Sloterdijk: "Normal" und AngepasstSein als Vorstufen des Wahnsinns?

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    • Geld und Ziel

      Stultitia_II schrieb:

      ... eine einseitige Reduktion oder 'Halbierung'?
      Es ist schwer, über ein Buch zu reden, dass ich nicht kenne. (Ein Lesethread ohne Buch :) In zwei Interviews kann man sicher nicht so viel und so differenziert reden wie auf ein paar hundert Seiten. Deswegen steht natürlich alles unter Vorbehalt.

      Ich dachte - inzwischen - an eine "andere" Reduktion. Ist es nicht eine "gute" alteuropäische Tradition das Vielfältige auf Eins hin zu reduzieren? In diese scheint sich Sloterdijk (von außen gesehen) einzureihen, wenn er alle möglichen Praktiken als Üben sehen will. Andererseits: Gut gemacht, kann so eine Perspektivveränderung sicher neue Einsichten erwirtschaften :) Kömmt eben irgendwie drauf an, wie man es anfängt: "Lass es uns mal (versuchsweise) so sehen" ist da vielleicht etwas sympatischer als ein apodiktisches "In Wirklichkeit verhält es sich so!" Welchen Weg Sloterdijk hier geht, welche der beiden Möglichkeiten er wählt, weiß ich ja nicht - am Ende eine dritte oder vierte ... (Man traut wohl mit Recht niemandem, der sich selbst einen Platz einräumt, von dem er alles zu sehen vorgibt.)

      "Üben" (statt "trainieren" zum Beispiel) klingt ein wenig out of fashion, weswegen sich der Begriff ja fast auch anbietet. Es scheint denn auch Sloterdijks Masche und/oder Stärke zu sein, Begriffe gegen ihren gewohnten Klang zu verwenden, um damit Funken zu schlagen. Wie weit man mit so einer Methode allein kommt, weiß ich nicht ...

      Stultitia_II schrieb:

      Und auch in einer 'ganz profanen' Verwendungsweise des Worts "spirituell" schwingt - ob nun beabsichtigt oder nicht - natürlich noch die nicht profane Verwendungsweise nach... fast wie eine Art überhöhender Nimbus :) .
      Nach wie vielen Seiten das Mitschwingen wohl abschwingt? Wer den Begriff freudig erregt aufnimmt, wird vielleicht nicht mal merken, was da vor sich geht, andere schließen den Profanisierungsprozess vielleicht schon auf Seite 2 ab :) Und wer jedes mal kotzen muss, wenn nur das Wort "Geist" fällt, dem ergeht es vielleicht ganz übel.

      Stultitia_II schrieb:

      "Standpauke"
      Irgendwie ist Sloterdijks Marathon-Beispiel auch auf andere Weise löchrig. Der Sohn des Industriellen läuft schneller. Warum? Weil er von profanen Arbeiten freigestellt war, widmete er seine Zeit dem Üben, während der (ebenso) talentierte Arbeitersohn dieses Glück nicht hatte und hinter ihm landete. Das, was auf der Strecke passiert, ist eben nicht alles. Zum Üben braucht es Muße und andere Mittel ... zum Beispiel qualifizierte Trainer, Übungsleiter oder Meister, Zeit und Geld usw. - ohne bleibt man vielleicht auf der Strecke. Weswegen junge Leute heute auf die Straße gehen und für Bildung und gegen Studiengebühren protestieren. Die wollen üben.

      Stultitia_II schrieb:

      worin wir uns denn üben wollen/sollen
      Es gebricht möglicherweise nicht am Willen zur Übung, es fehlen am Ende die Ziele. Und wenn die Ziele und Werte fehlen, finden sich vielleicht statt Trainern Rattenfänger oder Führer, die den Weg zu kennen vorgeben. Ich hab bei mir im Regal ein Buch stehen, das den Titel trägt: Einübung des Ungehorsams. Dummerweise ist auch das Gegenteil denkbar.

      Allerdings: Manche Übungen, manche Exerzitien, manches Exerzieren - wie komisch das ist, wenn man diese Begriffe gegeneinander austauschbar macht, nicht wahr - wie auch immer: manches (Aus-)Üben hat ja einen Wert bereits in sich, ist vielleicht einfach schön und auf nichts weiteres angewiesen. Ob es richtig ist ... (wie dieser Satz richtig weiter geht, weiß ich nicht.)

      Dieser Beitrag wurde bereits 11 mal editiert, zuletzt von Nick ()

    • Nick schrieb:

      In zwei Interviews kann man sicher nicht so viel und so differenziert reden wie auf ein paar hundert Seiten. Deswegen steht natürlich alles unter Vorbehalt.

