Propädeutik: Das Ganze und die Teile

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Original von _its_not_me_
      "... weil die Praxen, auf die ich als Grundlagen hinweise, eben keine theoretischen Konzepte mehr sind." Aber sie sind doch von Theorien durchwoben, oder?


      die handlungen beziehen sich auf, korrespondieren mit theorien. das ist nur dadurch möglich, dass sie von ihnen verschieden sind.

      stützt sich nun aber die praxis auf eine (ganzheitliche) theoretische position oder wird die theoretische position durch eine erfahrene ganzheitlichkeit bestätigt ??


      d.
      Heutzutage, in postideologischen Zeiten, funktioniert Ideologie aufgrund einer inneren Distanz, ohne das symbolische Mandat ernst zu nehmen: Ein Vater ist heute ein Vater, der sich selbstironisch beklagt über die heutige Dummheit, ein Vater zu sein.
      aus Wikipedia über Slavoj Zizek
    • Original von _its_not_me_
      Original von dreamweaver
      ... eine nicht triviale prägung.


      Oops? Pragmatismus ist im Grunde trivial?


      nicht er selbst im grunde, aber eine oberflächliche auffassung von ihm.

      und vielleicht seine gröber behauenen anfänge ? aber darüber weiss ich noch zu wenig...
      Heutzutage, in postideologischen Zeiten, funktioniert Ideologie aufgrund einer inneren Distanz, ohne das symbolische Mandat ernst zu nehmen: Ein Vater ist heute ein Vater, der sich selbstironisch beklagt über die heutige Dummheit, ein Vater zu sein.
      aus Wikipedia über Slavoj Zizek
    • Hallo Verena,

      hier noch eine kleine nachgeschobene Korrektur:

      ... aber vom Standpunkt Aristotelischer Metaphysik (Sein=Werden) weißt du ganz genau (sozusagen mit apriorischer Gewissheit), daß alles Seiende ein Werdendes ist, also etwas, was es noch nicht ist.


      Die Gleichsetzung "Sein = Werden" gilt bei Aristoteles nur "sublunarisch", also unterhalb der Himmelssphären. Das ist der Seinsbereich, den die "Physik" behandelt. Die Himmelssphären und besonders das letzte Prinzip, der "unbewegte Beweger" ("Gott"), werden und vergehen nicht. Diese Überbietung des Werdens durch ungewordene Wesenheiten macht ja gerade das "Meta-physische" des aristotelischen Weltbildes aus.

      Dass im ganzen Universum dieselben Gesetze gelten wie bei uns auf der Erde - dies die "gleichmacherische" Botschaft Galileis und der neuzeitlichen Kosmologie - war vermutlich der größte Stein des Anstoßes für die Verwalter des aristotelisch-thomistischen Erbes...



      Wirkt vielleicht beckmesserisch, weil es für das Thema nicht sooo wichtig ist, aber in einem "propädeutischen" Thread vielleicht verzeihlich...
      ;)

      Grüß Dich,
      H.


    • Hallo Dreamweaver!

      den begriff "wesentlich" hast du an dieser stelle ausgespart. absicht oder zufall ??


      Keine bewusste Absicht, aber auch nicht ganz zufällig. Ich sehe ein, dass ich mit meiner behelfsmäßigen Erläuterung von "ursprünglicher" als "wesentlicher" Eure Wesens-Diskussion möglicherweise mit angestoßen habe. Aber diese Ecke des Themas beschäftigt mich im Moment nicht so. Ich versuche gerade, die Begriffe "Teil", "Ganzes" möglichst elementar zu verstehen, denke darüber nach, worin sich eine ("quantitative") "Menge" von einem "Ganzen" unterscheidet usw. Kommt noch als Beitrag.

      Grüß Dich,
      H.


    • Halllo Dreamweaver und Ize!

      Original von dreamweaver

      Original von _its_not_me_

      "... weil die Praxen, auf die ich als Grundlagen hinweise, eben keine theoretischen Konzepte mehr sind." Aber sie sind doch von Theorien durchwoben, oder?


      die handlungen beziehen sich auf, korrespondieren mit theorien. das ist nur dadurch möglich, dass sie von ihnen verschieden sind.


      Weil (gesellschaftliche) Praxen von theoretischen Konzepten durchwoben sind, habe ich in meinem Beitrag das "unmittelbar" als Kennzeichnung von Handlungsvollzügen auch in Anführungszeichen gesetzt. Es sind eben erlernte, geregelte, "intelligente" Praxen.

      Trotzdem würde ich Dreamweaver zustimmen, dass Theorie und Praxis verschieden sind. Zwar ist das Nachdenken, Sprechen, Theoretisieren zweifellos selbst eine Handlungsweise, die "unmittelbar" vollzogen wird, aber es ist eine sekundäre, nachgeordnete. Die theoretische Erfassung einer Handlung kann immer nur stattfinden, wenn diese Handlung schon vollzogen wurde. Die Theorie kommt ihrem Gegenstand gegenüber also immer zu spät.

