Das Gefühl der "Reue"

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    • Das Gefühl der "Reue"

      Hallo,

      wir verstehen das Gefühl "Reue" als ein Gefühl des Bedauerns über eigenes fehlerhaftes, unrechtes Tun, das in uns eine Volition der Besserung generiert.

      Unterscheidet sich dieses Gefühl der "Reue" von einem bloßen "schlechten Gewissen"? Sagt uns das Gefühl der Reue etwas über eine universale Moral der Menschheit? Oder ist "Reue" doch nur ein in das menschliche Gehirn verlagerte Selbstbewachungsprogramm, mit dem Gesellschaften Menschen "steuern"?

      Beste Grüße,
      S.
    • Nach meinem Sprachgebrauch bezieht sich 'Reue' auf etwas Konkretes und Vergangenes, ('ich bereue X'), wohingegen ein schlechtes Gewissen unbestimmter sein kann, (z.B.: 'mir geht es gut und anderen geht es schlecht. Dabei fühle ich mich unwohl, vielleicht könnte ich mehr tun für andere, vielleicht habe ich die Verpflichtung dazu, wiewohl ich nicht konkret weiß, was').

      Mit 'Reue' verbinde ich den Vorsatz, das jeweils Bereute in Zukunft zu unterlassen / zu vermeiden, mit einem schlechtes Gewissen verbinde ich diesen Vorsatz nicht unbedingt.

      Allerdings kann man natürlich auch sagen: 'ich habe ein schlechtes Gewissen, X getan / nicht verhindert zu haben'. In dem Falle würde ich 'schlechtes Gewissen' und 'Reue' als synonym ansehen.

      Spirit wrote:

      Sagt uns das Gefühl der Reue etwas über eine universale Moral der Menschheit? Oder ist "Reue" doch nur ein in das menschliche Gehirn verlagerte Selbstbewachungsprogramm, mit dem Gesellschaften Menschen "steuern"?

      Das sind mE zwei unterschiedliche Fragen, die nicht viel miteinander zu tun haben. Die erste ist eine empirische Frage, die zweite ist die Frage danach, wie Moral entsteht.

      Bei der erste Frage möchte ich vorläufig mal nur spekulieren, dass es hier durchaus Unterschiede in unterschiedlichen Kulturen gibt, (siehe: Scham- und Schuldkultur).

      Zur zweite Frage erst mal nur soviel: ich denke, es gibt hier einen wechselseitigen / rückgekoppelten Prozess - zumindest in einer 'freien' Gesellschaft.
    • Hallo Spirit,

      ich sehe das ähnlich wie Herr K, Reue bezieht sich auf etwas abgeschlossenes, bei dem es kein Zurück mehr gibt, während sich das sogn. "schlechte Gewissen" durchaus auf gegenwärtige Situationen, in denen man noch drinnen steckt, bezieht.

      Einen weiteren Gegensatz Reue - schlechtes Gewissen würde ich auch darin sehen, dass man auch das Ende den Abschied von etwas bereuen kann, von dem man nachweislich weiß, dass die Entscheidung es zu beenden letztendlich die richtige war. ZB Abbruch einer Beziehung. Dennoch kann es einem leid tun, damit auch eben die schönen Zeiten und Gefühle damit über Bord geworfen zu haben.

      Eine weitere Verwandschaft der Reue sehe ich zur Emotion der "Wehmut", das heißt für mich, Reue ist im wesentlichen ein Gefühl an dem man leidet wenn man es hat. Es ist somit also eher ein lebensfreudehemmendes Gefühl, ähnlich auch wie Schuld und Scham.

      Gehört die Reue nun in den Bereich der Schuldgefühle? Eigentlich meiner Meinung nach ja, denn das Wesen der Reuhe ist es ja, dass man selbst etwas getan hat, was man bereuht, auch wenn es noch so notwendig gewesen sein mag.

      Man kann aber natürlich auch Dinge bereuen, die sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt als vergangene Fehler präsentieren. Das gibt es auch. In jedem Fall aber ist das Bereute schon vergangen und es lässt sich unmittelbar nichts mehr daran ändern.

      Nicht unerwähnt lassen will ich hier auch den Begriff der "Buße", die ja Reue vorraussetzt aber im Gegensatz zu meinen Überlegungen der Meinung ist, dass es auch bei der Reue eine tätige Wiedergutmachung geben kann. In der Katholischen Kirche wird die leid erzeugende Reue im besten Fall durch eine Absolution von seiten des Pfarrers beseitigt. Aber darauf näher einzugehen wäre wahrscheinlich schon wieder ein eigenes Thema. Ich persönlich glaube nicht an die von der Kirche geforderte Wiedergutmachungsstrategie an dem Gegenstand der Reue. Das mag in ganz speziellen Einzelfällen vielleicht möglich sein, ich wehre mich jedoch dagegen von einer generellen WiedergutmachungsPFLICHT auszugehen.

      LG
      Samantha

      Ich bin ein Freund der Weisheit,
      aber nicht alle ihrer Freunde
      sind auch meine Freunde.

    • Der Bereuende mag am auslösenden Moment nichts mehr ändern können, die Reue soll aber anderen demonstrieren, dass man einen Fehler eingesehen hat und in einer vergleichbaren Situation künftig anders entscheiden würde. Bei Gericht sinkt evtl. das Strafmaß, wenn der Beklagte "aufrichtig" bereut, was er getan hat. Das ist eine Art der Reue: demonstrativ und bittstellend - bitte, bitte vertraut mir (wieder oder weiterhin), trotz meines Fehlers, der sich - ganz bestimmt! - nicht wiederholen wird. Ich zeige stelle meine Abwendung von einer Normverletzung zur Schau, um nicht unrettbar ins soziale Aus zu geraten - ob ich ein schlechtes Gewissen habe oder nicht.

      Die inwendige Reue ist meines Erachtens - so man sie sinnvoll vom schlechten Gewissen trennen möchte - nur auf mich und meine Existenz bezogen, also nicht moralischer Prägung. Ich bereue dieses und jenes, weil ich mich dadurch um Positives beraubt, aber nicht in erster Linie anderen geschadet habe.

      Dem entgegen sehe ich das schlechte Gewissen als Korrektiv, das mir signalisiert, mich im Sinne meiner moralischen Werte anderen gegenüber falsch verhalten zu haben, ob ich es noch wiedergutmachen kann oder nicht; ich werde aber normalerweise geneigt sein, künftig besser auf das Betreffende Acht zu geben.
      In dem Maß, in dem unser inneres Leben versagt, gehen wir hartnäckiger und verzweifelter zum Postamt. - Henry David Thoreau
    • Hallo,

      danke für eure sachlichen Beiträge, die ich mit Interesse gelesen habe.

      Ich werde erst einmal auf Herr K. antworten, auch wenn es sich anböte, auf alle drei Beitrag mit einem Beitrag zu antworten, da sich ja durchaus Konvergenzen, wie wir das Phänomen verstehen, abzeichnen.


