Sloterdijk: "Normal" und AngepasstSein als Vorstufen des Wahnsinns?

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    • Unverfügbarkeit

      "[...] Es ist irreführend, das menschliche Handeln auf der Ebene einer 'mehr oder weniger' gelungenen Selbstvervollkommnung zu beschreiben. [...] Diese Beschreibungsebene nimmt gar nicht wahr, welch abgründige Brüche sich im menschlichen Leben auftun können. Und vor allem kann sie niemals sichtbar machen, daß unsere Werke mehrdeutig sind. Auch wenn ich etwas Gutes tun will, kann Gefallsucht im Spiel sein, wenn nicht gar schlechtes Gewissen oder Strategie. Wo ich mich einer anderen Person liebevoll zuwenden will, muß ich etwas sagen oder tun, und keine dieser Äußerungen ist eindeutig. [...] Werke können [...] in verschiedener Weise die Begegnung beeinflussen, fördern, verformen, sie können das Gegenteil dessen bewirken, was mit ihnen beabsichtigt war. Und vor allem dieser Aspekt läßt die Illusion einer widerspruchsfreien Beschreibung des menschlichen Handelns zerbrechen.
      Luther skizziert [...] ein auf den ersten Blick schizophrenes Selbstverhältnis der handelnden Person. Sie handelt in frommer Gottesfurcht - und zugleich fürchtet sie ihre Werke als Todsünden. Und zu allem Überfluß soll genau auf eine solche Person der theologische Begriff "Gerechtigkeit" zutreffen. Dieser Begriff unterscheidet sich vom philosophischen [bzw. aristotelischen] Begriff 'gerecht' [wonach Gerechtigkeit als Tugend trainiert oder geübt werden muss bzw. wir gerecht werden, indem wir gerecht handeln] durch eine nahezu unerträgliche Innenspannung: Gerecht ist eine Person, die ihrem Handeln von Grund auf mißtraut, weil sich jederzeit eine Selbstsicherheit einschleichen könnte, die das Handeln verzerrt. Gerecht ist diese Person freilich nicht, weil ihre Skrupel nun besonders gottgefällig wären, sondern weil sie auf Gott allein ihr Vertrauen setzt. Sinnvolles menschliches Handeln lebt gerade aus der Freiheit von der zwanghaften Vorstellung, die Person müsse sich selbst und das Wesen des Menschen 'mehr und mehr' verwirklichen. [...]" (Ernstpeter Maurer: Luther, 32f.)

      "So erweist sich Luthers Behauptung, die Richtung des Willens werde stets von außen bestimmt, als durchaus tiefgründig. Sie ist eine Variante der immer wieder hervortretenden Struktur, daß gerade das Innerste einer radikalen 'Entäußerung' unterworfen ist. Die Willensrichtung kann durchaus von Grund auf umgekehrt werden. 'Wenn Gott in uns wirkt, so will und handelt der veränderte und vom Geist Gottes schmeichelnd angehauchte Wille wiederum aus reiner Freiwilligkeit und Neigung und von selbst, nicht gezwungen, wie er durch nichts Entgegengesetztes auf etwas anderes hin ausgerichtet werden kann [...]' Die Bestimmung der innersten Willensrichtungen von außen, die keineswegs als Zwang empfunden wird, sondern sich in allem auswirkt, was wir gern tun - diese innere Notwendigkeit eines unwandelbaren Willens wird für Luther zum Ort einer dramatischen Entscheidung. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, daß die Person diese Entscheidung selbst fällen könnte. Es fällt hier eine Entscheidung über die Person von woanders her." (ebd., 114)
      Ich bin ja leider kein Experte auf diesem Gebiet :) . Nach einem "mißverstandenen spirituellen Übungssystem" im Sinne Sloterdijks sieht das z.B. allerdings nicht gerade aus...
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Stultitia_II ()

    • Denker in der Arena

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      Stultitia_II schrieb:

      Ein Sportler trainiert und stößt dabei irgendwann an bestimmte Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Die kann er versuchen, zu "überschreiten" [das heißt] mit dem Training weiterzumachen [...] Jemand will/muss irgendwie sein Leben "ändern", anders leben als bisher. Das heißt aber auch, dass er eben nicht so weitermachen kann [...]