      Das Buch kenne ich auch nur auszugsweise, so dass ich Dir insofern natürlich recht geben muss. Vielleicht habe ich auch etwas übersehen, auszuschließen ist das sicher nicht. Und sicher kann man in ein paar Interviews (oder auf ein paar Seiten) nicht so viel reden... bei "differenziert" wäre ich mir dagegen nicht so sicher :) . Es ist zumindest, denke ich, sehr wohl möglich, sich klar auszudrücken, ohne in Einseitigkeiten und Reduktionen zu verfallen. Eine Betrachtung unter der Perspektive des "Übens" kann, wenn sie "gut gemacht" ist, sicher neue (und überraschende) Einsichten ermöglichen... allerdings ist sie, will man sich nicht einfach unbesehen der erwähnten 'guten' metaphysischen "alteuropäischen Tradition" anschließen, "das Vielfältige auf Eins hin zu reduzieren", eben auch nur eine Perspektive unter anderen, die sich als solche nicht zuletzt durch das verstehen lässt, was man unter ihrem Blickwinkel womöglich nicht (oder nicht mehr?) sehen kann und ließe sich insofern also wohl auch nur unter Mitberücksichtigung der 'Horizontalen', d.h. im Kontext anderer möglicher Perspektiven angemessen beurteilen. Apodiktische Formulierungen wie "es gibt nur..." suggerieren dagegen eher, dass es darüber hinaus einfach nichts zu sehen gibt, d.h. sie verstellen und verengen wohl eher den Blick oder blenden irgendetwas aus :) , und sind für mich insofern zumindest ein 'Warnsignal', dass Vorsicht und Skepsis bei der weiteren Lektüre angebracht sind (irgendwie reizt so etwas ja auch dazu, nachzusehen, ob es wirklich nichts weiter zu sehen gibt :) ). Einen sehr differenzierten (geschweige denn sympathischen) Eindruck macht so etwas jedenfalls wirklich nicht...

      Nick schrieb:

      Es gebricht möglicherweise nicht am Willen zur Übung, es fehlen am Ende die Ziele.

      "Europäische Aufklärung - eine Formkrise? Ein Experiment auf der schiefen Ebene zumindest, und im globalen Horizont gesehen eine Anomalie. Die Religionssoziologen sagen es unverblümt: Überall auf der Welt wird weiter kräftig geglaubt, nur bei uns hat man die Ernüchterung verherrlicht. Tatsächlich, warum sollten denn allein die Europäer metaphysisch Diät halten, wenn der Rest der Welt unbeirrt an den reich gedeckten Tischen der Illusion tafelt? (Sloterdijk, Du musst dein Leben ändern, 11f.)

      Apropos:
      An diese aufklärerische "Ernüchterung" anknüpfend verfolgt Sloterdijk ja auch seine religiöse 'Märchenkritik' und entwickelt sein Konzept eines "Lebens in Übungen" (die man insofern vielleicht ja auch als eine Art asketische Sinndiät verstehen kann :) ?). Ich weiß nicht, ob Sloterdijk im folgenden auch darauf eingeht, aber spielt der Begriff des Übens nicht auch bei Kant eine Rolle? Bzw. ist die Urteilskraft (nicht zuletzt auch als ein Vermögen, treffend zu urteilen, sich auch im Hinblick auf Werte und Ziele zu orientieren, so dass der Mensch sich - bekanntlich ein eminent aufklärerisches Anliegen :) - darin getrost auf seine eigenen Kräfte verlassen kann und insofern auch nicht mehr auf religiöse oder weltliche Autoritäten angewiesen ist bzw. sich auch gegen die Verblendungen und Verführungen durch "Rattenfänger" und "Führer" aller Art immunisieren kann ) laut Kant nicht auch so ein "besonderes Talent", das "nicht belehrt, sondern nur geübt" (KrV B 172) werden kann...?
      Geht das zwangsläufig mit irgendeiner "Ernüchterung" einher? „Hätten die Nüchternen / Einmal gekostet, / Alles verließen sie, / Und setzten sich zu uns / An den Tisch der Sehnsucht, / Der nie leer wird“ heißt es in den Geistlichen Liedern des Novalis :) . Sich an den "Tisch der Sehnsucht" zu setzen oder sich Illusionen auftischen lassen ist möglicherweise auch zweierlei...
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko

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    • Nick schrieb:

      Allerdings: Manche Übungen, manche Exerzitien, manches Exerzieren - wie komisch das ist, wenn man diese Begriffe gegeneinander austauschbar macht, nicht wahr - wie auch immer: manches (Aus-)Üben hat ja einen Wert bereits in sich, ist vielleicht einfach schön und auf nichts weiteres angewiesen. Ob es richtig ist ... (wie dieser Satz richtig weiter geht, weiß ich nicht.)

      Ich auch nicht :) . Aber vielleicht erübrigen sich solche Fragen (wie auch die nach "Werten" oder "Zielen") in solchen Fällen auch einfach... Eben: es hat seinen Wert und seine Richtigkeit bereits in sich.
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

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      M. Kaléko

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    • Die Normalen, die normalen Eliten, die Avantgarden oder wo ist eigentlich vorne? Die Karawane zieht weiter ... nächster Halt: Endstation.

