Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

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    • Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Wissenschaft als soziales System benötigt wie alle Systeme Geschlossenheit, um Offenheit ihrer anschlussfähigen Kommunikationen zu erzeugen.

      Daher muss man zwangsläufig zwischen Wissenschaft und dem Bild der Wissenschaft in der medialen Öffentlichkeit unterscheiden.

      Das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit - und damit zugleich in den Köpfen der Menschen - ist geprägt von der Dominanz der Meinungsführerschaft. Überall, wo es um Entscheide der Wahrheit geht, beruft man sich auf Wissenschaft.

      Das Dilemma besteht nun darin, dass die Wissenschaft selbst die Unterscheidung Wahrheit und Unwahrheit als ihr Kommunikationsmedium benutzt, um die Fortsetzung ihrer auf Hypothesen gründenden Kommunikationen zu gewährleisten, die Menschen aber, die sich auf Wissenschaft berufen, eine metaphysische Erwartung nach Gewissheit in ihren Wahrheitsbegriff hineinverlegen.

      Und da nun die Kunde von der unabschließbaren Hypothesenhaftigkeit der wissenschaftlichen Wahrheit in die Öffentlichkeit und von dort in die Köpfe gelangt ist, ist damit zugleich ein teilweise resignativer Hang zu einer Totalrelativierung und grenzenlosen Beliebigkeit in die Köpfe und in die Kommunikationen der Menschen eingedrungen.

      Ich möchte das als eine zersetzende und Moral untergrabende Wirkung bezeichnen.

      Was ist Eure Meinung?
      //;OI
    • Hallo sam,

      Habermas analysiert in der TKH zwei Auswirkungen der modernen Rationalisierung, die er im Anschluss an Weber „Freiheitsverlust“ und „Sinnverlust“ bezeichnet. (Vgl. TKH II S. 470, 481). In der Sekundärliteratur und der Rezeption wurde vorwiegend die erste Analyse aufgegriffen, die Habermas anhand seiner systemtheoretischen (Parsons/Luhmann), lebensweltlichen (Husser, Schütz) und sprachpragmatischen (Mead, Dewey, Toulmin, Searle) Konzeptionen zunächst als Mediatisierung und dann „Kolonialisierung der Lebenswelt“ beschreibt.
      Auf der andere Seite beschreibt er den Vorgang des "Sinnverlustes": demnach geht mit der Rationalisierung der Verständigungsformen in der frühmodernen Gesellschaft eine Differenzierung der kulturellen Wertsphären einher, die sich von sakralen Kontexten jedoch nicht vollständig lösten: es bestand weiterhin ein Rationalitätsgefälle zwischen den praxissteuernden Weltbildern und den Bereichen der Zwecktätigkeit und Kommunikation. Mit der Profanisierung der bürgerlichen Kultur erodierten im Laufe dieser Entwicklung die traditionellen Grundüberzeugungen sowie die im 19. Jahrhundert wurzelnden ideologischen Welt- und Ordnungsvorstellungen, welche der reflektierenden Argumentation der modernen Verständigungsform nicht standhielten. Die „entzauberte Kultur“ büßte auf diese Weise ihre ideologische Funktion ein, doch tritt in modernen, spätkapitalistischen Gesellschaften an die Stelle der Ideologien kein reflexives, die Alltagspraxis sowie das Publikum der Experten anleitendes Weltbild, das sich auf die evolutionären Errungenschaften der kulturellen Wertsphären stützt und Interpretationsleistungen auf dem Niveau der Ideologien erlaubt, vielmehr wird die Alltagskommunikation von der kulturellen Rationalisierung abgespalten, ihrer synthetischen Kraft beraubt sowie „fragmentiert“. Die kulturelle Rationalisierung dient zwar dem technischen Fortschritt, dem kapitalistischen Wachstums sowie der rationalen Verwaltung, verbleibt jedoch hinsichtlich des Welt- und Selbstverständnisses kommunizierender Bürger in Expertenkulturen elitär eingekapselt. Es verbleibt demnach ein Verhältnis zwischen der Alltagskommunikationen und Expertenkulturen, das notwendig zu Enttäuschungen führt und mit einem Sinnverlust einhergeht. (Vgl. TKH II, z.B. S. 481)

      Mir scheint, dass du hier dieses Fragementierungsverhältnis ansprichst.

      Original von sam
      Ich möchte das als eine zersetzende und Moral untergrabende Wirkung bezeichnen.


      Beste Grüße,
      spirit
    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Original von sam
      Wissenschaft als soziales System benötigt wie alle Systeme Geschlossenheit

      inwiefern soll Wissenschaft ein geschlossenes System sein? Geschlossen gegenüber Nicht-Wissenschaftlern? (Genau darin sehe ich gerade ein Problem, aber das führte hier zu weit.)
      Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Folgerung: Philosophie, die den Menschen ignoriert, macht einen Fehler.
    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Hallo Burkart,

      Original von Burkart
      Genau darin sehe ich gerade ein Problem, aber das führte hier zu weit.


      Das ist hier der WiPhi-Bereich, es kann also ruhig weit führen, außerdem sprichst du mE u.a. das Thema an.

      Beste Grüße,
      Spirit
    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Original von Burkart
      Original von sam
      Wissenschaft als soziales System benötigt wie alle Systeme Geschlossenheit

      inwiefern soll Wissenschaft ein geschlossenes System sein? Geschlossen gegenüber Nicht-Wissenschaftlern? (Genau darin sehe ich gerade ein Problem, aber das führte hier zu weit.)