      Her K. wrote:

      Nach meinem Sprachgebrauch bezieht sich 'Reue' auf etwas Konkretes und Vergangenes, ('ich bereue X'), wohingegen ein schlechtes Gewissen unbestimmter sein kann, (z.B.: 'mir geht es gut und anderen geht es schlecht. Dabei fühle ich mich unwohl, vielleicht könnte ich mehr tun für andere, vielleicht habe ich die Verpflichtung dazu, wiewohl ich nicht konkret weiß, was').

      Mit 'Reue' verbinde ich den Vorsatz, das jeweils Bereute in Zukunft zu unterlassen / zu vermeiden, mit einem schlechtes Gewissen verbinde ich diesen Vorsatz nicht unbedingt.

      hinsichtlich des Verhältnisses von "Reue" und "schlechtem Gewissen" kann ich vor allem deinem letzten Satz zustimmen. Das schlechte Gewissen impliziert nicht den Vorsatz oder die Einstellung, ein bestimmtes Verhalten in Zukunft zu unterlassen. Den Ausdruck "schlechtes Gewissen" verwenden wir mE deshalb auf Zustände, in welchen uns das schlechte Gewissen noch plagt bzw. angeht.
      Genetisch betrachtet könnte man sagen, dass das schlechte Gewissen der Reue vielleicht oftmals vorausgeht: zunächst geschieht eine Tag im Affekt und sie scheint vielleicht noch stimmig zu sein, insofern sie Ausdruck einer subjektiven Welt ist. Nach einer gewissen Zeit setzt dann ein Gefühl von "schlechtem Gewissen", "Schuldgefühl" ein, insofern sich die Einsicht anbahnt, dass man vielleicht auch hätte anders handeln können, ja, dass die Handlung nicht angemessen, ja, dass sie falsch war. Reue stellt sich tendentiell dann ein, wenn sich über die Einsicht, dass die Handlung falsch/ungerecht war, hinaus abzeichnet, dass man sich diese Handlung zugleich mehr oder weniger verzeihen kann, so dass man das Gefühl gewinnt, es in Zukunft besser machen zu wollen und zu können. Die "Tat" liegt dann i.d.S. in gewisser Weise (zeitlich/biographisch) "hinter" der Person.

      Her K. wrote:

      Allerdings kann man natürlich auch sagen: 'ich habe ein schlechtes Gewissen, X getan / nicht verhindert zu haben'. In dem Falle würde ich 'schlechtes Gewissen' und 'Reue' als synonym ansehen.

      wenn man der obigen Ausführung folgt, dann hängt dies davon ab, inwiefern man sich gegenüber der Zukunft positioniert und inwiefern man sich die Tat selbst verziehen hat.

      Her K. wrote:

      Das sind mE zwei unterschiedliche Fragen, die nicht viel miteinander zu tun haben. Die erste ist eine empirische Frage, die zweite ist die Frage danach, wie Moral entsteht.

      DAs sind sicherlich zwei unterschiedliche Fragen. Ja. Sehr einfach betrachtet könnte man meinen, dass sie im Verhältnis der Gegensätzlichkeit stehen: entweder es gibt eine universale Moral oder Moral ist sein nicht-universales soziales Abrichtungsinstrument. Du hast hier nun aber die Sozialdimension eingeführt, die es erlaubt, mehrere Abstufungen einzuführen und diese Gegensätzlichkeit aufzuheben. Aus der Sicht einer Sozialkonzeption ist auch beides möglich, bzw. sind hier ganz unterschiedliche Konzeptionen vereinbar.

      Her K. wrote:

      Bei der erste Frage möchte ich vorläufig mal nur spekulieren, dass es hier durchaus Unterschiede in unterschiedlichen Kulturen gibt, (siehe: Scham- und Schuldkultur).

      ja. Ich denke, dass wir hier mindestens 3 Aspekte trennen können. Wir können 1. sagen, dass es ein universales Gefühl der Schuld und Scham gibt, das "abstrakt" gesehen, in jeder Kultur Ausdruck findet. Wie dieses Gefühl aber letztlich zum Ausdruck kommt, wie es sprachlich gefasst wird, das hängt 2. von kulturellen Sprach- und Ausdrucksbedingungen (Darbietungsregeln/Habitus) ab. Wir können dabei 3. fragen, ob sich in inhaltlicher Hinsicht geschichtlich sich nicht doch so etwas wie ein Verallgemeinerungs- und Universalisierungsprozess abzeichnet, etwa hinsichtlich der Menschenrechte - und insofern wir, vor diesem Hintergrund, von einem Menschen "erwarten", dass er Gefühle der Reue empfindet, wenn er einen anderen Menschen ermordet.

      Her K. wrote:

      Zur zweite Frage erst mal nur soviel: ich denke, es gibt hier einen wechselseitigen / rückgekoppelten Prozess - zumindest in einer 'freien' Gesellschaft.

      ja, ich denke ebenfalls - ganz unabhängig, wie man all dies begrifflich fasst (z.B. Moral, Recht, Sitte) - dass es sich hier um wechselseitige Prozesse handelt.

      ---------------------

      Wir gehen hier - soweit ich die Beiträge überblicke - bisher vor allem auf die begriffliche Alltagsverwendung des Begriffs "Reue" ein und wir beschreiben dann das Phänomen "Reue", das wir diesem Begriff zuordnen.
      Von hier aus haben wir dann ein wenig recht allgemein das Verhältnis von Gesellschaft(sbedingungen) und Reue angesprochen. Was mich noch mehr interessieren würde, das ist das praktische, konkrete Phänomen, wie bestimmte Menschen tatsächlich, real den Prozess von der Tat bis zum Reue-Empfinden und eventuell auch bis zu neuen "Taten"/Tatmöglichkeiten erfahren.

      Beste Grüße,
      S.

      The post was edited 2 times, last by Spirit ().

    • Ich kann auch bereuen etwas nicht getan zu haben, im Sinne von Versäumnis. Also im Alter z.B. könnte ich bereuen Verschiedenes wie Reisen u.ä. nicht unternommen zu haben. Das ist dann nicht abhängig von schlechtem Gewissen, sondern resultiert aus einer Lebensgewohnheit heraus, aus unerfüllten Wünschen und keinen Taten.
    • Liebe Idea,

      ja, tatsächlich sagen wir manchmal "Ich bereue, dass ich x nicht getan habe."
      Mir scheint jedoch, dass es sich um zwei unterschiedliche Gefühle handelt, die wir hier ansprechen.

      Wenn ich sage: "Ich bereue x nicht getan zu haben", dann beschreibe ich mit dieser Aussage (oftmals) ein Gefühl des "Be-reuens", das eine Art "Trauern", "Wehmut" zum Ausdruck bringt.
      Ähnlich kann ich sagen: "Ich bereue, dass ich ihn geschlagen habe" und damit lediglich auf meine Trauer verweisen, dass ich etwas getan habe, mit dem ich noch nicht abgeschlossen habe. Ich beschreibe dann lediglich meine noch anhaltende Trauer, vielleicht denke ich wehmütig an vorhergehende Erfahrungen, ... ... aber in dieses Gefühl ist noch nicht die Konnotation einbezogen, die wir hier bisher der "Reue" zugesprochen hatten: dass eine Einsicht einsetzt, etwas verändern zu wollen.