      Hellmut schrieb:

      [...] beim mitläuferhaften Spießertum? [...]
      [Sloterdijk über] Hugo Ball aus dem Roman Flametti : "Diese Leute seien wahrhaftigere Menschen als die Bürger, denen es scheinbar gelingt, sich in der Mitte zu halten. Diese Variete-Menschen wissen mehr vom wirklichen Leben, weil sie an den Rand Geworfene, Gestürzte und Angeschlagene sind. Diese gerempelten Menschen sind es, die vielleicht als einzige noch authentisch existieren. In einer Zeit, in der die Normalen sich dem Wahnsinn verschrieben haben, erinnern sie sich, ihrer Gebrochenheit zum Trotz, an die besseren Möglichkeiten des Menschseins.

      ... ich will mal am Ball bleiben. Vor dem Hintergrund der Bilder von den Marathon- und sonstigen Läufern, die Sloterdijk ins Spiel brachte, stellt sich vielleicht die Frage nach den Mitläufern noch mal anders. Man kann versuchen, sich von den Metaphern verwirren zu lassen :-) Damit man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, vorn und hinten. Eine Einübung ins Verwirrt sein. Denn, so sagt man, man soll nicht klarer schreiben als man denken kann :-)

      Wenn die neue Elite bloß diejenigen sind, die schneller laufen, dann sind sie natürlich auch nur Mitläufer, denn die Veranstaltung in der Arena ist ja nichts als eine einzige Konkurrenz ... concurrere heißt ja ursprünglich „zusammenlaufen“. Im obigen Text Balls sind die Wahnsinnigen in den ersten Welt-Krieg gelaufen, manche sogar voller Enthusiasmus, eine Form von göttlicher Besessenheit, die manche zu besonderer Leistung antrieb: sie waren dann eben noch schneller zerfetzt. Eine Elite der Zerfetzten. Am Rande dieses Wettlaufes in den Abgrund, stehen (nach Ball) andere Abgründige; die, die im allgemeinen Gerenne eben auf der Strecke geblieben (und keine Eliten) sind: an den Rand Geworfene, Gestürzte und Angeschlagene. Welches ist nun der "natürliche Ort" der Elite, der "natürliche Ort" der Ausgelesenen oder Auserlesenen?

      Es war wohl Pi mal Daumen die selbe Zeit, als die Rede von den Avantgarden aufkam. Auch dieser Begriff entstammt der Militärsprache: Das ist die Vorhut, diejenigen die vorweg schreiten, die anderen kommen kaum hinterher, sie kommen nicht mit - welch schöner Doppelsinn. Jenen Hugo Ball könnte man vielleicht, ohne all zu viel falsch zu machen, zu den Avantgarden rechnen. Bei Dada kam keiner mehr mit: der Sinn hatte direkt in den Wahnsinn des Krieges geführt, vielleicht bot also der Unsinn einen Ausweg, war vielleicht die Logik hinter Dada. (Es ist natürlich grausam, wenn hinter der Unlogik eine Logik steht - aber das ist ein anderes Thema.)

      Eines der bekanntesten Gedichte Balls ist wohl die Karawane - gerade eine Karawane:

      KARAWANE

      jolifanto bambla ô falli bambla
      grossiga m’pfa habla horem
      égiga goramen
      higo bloiko russula huju
      hollaka hollala
      anlogo bung
      blago bung
      blago bung
      bosso fataka
      ü üü ü
      schampa wulla wussa ólobo
      hej tatta gôrem
      eschige zunbada
      wulubu ssubudu uluw ssubudu
      tumba ba- umf
      kusagauma
      ba - umf

      (1917 zur Erinnerung: erster Weltkrieg 1914 bis 1918)

      Die vielfältigen Avantgarden vom Ende des 19 Jhd. und zu Anfang des 20. Jhd. zeichneten sich insbesondere dadurch aus, dass sie ganz uneinheitlich waren. Man könnte fast meinen, sie seien von einem donnernden Ereignis aus in die verschiedensten Richtungen auseinander gestoben auf der Suche nach Neuland, nach neuen Horizonten - Horizontalen hätte ich jetzt fast geschrieben :-) Die Frage, wo hier vorne ist, kennt dann wohl keine Antwort. Oder? Doch: Denn ins Vertikale gedreht, lautet die simple Antwort der sportlichen Elite einfach: Wo ich bin, ist oben. Die Schnellsten sind eben die Schnellsten.

      Was gewinnt man, könnte man den interviewten Sloterdijk fragen, wenn man dem zunehmenden Auseinanderstoben (dem Zerbröseln des Kittes?) einfach den Begriff der Elite entgegenstellt? Es klingt nach der alten Diagnose ohne neue Antwort ... die Senkrechte der Elite wird die Waagerechte der Diversen vielleicht nur mit Gewalt ins Lot bringen? Aber: "Demokratie Unsere Ansichten gehen als Freunde auseinander." (Jandl) Und noch mal eine Kehrtwende mit Jandl:

      Der Knabe und die Straßenbahn

      Immer fährt so ein kleiner
      rothaariger Knabe
      auf dem Trittroller neben
      der Straßenbahn her.
      Plötzlich dreht er und fährt
      in die andere Richtung
      und weiß auf einmal
      genau, was er tun muß,
      um die Straßenbahn zu überholen,
      auch wenn er bloß ein kleiner
      rothaariger Knabe
      auf dem Trittroller ist.

