Bergsteigen und Philosophie

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    • Bergsteigen und Philosophie

      ‚Der Philosoph, er weiß es nicht zu fassen, da liegt der Fels, man muss ihn liegen lassen‘ – so lässt Goethe den Mephistopheles im Hochgebirge sprechen. Als leidenschaftlicher Bergsteiger denke ich schon seit einiger Zeit über das Verhältnis zwischen Philosophie und Bergen bzw. dem Bergsteigen nach und bin hier, wie ich finde, auf einige interessante Bezüge gestoßen: in beiden Bereichen geht es um Gründe, Abgründe, Beweggründe, Griffe und Be-Griffe, es geht darum Halt zu finden, Positionen oder Standpunkte einzunehmen, nicht zu fallen oder zu stürzen – um die Grenzen des Denkbaren oder Machbaren, um die Zugänglichkeit des Ambivalenten und gleichzeitig die Ambivalenz des Zugänglichen. Kann man die Philosophie – wie Peter Sloterdijk es wohl einmal getan hat – als einen Alpinismus des Gemüts bezeichnen? Bewegt sich der Philosoph mit seinen Gedanken und Überlegungen in seiner Imagination wie ein Bergsteiger in einem Gebirge? Auf welchem Grund befinden wir uns wenn wir philosophieren bzw. wie begründen wir unsere Philosophien? Michel Foucault hat - wie ein Geologe - von einer Archäologie des Wissens gesprochen, einer Untersuchung der Gründe, der Schichten und Geschichte auf denen bzw. in der wir uns befinden. Emil Angehrn bezeichnet die Furcht vor dem Fallen oder Stürzen als eines der ältesten und durchgängigsten Motive in der Philosophie. Und wie oft habe ich schön gehört, dass wir in unserem Selbstverständnis keinesfalls hinter Kant zurückfallen dürfen… Wenn uns da nur die Schwerkraft keinen Strich durch die Rechnung macht. Denn die Erfahrung am Berg lehrt, dass es keinen absoluten Schutz vor dem Fallen, keine absolut sicheren Gründe gibt, dass auch der Grund auf dem wir uns bewegen immer wieder selbst in Bewegung geraten kann. Ähnlich beschreibt auch Hans Blumenberg Kants Reaktion auf das Erdbeben von Lissabon: sowohl den physisch tragenden Grund als auch die tragenden Fundamente seiner Philosophie sieht Kant durch die Erdstöße infrage gestellt. Auch das Erdbeben in Japan erschüttert derzeit unsere Fundamente und lässt uns in andere Richtungen denken als zuvor. Hat die Philosophie hier mehr mit dem Bergsteigen, der Schwerkraft, den konkreten Gründen auf denen wir uns befinden zu tun als wir im allgemeinen zu denken gewohnt sind?

      Wo verortet sich die Philosophie der Moderne wenn sie sich nicht in einem imaginären sondern in einem konkreten Gebirge befindet? Vielleicht am ehesten auf dem Mont Ventoux, diesem riesigen, einsam aus der Landschaft aufragenden Hügel, der den nahegelegenen Papstpalast in Avignon bei weitem überragt. Petrarca war es, der sich 1336 aus den dunklen Tälern des Mittelalters herausgearbeitet hatte und schließlich bis zum Gipfel des windigen Berges stieg. Auch Jürgen Habermas hatte sich in ‚Die neue Unübersichtlichkeit‘ auf so einem Hügel positioniert und hatte beklagt, dass heute so viel Nebel liegt. Wenn sich dieser Nebel doch endlich wieder lichten würde: Aufklärung!

      Normalerweise wird das Bergsteigen in den Wissenschaften – vor allem in der Soziologie – immer innerhalb eines verhältnismäßig eng gesteckten Rahmen einer ‚Geschichte des Alpinismus‘ betrachtet. Als Bergsteiger und Ethnologe war mir dieser Rahmen immer schon zu eng. Denn diese Geschichte beginnt meist erst mit Petrarca und dem Mont Ventoux, häufig in Verbindung mit dem Verweis, dass Berge in der sogenannten ‚Vormoderne‘ vor allem gefürchtete Orte waren. Doch ein etwas detaillierter Blick auf diese vormodernen Kulturen zeigt, dass auch hier sehr komplexe Beziehungen zwischen Menschen bzw. Kulturen und Bergen bestehen. Eine Betrachtung dieser Beziehungen in ‚modernen‘ als auch in ‚vormodernen‘ Kulturen kann in vielerlei Hinsicht aufschlußreich sein.

      Wie stehen Sie zu diesem Thema? Ich würde mich hier sehr über Kommentare, Anregungen, Beiträge, Verweise oder Kritik freuen.

      MfG

      Martin Lohmann
    • Dass der Anblick der Berge, das Wandern und Bergsteigen, der Aufenthalt im Gebirge, die Menschen zum Nachdenken anregen, ist nicht neu. Nietzsche hat sich nicht nur aus gesundheitlichen Gründen in den Bergen aufgehalten. Die Alltagsprobleme der Flachländer (oder Flachdenker) erscheinen in der Atmosphäre des Gebirges sinnbildlich klein und flach. Man kann durchatmen. Und man wird daran erinnert, dass es etwas Größeres gibt - die Natur. So feindlich sie sein kann, so sehr gibt sie auch Heimat.

      Das Denken wird in den Bergen freier. Und es kann sich von sich selbst erholen, indem sich der Mensch beim Anblick der Berge in sie versenkt.

      In den Bergen habe ich ein Gefühl der Sammlung, eine innere Konzentration. Wenn ich am Strand stehe und auf das weite Meer schaue, habe ich das Gefühl, mich aufzulösen, mich einer großen Macht hinzugeben.

      Es gibt zu viel Flachland und zu wenig Gebirge auf der Welt, zu viel Massenkonsum und zu wenig wahren Genuss. Der Mensch, der seine Einsamkeit nicht aushält, wird sich allein im Gebirge nicht wohl fühlen. Der Mensch, der seine innere Größe kennt, wird freudig allein durch die Berge wandern.

      "Wir sind so gerne in der freien Natur, weil sie keine Meinung über uns hat."

      - Nietzsche

      "Wer die Berge nie gesehen hat, hat nie gelebt.
      Sie sind die Stellvertreter Gottes auf Erden."

      - Noteboom


      Gruß
      Jörg

      In den Bergen überkommt mich ein ozeanisches Gefühl.
      Die Meere aus Stein
      entführen mich ins Sein.