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Nick ()

    • Stultitia: Du bleibst halt bei seinen Definitionen von "Übung" hängen!! Später bewertet er die verschiedenen Übungsformen philosophisch. Und kommt zu dem entscheidenden Schluss, dass er die "Entspiritualisierung" im Westen seit etwa 1800 als schweren Fehler erkennt und in wohltuend-neutraler Sprache das Fehlen einer "Vertikalen" an anderer Stelle anmahnt.

      Und wenn Du oben mal die blasse Vieldeutigkeit des Buchtitels anmahnst (ich schätze auch, dass der Verleger ihn drauf gebracht hat), dann sollte doch bedacht werden, dass es sich da um ein nicht unbekanntes Wort von Hölderlin handelt. Damit ist doch wohl die erneut vertikale Ausrichtung seiner Änderungs-Empfehlungen vorangedeutet. Und dass er- Hand in Hand mit Schillers ästhetischen Briefen die lächerlich-oberlehrerhafte Manier Kants demaskiert, der lediglich Appelle ans ethische Gut-Sein fertigbringt, es aber das wichtige sein dürfte, die eingelagerten l(i)ebensfeindlichen Mechanismen in der Psyche/Seele durch ständiges Bearbeiten allmählich ins Reine zu bringen. Modern würde man vielleicht von therapieähnlichen Verfahren sprechen.
      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)
    • RE: Denker in der Arena (... oder großes Rattenrennen?)

      Ja, sonderbar, nicht? Vielleicht verstehe ich das auch einfach nicht....
      "...Immer wieder betont Sloterdijk die Krise. Die auf uns zukommenden Katastrophen erforderten ein Mehr an Anstrengung...."
      "Aber das Ganze ist ein Schritt in die Zukunft hinein und hat nichts zu tun mit einer Restauration." (Sloterdijk)
      Jedenfalls ist mir ist nicht klar, inwiefern "ein Mehr an Anstrengung" und Aufstacheln zu athletischen Höchstleistungen (noch dazu unter dem Druck und Zwang einer beängstigenden globalen "Krise", die angeblich keine andere Wahl lässt - steht der Imperativ "du musst dein Leben ändern" bei Rilke nicht auch in einem ganz anderen Zusammenhang...?) hinreichen soll, wirklich anders zu leben als bisher, worin hier eigentlich der große Durchbruch oder die große Veränderung bestehen soll. Werden auf diese Weise womöglich nicht eher Zwänge und Alternativlosigkeiten beschworen, eben doch so weiterzumachen, nur eben mit (noch) mehr Anstrengung (und damit sicher auch Machtverhältnisse zementiert)? Selbstverbesserung und Selbstoptimierung ist - Stichwort 'lebenslanges Lernen' - ja auch längst eine wohl in allen Berufssparten verbreitete Forderung und für viele berufliche 'Überlebensnotwendigkeit'. Und wer oder was garantiert überhaupt, dass die vermehrte Anstrengung auch gut und sinnvoll ist, dass - apropos Mehrdeutigkeit des Handelns - die dadurch angestrebte Selbsthervorbringung oder -steigerung nicht doch in Selbstzerstörung umschlägt? Zu viel Anstrengung und Stress machen krank und schränken erfahrungsgemäß auch das kreative Denkvermögen ein. Gerade unter Druck bin ich zumindest weniger offen, mich auf Neues, Anderes einzulassen, sondern neige eher dazu, zu verkrampfen und auf Autopilot zu schalten (manchen Tieren geht es anscheinend ähnlich). Für mein Verständnis klingt das alles eher nach einer gigantischen und reichlich fragwürdigen, um nicht zu sagen anmaßenden (Selbst-)Überforderung. "Elite" sein (oder sein wollen), die "besseren Antworten haben"... auch das ist ja beileibe nichts Neues :) .
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      (H. Schreiber)

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      M. Kaléko

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Stultitia_II ()

    • Hellmut schrieb:

      Später bewertet er die verschiedenen Übungsformen philosophisch. Und kommt zu dem entscheidenden Schluss, dass er die "Entspiritualisierung" im Westen seit etwa 1800 als schweren Fehler erkennt und in wohltuend-neutraler Sprache das Fehlen einer "Vertikalen" an anderer Stelle anmahnt.
      Dass es Sloterdijk auf die "Vertikalspannung" von oben und unten ankommt ist ja kaum zu übersehen :) . Allerdings: in welchem Sinne denn?