      Das Spontane, nicht eingebübte ist vielleicht auch ein Wert :-) Allerdings ist oft der Geübte der Spontane. Schwer zu sagen ...

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    • Gauklermärchen

      Diese Variete-Menschen wissen mehr vom wirklichen Leben, weil sie an den Rand Geworfene, Gestürzte und Angeschlagene sind. Diese gerempelten Menschen sind es, die vielleicht als einzige noch authentisch existieren. In einer Zeit, in der die Normalen sich dem Wahnsinn verschrieben haben, erinnern sie sich, ihrer Gebrochenheit zum Trotz, an die besseren Möglichkeiten des Menschseins. (Sloterdijk, Zitat Hugo Ball)


      Wie lässt sich das - ohne festlegen zu wollen, wo oben und unten, vorne und hinten ist - überhaupt verstehen? Was macht "Variete-Menschen" denn zu solchen? Dass sie "an den Rand Geworfene, Gestürzte und Angeschlagene" sind oder sich selbst in solchen Kategorien wahrnehmen? Oder eher, dass sie sich eben in etwas anderem 'üben', aufzeigen, dass es vielleicht doch noch andere, buntere, vielfältigere :) Lebensmöglichkeiten und andere Horizonte gibt, andere Ziele als unbedingt Sieger sein oder einer "Elite" von Leistungsträgern angehören zu wollen (oder auch nur irgendwie 'in Form kommen', bei der Laufrichtung anderer noch halbwegs hinterher- oder mitkommen zu müssen, um nicht unter die Räder zu geraten oder abgehängt zu werden) - sie können ihre eigene Laufrichtung vielleicht auch ändern, Neuland erschließen :) . Darin, nicht darin, dass sie irgendwie Randfiguren - oder "Eliten" - sind, liegt vielleicht ihre Bedeutung als "Variete-Menschen" ...

      "An den Rand Geworfene, Gestürzte und Angeschlagene", die in irgendeiner Weise auf der Strecke bleiben oder nicht mehr zurechtfinden, gibt es in einer sich ohnehin schon immer mehr in 'oben' und 'unten' auseinanderdriftenden und unter dem zunehmenden Druck ihrer eigenen "Vertikalspannung" leidenden Gesellschaft allerdings sicher zuhauf. Anscheinend gibt es, habe ich neulich erfahren, tatsächlich immer mehr Menschen, die ganz einfache alltägliche Dinge nicht mehr bewältigen, die nicht mehr wissen, wie man Feste feiern kann, die buchstäblich verwahrlost, hilflos, krank oder mit ihrem Leben irgendwie überfordert sind. Das Elend, mit dem man im Kontakt mit solchen Leuten regelmäßig konfrontiert ist, scheint oft unbeschreiblich zu sein. Dass die "an den Rand Geworfenen, Gestürzten und Angeschlagenen" als solche irgendwie "authentischer" sein sollen, mehr "vom wirklichen Leben" wüssten oder gar an die "besseren Möglichkeiten des Menschseins" erinnerten erscheint anbetrachts dessen wirklich als blanker Zynismus, bestenfalls wie bestürzende Ahnungslosigkeit. Viele geben vielleicht auch einfach auf, resignieren oder lassen sich treiben oder stürzen schlimmstenfalls eben tief, möglicherweise eben auch weil ihnen Varietät, Vielfalt und damit Möglichkeiten, auch anders zu leben, fehlen - vielleicht geht mit dem Auseinanderdriften auf vertikaler ja auch ein Zerfall auf horizontaler Ebene einher? Wer nicht (mehr) 'mithalten' kann - aber auch, wer nicht zu den "Ausgelesenen" (Ausgemusterten?), sondern noch zu den "Auserlesenen" zählt, seinen Platz behaupten muss, etwas zu verlieren hat - lebt de facto offenbar ja oft auch ziemlich isoliert. Viele, habe ich auch gehört, 'haben einfach niemanden mehr'.
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

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      M. Kaléko

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Stultitia_II ()

    • Nick schrieb:

      Wenn die neue Elite bloß diejenigen sind, die schneller laufen, dann sind sie natürlich auch nur Mitläufer, denn die Veranstaltung in der Arena ist ja nichts als eine einzige Konkurrenz ... concurrere heißt ja ursprünglich ?zusammenlaufen?. ... Welches ist nun der "natürliche Ort" der Elite, der "natürliche Ort" der Ausgelesenen oder Auserlesenen?
      Soweit ich das sehe, gibt es nicht ein Zusammenlaufen, das als gemeinsame Übung praktiziert wird, obwohl die Mengen sich zu einer gesellschaftlichen Tätigkeit gruppieren. Die Stadien, die Laufbahnen, die Rennbahnen dieser Welt, sind "Kollektoren" nicht eines kollektivistisch motivierten Miteinanders, sondern eines individualistisch motivierten "Gegensichselbst". Sloterdijk betont ja, dass diejenigen, die über andere siegen, nicht "gegen" sie eine offensive Geste artikulieren, sondern in ihrem gegen sich selbst angetretenen Leistungskampf jenen Platz in den Gesellschaften (z.B. Podeste) einnehmen, der ihnen gebührt.