      Am Beispiel einer produzierenden Firma, das auf Wissenschaft übertragbar ist, lässt sichs veranschaulichen:
      Zur Entwicklung und Produktion des Produkts benötigt die Firma Geschlossenheit der Handlungs- und Produktionsabläufe, der Produktionsräume (inkl. Materialbeschaffung, Energieversorgung, Abfallentsorgung usw.), um Offenheit gegenüber dem Markt erzeugen zu können: Das Produkt anbieten und im Bedarfsfall der Nachfrage anpassen zu können usw..
      Dieses beständige und ineinander verwobene Wechselspiel zwischen Offenheit und Geschlossenheit ist notwendig, um die Firma (oder das wissenschaftliche Labor) am Laufen zu halten.

      Wissenschaft muss sich kommunikativ schließen, um in sich anschlussfähige Kommunikationen und Entwicklungen erzeugen zu können.
      Auf Offenheit ist Wissenschaft deshalb angewiesen, weil sie zur Aufrechterhaltung dieser notwendigen Geschlossenheit bspw. Geld benötigt, oder sich entwicklungsbezogen auf dem Laufenden halten muss (die Konkurrenz "ausspähen"). Daher ist der Erfolgsdruck, erfolgreiche, zum Teil vermarktungsfähige "Produkte" - bspw. neue Materialformen zur Halbleiterfertigung -> Verzahnung/Offenheit gegenüber der Wirtschaft usw., ebenso gegeben wie bei der genannten Beispielfirma.

      Du sprichst oben von einem Problem, das Du hinsichtlich der kommunikativen Geschlossenheit der Wissenschaft gegenüber Nicht-Wissenschaftlern siehst. Worin besteht dieses Problem?

      Gruß,

      sam
      //;OI
    • Spirit: (...)...geht in der frühmodernen Gesellschaft eine Differenzierung der kulturellen Wertsphären einher, die sich von sakralen Kontexten jedoch nicht vollständig lösten: es bestand weiterhin ein Rationalitätsgefälle zwischen den praxissteuernden Weltbildern und den Bereichen der Zwecktätigkeit und Kommunikation.
      Spirit: Es verbleibt demnach ein Verhältnis zwischen der Alltagskommunikationen und Expertenkulturen, das notwendig zu Enttäuschungen führt und mit einem Sinnverlust einhergeht.
      Spirit: Mir scheint, dass du hier dieses Fragementierungsverhältnis ansprichst.

      Hallo Spirit,

      Dein fachliches Wissen versetzt mich immer wieder in Erstaunen. Und es zahlt sich eben dadurch aus, dass sich die eigenen Positionen daran herausschälen lassen. :)

      Ich bestreite bspw., dass es allein der frühmodernen Gesellschaft vorbehalten war, einen Zusammenhang zu sakralen Kontexten und der Lebenswelt der Bevölkerung herstellen zu können.
      Daraus folgt die These: Das Bild der Wissenschaft in unseren Köpfen erfüllt sakrale Erwartungen hinsichtlich der metaphysischen Sicherung der Wahrheit der Lebenswelt.
      Die Frage ist nur, ob die Form derartiger Wahrheitssicherung in sich wertrelativierende und dadurch zersetzende Auswirkung hat.
      Ob unterm Strich also nicht die gefährliche Parole verkündet wird: ALLES IST ERLAUBT!!!...völlig egal, ob das von der Medienkultur und den Medienmachern jetzt gewusst wird oder nicht.

      Eingangs schrieb ich:
      ...die Menschen aber, die sich auf Wissenschaft berufen, legen eine metaphysische Erwartung nach Gewissheit in ihren Wahrheitsbegriff.

      Das bedeutet, der heutige GOTT, auf den wir uns berufen, wenn es um Fragen der Sicherung der Lebenswelt geht, ist das Bild der Wissenschaft in unseren Köpfen!...und wir berufen uns andauernd darauf: "Ja, aber nachgewiesen ist doch...", "Die Wissenschaft sagt..." usw. usw. .

      Dass die Kluft zwischen wissenschaftlichem Wissen und dem Alltagswissen unüberbrückbar ist, kann mE nicht an Formulierungen wie "in Expertenkulturen elitär eingekapselt" festgemacht werden, da "Expertenkulturen, die sich elitär einkapseln" gar nicht existieren.
      Wir können hier kaum auf Personen oder Personengruppen zurechnen, sondern sollten hier Luhmanns scharfe Trennung berücksichtigen und auf ein insgesamtes soziales System der Kommunikation umstellen, das tatsächlich für sich existiert und solche illusionären Begriffe wie "Expertenkultur" erst erzeugt.

      Was ich nicht begreife - sollte sich die These des ALLES IST ERLAUBT!!! überhaupt bestätigen lassen: Warum werden keine großangelegten Strategien DAGEGEN wirkungsvoll eingesetzt, um dieser Zersetzung des metaphysischen Wahrheitsbegriffs entgegenzutreten?
      Was ich beobachte ist, dass zwar in Kinderprogrammen des Fernsehens ein "positives" Bild der Wissenschaft vermittelt wird, zumindest wird es versucht, aber in meiner insgesamten Wahrnehmung - die natürlich extrem eingeschränkt ist - überwiegt eine Haltung völliger Beliebigkeit: "Das weiß die Wissenschaft auch nicht so genau...ist doch sowieso alles egal!...ist doch eh alles BELIEBIG..."

      Der Begriff der Fragmentierung trifft somit im Kern nicht das, was ich meine.

      Gruß,

      sam
      //;OI

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von sam ()

    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Original von sam
      Wissenschaft muss sich kommunikativ schließen, um in sich anschlussfähige Kommunikationen und Entwicklungen erzeugen zu können.

      Das hieße also, dass Wissenschaft(ler) nur unter sich kommunizieren soll(en)? Oder wo ist die Geschlossenheit? (Natürlich sind einzelne wissenschaftliche Projekte ggf. abgeschlossen, aber das ist wohl kaum gemeint.)