      Man kann das Wörtchen "bereuen" wohl für beide Gefühle verwenden - insofern verstehe ich meine Zeilen hier nicht als Kritik an deiner Aussage; ich denke aber, dass man - um die Gefühle klar zu unterscheiden - auch einerseits von Reue und andererseits von Bereuen sprechen kann. DAs Bereuen liegt näher an dem, was wir weiter oben mit "schlechtem Gewissen" oder Schuldgefühlen angesprochen hatten, während das aufrichtige Gefühl der Reue eher mehr in die Zukunft gerichtet ist.
      Körperleiblich formuliert könnten wir auch sagen:
      - beim "Bereuen" lassen wir noch den Kopf hängen, wir blicken zurück, wir halten fest, sind mit etwas identifiziert - und sei es auch nur das Gefühl, etwas NICHT getan zu haben.
      - während das Gefühl der "Reue" uns in gewisser Weise mit einer "Aufrichtung" einhergeht, uns eine Form, in gewisser Weise auch einen (moralischen) Sinn schenkt und unsere personale Identität neu ausrichtet

      Beste Grüße,
      S.

      The post was edited 1 time, last by Spirit ().

    • Hallo Spirit,

      du scheinst unter Reue mehr die Tätige Reue zu verstehen, die Thoreau auch anspricht als er von einem mildernden Strafausmaß bei Gericht spricht.

      Ich möchte nocheinam auf das "Bereuen" verweisen, und auf ein wichtiges Wort welches du auch gebracht hast, die Wehmut. Ich würde sagen, das noch undefinierte Gefühl der Wehmut kann (muss aber nicht)) sich in ein Bereuen und später in eine tätige Reue wandeln. Es kann aber auch in der Wehmut verbleiben und dann zu krankhaften Formen wie einer depressiven Verstimmung führen bzw eben unverarbeitet einfach weitergeführt und vertieft werden.

      Die Frage die sich mir stellt prinzipiell ist abe: Ist nun "tätige Reue" wirklich immer der richtige Weg für ein Individuum, etwas schmerzliches abzuschließen? Ich meine, nicht immer. Oft ist es vielleicht auch selbstkongruenter sich selbst den Fehler einzugestehen und sozusagen "die menschliche Kante" einfach stehen zu lassen. Also 3 gerade sein lassen. Für mich habe ich festgestellt zB ist das oft weitaus weniger peinsam und auch für die sozialen KOntakte mit meinen Mitmenschen als die "um jeden Preis Verarbeitung".

      Ist halt meine Meinung. Nicht immer natürlich es gibt auch bei mir Situationen, wo mir tätige Reue eine Entschuldigung eine Aussprache oft stimmig erscheint. Manchmal aber eben auch nicht. Also ich verwahre mich hier nur gegen "Allheilmittel"

      LG
      Samantha

      Ich bin ein Freund der Weisheit,
      aber nicht alle ihrer Freunde
      sind auch meine Freunde.

    • Hallo Spirit -

      konstruktive Kritik ist immer gut! :)

      Ich möchte nur darauf hinweisen, dass 'Reue' nicht sein kann A) ich bereue X getan zu haben und A) ich bereue X nicht getan zu haben.
      Es stellt sich für mich daher die Frage ob 'Reue' nur im Kontext sinnvoll ist? Denn in der Verallgemeinerung also als Allgemeinname bezieht sich 'Reue' in seiner Mehrdeutigkeit auf beliebig viele Elemente oder Sachverhalte.
    • Basis der Reue

      Basis der Reue sollte sein, dass ich akzeptiere, dass alles, was es gibt eine Berechtigung für sein Dasein hat.
      Gutes und Schlechtes.
      Auch das, was weder gut noch schlecht ist.
      Und das alles ein recht hat, in dieser Welt in Frieden und Eintracht zu leben.
      Jenseits von Urteilen und Bewertungen.

      Dann sehn ma weiter... :D
      Wenn wir Sprache und Denken aufgeben, können wir über alles hinausgehen. (Meister Sosan)
      „Langfristig gesehen sind wir alle tot“ (Meister Keynes)
      "Wenn der, der zuhört, nicht weiß, was der, der spricht, meint, und der, der spricht, nicht weiß, was sein Sprechen bedeutet - das ist Philosophie". (Voltaire zugeschrieben)
    • Liebe Samantha,

      Samantha wrote:

      du scheinst unter Reue mehr die Tätige Reue zu verstehen, die Thoreau auch anspricht als er von einem mildernden Strafausmaß bei Gericht spricht.

      ja, das ist richtig. Ich fände es hilfreich, wenn wir die Unterscheidung von "tätiger Reue" und "Bereuen" hier weiterführen könnten.

      Der Begriff der "tätigen Reue" ist ja durchaus auch ein Fachbegriff: de.wikipedia.org/wiki/T%C3%A4tige_Reue
      Mir geht es dabei weniger um die juristische Seite, ob und wie der Täter nun diese Reue irgendwie nachvollziehbar für ein Gericht zum Ausdruck bringt, sondern primär um das phänomenale Erleben und Erfahren, wie sich diese Reue tatsächlich vollzieht.

      Samantha wrote:

      Ich möchte nocheinam auf das "Bereuen" verweisen, und auf ein wichtiges Wort welches du auch gebracht hast, die Wehmut. Ich würde sagen, das noch undefinierte Gefühl der Wehmut kann (muss aber nicht)) sich in ein Bereuen und später in eine tätige Reue wandeln. Es kann aber auch in der Wehmut verbleiben und dann zu krankhaften Formen wie einer depressiven Verstimmung führen bzw eben unverarbeitet einfach weitergeführt und vertieft werden.

      Ja. In diesem Sinne es ist das Bereuen ja dem "schlechten Gewissen" und den borhenden Schuldgefühlen ähnlich. Es führt zu ständig kreisenden, depressiven Selbstvowürfen - oder zur manischen Verdrängung -, ohne dass diese Prozess zu einem Abschluss käme.