      Hellmut schrieb:

      Und wenn Du oben mal die blasse Vieldeutigkeit des Buchtitels anmahnst (ich schätze auch, dass der Verleger ihn drauf gebracht hat), dann sollte doch bedacht werden, dass es sich da um ein nicht unbekanntes Wort von Hölderlin handelt.
      Ja? So weit ich im Bild bin handelt es sich bei dem Buchtitel um ein Zitat aus einem Gedicht von Rilke, dem Sloterdijk auch prompt ein ganzes Kapitel seines Buchs widmet und das auch hier bereits schon mal Thema war. Kannst Du angeben, um welches "Wort" von Hölderlin es sich dabei (auch) handeln soll?
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      (H. Schreiber)

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    • Stultitia:

      Dass es Sloterdijk auf die "Vertikalspannung" von oben und unten ankommt ist ja kaum zu übersehen :) . Allerdings: in welchem Sinne denn?


      Antwort: Im Sinne der Zurücknahme jener Welle, die z.B. aus einem "Spiritus rector" kurzerhand einen "Rektor" machte.
      Ich muss mich übrigens korrigieren: Es ist wohl Rilke der Urheber des Satzes, der Buchtitel wurde. Im Gedicht -danke für den Link- ist wohl gemeint, dass der Höheren Ordnung keine Schlaffheit auf dem Weg zum Licht verborgen bleibt. So wie es der Gesundheit von keinem Raucher hilft, wenn er Zigaretten Nr. 25-30 des Tages heimlich raucht. Die Lungen-Röntgenaufnahme wird es an den Tag bringen.

      Dass die Erkenntnis solchen "ArbeitenMüssens" auch Stress bedeuten kann, wie Du später aufführst, ist klar. Aber es winkt ein Sieg (der über sich selbst), der nach Meinung mancher seriöser Denker der größte überhaupt sein könnte.

      Nansen, die Gretchenfrage lautet aber doch wohl, wo sich was drehen soll. Es soll ja immer noch viele geben, die die Veränderung der äußeren Verhältnisse für effizienter halten, weil sich daraufhin erst wirklich im Innern von uns was ändern kann.

      Was ich am Stadion-Ambiente für Sloterdijk tatsächlich auch einen Bruch finde: Er ist kein "Lebens-Meister", der in Ashrams ehrlich das Erreichte weitergeben könnte. Er ist mehr der Sofa- und Laptop-Buddha. Aber damit steht er ja voll in der von Kant eingeleiteten Verkopfung und Theoretisierung der Philosophie. Immerhin redet er viel und gut über die Praxis. Eine Wiederentdeckung, zu der wohl Hadot auch wesentlich beigetragen hat.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hellmut ()

    • Wenn ich Sloterdijk richtig verstehe, dann erzählt er von der Anstrengung, die der moderne Mensch leisten muss, um in einer Zukunft überlebensfähig zu sein, die es ihm nicht gemütlich machen wird. Dabei klingt er nicht wie ein neoliberaler Prophet, sondern eher wie ein liebevoller Vater, der seine Kinder zu "Positivisten auf dem zweiten Bildungsweg" machen will :)
      Es ist eine leise, aber deutliche Warnung, die er spricht, wenn er sagt, dass die Zukunft sich nur denen "fast kampflos" eröffnen wird, die dafür die nötigen "athletischen" Fähigkeiten bringen. Der Schauplatz dieses neuen Athletismus sind nicht die Sportarenen, sondern sind auch die wissenschaftlichen Labors, die technologischen Werkstätten und nicht zuletzt oder gerade in erster Linie die soziokompetitiven Situationen (intellektuelle Sphären). Nur jene, die bereit sind, "unter höherer Last zu laufen", und die deshalb auch von Tag zu Tag mit höheren Gewichten üben, wird die Last der Zukunft (Komplexität der Welt?) nicht erdrücken.