      Du sprichst oben von einem Problem, das Du hinsichtlich der kommunikativen Geschlossenheit der Wissenschaft gegenüber Nicht-Wissenschaftlern siehst. Worin besteht dieses Problem?

      Ich denke, dass auch Nicht-Wissenschaftler zur Wissenschaft beitragen können. Mich stört schon eine klare Grenzziehung. Ideal fände ich, dass "Amateurwissenschaftler" sich (mehr) an "echter Wissenschaft" beteiligen könnten, z.B. in dem ihre (Amateur-)Vorschläge von einem "echten" Wissenschaftler (z.B. Assistent an der Uni) ernsthaft entgegen genommen und irgendwie einbezogen werden können (je nach Qualität natürlich äußerst unterschiedlich stark) und sie Feedback erhalten.

      Klar ist das alles u.a. sehr eine Zeitfrage, aber so könnten interessante Impulse von außerhalb des engen Wissenschaftzirkels kommen.
      Und ja, es gibt ansatzweise Foren wie zur Philosophie hier, aber gibt es die entsprechend z.B. auch von Unis?
      Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Folgerung: Philosophie, die den Menschen ignoriert, macht einen Fehler.
    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Burkart: Das hieße also, dass Wissenschaft(ler) nur unter sich kommunizieren soll(en)? Oder wo ist die Geschlossenheit? (Natürlich sind einzelne wissenschaftliche Projekte ggf. abgeschlossen, aber das ist wohl kaum gemeint.)

      Von SOLLEN kann keine Rede sein: MÜSSEN!
      Die Konzentration beim Lösen einer Mathe-Aufgabe. Wenn da jetzt andauernd meine Geschwister hereinstürmen und mir hell aufgebracht erzählen, was der Thomas O. wieder alles schlimmes gemacht hat, ists um die Mathe-Aufgabe und ihre ausstehende Lösung geschehen... :)

      Bereits in der spezifizierten Fachsprache kommt die Geschlossenheit, die notwendige Abgeschottetheit der Wissenschaft zum Ausdruck. Wenn mir mein Neffe - der Physiker ist - die Listen seiner ausschließlich aus mathematischen Herleitungen bestehenden Beschreibung eines bestimmten Experiments vorlegt, verstehe ich sozusagen nichts, bis auf einige wenige vernachlässigbare Zusammenhänge, die ich noch einigermaßen nachvollziehen kann. Geschlossenheit - Konzentration zur Lösung der Mathe-Aufgabe - ist grundsätzliche Bedingung von Systemen, Offenheit in Form von Herzeigbarkeit der Ergebnisse und deren Verkauf - volle Punktzahl vom Mathe-Lehrer! :finger: - zu ermöglichen.



      Burkart: Ich denke, dass auch Nicht-Wissenschaftler zur Wissenschaft beitragen können. Mich stört schon eine klare Grenzziehung. Ideal fände ich, dass "Amateurwissenschaftler" sich (mehr) an "echter Wissenschaft" beteiligen könnten, z.B. in dem ihre (Amateur-)Vorschläge von einem "echten" Wissenschaftler (z.B. Assistent an der Uni) ernsthaft entgegen genommen und irgendwie einbezogen werden können (je nach Qualität natürlich äußerst unterschiedlich stark) und sie Feedback erhalten. Klar ist das alles u.a. sehr eine Zeitfrage, aber so könnten interessante Impulse von außerhalb des engen Wissenschaftzirkels kommen. Und ja, es gibt ansatzweise Foren wie zur Philosophie hier, aber gibt es die entsprechend z.B. auch von Unis?

      In der Astronomie bspw. sind solche Beteiligungen von Amateurwissenschaftlern gar nicht so selten.

      Aber in dem Moment, wo Du Dich in eine Wissenschaft soweit einarbeitest, dass Du ihre Kommunikationen nicht nur nachvollziehen, sondern anschlussfähig fortsetzen kannst, bist Du ja schon kein Nicht-Wissenschaftler mehr.


      Auf der biologischen Ebene ist es übrigens dasselbe: ein Organismus muss sich über eine Grenze - Haut, Zellwand - gegenüber seiner Umwelt schließen, um Offenheit gegenüber dieser Umwelt - Ernährung - überhaupt erzeugen zu können.

      sam
      //;OI
    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Original von sam
      Burkart: Das hieße also, dass Wissenschaft(ler) nur unter sich kommunizieren soll(en)? Oder wo ist die Geschlossenheit? (Natürlich sind einzelne wissenschaftliche Projekte ggf. abgeschlossen, aber das ist wohl kaum gemeint.)

      Von SOLLEN kann keine Rede sein: MÜSSEN!

      So einfach ist das wirklich nicht.
      Zu meiner Unizeit vor knapp 20 Jahren gab es z.B. Graduiertenkollegs, die aus unterschiedlichsten Fachbereichen kamen. Sicher, auf den ersten (äußeren) Blick kamen sie alle aus dem wissenschaftlichen Bereich. Aber wenn z.B. ein Informatiker mit einem Philosophen spricht, mögen sich die beiden nicht unbedingt sofort als Teil ihrer jeweiligen Wissenschaftswelt ansehen.

      Die Konzentration beim Lösen einer Mathe-Aufgabe. Wenn da jetzt andauernd meine Geschwister hereinstürmen und mir hell aufgebracht erzählen, was der Thomas O. wieder alles schlimmes gemacht hat, ists um die Mathe-Aufgabe und ihre ausstehende Lösung geschehen... :)

      Ja klar muss man sich auch *mal* auf eine Aufgabe konzentrieren können, das meinte ich mit "einzelnen wissenschaftlichen Projekten". Aber Wissenschaft sollte gerade aus Kommunikation zwischen verschiedenen Menschen bestehen, und eben nur zwischen "Elfenbeinturm-Bewohnern".

