Sloterdijk: "Normal" und AngepasstSein als Vorstufen des Wahnsinns?

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    • Sloterdijk: "Normal" und AngepasstSein als Vorstufen des Wahnsinns?

      Hallo Leute!

      In Sloterdijks (sehr lesenswertem) Buch "Du musst dein Leben ändern" fand ich eine Stelle (S.79f.). die an den JesusSatz von den Zöllnern und Dirnen erinnern kann. Haben sich große Geister immer bei den Randständigen der Gesellschaft wohler gefühlt als beim mitläuferhaften Spießertum? Sl. zitiert über Menschen des Zirkus- und Varietemilieus zustimmend Hugo Ball aus dem Roman Flametti : "Diese Leute seien wahrhaftigere Menschen als die Bürger, denen es scheinbar gelingt, sich in der Mitte zu halten. Diese Variete-Menschen wissen mehr vom wirklichen Leben, weil sie an den Rand Geworfene, Gestürzte und Angeschlagene sind. Diese gerempelten Menschen sind es, die vielleicht als einzige noch authentisch existieren. In einer Zeit, in der die Normalen sich dem Wahnsinn verschrieben haben, erinnern sie sich, ihrer Gebrochenheit zum Trotz, an die besseren Möglichkeiten des Menschseins. .... Wenig später wird Ball auf die Spur einer heiligen Akrobatik stoßen, der er in....neo-katholisch erregten Studien ein Denkmal setzte."
      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hellmut ()

    • RE: sei wie alle - sei anders

      Nick schrieb:

      Hellmut Sloterdijk Ball zitierend zitierend schrieb:

      In einer Zeit, in der die Normalen sich dem Wahnsinn verschrieben haben, erinnern sie sich, ihrer Gebrochenheit zum Trotz, an die besseren Möglichkeiten des Menschseins.

      Nur welche Zeit ist das? Jede Zeit? Als Ball 28 war, da haben sich die "Normalen" in den ersten Weltkrieg gestürzt.
      Ich denke, dass hier zeitlose Phänomene angesprochen werden. Normalos heute ersetzen mit Konsummentalität fast jede anspruchsvolle KulturÄußerung, lassen Soldaten irgendwo sterben, wenn es nur gefühlt weit genug weg ist (Afghanistan), verfolgen weltanschaulich eine farblose Linie, usw.
      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)
    • Die verlogenen in der Mitte, die wahrhaftigen am Rande. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen - farblose Weltbilder in schwarzweiß.

      In einer Zeit, in der die Normalen sich dem Wahnsinn verschrieben haben, erinnern sie sich, ihrer Gebrochenheit zum Trotz, an die besseren Möglichkeiten des Menschseins

      Da steht: In einer Zeit, in der ... Das steht nicht in jeder Zeit.
    • Sloterdijks Website zu dem Essay schrieb:

      In seinem neuen großen Essay über die Natur des Menschen betreibt Peter Sloterdijk Märchen-Kritik: Als Kritik des Märchens von der Rückkehr der Religion könnte man seine Thesen verstehen. Doch nicht die Religion kehrt zurück. Es verschafft sich vielmehr etwas ganz Fundamentales in der Gegenwart Raum: Der Mensch als Übender, als sich durch Übungen selbst erzeugendes Wesen. Rainer Maria Rilke hat den Antrieb zu solchen Exerzitien zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Form gefaßt: »Du mußt dein Leben ändern.« [Hervorhebung nicht von mir]

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    • Grenzen verschieben oder Grenzen überschreiten?

      Nick schrieb:

      Wenn man dies nimmt (Rilkes Wort und Sloterdijks Übungen) dann ist natürlich jeder Mensch in einem ganz immanenten Sinne mehr oder weniger "transzendenzoffen", was dann nichts anderes hieße, als dafür offen zu sein, Grenzen zu überschreiten, etwa die eigenen.
      "Transzendenzoffen"... na ja, ich weiß nicht so recht. Auch wenn ich zugegeben den Text bisher nur überflogen (und wieder weggelegt) habe, hatte ich den Eindruck, dass es - Sloterdijks Übungen jedenfalls - allerdings im Grunde um ganz profane, auf 'Höchstleistungen' abzielende Selbstperfektionierung geht, also um etwas in einer Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft durchaus Normales :) .

