Sloterdijk: "Normal" und AngepasstSein als Vorstufen des Wahnsinns?

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    • Nick, eigentlich ist doch alles schon gesagt: Habermas lehnt - wie ich- das flache EsoGetue ab, wie sie es bevorzugt in Bahnhofsläden anbieten. Danke, dass Du mir Witz bescheinigst, den Begriff "Demokratie" mal mit den Abstimmungen am Ladentisch in Verbindung zu bringen. Die ethische Reife dort ähnelt sicher der in Wahlkabinen. Ich nehme die Kommentierung meines Vergleichs als Kompliment.
      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hellmut ()

    • Es ist mal wieder Zeit, abzuschließen, Nick. Wir haben im Phil.Cafe das neue SloterdijkBuch zum Jahresthema gemacht und werden mit Freude die transzendenzoffene Linie des Herrn entfalten. Und dennoch nicht auf EsoNiveau verfallen.


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      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)
    • Hellmut schrieb:

      Autist, ich stimme Dir im positiven (manchmal begeisterten) Urteil über Sloterdijk zu, versteh aber nicht ganz, worauf Du hinauswillst: Das Fremdsein in der Welt mit Parallelen zum "Brecher aller Normen" a la Nietzsche und Sloti? Vielleicht.

      Ich hatte Zweifel daran angemeldet, daß die Frage, die Sloterdijk im Titel zugeschrieben wird, von ihm so gestellt wird. Weiter wollte ich mitteilen, daß ich die Bezeichnung als "idealistisch" nicht als Ablehnung dieses Idealismus meinte.
    • Autist: Die tread-Titel-Frage wird nicht wörtlich von ihm so gestellt. Aber wer in das Buch:"Du mußt dein Leben ändern" tiefer reingeht, merkt, dass es einen "revolutionären" Touch verfolgt. Nicht im gesellschaftlichen (gar marxistischen) Sinne, sondern als "Umkehr" (Abkehr?!) mit Leib und Seele von materiellen, zeitlichen und die Bindungen zum Diesseits stärkenden Lebensformen.
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    • Limlim schrieb:

      ... können wir via Text dieser Interpretation auf die Spur kommen?
      Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, weil Hellmut das ablehnt, was Sloterdijk Waffengleichheit der diskursiven Bedingungen nennt. Er hat es nicht nötig auf Einwendungen zu reagieren, Fragen zu beantworten, Argumente zu entkräften, Klärungen vorzunehmen, er verweist einfach auf eine Tiefe oder Höhe - und das muss dann genügen.
    • Hellmut schrieb:

      Aber wer in das Buch:"Du mußt dein Leben ändern" tiefer reingeht, merkt, dass es einen "revolutionären" Touch verfolgt. Nicht im gesellschaftlichen (gar marxistischen) Sinne, sondern als "Umkehr" (Abkehr?!) mit Leib und Seele von materiellen, zeitlichen und die Bindungen zum Diesseits stärkenden Lebensformen.