      Bereits in der spezifizierten Fachsprache kommt die Geschlossenheit, die notwendige Abgeschottetheit der Wissenschaft zum Ausdruck. Wenn mir mein Neffe - der Physiker ist - die Listen seiner ausschließlich aus mathematischen Herleitungen bestehenden Beschreibung eines bestimmten Experiments vorlegt, verstehe ich sozusagen nichts, bis auf einige wenige vernachlässigbare Zusammenhänge, die ich noch einigermaßen nachvollziehen kann. Geschlossenheit - Konzentration zur Lösung der Mathe-Aufgabe - ist grundsätzliche Bedingung von Systemen, Offenheit in Form von Herzeigbarkeit der Ergebnisse und deren Verkauf - volle Punktzahl vom Mathe-Lehrer! :finger: - zu ermöglichen.

      Jein. Sicherlich hat jeder Wissenschaftsbereich seine Sprache u.ä. - die Kunst ist aber gerade, es auch anderen erklären zu können, spätestens wenn etwas von Praktikern umgesetzt werden soll.

      Burkart: Ich denke, dass auch Nicht-Wissenschaftler zur Wissenschaft beitragen können. Mich stört schon eine klare Grenzziehung. Ideal fände ich, dass "Amateurwissenschaftler" sich (mehr) an "echter Wissenschaft" beteiligen könnten, z.B. in dem ihre (Amateur-)Vorschläge von einem "echten" Wissenschaftler (z.B. Assistent an der Uni) ernsthaft entgegen genommen und irgendwie einbezogen werden können (je nach Qualität natürlich äußerst unterschiedlich stark) und sie Feedback erhalten. Klar ist das alles u.a. sehr eine Zeitfrage, aber so könnten interessante Impulse von außerhalb des engen Wissenschaftzirkels kommen. Und ja, es gibt ansatzweise Foren wie zur Philosophie hier, aber gibt es die entsprechend z.B. auch von Unis?

      In der Astronomie bspw. sind solche Beteiligungen von Amateurwissenschaftlern gar nicht so selten.

      Stimmt, hier ist ein gutes Beispiel dafür.

      Aber in dem Moment, wo Du Dich in eine Wissenschaft soweit einarbeitest, dass Du ihre Kommunikationen nicht nur nachvollziehen, sondern anschlussfähig fortsetzen kannst, bist Du ja schon kein Nicht-Wissenschaftler mehr.

      Die Trennung zwischen Nicht- und Nicht-Nicht-Wissenschaftlern stört mich einfach. Die Menschheit könnte ein viel größeres Potential nutzen.

      Auf der biologischen Ebene ist es übrigens dasselbe: ein Organismus muss sich über eine Grenze - Haut, Zellwand - gegenüber seiner Umwelt schließen, um Offenheit gegenüber dieser Umwelt - Ernährung - überhaupt erzeugen zu können.

      Tja, nur dass die Menschheit dabei ist, ihre Grenzen immer weiter aufzulösen, ob nun geografisch mit der EU, ob nun durch Vermischung der Religionen usw. Warum sollte das nicht auch für Wissenschaft gelten, gerade durch das (fast) allumspannende Internet?

      Gruß, Burkart
      Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Folgerung: Philosophie, die den Menschen ignoriert, macht einen Fehler.
    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Hallo Burkart,

      mit dem Prinzip Öffnung durch Schließung und umgekehrt ist weder Interdisziplinarität noch Öffentlichkeitsarbeit noch sind Graduiertenkollegs gemeint.

      Aber die Darstellung oder Darstellbarkeit von Wissenschaft in der medialen Öffentlichkeit und das Bild der Wissenschaft, dass dadurch in unseren Köpfen entsteht, ist ja das eigentliche Thema des Threads.

      Die Frage lautet ja: Besteht ein Zusammenhang zwischen der vermittelten Unabgeschlossenheit wissenschaftlicher Erkenntnis und dem ethischen Relativismus oder resignativen Egalitarismus vermutlich großer Teile der Bevölkerung, der in Haltungen wie "...ach, ist doch sowieso alles egal...", oder gar der teilweise verbrecherischen Anmaßung eines "Alles ist erlaubt!" zum Ausdruck kommt?

      Hat Wissenschaft im Bild der Öffentlichkeit und daher in unseren Köpfen den sozial wirksamen Status eines Gottes der vollständigen Beliebigkeit insofern, als bspw. auch extreme Verrohungen bezüglich des Gewaltverhaltens von Jugendlichen mit dem Bild der wissenschaftlichen Beliebigkeit von Wahrheit in Verbindung gebracht werden können?

      Welche Weltverhältnisse in Form von Haltungen der Welt gegenüber zeitigt ein solches Bild, ein solcher Gott?



      Gruß, sam
      //;OI
    • Hallo sam,

      Original von sam
      Ich bestreite bspw., dass es allein der frühmodernen Gesellschaft vorbehalten war, einen Zusammenhang zu sakralen Kontexten und der Lebenswelt der Bevölkerung herstellen zu können.


      welchen Gesellschaften war es noch möglich, zwischen einem Wissenschaftssystem und der Alltagswelt – wie es der von mir zitierte Text beschreibt - sakrale Kontexte herzustellen?

      Folgt man z.B. den Analysen von Foucault (Die Ordnung der Dinge) oder Luhmann, dann differenzierte sich ein Wissenschaftssystem erst im 17. Jahrhundert allmählich aus. (Wissenschaft der Gesellschaft S. 589) Luhmann verweist hier auf den Buchdruck als Verbreitungsmedium (Vgl. ebd. S. 605; vgl. Gesellschaft der Gesellschaft z.B. S. 544). Erst eine funktionale Differenzierung kann dieses Problem ja im eigentlichen Sinne erst ermöglichen.

