegeben. Und da die Zeit die notwendige Form unseres Vorstellens ist, ist sie damit nicht nur Form inneren Anschauung (so wie der Raum die Form der äußeren), sonder unserer Anschauung schlechthin. "Alle Erscheinungen überhaupt... sind in der Zeit und stehen notwendiger Weise in Verhältnissen der Zeit."
      Auch die Zeit hat empirische Realität, das heißt absolute Gültigkeit für alle Dinge als Erscheinungen (äußere und innere), und sie hat transzendentale Idealität, das heißt, den Dingen an sich kommt sie nicht zu." (Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S.454)


      Die Möglichkeit der Mathematik

      "Darauf, dass Raum und Zeit als apriorische Formen in uns selbst liegen, beruht die Möglichkeit der Mathematik. Denn die Mathematik hat es nur mit Raum- und Zeitbestimmungen zu tun.
      Die Geometrie behandelt räumliche Verhältnisse. Sie lehrt zum Beispiel, dass die gerade Linie die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten sei. Das ist ein synthetischer Satz, denn die Zergliederung des Begriffs der Geraden ergibt nur eben diese Qualität und nichts von Größe. Ich muss die Anschauung zu Hilfe nehmen. Aber ich brauche nicht auf die Erfahrung zu warten! Denn ich habe ja von vornherein - a priori - die Raumvorstellung in mir. Sie ermöglicht mir, dieses synthetische Urteil a priori zu bilden. Und wie ich hat jeder andere Mensch die gleiche Form räumlicher Anschauung in sich. Darauf beruht die Allgemeinheit und Notwendigkeit, die die Sätze der Geometrie auszeichnen.
      Die Arithmetik rechnet. Alles Rechnen ist aber im Grunde Zählen, das heißt, es beruht auf Aufeinanderfolge in der Zeit. Da ich die Zeit als reine Form der Sinnlichkeit in mir selbst habe, und ebenso alle Menschen, kann auch die Arithmetik ohne Zuhilfenahme der Erfahrung rein auf Grund der inneren Zeitanschauung Sätze von allgemeiner und notwendiger Geltung aufstellen.
      Die erste Frage der Kritik: Wie ist reine Mathematik möglich? ist damit beantwortet." (Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S.454-455)

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 3. Die transzendentale Analytik

      Und nun ein etwas längerer Abschnitt aus dem Werk „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig zur transzendentalen Analytik, S.455-458 :(

      Das Problem

      „Wie kommt Erkenntnis zustande? Es ist nichts im Verstand – hatte Locke gesagt – , was nicht vorher in den Sinnen war. Richtig – hatte Leibniz hinzugefügt – ,ausgenommen den Verstand selbst! Das bezeichnet mit einem kurzen Schlagwort auch die Antwort Kants auf diese Frage, de-ren Darlegung im Einzelnen nun das längste und schwierigste Stück der Kritik der reinen Ver-nunft bildet.
      Es wurde schon zu Anfang gesagt, dass alles Denken, alle Begriffe sich nur auf die Gegenstände beziehen können, die uns durch die Anschauung gegeben werden. Begriffe ohne Anschauung sind leer. Von den beiden „Stämmen“ unseres Erkenntnisvermögens ist also der Verstand, wenn er nicht im luftleeren Raum umhertappen soll, immer auf die Sinnlichkeit angewiesen, die ihm das anschauliche Material liefert. Aber die Sinnlichkeit ist genauso sehr auf den Verstand ange-wiesen. Die Sinnlichkeit liefert uns Anschauungen, das heißt Empfindungen, die nach den aprio-rischen Formen der Sinnlichkeit, Raum und Zeit, gleichsam vorgeordnet sind. Bloße Anschauung wäre uns ohne den Verstand „unverständlich“. Anschauungen ohne Begriff sind blind.
      Sinnlichkeit und Verstand wirken also bei der Erkenntnis zusammen. Wie schon innerhalb der Sinnlichkeit deren apriorische Formen die Empfindungen ordnen, so formt jetzt der Verstand den Rohstoff, den die Sinnlichkeit – als Ganzes genommen – liefert, weiter, er erhebt ihn zu Begrif-fen und verbindet die Begriffe zu Urteilen.
      Diese letztere – die verknüpfende Tätigkeit des Verstandes ist bekanntlich der Gegenstand der Logik, deren wir bei ihrem Begründer Aristoteles ausführlicher gedacht haben. Diese allgemeine Logik war seit Aristoteles’ Zeiten nicht wesentlich verändert worden. Auch Kant lässt sie im We-sentlichen bestehen. Aber was Kant am Herzen liegt, ist zunächst gar nicht die Frage der allge-meinen Logik: Wie muss ich Begriffe verbinden, damit ich zu richtigen Urteilen, Schlüssen du so weiter gelange? – sondern Kants Frage ist: Wie kommt unser Verstand überhaupt zu Begriffen? Wie geht es zu, dass unser Verstand Begriffe bilden kann, die sich auf einen bestimmten Gegens-tand beziehen und mit ihm übereinstimmen (denn das ist der Sinn von „Erkenntnis“)? Das ist das Thema der von Kant begründeten transzendentalen Logik.

