Hermann Hesse: Das treibende Blatt

    • Stufen

      Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
      Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
      Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
      Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
      Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
      Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
      Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
      In andere, neue Bindungen zu geben.
      Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
      Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

      Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
      An keinem wie an einer Heimat hängen,
      Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
      Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
      Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
      Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
      Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
      Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
      Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
      Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
      Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
      Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

      Hermann Hesse
    • Einem Freunde

      Trink nicht die glühende Traube,
      Die dich dem Tage entrückt;
      Selbst von dem modernden Staube
      Wirst du noch tiefer beglückt.

      Form aus zerstörten Gesteinen
      Bildet das Leben erneut;
      Froh aus zerstäubten Gebeinen
      Webt es ein blumiges Kleid.

      Niemals wird jener verfallen,
      Der zu dem Sein sich entschliesst;
      Heiterer fühlt er sich vor allem,
      Wie ihn das Leben durchfliesst.

      Jubelnd aus Dämmern und Ahnen
      Wächst die Erkenntnis des Seins;
      Mit den betretenen Bahnen
      Wird er dann immer mehr eins.

      Seine gewusstere Handlung
      Stört nicht die stehende Zeit;
      Nach der begonnenen Wandlung
      Ist er dem Dasein geweiht.

      Drückend erfüllt seine Tage
      Nicht mehr das lähmende Leid;
      Jenseits von Freude und Klage
      Ist er zum Rühmen bereit.

      Such nicht den Rausch der Traube,
      Die dich dem Sein nur entrückt;
      Wissend erfüllt dich der Glaube,
      Dass du dem Ganzen verzwickt.
    • Gleiches

      Ist alles Singen nicht ein längst ertöntes Tönen
      von Glocken und von Saiten, die man endlich rührt ?
      Als ob entgegenbebend sie die Hand gespürt,
      um auszubrechen wie ein Quell in jenen schönen

      bekannten Weisen, so wie Augen, woraus Tränen,
      die lange aufgespart, ein jäher Schmerz entführte.
      Ist es der Hammer nur, der diesen Klang gebiert ?
      War hoffend im Metall nicht immer schon das Dröhnen ?

      Nicht nur im Winde ist das Rauschen, das vom Baume
      sich fortsehnt, wie gebunden aus der Blätter Zwang.

      Und in dem Hammer liegt geballt der gleiche Klang,
      der auch im Erze schwingt, nur in viel engerm Raume
      und dichter, ganz in sich gesammelt -.
      Nur tief Verwandtes ist’s, das Gleiches klingen lässt.