      Du hast geschrieben:

      Der Begriff der Fragmentierung trifft somit im Kern nicht das, was ich meine.


      Aber du hast auch geschrieben:

      Die Frage lautet ja: Besteht ein Zusammenhang zwischen der vermittelten Unabgeschlossenheit wissenschaftlicher Erkenntnis und dem ethischen Relativismus oder resignativen Egalitarismus vermutlich großer Teile der Bevölkerung, der in Haltungen wie "...ach, ist doch sowieso alles egal...", oder gar der teilweise verbrecherischen Anmaßung eines "Alles ist erlaubt!" zum Ausdruck kommt?


      Scheinbar verneinst du einerseits das, was du andererseits thematisieren möchtest? Könntest du mir dies erläutern? Vielleicht verstehe ich dich hier falsch. Merci.

      Dass die Kluft zwischen wissenschaftlichem Wissen und dem Alltagswissen unüberbrückbar ist, kann mE nicht an Formulierungen wie "in Expertenkulturen elitär eingekapselt" festgemacht werden, da "Expertenkulturen, die sich elitär einkapseln" gar nicht existieren. Wir können hier kaum auf Personen oder Personengruppen zurechnen, sondern sollten hier Luhmanns scharfe Trennung berücksichtigen und auf ein insgesamtes soziales System der Kommunikation umstellen, das tatsächlich für sich existiert und solche illusionären Begriffe wie "Expertenkultur" erst erzeugt.


      1. es ist mE möglich, bei Habermas nicht auf Personen zuzurechnen. Habermas ist auch Systemtheoretiker und kann auf dieser Ebene mE ebenfalls gelesen werden.
      2. scheint es mir nicht sinnvoll, sich an einer einzigen Theorie zu orientieren. Anspruchsvoller und komplexer scheint mir die Vorgehensweise, anhand von unterschiedlichen Großtheorien eine sozialphilosophische Diagnose zu entwickeln.

      Beste Grüße,
      Spirit

      -> Edit: 12.13 Uhr <-
    • Hi Spirit,

      ich melde mich nur in aller Kürze, werde aber später detailliert auf Deinen Beitrag eingehen.

      Was mir seit geraumer Zeit schon auffällt ist ein prinzipieller Unterschied in der Herangehensweise, der Auffassung von Philosophie überhaupt und in der Adaptionsweise von philosophischen oder wissenschaftlichen Schriften.

      Wo Du viele Sichtweisen siehst, sehe ich ausschließlich Konsistenzen.

      Leg mir einen aktuellen und wichtigen Text von Habermas vor. Ich beschäftige mich mit dem Text und weiß von vorneherein, dass ich genau die nachweisbaren Schwächen aus dem Text herausarbeite, die es zwingend erübrigen, mich mit Habermas näher zu beschäftigen. Im Fundament: Schnee von vorgestern. Und zwar völlig egal, was irgendein philosophisches Fachpersonal davon hält.

      Du bewegst Dich laut Deinen Hinweisen in fachspezifisch philosophischen Kreisen einer Universität und ihrem sozialen Umfeld.
      Wo Du den Vorteil der Vielbelesenheit siehst und sehen musst, sehe ich die Gefahr der Orientierungslosigkeit, die sich in universitärem Jargon auskompensiert, also einen gewissen Mangel an "urwüchsiger", erfahrungsgesättigter philosophischer Kraft und Urteilskraft.

      Was Niklas Luhmann angeht, so hänge ich mich keineswegs an seiner Theorie auf.
      Instinkt - falls dergleichen Begrifflichkeiten in der Zunft noch benutzt werden dürfen - Instinkt also hat mich zu Luhmann gebracht und Instinkt führt mich durch dieses Werk hindurch und findet seinen Weg in der Bestätigung von bereits Gewachsenem, Vorhandenem.

      Insofern benutze ich Niklas Luhmann und sehe dort, wo ich Widerspruch entgegenhalte, meine Reibungsflächen für Einsichten, die schlicht erfolgversprechend sind.

      Ich denke, ich habe dargestellt, dass mein Hindeuten auf die Symbolik Thomas Manns durchaus erfahrungsbezogene Gründe hat.


      Grüße von

      :sunny:
      sam
      //;OI

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    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Original von sam
      Aber die Darstellung oder Darstellbarkeit von Wissenschaft in der medialen Öffentlichkeit und das Bild der Wissenschaft, dass dadurch in unseren Köpfen entsteht, ist ja das eigentliche Thema des Threads.

      Ok.

      Die Frage lautet ja: Besteht ein Zusammenhang zwischen der vermittelten Unabgeschlossenheit wissenschaftlicher Erkenntnis und dem ethischen Relativismus oder resignativen Egalitarismus vermutlich großer Teile der Bevölkerung, der in Haltungen wie "...ach, ist doch sowieso alles egal...", oder gar der teilweise verbrecherischen Anmaßung eines "Alles ist erlaubt!" zum Ausdruck kommt?

      Hat Wissenschaft im Bild der Öffentlichkeit und daher in unseren Köpfen den sozial wirksamen Status eines Gottes der vollständigen Beliebigkeit insofern, als bspw. auch extreme Verrohungen bezüglich des Gewaltverhaltens von Jugendlichen mit dem Bild der wissenschaftlichen Beliebigkeit von Wahrheit in Verbindung gebracht werden können?

      Welche Weltverhältnisse in Form von Haltungen der Welt gegenüber zeitigt ein solches Bild, ein solcher Gott?

      Also ich (als normaler Mensch, also nicht Insider) habe das bisher nicht so gesehen, also dass die nicht abgeschlossene Wissenschaft unsere Gesellschaft negativ beeinflusst.