      Damit reiht er sich tatsächlich in die Reihe jener ein, die nicht ermutigen wollen, sich zu verbessern, sondern die ermahnen, dass man "sich verbessern müsse", will man in einer Welt weiterkommen, die von ihren Weltbewohnern mehr verlangt als das Notwendige. Es ist ein Ruf zum "Maximalismus" oder aber zum Optimismus, welcher immer die Optimierung der jetzigen Fähigkeiten hin auf die neuen Anforderungen impliziert. In diesem Sinne ist dies nichts Neues, denn schon die ersten Lehrer ermahnten uns, dass wir die Steine richtig in die Hand nehmen müssten, wollen wir die Nüsse knacken und nicht unsere Finger. Der Gedanke des Fortschritts, den Sloterdijk hier implizit als Übungssystem beschreibt, ist so alt wie die Menschheit (ja, wie das Leben) selbst. Neu hingegen ist die Moderne, in der dieser Ruf zur Verbesserung ertönt. Es ist eine hochtechnologische, medialisierte, globalisierte Welt, in der die Konkurrenz in Folge der Verdichtung von Nachbarschaften grösser wird. Die Weltgemeinschaft rückt näher, der Platz wird auf der horizontalen Ebene kleiner, weshalb man in die Höhe arbeiten muss. Die Vertikalspannung ist deshalb auch als ergologischer Vortrieb jener zu verstehen, die sich gegenüber den Untätigen als Eliten absetzen.
      ich will mit dir fühlen

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Limlim ()

    • 'du musst dein Leben ändern' ...

      Limlim schrieb:

      Es ist eine hochtechnologische, medialisierte, globalisierte Welt, in der die Konkurrenz in Folge der Verdichtung von Nachbarschaften grösser wird. Die Weltengemeinschaft rückt näher, der Platz wird auf der horizontalen Eben kleiner, weshalb man in die Höhe arbeiten muss. Die Vertikalspannung ist deshalb auch als ergologischer Vortrieb jener zu verstehen, die sich gegenüber den Untätigen als Eliten absetzen.

      ...und als solche meinen oder beanspruchen, die "besseren" Antworten zu geben oder gar den wunderlichen Ehrgeiz besitzen, sich als Mahner oder als endzeitlicher Bußprediger zur Umkehr zu profilieren :) . Ja, genau :-)) .

      Nö, überzeugt mich bislang nicht so recht ;)
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      (H. Schreiber)

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      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von Stultitia_II ()

    • Stultitia_II schrieb:

      Limlim schrieb:

      Es ist eine hochtechnologische, medialisierte, globalisierte Welt, in der die Konkurrenz in Folge der Verdichtung von Nachbarschaften grösser wird. Die Weltengemeinschaft rückt näher, der Platz wird auf der horizontalen Eben kleiner, weshalb man in die Höhe arbeiten muss. Die Vertikalspannung ist deshalb auch als ergologischer Vortrieb jener zu verstehen, die sich gegenüber den Untätigen als Eliten absetzen.

      ...und als solche meinen oder beanspruchen, die "besseren" Antworten zu geben oder gar den wunderlichen Ehrgeiz besitzen, sich als Mahner oder Bußprediger zur Umkehr zu profilieren :) . Ja, genau :-)) .

      Nö, überzeugt mich bislang nicht so recht ;)
      Mit einer Feststellung hat er recht: Es muss Autoritäten geben, die wiederum zum Lernen motivieren können und lehren können. "Die Besseren" muss es irgendwo geben, und wo diese Fehlen, bewegt man sich bereits bei den Besten und damit in Eliten. Es ist nicht unmenschlich, sondern ist durch und durch natürlich, dass es in Disziplinen "Bessere und Schlechtere" gibt.

      Es wird auch nicht zu einer "Umkehr ermahnt", aber darauf hingewiesen, dass man leistungsfähiger werden muss, besonders in einer Welt, die multidisziplinäre Leistungen abverlangt. Damit wird nicht ein profaner Leistungsgedanke indoktriniert, sondern die Notwendigkeit vor Augen gehalten, seine Selbstentwürfe anhand einer sich beschleunigenden Welt zu prüfen und immer wieder an ihr zu üben.
      Die Alternative ist tatsächlich ein "Glücksversprechen an die Unqualifizierten", und Unqualifiziertheit kann man noch weniger wollen als Elitärität, nicht?
      ich will mit dir fühlen
    • Limlim, eine Frage: Ist für Dich mit Vertikalität bei Sloti wirklich eine Leistungssteigerung gemeint? Weil alles komplexer wird, usw.? Das sehe ich anders! Immer wieder spricht er doch von der Transzendenz, von der Höhe der "Engel" oder noch höher...Er meint wohl, dass das traditionelle Feld der Religionen den offenbar versagt habenden Kirchen entrissen und in weltliche Sprache umgeschrieben und "demokratisiert" werden muss.
      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)
    • Limlim schrieb:

      Es ist nicht unmenschlich, sondern ist durch und durch natürlich, dass es in Disziplinen "Bessere und Schlechtere" gibt.