      Samantha wrote:

      Die Frage die sich mir stellt prinzipiell ist abe: Ist nun "tätige Reue" wirklich immer der richtige Weg für ein Individuum, etwas schmerzliches abzuschließen? Ich meine, nicht immer. Oft ist es vielleicht auch selbstkongruenter sich selbst den Fehler einzugestehen und sozusagen "die menschliche Kante" einfach stehen zu lassen. Also 3 gerade sein lassen. Für mich habe ich festgestellt zB ist das oft weitaus weniger peinsam und auch für die sozialen KOntakte mit meinen Mitmenschen als die "um jeden Preis Verarbeitung".
      Ist halt meine Meinung. Nicht immer natürlich es gibt auch bei mir Situationen, wo mir tätige Reue eine Entschuldigung eine Aussprache oft stimmig erscheint. Manchmal aber eben auch nicht. Also ich verwahre mich hier nur gegen "Allheilmittel"

      ich denke nicht, dass es "immer" der richtige Weg ist, da es ja auch "schmerzliche Ereignisse" gibt, die keine tätige Reue eröffnen. Wenn das Ereignis jedoch tatsächlich mit dem Gefühl verbunden ist, dass man Handlungen etc. bereut, Schuld fühlt, dann ist meines Erachtens die "tätige Reue" - und das Selbstverzeihen - durchaus eine Einsicht, die man anstreben könnte.
      Was du genau meinst mit "die menschliche Kante einfach stehen zu lassen", das ist mir noch nicht ganz klar. Vielleicht magst du das ein wenig ausführen. Ich verstehe - wie gesagt - die "tätige Reue" nicht so, dass hierdurch die Scham- und Schuldgefühle noch zunehmen, sondern - ganz im Gegenteil - so, dass, bei echter Einsicht, das Individuum wirklich aufgrund der Einsicht, Perspektivenübernahme und Erkenntnis tatsächlich die Erfahrung macht, dass es dieses Ereignis loslassen kann, dass es durch dieses etwas gelernt hat und dass es zukünftig anders handeln möchte. Hinsicht der "Depression" wirkt dies wie eine "Reset"-Taste, wenn die Einsicht tatsächlich vorhanden ist und nicht nur immitiert wird.

      Samantha wrote:

      Einen weiteren Gegensatz Reue - schlechtes Gewissen würde ich auch darin sehen, dass man auch das Ende den Abschied von etwas bereuen kann, von dem man nachweislich weiß, dass die Entscheidung es zu beenden letztendlich die richtige war. ZB Abbruch einer Beziehung. Dennoch kann es einem leid tun, damit auch eben die schönen Zeiten und Gefühle damit über Bord geworfen zu haben.

      Kannst du hier näher sagen, was in diesem Fall konkret "bereut" wird?

      Samantha wrote:

      Eine weitere Verwandschaft der Reue sehe ich zur Emotion der "Wehmut", das heißt für mich, Reue ist im wesentlichen ein Gefühl an dem man leidet wenn man es hat. Es ist somit also eher ein lebensfreudehemmendes Gefühl, ähnlich auch wie Schuld und Scham.
      Gehört die Reue nun in den Bereich der Schuldgefühle? Eigentlich meiner Meinung nach ja, denn das Wesen der Reuhe ist es ja, dass man selbst etwas getan hat, was man bereuht, auch wenn es noch so notwendig gewesen sein mag.

      aus meiner Sicht unterscheiden sich Schuldgefühle und das Gefühl der (tätigen) Reue. Reue setzt (wahrscheinlich) praktisch stets ein Empfinden von Schuld voraus, ist aber selbst kein bloßes Schuldgefühl.

      Nicht unerwähnt lassen will ich hier auch den Begriff der "Buße", die ja Reue vorraussetzt aber im Gegensatz zu meinen Überlegungen der Meinung ist, dass es auch bei der Reue eine tätige Wiedergutmachung geben kann. In der Katholischen Kirche wird die leid erzeugende Reue im besten Fall durch eine Absolution von seiten des Pfarrers beseitigt. Aber darauf näher einzugehen wäre wahrscheinlich schon wieder ein eigenes Thema. Ich persönlich glaube nicht an die von der Kirche geforderte Wiedergutmachungsstrategie an dem Gegenstand der Reue. Das mag in ganz speziellen Einzelfällen vielleicht möglich sein, ich wehre mich jedoch dagegen von einer generellen WiedergutmachungsPFLICHT auszugehen.

      es gibt mehrere Buße-Begriffe. Kannst du sagen, welchen Buße-Begriff du hier verwendest? Meinst du die Buße vor Gott? Mir geht es hier um einen nicht-religiösen Reue-Begriff, aber wir können gerne untersuchen, wie sich die Gefühle in der Sphäre der religiösen Gemeinschaften ausprägen.

      Beste Grüße,
      S.
    • Hallo Spirit,

      von hinten nach vorne.

      Du hast recht damit, dass der Bußbegriff in der katholischen Kirche in erster Linie von der Ansicht des Pfarrers über die Buße abhängt. 'Was konservative Priester mit 3 Vaterunser im stillen Kämmerlein als tätige Reue vergeben, wird bie progressiven modernen jungen und meist gut ausgebildeten Ordensleuten ein oft soziales und nicht nur religiöses Problem. Da werden Entschuldigungen bzw Bekenntnise zur Reuhe in der Öffentlichkeit und in der Famliie gefordert, auch wen der soziale Kontext rundherum nicht passt, wenn Erbschaften gefährdet sind oder wenn ganze Familen drohen dadurch in verschiedene Splittergruppen zu zerfallen. Dies Ordensleute sind mM die Vertreter einer absoluten Wiedergutmachungspflicht und zwar nicht Gott sondern den anderenn Gläubigen gegenüber. Dass das nicht mein Wohlfallen erntet wirst du dir denken können.

      Zum zweiten Punkt, die Kante stehen lassen, das entspringt einer ähnlichen Motivation. Ich sage dir eine persönliches und konkretes Beispiel. Als meine Tochter das erste mal Drogen nahm (kurzfristig aber effektiv) kam mein Bruder zu mir und bot mir "Hilfe" an, in der Form von Polizeiüberwachung (Anzeigen gehen an die Mutter) oder einer Abgabe des Obsorgerechtes wegen Schwererziehbarkeit des Kindes in eine Besserungsanstalt. Ich lehnte ab, mit den Worten ich würde mich lieber alleine um Hilfe umschauen, ich wolle nicht das Gefühl haben, dass WIEDER EINMAL über meinen Kopf hinweg Entscheidungen die mich betreffen von anderen gefällt werden. Mein Bruder reagiert seither sehr eingeschnappt, will mit mir nichts mehr zu tun haben mit meiner Tochter auch nicht obwohl er ihr Pate ist, will sogar das Testament meiner Eltern jetzt geändert haben, weil dieses die Klausel enthält, dass meine Eltern in dem Testament fordern er möge sich nach ihrem Tod um meine Tochter und mich kümmern usw usf.

      Ich gebe ehrlich zu ich habe es im Verlaufe des folgenden jetzt laufenden Jahres sehr wohl schon bereut mir nicht helfen gelassen zu haben und vor allem bereue ich aus rein menschlichem Grunde dass mich mein eigener Bruder wegen so einer vielleicht sehr rauh rübergekommenen Abfuhr nicht mehr zu sehen und zu sprechen wünscht. Dennoch suche ich keine Aussprache. Warum? Weil ich weiß, dass er aggressiv mir gegenüber ist und keine Vernunftargumente mehr gelten lässt. Ganz abgesehen davon ist er sehr vreinnahmt von meiner Schwägerin, die das ihre tut damit sein Arger mir gengenüber auch immer so bleibt, er würde ihr gegenüber sehr an Ansehen verlieren, wenn er wieder einlenken würde und da er sehr auf seine Frau fixiert ist, wird er das nicht wollen. Die Situation für eine Aussprache ist im Moment also denkbar ungünstig außerdem sind ja nach wi e vor von meiner Seite die Probleme mit meiner Tochter auch noch nicht jetzt wirklich behoben.