      Ich weiß, dass es dir um diesen Punkt geht, aber die eigentlichen Probleme sehe ich vielmehr in häufigem (materiellen) Egoismus, bedingt und geschürt durch Ausartungen in der Wirtschaft (um nicht "Kapitalismus" zu sagen), ob nun "immer mehr Rendite" oder Werbungsdruck auch z.B. auf Kinder ("muss ich haben") u.a.

      Andererseits fürchte ich, dass Gewaltverhalten (insbesondere) von Jugendlichen durch moralischen Verfall kommt, z.B. dadurch, dass sie sich quasi alles erlauben können, z.B. da jegliche Gewalt(-androhung) (von Erwachsenen) im Gegensatz zu früher verboten ist (und auch die Erziehung entsprechend diese und damit gewissen Respekt nicht mehr lehrt).

      So halte ich auch Bestrebungen von immer mehr Mitsprache von Jugendlichen nicht für sehr sinnvoll. Wenn man ihnen schon alles erlaubt, warum sollten sie sich dann auf Erwachsenen-Dasein überhaupt noch freuen sollen? Dieses sollte mAn aber sein, da das Erwachsenen-Dasein schon schwer genug ist. Überhaupt sollte ein menschliches Leben nicht zu sehr nur am Anfang positiv sein und später immer negativer werden (z.B. Arbeitslosigkeit (bzw. deren Gefahr), Vereinsamung im Alter usw.), aber das führt hier natürlich zu weit...
      Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Folgerung: Philosophie, die den Menschen ignoriert, macht einen Fehler.
    • Hallo Sam,

      ich kann dir ein paar Punkte nennen, die ich an Habermas erwähnenswert finde.

      - Habermas nimmt die Ergebnisse der Entwicklungspsychologie auf, während Luhmann vor allem die Ergebnisse der Sozialpsychologie (Attribution etc.) aufnimmt. -> meiner Ansicht nach sind beide Zweige wichtig.
      Auf diese Weise vermag es Habermasm, unterschiedliche reflexive Niveaus von "Verständigungsformen" zu beschreiben. Mit dem Übergang zur modernen Gesellschaft verändert sich somit nicht nur die Gesellschaftsdifferenzierung, sondern auch die Interaktionsdifferenzierung.
      (Darauf könnten wir näher zu sprechen kommen, wenn wir das von dir erwähnte Kapitel besprechen sollten.)

      - Habermas unterscheidet zwischen Systemen, Wertsphären und Alltagslebenswelt, Öffentlichkeit und Privatsphäre.

      - Habermas versucht zumindest, die Interaktionsebene mit den anderen Ebenen zu verschränken - das scheint mir ein richtiger Weg. Der Institutionenbegriff ist hier breiter als der Organisationsbegriff - aber auch Habermas beschreibt die Herausbildung von Organisationen und Mitgliedschaftsbedingungen.

      Schwächen sehe ich bei Habermas vor allem in seiner Kommunikationstheorie (hier: die Annahme von Bedeutungsidentitäten).

      Es geht mir nicht darum, den "ganzen" Habermas zu retten. Es geht mir lediglich um einige interessante Theoriestücke.

      Du bewegst Dich laut Deinen Hinweisen in fachspezifisch philosophischen Kreisen einer Universität und ihrem sozialen Umfeld. Wo Du den Vorteil der Vielbelesenheit siehst, sehe ich die Gefahr der Orientierungslosigkeit, die sich in universitärem Jargon auskompensiert, also einen gewissen Mangel an "urwüchsiger", erfahrungsgesättigter philosophischer Kraft und Urteilskraft.


      Hierzu kann ich nur sagen, dass ich zwischen 3 Bereichen arbeite - Soziologie, Psychologie und Philosophie: diese Zwischenstellung erlaubt es mir nicht, mich dem Fachjargon einer Seite anzuschließen: ich sehe mich selbst als Sozialphilosophen/psychologen, nicht als "klassischen Philosophen". Ich gebe dir generell in deiner Beschreibung recht, die aus meiner Sicht auf viele zutrifft, die ich kenne, die sich mit ihrer Dissertation in der Uni zu etablieren versuchen, aber ich verfolge meinen eigenen Weg, mein eigenes Thema, meine eigene Herangehensweise, auch wenn ich damit hinsichtlich einer Uni-Karriere scheitern sollte - meine Ideen sind mir hier wichtiger.
      Dennoch möchte ich dir nicht deinen andersartigen Standpunkt und deine individuelle Motivation absprechen - aber diese Unterschiede könnten sich ja als fruchtbar erweisen.

      Beste Grüße,
      Spirit
    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      sam:
      Überall, wo es um Entscheide der Wahrheit geht, beruft man sich auf Wissenschaft.

      Hälst du es für möglich, dass eventuell gar keine "Entscheide der Wahrheit" vorgenommen werden können (Entscheide über das, was wahr ist), sondern vielmehr Entscheide über das, was man für wahr hält?

      Du sagst nun, Wissenschaft gehe genauso vor aufgrund "ihrer auf Hypothesen gründenden Kommunikationen", die Menschen aber, die sich auf Wissenschaft berufen, würden "eine metaphysische Erwartung nach Gewissheit in ihren Wahrheitsbegriff hineinverlegen".
      Ein derart naive Wissenschaftsauffassung, die nach Gewissheiten lechzt, mag dann und wann unter Leuten und Philosophen anzutreffen sein, aber ich hielte es für angebracht, den Menschen in diesem Fall nahe zu legen, ihre Wissenschaftsauffassung einer Revision zu unterziehen.
      Dass du da in erster Linie die Gefahr siehst, dass "ein teilweise resignativer Hang zu einer Totalrelativierung und grenzenlosen Beliebigkeit in die Köpfe und in die Kommunikationen der Menschen" eindringt, ist unvermeidlich und vor allem sachangemessen. Wer nicht selber forscht, braucht sich schließlich nicht zu wundern, dass er durcheinander gerät, wenn mal zwei, drei Meinungen nicht übereinstimmen.