      Es ist, so wie ich es verstehe, nicht ein "mit dem Stromgehen", das den Druck auf die Einzelnen erhöht. Der "Vertikaldruck" wird nicht von Eliten, die als Gesellschaft(en) fungieren, nach unten verlagert, sondern es entstehen gesellschaftliche Dynamiken aus den individuellen Antrieben zur Selbstverbesserung. Das Sloterdijksche Konzept baut sozusagen auf der Diagnose der individuellen Verbesserungstendenz einzelner Individuen auf, die sich ganz selbstverständlich (also auch ohne eine Ort oder Platz in der Gesellschaft einzunehmen) eingliedern.

      Die "vertikale Leistungsarchitektur" ist so gesehen das spontane Resultat eines dem Individuum inhärenten Willens zur Selbstoptimierung. Inhärent ist er nur bei jenen Individuen, die sich in ihren jeweiligen Disziplinen als Pioniere oder Rekordhalter plazieren können. Es sind jene, die "sich auszeichnen" wollen (und können), die diesen Willen zeigen. Aber es ist kein Miteinander im Sinne eines kollektiven Exertitiums, was die Vertikalspannung erhöht, sondern ein "Gegen sich selbst" rennen, was Sieger und Verlierer produziert.

      Aber die Frage bleibt in den Interviews unbeantwortet: Was geschieht mit den Verlierern? Welche Rechte oder Privilegien geniessen die Gewinner gegenüber den Verlierern? Es scheint so, als müssten sich die künftigen Gesellschaften darauf einstellen, ihre moralischen und sozialpolitischen Verfassungen zu überdenken. Denn, in einer Gesellschaft, wo ein jeder gegen sich selbst läuft, bleibt das Miteinander auf der Strecke. Und kein Glücksversprechen an die (aus welchen Gründen auch immer) Unqualifizierten tröstet sie.
      ich will mit dir fühlen

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Limlim ()

    • Grenzschutzmaßnahmen

      Whether 'tis nobler in the mind to suffer
      The slings and arrows of outrageous fortune,
      Or to take arms against a sea of troubles,
      And by opposing end them? [...] (Shakespeare: Hamlet)


      Nick schrieb:

      Wenn man dies nimmt (Rilkes Wort und Sloterdijks Übungen) dann ist natürlich jeder Mensch in einem ganz immanenten Sinne mehr oder weniger "transzendenzoffen", was dann nichts anderes hieße, als dafür offen zu sein, Grenzen zu überschreiten, etwa die eigenen.

      Nick schrieb:

      Wenn die neue Elite bloß diejenigen sind, die schneller laufen, [...]
      Vielleicht doch nicht ganz :) . Der Sinn des unablässigen Übens und Selbstoptimierens scheint für Sloterdijk darüber hinaus ja auch darin zu liegen, sich in Form zu bringen, um - nach dem Vorbild des biologischen Immunsystems - von außen drohenden Verletzungsgefahren, Krankheiten (oder anderweitig hereinbrechenden drohenden Niederlagen und 'Krisen') gewachsen zu sein bzw. damit im Ernstfall besser damit fertig werden zu können, und lässt sich insofern vielleicht auch als im Dienst eines vitalen Überlebens- und Selbsterhaltungsinteresses stehende symbolische Selbstimmunisierungspraxis verstehen:
      "Solche [biologischen] Immunsysteme könnte man ebensogut als organismische Vorstufe eines Sinns für Transzendenz beschreiben: Dank der ständig sprungbereiten Effizienz dieser Vorrichtungen setzt sich das Lebewesen mit seinen potentiellen Todbringern aktiv auseinander und stellt ihnen sein Vermögen zur Überwindung des Tödlichen entgegen. Solcher Leistungen wegen hat man Immunsysteme dieses Typs mit einer 'Körperpolizei' oder einer Grenzschutztruppe verglichen" (Sloterdijk, Du musst Dein Leben ändern, 20)

      freitag.de/datenbank/freitag/2…atur-sloterdijk-zeh/print

      Was in diesem Zusammenhang freilich auch die Frage aufwirft, ob man sich beim Antrainieren von etwas zugleich nicht möglicherweise immer auch etwas abtrainiert... Immunisieren kann man sich sicher gegen alles mögliche, was treffen oder auch betreffen kann, unter anderem leider auch gegen Kritik, Gefühle, Überraschungen,...
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko

      Dieser Beitrag wurde bereits 7 mal editiert, zuletzt von Bartleby ()

    • Dass Sloterdijk den Begriff der "Anthropozentrik" nicht etwa in einem Anflug kreativer philosophischer Inspiration "gefunden" hat, sondern beim Einkauf von Katzenfutter in Frankreich, das zeigt ihn als Mensch, der zwischen Regalen auch ganz einfache alltägliche Tätigkeiten ausüben kann und nicht nur "elitären Denksport" praktiziert :)
      ich will mit dir fühlen

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Limlim ()

    • Liebe Leute!