      Die Kategorien

      Die Frage zu untersuchen, bietet sich zunächst folgendes, gewissermaßen experimentelles Ver-fahren an. Von der Annahme ausgehend, dass am Zustandekommen jedes Begriffs außer dem durch Anschauung gelieferten empirischen Element noch die formale Tätigkeit des Verstandes beteiligt ist, könnte man beliebige Begriffe vornehmen und in ihnen jeweils die beiden Elemente zu isolieren versuchen. Dieses Verfahren hätte einen großen Nachteil. Wir würden nicht zu einer vollständigen und systematischen Übersicht über die ursprünglichen verknüpfenden Verstandes-handlungen, die „reinen Verstandesbegriffe“, kommen. Wir würden weder wissen, ob die gefun-denen Begriffe wirklich ursprünglich, nicht weiter zurückführbar sind, noch sicher sein, ob wir vielleicht, dank unglücklicher Auswahl der Untersuchungsobjekte, wesentliche übersehen haben.
      Ein anderer Weg ist besser. Für die Begriffe verknüpfende Tätigkeit des Verstandes hat bereits die Logik seit Aristoteles die Grundformen aufgefunden. Jede Begrifflichkeit ist aber ein Urtei-len. Denn Urteilen heißt schließlich, Inhalte oder Merkmale verknüpfen, und das tun wir auch, wenn wir Begriffe bilden. Es müssten also, wenn Einheit in unserem Denken waltet, die Formen der Begriffsbildung denen der Urteilsbildung entsprechen.

      Die Tafel der Urteilsformen umfasst vier mögliche Gesichtspunkte, nach denen Begriffe in Be-ziehung gesetzt werden können, und jeder Gesichtspunkt umfasst drei Urteilsformen:

      1. Quantität
      (Umfang der Gültigkeit des Urteils)
      allgemeine
      besondere
      einzelne

      2. Qualität
      (Gültigkeit oder Ungültigkeit der Beziehung)
      bejahende
      verneinende
      unendliche

      3. Relation
      (Art der Beziehung)
      kategorische (unbedingte)
      hypothetische (bedingte)
      disjunktive (ausschließende)

      4. Modalität
      (Art der Gültigkeit der Beziehung)
      problematische (vermutende)
      assertorische (behauptende)
      apodiktische (notwendige)


      Für jede der zwölf Formen ein Beispiel:

      Allgemeines Urteil: Alle Menschen sind sterblich.
      Besonderes Urteil: Einige Sterne sind Planeten.
      Einzelurteile: Kant ist ein Philosoph.
      Bejahendes Urteil: Diese Rose ist rot.
      Verneinendes Urteil: Jene Rose ist nicht ort.
      Unendliches Urteil: Diese Rose ist nicht duftend (was immer sie sonst sei, dafür bleiben unend-lich viele Möglichkeiten offen, daher unendliches Urteil).
      Unbedingtes Urteil: Dieses Dreieck hat einen rechten Winkel.
      Bedingtes Urteil: Wenn ein Dreieck einen rechten Winkel hat, sind die beiden anderen spitz.
      Ausschließendes Urteil: Ein Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig oder stumpf-winklig.
      Vermutendes Urteil: Diese Rose kann heute aufblühen.
      Behauptendes Urteil: Diese Rose wird heute aufblühen
      Notwendiges Urteil: Diese rose muss heute aufblühen.
      Gruß Joachim Stiller Münster