      Illusionen können die Leute und Philosophen ersatzweise auf anderen Gebieten pflegen wie etwa Astrologie (A), Glaube (G) und Partnerschaft (P) oder bei der Suche nach Gemeinschafts- und Weltsinn (GS und WS).

      A: Welche Zukunft ist mir zugedacht?
      G: Wie komme ich zur Erlösung?
      P: Wie vereinigen sich zwei zu einem Herz und einer Seele?
      GS: Wie kann ich werden, was ich sein soll?
      WS: Was gibt mir meinen Wert, damit mein Leben einen Sinn bekommt?
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".

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    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Original von Burkart
      Original von sam
      Aber die Darstellung oder Darstellbarkeit von Wissenschaft in der medialen Öffentlichkeit und das Bild der Wissenschaft, dass dadurch in unseren Köpfen entsteht, ist ja das eigentliche Thema des Threads.

      Ok.

      Die Frage lautet ja: Besteht ein Zusammenhang zwischen der vermittelten Unabgeschlossenheit wissenschaftlicher Erkenntnis und dem ethischen Relativismus oder resignativen Egalitarismus vermutlich großer Teile der Bevölkerung, der in Haltungen wie "...ach, ist doch sowieso alles egal...", oder gar der teilweise verbrecherischen Anmaßung eines "Alles ist erlaubt!" zum Ausdruck kommt?

      Hat Wissenschaft im Bild der Öffentlichkeit und daher in unseren Köpfen den sozial wirksamen Status eines Gottes der vollständigen Beliebigkeit insofern, als bspw. auch extreme Verrohungen bezüglich des Gewaltverhaltens von Jugendlichen mit dem Bild der wissenschaftlichen Beliebigkeit von Wahrheit in Verbindung gebracht werden können?

      Welche Weltverhältnisse in Form von Haltungen der Welt gegenüber zeitigt ein solches Bild, ein solcher Gott?

      Also ich (als normaler Mensch, also nicht Insider) habe das bisher nicht so gesehen, also dass die nicht abgeschlossene Wissenschaft unsere Gesellschaft negativ beeinflusst.

      Ich weiß, dass es dir um diesen Punkt geht, aber die eigentlichen Probleme sehe ich vielmehr in häufigem (materiellen) Egoismus, bedingt und geschürt durch Ausartungen in der Wirtschaft (um nicht "Kapitalismus" zu sagen), ob nun "immer mehr Rendite" oder Werbungsdruck auch z.B. auf Kinder ("muss ich haben") u.a.

      Andererseits fürchte ich, dass Gewaltverhalten (insbesondere) von Jugendlichen durch moralischen Verfall kommt, z.B. dadurch, dass sie sich quasi alles erlauben können, z.B. da jegliche Gewalt(-androhung) (von Erwachsenen) im Gegensatz zu früher verboten ist (und auch die Erziehung entsprechend diese und damit gewissen Respekt nicht mehr lehrt).

      So halte ich auch Bestrebungen von immer mehr Mitsprache von Jugendlichen nicht für sehr sinnvoll. Wenn man ihnen schon alles erlaubt, warum sollten sie sich dann auf Erwachsenen-Dasein überhaupt noch freuen sollen? Dieses sollte mAn aber sein, da das Erwachsenen-Dasein schon schwer genug ist. Überhaupt sollte ein menschliches Leben nicht zu sehr nur am Anfang positiv sein und später immer negativer werden (z.B. Arbeitslosigkeit (bzw. deren Gefahr), Vereinsamung im Alter usw.), aber das führt hier natürlich zu weit...

      Nein, das führt hier im Gegenteil gar nicht zu weit. Das ist das Thema!

      Nur das ich eben andere Zusammenhänge sehe oder vermute, die auch nichts mit Wissenschaftlern, sondern mit dem System der Wissenschaft und dem umgreifenden System der Kommunikation zu tun haben.

      Lass hören, Deine Einschätzungen, das wollte ich sagen.

      sam
      //;OI
    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Original von sam
      Original von Burkart
      So halte ich auch Bestrebungen von immer mehr Mitsprache von Jugendlichen nicht für sehr sinnvoll. Wenn man ihnen schon alles erlaubt, warum sollten sie sich dann auf Erwachsenen-Dasein überhaupt noch freuen sollen? Dieses sollte mAn aber sein, da das Erwachsenen-Dasein schon schwer genug ist. Überhaupt sollte ein menschliches Leben nicht zu sehr nur am Anfang positiv sein und später immer negativer werden (z.B. Arbeitslosigkeit (bzw. deren Gefahr), Vereinsamung im Alter usw.), aber das führt hier natürlich zu weit...

      Nein, das führt hier im Gegenteil gar nicht zu weit. Das ist das Thema!

      Nur das ich eben andere Zusammenhänge sehe oder vermute, die auch nichts mit Wissenschaftlern, sondern mit dem System der Wissenschaft und dem umgreifenden System der Kommunikation zu tun haben.