      "Du musst dein Leben ändern"... ein solcher Satz ist ziemlich mehrdeutig, erst recht wenn er aus dem Zusammenhang gelöst einfach so dasteht. "Du musst" kann eine Notwendigkeit zum Ausdruck bringen, aber sicher auch einen Zwang, selbst einen (neuen?) Konformitätszwang. "Du musst dein Leben ändern", nicht so weitermachen wie bisher. Das betrifft die Lebenspraxis im weitesten Sinn. Unbedingt in dem der Perfektionierung oder 'athletischen' Vervollkommung? Kann das - apropos "Gebrochenheit" - nicht auch heißen, du musst deine bisherigen (Denk-)Gewohnheiten, Wertvorstellungen, Lebensziele, Lebenseinstellungen von Grund auf infragestellen (und loslassen?), weil sie fragwürdig geworden sind? Bei Rilke taucht dieser Satz in einem bestimmten ästhetischen Kontext auf, der Erfahrung einer Begegnung, eines Schauens und Angeschautwerdens, aus der sich seine Notwendigkeit wie von selbst ergibt (ups :) )... das scheint bei Sloterdijks wie mir scheint etwas gewaltsamer Lesart des Gedichts in der Tat zu fehlen.
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Stultitia_II ()

    • Nick:
      ... dann ist natürlich jeder Mensch in einem ganz immanenten Sinne mehr oder weniger "transzendenzoffen", was dann nichts anderes hieße, als dafür offen zu sein, Grenzen zu überschreiten, etwa die eigenen.

      Stultitia:
      "Transzendenzoffen"... na ja, ich weiß nicht so recht.

      Wenn ein Mensch seine Grenzen, die ihn von der Transzendenz trennen, überschreitet, dann ist nicht dieser Mensch "transzendenzoffen", sondern für diesen Menschen ist die Transzendenz offen.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".
    • Wenn man dies nimmt (Rilkes Wort und Sloterdijks Übungen) dann ist natürlich jeder Mensch in einem ganz immanenten Sinne mehr oder weniger "transzendenzoffen", was dann nichts anderes hieße, als dafür offen zu sein, Grenzen zu überschreiten, etwa die eigenen.
      Ein Sportler trainiert und stößt dabei irgendwann an bestimmte Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Die kann er versuchen, zu "überschreiten", sprich: zu erweitern/überwinden, noch leistungsfähiger zu werden (etwa indem er sich zwingt, mit dem Training weiterzumachen, obwohl es wehtut oder womöglich sogar Schäden riskiert werden, oder auch, indem er sich dopt).

      Jemand will/muss irgendwie sein Leben "ändern", anders leben als bisher. Das heißt aber auch, dass er eben nicht so weitermachen kann, sondern sich vom Bisherigen auch lösen, es hinter sich lassen muss (u.U. zum Beispiel gerade auch, indem er sich von seiner bisherigen (Höchst-)Leistungsorientierung abkehrt und/oder sie infragestellt).

      Dass ein Wortgebrauch nicht "gängig" ist heißt ja nicht dass er falsch ist :) . Aber so, wie Du das Wörtchen Transzendenz hier gebrauchst, tut sich eine wie ich finde fragliche Ambivalenz auf...
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

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      M. Kaléko

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Stultitia_II ()

    • sola gratia

      Fliege schrieb:

      Wenn ein Mensch seine Grenzen, die ihn von der Transzendenz trennen, überschreitet, dann ist nicht dieser Mensch "transzendenzoffen", sondern für diesen Menschen ist die Transzendenz offen.
      Stimmt - so kann mans aus einer theologischen Perspektive vielleicht auch sagen :)
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko
    • Nick schrieb:

      Stultitia_II schrieb:

      Aber so, wie Du das Wörtchen Transzendenz hier gebrauchst, tut sich eine wie ich finde fragliche Ambivalenz auf...

      Ich befürchte, ich steh im Moment auf dem Schlauch ... (Vielleicht versteh ich's ausgeschlafen :)
      Schade, ich weiß gerade auch nicht, wie ich es noch deutlicher machen kann :( . Vielleicht fällt mir ja später noch etwas ein :) . Vielleicht liege ich aber auch einfach falsch :)
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

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      M. Kaléko
    • Stultitia:
      Stimmt - so kann mans aus einer theologischen Perspektive vielleicht auch sagen :-)

      Da meinte ich doch glatt, aus der vorgelegten Metapher eine logische Konsequenz gezogen zu haben *g*.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".
    • Die Benachrichtigung über neue Beiträge klappte an sich immer bei mir in letzter Zeit, nur beim Sloterdijk nicht.