      Ungefähr ahne ich wohl, was du meinst. Wie schon erwähnt sehe ich ihn nicht als jemand, der diese Frage stellt, sondern diese Wertung ohne zu fragen zumindest so ähnlich vertritt. "Materiell" meinst du eher im sprichwörtlichen Sinn, vermute ich? Materie ist ja ein Teil des Diesseits.
    • Limlim, ich werde schon in Kürze mit Zitaten aus dem aktuellen Buch (ich denke, Du hast es?!) dienen können. Habe nur momentan schlecht Zeit- Peter Sl. kommt irgendwann am Wochenende vorbei und ich habe irgendwie die Nummer des Käfer-Partyservice verlegt, sorry.
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    • Limlim, und auch Autist, zunächst möchte ich Euch bitte, nochmal zum threadAnfang von mir zurückzugehen. Ich weiß nicht, ob es viel deutlichere Stellen bei Sloterdijk gibt, die seine Grundthese in diesem Punkt deutlicher machen: Er sieht den gesellschaftlichen mainstream stark so, wie es die sprichwörtliche Redensart mehr augenzwinkernd andeutet: "Das ist dort der ganz normale Wahnsinn!" sagte gerne jemand, der sich in seiner Firma unwohl fühlt, es aber aus Sachzwängen heraus dort noch ein paar Jahre aushalten muss.
      Das Umstürzlerische an seinen Gedanken, dass er wohl sehr stark aus Nietzsches "Umwertung aller Werte" nährt, kommt aber beispielsweise in seiner Deutung von Platon gut heraus (für mich wenigstens): Auf S. 469 schreibt er:"Es gibt hiernach eine Bewegung aller Bewegungen, ohne die sich der Begriff Wahrheit, dieser Denktradition zufolge, nicht angemessen konzipieren läßt.
      Von dieser Bewegung, die nicht nur Rückzug, sondern Drehung ist, hat in der abendländischen Tradition zuerst Platon Rechenschaft gegeben. Die kritische Bewegung erscheint bei ihm zunächst als rein kognitiver Akt, der von der korrupten sinnlichen Welt zur inkorruptiblen geistigen Welt führen soll. Fettdruck von mir. Zu seiner Ausführung ist eine Wende des Gesichtssinns aus dem Dunklen ins Helle vonnöten, die aber nicht anders als mit dem gesamten Leibe zugleich geschehen kann. Wieder...von mir
      Da nur ganz wenige Eliten, so sinngemäß wie ein roter Faden durchs ganze Buch, diese Wenden durchführen, bleibt der Mainstream (die "Normalos") von solcher "Buße" (=Umkehr, wörtl.) weitgehend unbeleckt. Aus der Sicht der Gewendeten läuft dort eben dieser besagte "alltägl. Wahhnsinn" ab. Wichtig auch noch, dass da ein therapeutisch-ganzheitlicher Prozeß (siehe letzten Fettdruck!), der zu jedem EsoTherapieraum (auch Heilpraktiker genannt) gut als Schild über der Tür passen würde.
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    • Interessant finde ich, wie viele Ansätze es in diesem Forum gibt, die im Grunde meinen Beobachtungen entsprechen. Spannend finde ich auch hier zu überlegen, inwieweit man Autismus in dieses Raster einfügen könnte. Durchschnittlicher Nichtautismus ist eine verbreitete Form der Schizophrenie. Tragisch scheint mir oft zu sein, daß Nichtautisten zwar glauben Ideale konsequent zu vertreten, aber mir das oft nicht so vorkommt. So gibt es nach meiner Beobachtung auch in der Antifa reflexartigen Rassismus (damit meine ich das übliche Begriffsverständnis, nicht "Rassismus" gegen Autisten). Ich zweifle daran, daß die meisten Nichtautisten überhaupt einen ausreichenden Realitätsbezug aufweisen, um solche Wandlungen konsequent zu vollbringen. Ausschließen will ich das nicht, ich würde mich freuen. Aber ich sehe das bisher nirgendwo. Ideale scheinen mir für die meisten Nichtautisten eine Art "Patch" für die eigene eher archaische und auf Faustrecht beruhende Veranlagung zu dienen. Jedoch ist dieses Patch selbst bei optimalem Gebrauch nach meinem Eindruck nicht mächtig genug, um eine echte Wende dieser Natur zu ermöglichen.
    • Autist: Was hältst Du von dieser These: Völlige Überwindung von jeglicher Form von Schizophrenie setzt das Finden "wahrer Anschaungen" voraus und den Mut, diese ohne Abstriche im Miteinader zu leben. Die Fluchtvariante "Autismus" wäre dann auch völlig hinfällig.
      Vielleicht eine der vielen Umschreibungen für Erleuchtung?
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    • Wie soll man etwas überwinden, das genetisch mehr oder weniger festgelegt ist? Strikter Gendeterminist bin ich nicht, aber es scheint da ja schon Zusammenhänge zu menschlichem Verhalten zu geben. Autismus sehe ich ebensowenig als Flucht wie Authentizität an sich. Wenn Autisten sich heute oft in Nischen flüchten liegt das aus meiner Sicht an den Umständen, nicht an Autismus selbst.
    • So, wie es scheint hat da Sloterdijik eifrig Erich Fromm und auch Arno Gruen und andere Werke aus der humanistischen Psychologie/Soziologie gelesen.

      Ist ja völlig legitim. Nur sollte man es nicht als eigene Idee verkaufen. Dabei auf religiöse Werke zurrückzugreifen finde ich nicht schlecht, jedoch als Schwerpunkt ungeschickt. Aber ich habe das Buch nicht gelesen, daher mein Urteil nicht zwingend bindend 8)

      Bei dieser Erkenntnis handelt es sich hinsichtlich des Begriffs "Wahnsinn" um eine umgekehrte Anschauungsweise als etwa bei Michel Foucault ("Wahnsinn und Gesellschaft"), der Wahnsinn als ein gesundes Element des Besonderen sah. Bei ihm galt der Begriff "Wahnsinn" als Anti-Konformität.

      Sloterdijk hingegen verwendet den Begriff in humanistisch-psychologischer Manier wie er auf Auguste Comte zurrück geht, der ein zu hohes Mass an Konformität in der Gesellschaft ebenso als ungesund sah. Später waren es dann Soziologien à la Erich Fromm und jüngst der renomierte Psychologe Arno Gruen der ebenfalls und tiefergehend auf die ambivalenten Mechanismen sowohl in der Psyche als auch Geselllschaft aufmerksam machte.

      So kann man wohl Sloterdijk's Werk als Ergänzung betrachten, die sich (wie's scheint) nahtlos dieser Denktradition anschliesst.

      Und was den Inhalt betrifft : Ja, so sehe ich es auch.
      Das sollte einfach mal gesagt werden