      Mag ja sein. Aber das (ganze) Leben ist deswegen doch noch lange keine solche "Disziplin", oder?

      Limlim schrieb:

      Es wird auch nicht zu einer "Umkehr ermahnt", aber darauf hingewiesen, dass man leistungsfähiger werden muss, besonders in einer Welt, die multidisziplinäre Leistungen abverlangt. Damit wird nicht ein profaner Leistungsgedanke indoktriniert, sondern die Notwendigkeit vor Augen gehalten, seine Selbstentwürfe anhand einer sich beschleunigenden Welt zu prüfen und immer wieder an ihr zu üben.

      Ah ja? Meinem bisherigen Eindruck nach geht es eher darum, das "anhand einer sich beschleunigenden Welt" geforderte Mehr an "Leistungsfähigkeit" durch beständiges Üben in irgendwelchen "Disziplinen" (irreführenderweise?) als "Umkehr" (...'dein Leben ändern'!) zu verkaufen. Aber vielleicht täuscht dieser Eindruck ja :)

      Limlim schrieb:


      Die Alternative ist tatsächlich ein "Glücksversprechen an die Unqualifizierten", und Unqualifiziertheit kann man noch weniger wollen als Elitärität, nicht?

      ...oder auch angemaßte Autorität :) .
      Schade nur, dass ich lesen kann.
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      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
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    • Stultitia: Aber das (ganze) Leben ist deswegen doch noch lange keine solche "Disziplin", oder?

      Meinst Du nicht, dass es auch eine Lebenskunst gibt, die möglicherweise wichtigste denkbare Disziplin?

      Allerdings ist auch diese Fähigkeit entwickelbar und bedarf evtl. der "Übung".

      Ich finde es toll, dass Lernen lebenslang abläuft. Spannend!
      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)

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    • Stultitia_II schrieb:

      Die Alternative ist tatsächlich ein "Glücksversprechen an die Unqualifizierten", und Unqualifiziertheit kann man noch weniger wollen als Elitärität, nicht? (Limlim)

      ...oder auch angemaßte Autorität :)
      Stimmt :) Aber noch weniger kann man eine unqualifizierte Autorität wollen. :) Dann schon lieber eine legitime. (welches die Kriterien einer solchen Legitimation sind, müssten wir erörtern)

      Stultitia_II schrieb:

      Es wird auch nicht zu einer "Umkehr ermahnt", aber darauf hingewiesen, dass man leistungsfähiger werden muss.. (Limlim)


      Ah ja? Meinem bisherigen Eindruck nach geht es eher darum, das "anhand einer sich beschleunigenden Welt" geforderte Mehr an
      "Leistungsfähigkeit" durch beständiges Üben in irgendwelchen "Disziplinen" (irreführenderweise?) als "Umkehr" (...'dein Leben ändern'!) zu verkaufen. Aber vielleicht täuscht dieser Eindruck ja :)

      Also, ich glaube, der Eindruck täuscht :) Denn als Umkehr müsste man es nur verstehen, wenn man diesem (gesellschaftlichen) Anspruch nach Leistungsfähigkeit konsequent entgegengearbeitet hat. Dann in der Tat wäre die Forderung nach Änderung in "Du musst dein Leben ändern" als Aufforderung zur Umkehr zu verstehen. Nicht aber, wenn man diese Verbesserungsabsichten stets verfolgt hat, dann müsste man es mit "Bleib auf Kurs, was dich verbessern (verändern) heisst" übersetzen :) Auf Ebene der Gesellschaft jedoch (bei der Sloterdijk einen schulischen Qualitätsverlust aufgrund von antiautoritären Erziehungskonzepten diagnostiziert) muss es als Umkehr verstanden werden. Die Gesellschaft muss sich, so deute ich diesen neokonservativ anmutenden Gedanken Sloterdijks, ein neues Leistungsbewusstsein aneignen.