      Der Vorteil eines raschen Überfliegens ist dann aber: Man sieht klarer: "Im Westen nichts Neues!" Eigentlich nichts verpasst.

      Stultitia in bewährter positionsscheuer Einstufungsmanier "Aus theologischer Sicht könnte man das so sehen"- sagt aber nicht, ob aus Ihrer Sicht dies näher an Wahrheiten heranführt...Und: Die Übungen aller Kulturen in Richtung Gotteinung irgendwo mit den Übungsanstrengungen eines modernen Stabhochspringers zu vergleichen, ist so ungeistig, dass es zum Himmel schreit.

      Nick kann wiederum nicht mehr, als Begriffe wie "Zöllner und Dirnen" als billige Schablonen abzutun, die auf SchwarzWeißManier schließen lassen.

      Dem/n Autor/en solcher plumpen Berufsgruppen-Schablonierungen sei es ins Gewissen geschrieben.

      Und auch Sie, werter Herr Sloterdijk; Setzen -6.
      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)

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    • Stultitia: Wenn ich jemanden so verkürzt dargestellt hätte, wie Du es jetzt bei meiner Radikalkritik Deiner Postings tue, ich wäre der Zurechtbiegung und Verfälschung ersten Grades bezichtigt worden.

      Ich habe Dich frontal angegriffen: Hauptthese ist: Wie kann man Sloterdijk bitte in einen zeitgeist-konformen Propagandisten des Leistungsdenkens herabdeuten? Bitte nähere Erläuterung!
      "Man kann den Menschen nichts beibringen. Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)
    • höher, weiter, schneller

      Wie kann man Sloterdijk bitte in einen zeitgeist-konformen Propagandisten des Leistungsdenkens herabdeuten? Bitte nähere Erläuterung!
      "In der Tat, dem Märchen von der Rückkehr der Religion nach dem 'Scheitern' der Aufklärung muß eine schärfere Sicht auf die spirituellen Tatsachen entgegengestellt werden. Ich werde zeigen, daß eine Rückwendung zur Religion ebensowenig möglich ist wie eine Rückkehr der Religion - aus dem einfachen Grund, weil es keine 'Religion' und keine 'Religionen' gibt sondern nur mißverstandene spirituelle Übungssysteme. [...] Es gibt nur mehr oder weniger ausbreitungsfähige, mehr oder weniger ausbreitunswürdige Übungssysteme. Auch der falsche Gegensatz zwischen Gläubigen und Ungläubigen entfällt und wird durch die Unterscheidung zwischen Praktizierenden und Ungeübten bzw. anders Praktizierenden ersetzt." (P. Sloterdijk, Du musst dein Leben ändern, 12)

      "Wir müssen [...] praktisch alles, was über den Menschen als Arbeitswesen gesagt wurde, suspendieren, um es in die Sprache des Übens bzw. des selbstformenden und selbststeigernden Verhaltens übersetzen. Nicht nur der ermattete homo faber, der die Welt im Modus 'Machen' vergegenständlicht, hat seinen Platz im Zentrum der logischen Bühne zu räumen, auch der homo religiosus, der sich mit surrealen Riten an die Überwelt wendet, darf den verdienten Abschied nehmen. Gemeinsam treten Arbeitende und Gläubige unter einen neuen Oberbegriff" (ebd., 14)

      "Als Übung definiere ich jede Operation, durch welche die Qualifikation des Handelnden zur nächsten Ausführung der gleichen Operation erhalten oder verbessert wird, sei sie als Übung deklariert oder nicht" (ebd.)
      ...worunter demnach, wenn ich recht verstehe, das Training eines (Leistungs-)Sportlers bzw. Stabhochspringers ebenso fällt wie das Lernen eines Instruments, eines Handwerks, die Exerzitien eines Mönchs oder sonst irgendeine Aneignung und Perfektionierung von Fähigkeiten und Fertigkeiten bzw. eine "Operation" aus dem Bereich "selbstformenden und selbststeigernden Verhaltens" qua einübender Wiederholung. Wenn das Deiner Ansicht nach "so ungeistig" ist, "dass es zum Himmel schreit"... ich fühle mich dadurch nicht angegriffen :) .
      Schade nur, dass ich lesen kann.
      (H. Schreiber)

      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko

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