      Zurück aus Bergwandertagen dies: "Übt!" sagt Sloterdijk und er erinnert mich darin letztlich im Gestus an den Arzt aus dem Kettenraucherbeispiel, das ich schon mal anführte: Wenn der Arzt dem schon gesundheitlich schwer angeschlagenen Kettenraucher (evtl. noch als Hartz-4-Empfänger) rät: "Du musst dein Leben ändern!" dann tut er das mit der impliziten Wertung, dass nur dann sein Leben (und länger) lebenswert bleiben kann. Sloterdijk ist eigentlich auch so ein Arzt, nur dass er ziemlich alle Arten von Defiziten, die lebensvermindernd wirken können, im Blick zu haben vorgibt. Die "Richtung", deren Fehlen hier manche User zu vermissen scheinen, hat- so scheint mir- Sloterdijk von Nietzsche übernommen. Dieser hat ja mal festgestellt, dass "gut" all das ist, was dem Leben dient. Und damit setzt er sich allzu fröhlich wissend ("wissenschaftlernd") von einem Kant wie von den 10 Geboten ab, die das in dieser Klarheit auch nicht als Leitlinie betonen.

      Was an solchen Grundgedanken bei Sloterdijk elitär sein soll, wird mir ebenso wenig klar wie so etwas dem erwähnten Arzt unterstellt werden kann.
      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)
    • "Nichts schmeckt mir hier" - ein ganz normaler Wahnsinn?

      Wie steht es eigentlich mit Kafkas "Hungerkünstler", auf den Sloterdjik in seinem Buch ja auch eingeht? Erscheint der Imperativ des Übens nicht gerade in dieser Erzählung in einem zutiefst fragwürdigen Licht? Dient so etwas dem "Überleben", gar dem "gemeinsamen Überleben"? Oder opfert der Hungerkünstler vielmehr nicht sogar gerade sein Leben dem Perfektionsstreben, seine Artistik vollendet auszuüben oder zu beherrschen, über die elementaren Bedürfnisse des eigenen Körpers erhaben zu sein? Ist er extrem diszipliniert, oder im Gegenteil eher verwahrlost und selbst Opfer einer verhängnisvollen Eigendynamik, ein Getriebener, der sich gehen lässt? Angehöriger einer 'Elite' oder "Angeschlagener"? Und wie steht es mit seiner - als Verzicht auf Nahrung negativ bestimmten - Hungerkunst? Ist es überhaupt eine Kunst?

      Die Beziehung zwischen Artist (im Käfig) und Publikum (vor dem Käfig) jedenfalls erscheint geprägt von Beziehungslosigkeit und völligem Unverständnis, letztlich von wechselseitigem Desinteresse. Die innere und äußere Isolation ("so lebte er [...] in scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist trüber Laune") wird irgendwann auf die Spitze getrieben, die Zuschauer verlieren ihr anfängliches Interesse und bleiben schließlich aus - der Anblick des für sie Außergewöhnlichen, Unnachahmlichen, das sie anfangs bestaunen, wird allmählich zur gewohnten Normalität. Insofern 'immunisiert' der Hungerkünstler sich zwar in gewisser Weise, er lebt zuletzt ganz in seiner 'Kunst', in elitärer Abgrenzung und in scheinbarer Autarkie von der Außenwelt, während sein Körper immer mehr schwindet und schließlich im Stroh auf dem Käfigboden fast unsichtbar wird. Aber um welchen Preis?

      Und aus welchem Grund? Kann man sich für ein solches Leben (oder Sterben) überhaupt entscheiden, gibt es hier eine Wahl? Zuletzt, als er bereits im Sterben liegt, gesteht der Hungerkünstler dem Aufseher, dass "ich hungern muß, ich kann nicht anders". Und es kommt noch besser: "weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle". Ob das eine (zu) späte Einsicht ist, oder ob der Hungerkünstler sein Publikum, von dem er "bewundert" werden wollte, insofern doch bewusst getäuscht hat bleibt offen - vielleicht kann man es gerade auch als Eingeständnis seines Außenseiterstatus und seines Unvermögens verstehen, sich nicht oder jedenfalls nicht ohne Zwang und gewaltsame Selbstverbiegung oder -verleugnung integrieren bzw. 'concurrieren'/'mitlaufen' zu können (Essen hält angeblich ja nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern - sei es als alltägliche gemeinsame Mahlzeit oder als festliches Diner - auch andere Gemeinschaften), vielleicht auch, keinen 'Geschmack' oder keine Freude am Leben selbst finden zu können. So gesehen ist die Hungerkunst vielleicht aber auch gar keine besondere Fähigkeit, in der man sich üben oder die man erst einüben muss, keine Hochleistung und erst recht keine Kunst ("Es war die leichteste Sache von der Welt"); sondern womöglich eher ein verzweifelter Versuch, aus einer fürchterlichen Not eine Tugend zu machen, etwas 'Lebensnotwendiges' - und doch letztlich Todbringendes - zur selbstzweckhaften Kunst zu erheben und dadurch irgendwie zu rechtfertigen. An einer solchen Askese, die jedem gesunden Menschen wohl eher als Ausdruck einer unbegreiflichen Lebensverneinung oder -verweigerung erscheinen muss, ist jedoch sicher nichts Rühmliches, Bewundernswertes; und so bleibt dem Hungerkünstler am Ende seines Lebens auch nur die "feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung. daß er weiterhungere". Die Welt kümmert das alles nicht; die nächste Sensation, der extrem vitale Panther, ist von ganz anderer Art. Alles in allem ein schreckliches selbstwidersprüchliches Rätsel, an dem man sicher auch irre werden kann...: "Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen."