      Stultitia_II schrieb:

      Mag ja sein. Aber das (ganze) Leben ist deswegen doch noch lange keine solche "Disziplin", oder?
      Das weiss ich nicht genau, aber es ist auf jeden Fall eine je individuelle Lebenskunst, in der man sich gegen andere Kunst abgrenzt. :) Aber ich wollte das nicht auf diesen Punkt hinauslaufen lassen, sondern vielmehr verdeutlichen, dass es im Stabhochsprung begabtere Athleten gibt als andere und im Schach bessere Spieler als andere usw. Auch hier müssten wir die Kriterien für dieses Bessersein differenziert untersuchen.
      ich will mit dir fühlen

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    • Hellmut schrieb:

      Meinst Du nicht, dass es tief innen von uns ein ganz klares Zeichen gibt, ob der Mensch X oder Y zu den Guten oder weniger Guten gerechnet werden kann? Ich würde dies bejahen. [...]

      Allerdings ist auch diese Fähigkeit entwickelbar und bedarf evtl. der "Übung".

      Na ich weiß nicht. Mein kleiner Sohn schwelgt jedenfalls auch manchmal gern in dubiosen Allmachtsfantasien :-)) . Hoffentlich gewöhnt er sich das irgendwann auch wieder ab, bevor er in ein Alter kommt, in dem so etwas wirklich lächerlich wird...

      (Erinnert entfernt auch etwas an traditionelle Prädestinationslehren, etwa die calvinistische, scheint mir...)
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      (H. Schreiber)

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    • 'Wo keine Götter sind, walten Gespenster' (Novalis)

      Limlim schrieb:

      Also, ich glaube, der Eindruck täuscht :) Denn als Umkehr müsste man es nur verstehen, wenn man diesem (gesellschaftlichen) Anspruch nach Leistungsfähigkeit konsequent entgegengearbeitet hat. Dann in der Tat wäre die Forderung nach Änderung in "Du musst dein Leben ändern" als Aufforderung zur Umkehr zu verstehen. Nicht aber, wenn man diese Verbesserungsabsichten stets verfolgt hat, dann müsste man es mit "Bleib auf Kurs, was dich verbessern (verändern) heisst" übersetzen :)

      ...stimmt, das wäre "verändern" nicht im Sinn einer grundsätzlichen "Umkehr", sondern nur bedingt oder relativ in bestimmter Hinsicht (nämlich auf das "Verbessern" oder Steigern der Leistungsfähigkeit in einem oder mehreren begrenzten Teilbereichen durch Üben und Anstrengung). Aber sein Leben als Ganzes ändern, einen radikalen (Durch-)Bruch vollziehen - das kann es denke ich nicht bedeuten. Oder vielleicht höchstens, wenn man eben das ganze Leben von vorneherein (fast hätte ich gesagt: gnadenlos :) ) am Kriterium der "Leistungsfähigkeit" misst bzw. "Leistungsfähigkeit/-willigkeit" als letzten Maßstab einer Bewertung oder Beurteilung bereits als unveränderlich gegeben voraussetzt (man könnte vielleicht auch sagen: sich ihm unterwirft). Aber wer kann und will schon so leben...
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

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    • Was wir brauchen ist keine gesteigerte Leistungsfähigkeit, sondern die Fähigkeit zur Unleistung.

      Die Welt ist und wird vernetzte, schneller. Um da mithalten zu können muss man selbst mehr leisten.
      Aber Leistung misst sich immer an anderen Leistungen. Firmen und Organisationen können als Kollektiv sich zwar den Anforderungen anpassen,
      aber als Mensch kann man sich nicht immer mit der Welt messen. Dennoch lassen sich diese zwei Welten nicht trennen.
      Denn ich und mir gegenüber die Welt, das führt zu Stress :-)
      Das ist nicht nur ungesund für den einzelnen sondern auch unförderlich wenn es darum geht durch Kreativität und kommunikation Potenziale zu entdecken und zu vernetzen.