      Lass hören, Deine Einschätzungen, das wollte ich sagen.

      sam

      Ich meinte einfach, dass Menschen subjektiv über ihre ganze Lebenszeit ein einigermaßend gleich gutes Leben haben sollten. Sicher ist es gefühlsmäßig zwischen Menschen unterschiedlich, aber ich fürchte, dass unsere "Sandwich-Generation" als Erwachsene im Berufsalter nicht unbedingt das angenehmste Leben führen, während es (auch) bei Senioren u.a. abhängig vom Einkommen/Vermögen und sozialen und familiären Kontakten ist. Sicher haben es Kinder auch nicht immer leicht, aber bei ihnen dürfte es oft noch am subjektivsten bedingt sein, z.B. bedingt durch ihre erlernten Werte. ich denke, es macht keinen Sinn, ihnen noch mehr Rechte und weniger Pflichten zu geben, wozu ich z.B. Respekt vor Erwachsenen zähle; es macht mAn auch nur wenig Sinn, sie noch mehr vor eher seltenen kindlichen Gefahren wie schlagenden oder mißbrauchenden Erwachsenen zu schützen, selten gegenüber dem sonstigen, normaleren Leben. Wenn, dann müssten sie sich nicht selbst verteidigen müssen (und so Respekt verlieren), sondern von außen müssten sie mehr Hilfe erhalten.

      Mir ist hier aber nicht ganz klar, inwieweit das zu deinem Thema passt.
      Persönlich möchte ich Wissenschaft z.B. gestärkt sehen, und zwar keine "kommerzielle Wissenschaft" (u.a. von und für Firmen), sondern "menschliche Wissenschaft".
      Kommunikation möchte ich auch gestärkt sehen, allerdings gerade in den nicht-kommerziellen, sondern menschlichen Bereichen, also z.B. nicht in nerviger Werbung u.ä. Auch würde ich mich über mehr Einfluss von philosophischen Erkenntnissen wünschen. Mein Haupttraum bleibt der einer "echten künstlichen Intelligenz", also dass Roboter u.ä. ähnlich schlau/intelligent/weise wie Menschen werden können und ihn so unterstützen können, z.B. gegen die macht- und/oder geldbessenen "oberen 10000".
      Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Folgerung: Philosophie, die den Menschen ignoriert, macht einen Fehler.
    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Burkart: Mir ist hier aber nicht ganz klar, inwieweit das zu deinem Thema passt.

      Gibt es Zeitgeist?

      Dir schweben bei dem was Du sagst Werte vor, die die Problematik von der Du sprichst begrenzen oder lösen könnten, sofern sie Anwendung fänden.

      Zugleich wissen wir aber, dass Werte auf der einen und die Vermittlung dieser Werte auf der anderen Seite stehen.

      Richtet man eine Stelle ein, die allein das Recht besitzt, Werte zu vermitteln, haben wir eine Diktatur.

      Alle politischen Systeme sind schlecht, die Demokratie ist noch das Beste davon - so sinngemäß Winston Churchill.

      Hat Churchill recht?
      //;OI
    • RE: Wissenschaft im Licht der Öffentlichkeit

      Original von sam
      Burkart: Mir ist hier aber nicht ganz klar, inwieweit das zu deinem Thema passt.

      Gibt es Zeitgeist?

      Wenn du meinst, dass Werte nicht konstant sind: Sicher. Gerade bei der Mode sieht man das. Während sie aber eher selten ein echtes Problem ist (außer zu nackt oder so), stören einige zu egoistischen Werte real andere Menschen, z.B. das bewusste Nichtbefolgen von Gesetzen und Richtlinien (z.B. mich störende, laute MP3-Player u.ä. im Nahverkehr oder Leute, die ihre schmutzigen Füße samt Schuhe auf Sitze packen, um nur harmlose Dinge zu nennen).

      Dir schweben bei dem was Du sagst Werte vor, die die Problematik von der Du sprichst begrenzen oder lösen könnten, sofern sie Anwendung fänden.

      Zugleich wissen wir aber, dass Werte auf der einen und die Vermittlung dieser Werte auf der anderen Seite stehen.

      Richtet man eine Stelle ein, die allein das Recht besitzt, Werte zu vermitteln, haben wir eine Diktatur.

      Na ja, alles ist bekanntlich relativ. Es gibt ja Werte wie Menschenrechte, die kaum jemand (bei uns) ernsthaft angreifen würde, aber trotzdem festgelegt sind. Ein bekanntes Problem/Dilemma ist z.B., dass man einen eindeutigen Entführer nicht foltern darf, um ein verstecktes, sterbendes Kind zu retten. Oder aber sie werden relativiert wie z.B. Versammlungsfreiheit.

      Letztlich legen dann doch z.T. unsere Gesetze die Werte (in gewisser Weise) fest. Bedauerlich finde ich nur, dass diese Werte oft untergraben werden, ohne dass dagegen etwas ernsthaft getan wird, z.B. aus Bequemlichkeit. So sollten z.B. straffällige Jugendliche viel schneller bestraft werden; ich weiß jetzt nicht, ob es an Gerichtsüberlastung scheitert oder warum sonst.

      Alle politischen Systeme sind schlecht, die Demokratie ist noch das Beste davon - so sinngemäß Winston Churchill.

      Hat Churchill recht?

      Churchill hat es mit "alle...schlecht" natürlich überspitzt dargestellt. Wenn man fragt, ob die Demokratie die beste ist, sollte man genauer sagen, was man meint: Nur eine "Kreuzchen-Demokratie" alle paar Jahre? (Sich kurzfristig politisch in Parteien zu engagieren scheitert oft an Seilschaften, fürchte ich.) Eine, die von vor allem wirtschaftlichen Lobbys beeinflusst ist?
      Alleine der Unterschied zwischen z.T. diktatorisch-ähnlichen Hierarchien in der Arbeitswelt (auch sonst in der Wirtschaft u.a.) und der demokratischen Gleichheit ist für mich ein gewisser Konflikt.
      Oder auch Demokratie - Kapitalismus allgemeiner: Bei ersterer sollen alle gleiche Rechte haben, bei letzterer herrscht das (oft schon bestehende) Geld. Das sieht man ungefähr z.B. an Umfragen, dass Kinder aus besserem Hause bessere Aussichten haben.
      Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Folgerung: Philosophie, die den Menschen ignoriert, macht einen Fehler.