      Lässt sich dem überhaupt noch irgendein positiver Sinn abgewinnen? 'Du musst dein Leben ändern'? In einem Brief an Max Brod vom 5. Juli 1922 schreibt Kafka über seine eigene Kunst:
      "Es ist Angst vor Veränderung, Angst davor, die Aufmerksamkeit der Götter durch eine für meine Verhältnisse zu große Tat auf mich zu lenken.
      Als ich heute in der schlaflosen Nacht alles immer wieder hin- und hergehen ließ zwischen den schmerzenden Schläfen, wurde mir wieder [..] bewußt, auf was für einem schwachen oder gar nicht vorhandenen Boden ich lebe, über einem Dunkel, aus dem die dunkle Gewalt nach ihrem Willen herkommt und, ohne sich an mein Stottern zu kehren, mein Leben zerstört. Das Schreiben erhält mich, aber ist es nicht richtiger zu sagen, daß es diese Art Leben erhält. Damit meine ich natürlich nicht, daß mein Leben besser ist, wenn ich nicht schreibe. Vielmehr ist es dann viel schlimmer und gänzlich unerträglich und muß mit dem Irrsinn enden. Aber das freilich nur unter der Bedingung, daß ich, wie es tatsächlich der Fall ist, auch wenn ich nicht schreibe, Schriftsteller bin, und ein nicht schreibender Schriftsteller ist allerdings ein den Irrsinn herausforderndes Unding. Aber wie ist es mit dem Schriftstellersein selbst? Das Schreiben ist ein süßer wunderbarer Lohn, aber wofür? In der Nacht war es mir mit der Deutlichkeit kindlichen Anschauungsunterrichtes klar, daß es der Lohn für Teufelsdienst ist. [...] Vielleicht gibt es ein anderes Schreiben, ich kenne nur dieses, in der Nacht, wenn mich die Angst nicht schlafen läßt, kenne ich nur dieses. Und das Teuflische daran scheint mir sehr klar. Es ist die Eitelkeit und Genußsucht, die immerfort um die eigene oder auch um eine fremde Gestalt - die Bewegung vervielfältigt sich dann, es wird ein Sonnensystem der Eitelkeit - schwirrt und sie genießt. Was der naive Mensch sich manchmal wünscht 'ich wollte sterben und sehn, wie man mich beweint' das verwirklicht ein solcher Schriftsteller fortwährend, er stirbt (oder er lebt nicht) und beweint sich fortwährend. Daher kommt seine schreckliche Todesangst, die sich nicht als Todesangst äußern muß, sondern auch auftreten kann als Angst vor Veränderung [...]"
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von Bartleby ()

    • Bartleby, genau verstehe ich Deine Intention nicht. Aber diese beschriebene Form des Hungerkünstlers kann ich nicht als Illustration von Sloterdijk erkennen, auf was er hinzuüben empfiehlt. Wenn die Angst vor dem Tod zunimmt, scheint das Übungsprogramm einen schweren Knacks zu haben.

      Wenn zudem ein Kafka aus sehr fragwürdigen Motiven ins Schreiben geflüchtet ist, dann heißt das noch nicht, dass in seinen Texten nicht sehr viel mehr Gesundes durchschimmert als in seiner Person. Auch bei Nietzsche wird ja an der Linie von Vielen eine große Diskrepanz gesehen.
      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)
    • "Nur Krüppel werden überleben"...?

      Na dann vielleicht doch noch etwas deutlicher:

      Hellmut schrieb:

      Aber diese beschriebene Form des Hungerkünstlers kann ich nicht als Illustration von Sloterdijk erkennen, auf was er hinzuüben empfiehlt.

      "Die athletische Ironie rückt die Grenzen der Belastbarkeit ins Unglaubliche hinaus - wo Keiner-kann-das war, ist Ich-kann geworden. [...] Die Athleten haben wie die Hungerkünstler für die psychologisch Ärmsten und vital Schwächsten eine Botschaft, an der teilzuhaben für diese von Belang ist: Der beste Ausweg aus der Erschöpfung besteht darin, das Pensum zu verdoppeln. Auch wer sich nicht vorstellen kann, diese Maxime wörtlich zu befolgen, sollte sich von ihr anregen lassen. Daß es immer Spielraum nach oben gibt, ist eine These, die alle angeht." (Sloterdijk, Du musst dein Leben ändern, 660)