      Ich lass es daher (vorläufig) so wie es ist. Ich lass die Kante stehen. Hier bin ich Samantha und mein eigener Bruder spricht nicht mit mir. Ist so. Punkt.

      Wenn an der Grundstellation sich was ändert okay, aber solange es jetzt ist, wie es ist, ist eine '"tätige Reue" eine "Aussprache" einfach nicht drinnen.

      LG
      Samantha

      Ich bin ein Freund der Weisheit,
      aber nicht alle ihrer Freunde
      sind auch meine Freunde.

    • Hallo Spirit-
      - beim "Bereuen" lassen wir noch den Kopf hängen, wir blicken zurück,
      wir halten fest, sind mit etwas identifiziert - und sei es auch nur das
      Gefühl, etwas NICHT getan zu haben. - während das Gefühl der "Reue" uns in gewisser Weise mit einer
      "Aufrichtung" einhergeht, uns eine Form, in gewisser Weise auch einen
      (moralischen) Sinn schenkt und unsere personale Identität neu ausrichtet
      Ist es nicht so, dass einmal gewonnene Erkenntnisse in unsere (hm ich sag mal) psychophysiche Geistigkeit einfließen ohne dass wir uns dessen bewusst sind? Wir sind also dadurch geprägt und arbeiten bewusst oder unbewusst in Zukunft aus dieser Erkenntnis heraus. Also um Reue überhaupt empfinden zu können, muss uns erst die Einsicht gegeben sein, dass wir etwas falsch gemacht haben. Das wäre an sich ein Schritt in die richtige Richtung, doch ist damit eben nicht gesagt, ob wir Reue empfinden oder nicht. Bereuen wir aber, so ist doch auch damit bereits ein Aufrichten inkludiert.
      Unsere personale Identität verändert sich während unserer gesamten Lebenszeit, wir bleiben nicht die gleichen, erfahren uns aber als dieselben, ich will sagen, dass sich damit auch unsere Moralvorstellungen ändern und wir Reue in gleichen Situationen unterschiedlich empfinden können, damit wäre eine universale Moral ausgeschlossen. ?

      LG
    • Hallo Thoreau,

      ich finde an deinem Beitrag u.a. interessant, dass du die Perspektiven zum Phänomen Reue wechselst.

      Zunächst beschreibst du Reue als Phänomen in einer Interaktion in Hinsicht auf die Kommunikation zum Interaktionspartner:

      Thoreau wrote:

      Der Bereuende mag am auslösenden Moment nichts mehr ändern können, die Reue soll aber anderen demonstrieren, dass man einen Fehler eingesehen hat und in einer vergleichbaren Situation künftig anders entscheiden würde.
      ja, mir scheint, dass dies ein wichtiger Aspekt ist, der dem kommunikativen Ausdruck der Reue eigen ist. Der Interaktionspartner kann auf diese Weise sehen, dass ich meinen Fehler sehe und beurteile, so dass er davon ausgehen kann, dass ich bei jenem Ereignis ohne diese Einsicht handelte, er sich jedoch zukünftig darauf verlassen kann, dass ich unter ähnlichen Bedingungen anders handeln werde. Diese kommunikative Botschaft mag es ihm wiederum ermöglichen, diese Handlung, für die ich nun Reue empfinde, zu verzeihen: d.h. meine Person nicht auf diese Handlung zu reduzieren, sondern ihr die Freiheit zuzugstehen, dass ich auch anders handeln kann.

      Du bringst diese kommunikative Botschaft dann in Hinsicht auf die juristische Sphäre noch einmal klar auf den PUnkt:

      Thoreau wrote:

      Bei Gericht sinkt evtl. das Strafmaß, wenn der Beklagte "aufrichtig" bereut, was er getan hat. Das ist eine Art der Reue: demonstrativ und bittstellend - bitte, bitte vertraut mir (wieder oder weiterhin), trotz meines Fehlers, der sich - ganz bestimmt! - nicht wiederholen wird. Ich zeige stelle meine Abwendung von einer Normverletzung zur Schau, um nicht unrettbar ins soziale Aus zu geraten - ob ich ein schlechtes Gewissen habe oder nicht.
      Obwohl du zunächst diese interaktiven, kommunikativen Bedeutungen beschreibst, thematisierst du dann die Bedeutung, die die Reue für mich selbst hat, insofern sie mich als Person in meiner Existenz betrifft:

      Thoreau wrote:

      Die inwendige Reue ist meines Erachtens - so man sie sinnvoll vom schlechten Gewissen trennen möchte - nur auf mich und meine Existenz bezogen, also nicht moralischer Prägung. Ich bereue dieses und jenes, weil ich mich dadurch um Positives beraubt, aber nicht in erster Linie anderen geschadet habe.
      Du grenzt dann das "schlechte Gewissen" aus dieser Perspektive ab:

      Thoreau wrote:

      Dem entgegen sehe ich das schlechte Gewissen als Korrektiv, das mir signalisiert, mich im Sinne meiner moralischen Werte anderen gegenüber falsch verhalten zu haben, ob ich es noch wiedergutmachen kann oder nicht; ich werde aber normalerweise geneigt sein, künftig besser auf das Betreffende Acht zu geben.
      man könnte nun vielleicht sagen, dass der "kommunikative Akt" der Reue aus einem Prozess der "innwendigen Reue" heraus, jedoch auch aus dem Motiv des "schlechten Gewissens" vollzogen werden kann. Wenn ich es aber richtig sehe, dann verstehst du das "schlechte Gewissen" nicht in einem unauthentischen Sinne, sondern durchaus in einem konstruktiven, sozialen Sinne.
      Unabhängig von rein begrifflichen Bestimmungen, die ja durchaus recht frei und kreativ vorgenommen werden können, frage ich mich, ob das, was du beschreibst, nicht auch dem Begriff der Reue zugeordnet werden kann, der das "ganze" (Erfahrungs)Phänomen der Reue bezeichnet, so dass der Begriff des "schlechten Gewissens" auf eine unauthentische, quasi "gespielte" Handlung verweist, insofern das schlechte Gewissen nicht aus innwendiger, intrinsischer Einsicht, sondern nur aufgrund des (vermeintlichen) sozialen Druck der anderen extrinsisch empfunden wird.