      Soweit ich sehe gibt es diese Tendenzen, das Bachelor und Mastersystem um Europa die ihre Studenten Leistungsorientierter, globar orientierter machen will. Wer ist denn heute noch "cool" genug für den Markt?
      Das ist m.E. keine Folge kapitalistischer Strukturen, sondern vorallem auch die Angst vor Veränderung. Sich den vertikal erhöhten Platz zu sichern und dafür jede Spannung in kauf zu nehmen.
      Ob das uns gut tut oder glücklicher macht spielt ja keine Rolle.
    • ...ein Lächeln [...] zu jener Mitte, die die Zeugung trug... (R.M. Rilke, Archaïscher Torso Apollos)
      ...kein drohend oder besorgt ermahnend erhobener Zeigefinger :) . Und erst recht kein gesenkter Daumen.

      ...dass es im Stabhochsprung begabtere Athleten gibt als andere und im Schach bessere Spieler als andere usw...
      Wie ist es, z.B. ein Instrument spielen zu lernen? Ohne regelmäßiges Üben (das oft auch Selbstüberwindung und Selbstdisziplin kosten mag) geht es sicher nicht... irgendwann klappt es vielleicht plötzlich, man weiß selbst nicht wie, oder auch nicht... Reicht wirklich das Üben allein schon hin, um ein guter Spieler zu werden? Liegt auch das Gelingen wirklich in der eigenen Hand? Und bringt alles verbissene Üben etwas, wenn die Freude am Musizieren fehlt und es in erster Linie darum geht, ehrgeizig eine geforderte Leistung zu erbringen oder "besser" (als andere) zu spielen bzw.sich zu "verbessern"...?

      Sich selbst oder andere vor allem durch das Aufbauen von "Zumutungen", Leistungsdruck, Zwängen, Abqualifizierungen und das Schüren existenzieller Ängste zu "Verbesserung" und "Höchstleistungen" oder sonstigen verzweifelten Kraftakten motivieren zu wollen - ist das nicht auch ziemlich miserabler Lehr- oder Führungsstil? Unter Druck oder 'Spannung' kann mancher vielleicht auch zerbrechen oder in Totalverweigerung flüchten.
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
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    • Stultitia_II schrieb:

      Aber sein Leben als Ganzes ändern, einen radikalen (Durch-)Bruch vollziehen - das kann es denke ich nicht bedeuten. Oder vielleicht höchstens, wenn man eben das ganze Leben von vorneherein (fast hätte ich gesagt: gnadenlos :) ) am Kriterium der "Leistungsfähigkeit" misst bzw. "Leistungsfähigkeit/-willigkeit" als letzten Maßstab einer Bewertung oder Beurteilung bereits als unveränderlich gegeben voraussetzt (man könnte vielleicht auch sagen: sich ihm unterwirft). Aber wer kann und will schon so leben...
      Ich denke auch nicht, dass hier ein "radikaler Wandel" vorgeschlagen wird, in etwa, dass Menschen nur noch und dies "gnadenlos" (ups, jetzt habe ich es gesagt :-)) an ihrer Leistungsfähigkeit gemessen werden sollen. Aber es soll, soweit ich es verstanden habe, eine Gegenläufigkeit zur "laisser faire"-Kultur der letzten Jahrzehnte bekräftigt werden. Der von Sloterdijk formulierte Sozialgedanke steht im Zeichen des "Forderns und Förderns", vielmehr als des Versprechens, dass dir oder mir die Zukunft "geschenkt" würde. Wer mitkommen (und mitgehen) will, muss in seinen Mitmenschen eine stimulierende Konkurrenz sehen, die ihn zum Bessersein antreibt. Dass von "Übungssystemen" die Rede ist, verleiht diesem philosophischen Programm nicht den Beigeschmack eines Zwanges, dem man sich unterwerfen müsste, sondern der spielerischen Notwendigkeit zur Sportlichkeit :)
      Es lässt sich fragen, ob dieser soziale Athletismus (wenn man es so nennen mag) tatsächlich eine Art von Fairness und Sportlichkeit impliziert oder ob es einen Soziodarwinismus in neuem Gewand beschreibt, bei dem es, wenn es hart auf hart kommt, Menschen hart treffen kann. In letzterem Fall liesse sich tatsächlich zurecht fragen, ob man unter diesen Bedingungen leben wollen kann.
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