      Nein? Klingt auf den ersten Blick ja auch ganz gut, nicht? Dass "es immer Spielraum nach oben gibt" blendet allerdings aus, dass 'anthropotechnische' Selbstformung unter 'vertikalem' Gesichtspunkt auch mindestens zwei Richtungen - die nach 'oben' und die nach 'unten' - kennt; und dass insofern zumindest nicht ausgeschlossen ist, dass besagter "Spielraum" unversehens auch in ganz andere Richtung erweitert werden kann... Bzw., eben, das Übungsprogramm kann in der Tat auch selbst einen "schweren Knacks" haben oder vielleicht auch eine Flucht in irgendetwas sein. Lassen sich 'oben' und 'unten', 'Gottes'- und 'Teufelsdienst', (Selbst-)Formung und Deformierung, Selbststeigerung und Selbstverkrüppelung oder -zerstörung aus Sicht des Übenden denn so eindeutig unterscheiden? Verdoppelte Anstrengung ohne Sinn und Verstand, fast könnte man vielleicht auch sagen 'von allen guten Geistern verlassen', ohne selbstreflexive Fragen wie 'was tue ich hier eigentlich' oder 'wohin führt das noch'(ob allein dadurch ggf. eine Richtungsänderung möglich ist einmal dahingestellt)?

      Das religiöse Bedürfnis ist, einer Formulierung Dorothee Sölles nach, ja auch ein Wunsch nach "Ganz-Sein, Unzerstückt-Sein, Nicht-kaputt-Sein" - irgendwie auch in diesem Zusammenhang passend und anbetrachts Figuren wie der des Kafkaschen Hungerkünstlers doch reichlich zynisch.. und vor allem sinnlos. Denn die Hungerkunst enhüllt laut Sloterdijk ja lediglich, "was vom metaphysischen Begehren bleibt, wenn dessen überweltliches Ziel getilgt ist" (Sloterdijk, 116), nämlich eine Art "geköpfte[r] Askese", bei der "der Rumpf [...] dann die ganze Sache ist" (ebd.) bzw. - ganz im Sinne von Sloterdijks Ausgangsthese - allein die "artistischen Übungen" als quasi-religiöses Übelbleibsel fungieren, so dass dem artistischen Mangel-Leiden-Können hier kein "größerer Mangel zu Hilfe kommt" (ebd., 115) - er ist eben im Grunde ein übertriebener und ins Extrem gesteigerter (oder sich sozusagen verselbständigender, außer Kontrolle geratener?) "Widerwillen", nichts weiter.

      Bemerkenswert zudem (auch vor dem Hintergrund, dass die von Sloterdijk als letzte quasi-göttliche erhabene "Autorität" beschworene globale Krise oder "Große Katastrophe" nicht zuletzt auch als eine globale Hungerkatastrophe vorgestellt werden könnte) ist jedenfalls auch das Folgende:
      "Zehn Jahre nach dem Erscheinen von Ein Hungerkünstler hat Josef Stalin das Ende der Hungerkunst mit anderen Mitteln besiegelt, als er im Winter 1932 auf 1933 eine Unzahl von ukrainischen Bauern - die Zahlenangaben schwanken zwischen 3,5 und 8 Millionen - durch eine Hungerblockade in den Tod schickte, Unzeitgemäße auch sie, Hindernisse auf dem Weg zur Fülle" (ebd., 117)

      Wie tröstlich, wenn es auch angesichts solcher ins Extrem gesteigerten Profanisierungen (wo es an "nichts fehlt" oder wo es an allem fehlt) noch einzelne Menschen bzw. 'Artisten' geben kann, denen es gelingt, einen Rest an "Erhabenheit" selbst in ein jämmerliches Krepieren hinüberretten zu können, nicht wahr.-
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko

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    • Was sich Sloterdijk unter Übung vorstellt, lässt sich anhand seines Menschenpark-Vortrages erhellen.
      Dort sagt er:
      Das Phänomen Humanismus verdient Aufmerksamkeit heute vor allem, weil es - wie auch immer verschleiert und befangen - daran erinnert, dass Menschen in der Hochkultur ständig von zwei Bildungsmächten zugleich in Anspruch genommen werden - wir wollen sie hier der Vereinfachung zuliebe schlicht die hemmenden und die enthemmenden Einflüsse nennen. Zum Credo des Humanismus gehört die Überzeugung, dass Menschen "Tiere unter Einfluss" sind und dass es deswegen unerlässlich sei, ihnen die richtige Art von Beeinflussungen zukommen zu lassen. Das Etikett Humanismus erinnert - in falscher Harmlosigkeit - an die fortwährende Schlacht um den Menschen, die sich als Ringen zwischen bestialisierenden und zähmenden Tendenzen vollzieht.

      Übungen sorgen für hemmende, weil regelgemäß beschäftigende, und damit zähmende Tendenzen. Somit dienen Übungen der humanistischen Bildung im Sinne innerhumaner Verträglichkeitsbildung. Menschliche Betätigung wird domestiziert und wandelt sich zur sportlichen oder musischen oder kriegerischen oder sonstigen Aktivität, die horizontal und vertikal Rahmen bleibt.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).