      Beste Grüße,
      S.
    • Hancock wrote:

      Basis der Reue sollte sein, dass ich akzeptiere, dass alles, was es gibt eine Berechtigung für sein Dasein hat.
      Gutes und Schlechtes.
      Auch das, was weder gut noch schlecht ist.
      Und das alles ein recht hat, in dieser Welt in Frieden und Eintracht zu leben.
      Jenseits von Urteilen und Bewertungen.

      Dann sehn ma weiter... :D
      es erscheint mir perfektionistisch/menschlich-überfordernd, dies als "Basis" zu bezeichnen. Realistischer erscheint es mir eher, dies als ein Ideal zu verstehen, dessen Stimmigkeit wir zwar eventuell einsehen können, dem wir jedoch in bestimmten Situationen hier und da nicht gerecht werden können: wenn wir allzumenschlich, wertend, zentrisch handeln.
    • Liebe Samantha,

      Samantha wrote:

      Du hast recht damit, dass der Bußbegriff in der katholischen Kirche in erster Linie von der Ansicht des Pfarrers über die Buße abhängt. 'Was konservative Priester mit 3 Vaterunser im stillen Kämmerlein als tätige Reue vergeben, wird bie progressiven modernen jungen und meist gut ausgebildeten Ordensleuten ein oft soziales und nicht nur religiöses Problem. Da werden Entschuldigungen bzw Bekenntnise zur Reuhe in der Öffentlichkeit und in der Famliie gefordert, auch wen der soziale Kontext rundherum nicht passt, wenn Erbschaften gefährdet sind oder wenn ganze Familen drohen dadurch in verschiedene Splittergruppen zu zerfallen. Dies Ordensleute sind mM die Vertreter einer absoluten Wiedergutmachungspflicht und zwar nicht Gott sondern den anderenn Gläubigen gegenüber. Dass das nicht mein Wohlfallen erntet wirst du dir denken können.
      gut, das verstehe ich. Damit hast du gesagt, wie du den Buße-Begriff nicht verwendest. Mich würde aber interessieren, wie du das Buße-Phänomen verstehst, unter anderem in Hinsicht auf Reue.

      Samantha wrote:

      Zum zweiten Punkt, die Kante stehen lassen, das entspringt einer ähnlichen Motivation. Ich sage dir eine persönliches und konkretes Beispiel. Als meine Tochter das erste mal Drogen nahm (kurzfristig aber effektiv) kam mein Bruder zu mir und bot mir "Hilfe" an, in der Form von Polizeiüberwachung (Anzeigen gehen an die Mutter) oder einer Abgabe des Obsorgerechtes wegen Schwererziehbarkeit des Kindes in eine Besserungsanstalt. Ich lehnte ab, mit den Worten ich würde mich lieber alleine um Hilfe umschauen, ich wolle nicht das Gefühl haben, dass WIEDER EINMAL über meinen Kopf hinweg Entscheidungen die mich betreffen von anderen gefällt werden. Mein Bruder reagiert seither sehr eingeschnappt, will mit mir nichts mehr zu tun haben mit meiner Tochter auch nicht obwohl er ihr Pate ist, will sogar das Testament meiner Eltern jetzt geändert haben, weil dieses die Klausel enthält, dass meine Eltern in dem Testament fordern er möge sich nach ihrem Tod um meine Tochter und mich kümmern usw usf.
      Ich gebe ehrlich zu ich habe es im Verlaufe des folgenden jetzt laufenden Jahres sehr wohl schon bereut mir nicht helfen gelassen zu haben und vor allem bereue ich aus rein menschlichem Grunde dass mich mein eigener Bruder wegen so einer vielleicht sehr rauh rübergekommenen Abfuhr nicht mehr zu sehen und zu sprechen wünscht. Dennoch suche ich keine Aussprache. Warum? Weil ich weiß, dass er aggressiv mir gegenüber ist und keine Vernunftargumente mehr gelten lässt. Ganz abgesehen davon ist er sehr vreinnahmt von meiner Schwägerin, die das ihre tut damit sein Arger mir gengenüber auch immer so bleibt, er würde ihr gegenüber sehr an Ansehen verlieren, wenn er wieder einlenken würde und da er sehr auf seine Frau fixiert ist, wird er das nicht wollen. Die Situation für eine Aussprache ist im Moment also denkbar ungünstig außerdem sind ja nach wi e vor von meiner Seite die Probleme mit meiner Tochter auch noch nicht jetzt wirklich behoben.

      Ich lass es daher (vorläufig) so wie es ist. Ich lass die Kante stehen. Hier bin ich Samantha und mein eigener Bruder spricht nicht mit mir. Ist so. Punkt.

      Wenn an der Grundstellation sich was ändert okay, aber solange es jetzt ist, wie es ist, ist eine '"tätige Reue" eine "Aussprache" einfach nicht drinnen.

      ich verstehe hier, was du unter "Kante stehen lassen" meinst. Dennoch scheint es so, dass Du es bereust, deinem Bruder gegenüber in dieser Weise kommunikativ gehandelt gehandelt zu haben. (Wenn ich dich richtig verstehe, dann stehen deine Gefühle in einer Art Kipp-Bewegung zwischen "Reue" und "Bereuen".) DAs würde aber bedeuten, dass du doch eine Art "Reue" fühlst? Lediglich in Hinsicht auf die Interaktion bringst du die Reue nicht zum Ausdruck, sondern lässt du die "Kante" stehen, weil du den Eindruck hast, dass das zum Ausdruck bringen der Reue nicht dazu führen würde, dass er das EReignis anders sieht.
      Interessant finde ich, dass du davon ausgehst, dass für die "tätige Reue" der Interaktionspartner nötig ist. Ähnlich gehen manche davon aus, dass für das Verzeihen ebenfalls der Interaktionspartner nötig sei, obwohl sie hierbei zumeist nicht nur Verzeihen, sondern "Versöhnung" anstreben. Interessant wäre daher die Frage, ob du es auch so erfährst, dass aufgrund der fehlenden Kommunikation dein "Bereuen" nicht in eine klare "tätige Reue" übergehen kann?

      Beste Grüße,
      S.
    • Hallo Spirit,

      danke für deine kurze aber sehr informative und dennoch persönliche Antwort.

      ZU I.

      Das bußphänomen beobachte ich an praktizierenden Christen vornehmlich an der älteren Generation und hier besteht der Grund warum man auf den Pfarrer hört wohl in einem heute fast schon überkommenen Autoritätsglauben eben an die Kompetenz des Pfarrers. Man ist also nur bedingt für sich Verantwortlich weil man in der Gemeinde ist, mauß aber dem "Chef" gehorchen damit man die Früchte der 'Gemeinschaft zusammen genießen kann. Für viele ältere Menschen ist es einfach eine Verpflichtung das zu tun was der Pfarrer will weil sie ja als Gegenleistung dafür in den Himmel kommen. Ganz nebenbei kann es aber sein dass der Mensch vor eine Aufgabe gestellt wird, die ihm sehr schwer fällt und er die Befreiung weniger in der Wiedegutmachung oder dem Ausleben der Reuhe sieht sondern einfah der Effekt eintritt, eine ihm vom "Chef" gestellte schwierige Aufgabe zur Zufriedenheit eben des vorrangig "Chefs" gelöst zu haben. De Betroffene erlabt dieses Bewältigen der gestellten Aufgabe dann als Schuldvergebung und göttlichen Lohn.


      zu II

      Natürlich strebe ich in erster Linie eine Versöhnung mit meinem Bruder an, ich weiß dass dazu ein Verzeihen bzw zumindest ein Verständnis für das Vergangene gegeben sein muss und es ist sehr wohl so, dass ich nicht sehe, dass für ein Verzeihen der Interaktionspartner nicht vorhanden sein muss. Ich selbst habe insofern mir schon lange verziehen, kann die Gründe für meine Handlung auch gut rationalisiern und gegebenfalls erklären aber ich bin eben vor die Tatsache gestellt, dass mein Bruder offenbar die Situation einfach falsch bewertet und beurteilt. Die Reue bezieht sich bei mir auch nicht auf das was ich getan habe, sondern eher auf die Tatsache, dass nunmehr eine Kommunikation mit meinem Bruder nicht mehr möglich ist. Das tut mir leid. Die Reue bezieht sich auf die gegenwärtige Situation und ich gebe offen zu dass ich auch ein "schlechtes Gewissen" gegenüber meinen Eltern, insbesondere meinem Vater habe, der darunter sehr leidet. Man kann also vielleicht sogar sagen das ganze ist auf den Ist Zustand der Nichtkommunikation auch irgendwie bezogen. Daher das "schlechte Gewissen". Aber ich finde hier sieht man sehr gut, dass Reue eigentlich in jedem Einzelfall einzeln zu diskutieren wäre. In meinem Fall hier ist es ein Mischgefühl und hat nichts mit einer Wehmut zu tun, dass ich mir kommunikative Vergangenheiten mit meinem Bruder schmerzhalft vor Augen führe. Das ist bei mir nicht der Fall. Allerdings wäe es theorethisch auch möglich. Das heißt die reue die sich auf den Bruch der Beziehung zu meinem Bruder bezieht, auf das Ereignis in der Vergangenheit ist von mir "fertig bearbeitet" wartet aber auf einen geeigneten Zeitpunkt für eine VERSÖHNUNG und fürht in der Kante, dem misslichen Sein der Situation erneut zu einem "Schlechten Gewissen" über den So Seins ZUstand der Situation.

      Hoffe damit habe ich alle deine Fragen beantwortet.

      LG
      Samantha

      Ich bin ein Freund der Weisheit,
      aber nicht alle ihrer Freunde
      sind auch meine Freunde.

    • Liebe Samantha,

      Samantha wrote:

      De Betroffene erlabt dieses Bewältigen der gestellten Aufgabe dann als Schuldvergebung und göttlichen Lohn.

      mir ist nicht ganz klar, warum du das Phänomen der Buße (erneut) zunächst am "Chef"-Kult relativierst, aber ich glaube jetzt zu verstehen, wie du das Buße-Phänomen - auch unabhängig von einem kirchlich-autoriätren Chef-Kult - verstehst.

      Samantha wrote:

      Aber ich finde hier sieht man sehr gut, dass Reue eigentlich in jedem Einzelfall einzeln zu diskutieren wäre.

      also gerade in diesem Fall, den du hier beschreibst, der anscheinend sehr verschachtelt und komplex ist, kann ich dir diesbezüglich nur zustimmen. Mein Eindruck ist, dass es hier nicht einfach um ein Gefühl der Reue hinsichtlich einer Handlung geht - wie du ja auch schreibst; vielmehr scheint es so, dass eine ganze Famlienkonstellation mit in die Situation hineinspielt, wodurch zahlreiche Ambivalenzen und Relationen auch im Gefühlserleben auftauchen können.

      Beste Grüße,
      S.

      The post was edited 1 time, last by Spirit ().

    • Hallo, Spirit!

      Spirit wrote:

      man könnte nun vielleicht sagen, dass der "kommunikative Akt" der Reue aus einem Prozess der "innwendigen Reue" heraus, jedoch auch aus dem Motiv des "schlechten Gewissens" vollzogen werden kann. Wenn ich es aber richtig sehe, dann verstehst du das "schlechte Gewissen" nicht in einem unauthentischen Sinne, sondern durchaus in einem konstruktiven, sozialen Sinne.
      In der Tat.


      Spirit wrote:

      Unabhängig von rein begrifflichen Bestimmungen, die ja durchaus recht frei und kreativ vorgenommen werden können, frage ich mich, ob das, was du beschreibst, nicht auch dem Begriff der Reue zugeordnet werden kann, der das "ganze" (Erfahrungs)Phänomen der Reue bezeichnet, so dass der Begriff des "schlechten Gewissens" auf eine unauthentische, quasi "gespielte" Handlung verweist, insofern das schlechte Gewissen nicht aus innwendiger, intrinsischer Einsicht, sondern nur aufgrund des (vermeintlichen) sozialen Druck der anderen extrinsisch empfunden wird.

      Ich hatte in diesem Punkt bei meinem vorherigen Beitrag eben eher eine mögliche Bedeutungsdifferenz zwischen zwei Begriffen im Auge - dadurch lassen sich die zwei Phänomene natürlich nicht voneinander abgrenzen. "Reue ist persönlich (und amoralisch), das Gewissen moralisch." - So statisch verhält es sich wohl tatsächlich nicht, obwohl dieser Unterschied durchaus dann und wann bestehen kann.
      Ich finde den von Dir formulierten Gedanken sehr interessant, die Reue fuße notwendig auf intrinsischer Einsicht, könne also nicht heteronom erzeugt werden.
      Man kann jemandem ein schlechtes Gewissen machen ("Das hättest Du niemals tun dürfen!") und auch ein Bereuen einreden ("Schön blöd von Dir, dass Du damals nicht mitgefahren bist!"). Bei der Reue würde ich momentan sagen, sie könne tatsächlich nicht heteronom hervorgerufen werden, weiß aber eigentlich nicht, wieso ich dazu tendiere. Hierzu folgende Gedanken:

      Macht jemand mir ein schlechtes Gewissen, muss an einer zurückliegenden Handlung irgendetwas zu finden sein, das meinen Wertvorstellungen zuwiderläuft, sonst wird es damit nichts. Ich habe einen Fehler gemacht, aber stelle mich ihm nicht (verdränge also), womöglich bin ich mir auch gar keines Fehlers bewusst, weil meine Handlung mittelbare Konsequenzen hatte, die ich bei meiner Handlungsentscheidung als Möglichkeit gar nicht mitbedacht hatte (dies aber hätte tun können). In jedem Fall muss mir aber einsichtig sein, dass X ein Fehler, und zwar vor meinem Wertehorizont, war, sonst stellen sich auch die Gewissensbisse nicht ein. Zumindest muss ich ahnen können, dass da etwas faul ist, wenn ich es auch nicht klar benennen kann.
      Hier sehe ich bislang gar keinen prinzipiellen Unterschied zur inwendigen Reue; den würde ich hier eher so beschreiben: Während das Gewissen noch insinuieren und von Ferne dumpf pochen kann, habe ich in der (inwendigen) Reue das Betreffende bereits weitgehend reflektiert, habe mich mit mir besprochen und distanziere mich vom Getanen; in welchem Maße, wäre eine weiterführende Frage.
      Also: schlechtes Gewissen ohne Reue ist denkbar, Reue ohne Gewissen aber nicht - reicht diese Mittelbarkeit aus, um der Reue die Möglichkeit, heteronom herbeigeführt werden zu können, abzusprechen?
      In dem Maß, in dem unser inneres Leben versagt, gehen wir hartnäckiger und verzweifelter zum Postamt. - Henry David Thoreau
    • Hallo Thoreau,

      ich finde das sehr hilfreich für den Thread, dass du hier derart konstruktiv weiterdenkst.

      Thoreau wrote:

      Hierzu folgende Gedanken: Macht jemand mir ein schlechtes Gewissen, muss an einer zurückliegenden Handlung irgendetwas zu finden sein, das meinen Wertvorstellungen zuwiderläuft, sonst wird es damit nichts. Ich habe einen Fehler gemacht, aber stelle mich ihm nicht (verdränge also), womöglich bin ich mir auch gar keines Fehlers bewusst, weil meine Handlung mittelbare Konsequenzen hatte, die ich bei meiner Handlungsentscheidung als Möglichkeit gar nicht mitbedacht hatte (dies aber hätte tun können). In jedem Fall muss mir aber einsichtig sein, dass X ein Fehler, und zwar vor meinem Wertehorizont, war, sonst stellen sich auch die Gewissensbisse nicht ein. Zumindest muss ich ahnen können, dass da etwas faul ist, wenn ich es auch nicht klar benennen kann.
      Hier sehe ich bislang gar keinen prinzipiellen Unterschied zur inwendigen Reue; den würde ich hier eher so beschreiben: Während das Gewissen noch insinuieren und von Ferne dumpf pochen kann, habe ich in der (inwendigen) Reue das Betreffende bereits weitgehend reflektiert, habe mich mit mir besprochen und distanziere mich vom Getanen; in welchem Maße, wäre eine weiterführende Frage.

      ich sehe das recht ähnlich, wie du das hier beschreibst.
      Im Falle des schlechten Gewissens ist mir irgendwie einsichtig, dass "X ein Fehler war". So lange ich jedoch ein schlechtes Gewissen habe, wirkt dieser Satz eher wie eine Art autoritärer Fingerzeig: "Hier, du hast einen Fehler gemacht." Folglich sind hiermit eher Schuldgefühle, Gewissensbisse, Schamgefühle verbunden. Man fühlt sich noch als "Angeklagter".

      Im Falle der Reue ist quasi - um im analogen Bild zu bleiben - der Gerichtsprozess vollzogen worden und zwar durch mich selbst als Richter: ich klage mich nicht mehr an, dass ich einen Fehler gemacht habe, sondern ich sehe es ein, glaube, daraus gelernt zu haben und in dieser Einsicht zu reifen. DASS ich diese Perspektive einnehmen kann, stimmt mich in gewisser Weise zuversichtlich. Ich blicke nicht mehr ständig in die Vergangenheit und halte mir den Fehler X vor, sondern bin auf die Zukunft gerichtet und nehmen an, dass ich nicht mehr passieren wird, da ich daraus gelernt habe und zukünftig hierfür nun Verantwortung übernehmen möchte - und auch glaube, dass mir das möglich ist.
      Ich sehe es also ähnlich wie du, dass ich in diesem Falle den Sachverhalt "weitgehend reflektiert habe", mich vom "Getanen" "distanzieren" kann, nicht so, dass ich es verdränge, nicht so, dass ich es schönrede oder mich weiterhin dafür anklage, sondern tatsächlich so, dass ich glaube, daran gereift zu sein, etwas gelernt zu haben und es nun besser machen zu wollen.
      Diese Art der Reue ist mE ähnlich wie das Verzeihen ein Gefühl, das etwas "klärt", das mit der Vergangenheit durch einen Erfahrungs/Reifungsprozess abgeschlossen wird.

      Thoreau wrote:

      Also: schlechtes Gewissen ohne Reue ist denkbar, Reue ohne Gewissen aber nicht - reicht diese Mittelbarkeit aus, um der Reue die Möglichkeit, heteronom herbeigeführt werden zu können, abzusprechen?

      die Frage ist hier sicherlich, was wir unter "heteronom" verstehen. Damit kommen wir fast (wieder) zur philosophischen Hauptthematik: der Freiheit - der Willensfreiheit, der Handlungsfreiheit, der Entscheidungsfreiheit, etc..
      Ich denke nicht, dass wir einfach aus unserer Sprache, mit der wir Situationen interpretieren, aussteigen und uns von diesem sozialen Medium in Hinsicht auf Phänomene "Reue, Bereuen, schlechtes Gewissen..." befreien können.
      Wir können uns jedoch von Situationen "distanzieren", gerade auch mit der Sprache - je nachdem, wie wir denken. Wir können uns mit bestimmten Sprachformen natürlich auch sehr intensiv mit Situationen identifizieren, etwa wenn wir die Situation so interpretieren, dass wir "unverzeihbare Schuld" als "böser Täter" begangen haben - usw. . Unabhängig von der Psychodynamik des gesamten Prozesses spiegelt sich die Identifikation auch in den Sprachformen wieder, die hier performativ zur Geltung kommen und somit indexikalisch die spezifische Identifizierung/Distanzierung anzeigen.
      Rein auf die Sprache bezogen können wir diesen Prozess vielleicht als einen Selbstdialog verstehen, an dem natürlich auch andere beteiligt sein können, wenn wir uns über die Tat X mit anderen austauschen. Die Frage ist dann, wie wir uns mit den interpretationen/Stimmen auseinandersetzen, die zunächst ein "schlechtes Gewissen" formieren. Bleiben wir hier stehen oder identifizieren wir uns mit diesen vollkommen, dann bilden wir quasi eine Täter-Identität aus, verzeihen uns nicht und fühlen immer wieder nagende Schuldgefühle - die wir dann vielleicht auch verdrängen. Sind wir aber in der Lage mit dieser Interpretation erneut in einen Dialog zu treten und die Situation mehr und mehr zu reflektieren und zu verstehen, dann wird es möglich, dass wir die angesprochene "Distanz" generieren und eine Sicht gewinnen, die uns aus der bloßen (Selbst)Anklage herauslöst.

      Freilich müssen wir hirzu überhaupt erst einmal in der Lage sein, zunächst den "Fehler X" einzuräumen. Ich denke, dass beides wichtige Etappen sind, um dann mit dem Gefühl der Reue den Prozess allmählich abzuschließen.

      Beste Grüße,
      s.