      Das gilt auch dann, wenn dies eine Handlung ist, die wir nach expliziten - also theoretisch formulierten - Regeln erlernen. Wenn wir etwa ein neues Gesellschaftsspiel nach den mitgelieferten Spielregeln lernen, so ist das nur möglich, weil andere es schon faktisch gespielt haben. Für uns, die Lernenden, steht die Theorie am Anfang. Aber an diesem Beispiel wird auch schön deutlich, wieso die theoretische Beschreibung hinter dem praktischen Vollzug des Spiels zurückbleibt. Im "Vollsinne" verstehen wir nämlich ein Spiel erst, wenn wir es faktisch spielen. Sogar die Sätze, die die Regeln formulieren, werden erst dann richtig verständlich, wenn wir das Spiel beherrschen.

      Eine Praxis "beherrschen" - das ist die grundlegende, "ursprünglichere" Form des Wissens selbst dann, wenn wir beim Lernen mit einer theoretischen Beschreibung anfangen.



      Und hier auch ein Rückbezug zum Ganzheitsthema, das ich mit einem Aristoteles-Zitat eröffnet habe.
      Aristoteles sagt dort erläuternd:


      Denn das Ganze ist notwendig ursprünglicher als der Teil, weil ja, wenn der ganze Leib dahin ist, auch nicht mehr Fuß noch Hand existiert, außer dem Namen nach, gerade wie man auch eine steinerne Hand noch eine Hand nennt. Jedes Ding wird nämlich durch seine besonderen Fähigkeiten und Möglichkeiten bestimmt; und wenn es diese nicht mehr besitzt, so ist es nicht mehr dasselbe Ding, und es sollte nicht mehr als dasselbe Ding bezeichnet werden.


      Jedes Ding wird durch seine "Fähigkeiten und Möglichkeiten" bestimmt. An anderen Stellen - so in der Nikomachischen Ethik - sagt Aristoteles noch etwas deutlicher, dass wir jedes Ding an seinem spezifischen "Werk" ("energeia" oder "ergon") erkennen. D.h. wir erkennen es an den Operationen, die es vollzieht, an seiner "Wirk-lichkeit". Und es ist klar, dass diese "Wirklichkeit" (energeia) für Aristoteles einen grundsätzlichen Vorrang vor der "Möglichkeit" (dynamis) hat. Die theoretische, begriffliche, "virtualisierende" Erfassung von etwas Wirkendem ist ebenso nachgeordnet.

      Wenn man das bedenkt, wird einem klar, dass auch schon für Aristoteles das "Ganze" (wie z.B. der Staat) eine operative Ganzheit ist, also eine Mannigfaltigkeit, die ihre Einheit nur im Vollzug hat. Nur die lebendige Hand am lebendigen Körper, die ihre Funktionen verrichtet und verrichten kann, ist "Hand" im Vollsinne. Die abgehackte oder nachgebildete Hand ist nur noch Widerschein der wirklichen. Wir erkennen sie, weil wir sie von der wirklichen Hand her verstehen. Und eine wirkliche Hand verstehen wir, weil wir selbst Hände haben und sie dauernd gebrauchen...

      Grüß Euch,
      H.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Hermeneuticus ()

    • Original von dreamweaver
      die handlungen beziehen sich auf, korrespondieren mit theorien. das ist nur dadurch möglich, dass sie von ihnen verschieden sind.


      Ich bin über diese Schlussfolgerung nicht glücklich :) Dass wir zwei Begriffe haben, heißt ja nicht automatisch, dass wir auch zwei getrennte Dinge betrachten. Vielleicht haben wir hier einfach nur zwei Aspekte des 'Selben'. Man kann die 'Theorie', auf die eine Handlung gründet, vielleicht post festum vage rekonstruieren, was aber nicht zwingend heißt, dass es irgendwo ein 'Theorie' "gibt", nach der gehandelt wurde ...

      In einer bestimmten Praxis 'zeigt' sich (für den der nachfragt) vielleicht eine bestimmte 'Theorie' (irgendwie passt mir dieser Titel 'Theorie' im Moment nicht mehr :-). Wenn man unsere "wissenschaftlich-technologische" Praxis betrachtet, dann zeigt sich vielleicht ein Grundzug unserer Welterschließung, der die Welt im Wesentlichen zu etwas quantativ erklär- und damit ausbeutbaren macht. Manche dieser (die Praxis leitenden) Theorien sind wohl de facto hier und da niedergeschrieben - in diesem Sinne "gibt" es sie tatsächlich. Aber das heißt (trivialerweise) ja nicht, dass ein jeder bei Descartes etwa nachgeschaut bzw. nachgelesen hat :) und so zu seinen 'Hintergrundvorstellungen' kommt.

      Schwer, das auseinander zu wuseln ...

      Vielleicht der Versuch eines Beispieles:
      Ich behaupte bei irgendeiner Gelegenheit, es macht einen Unterschied, ob Eva Wasser will oder H²0. Wenn sie von Wasser spricht, dann spricht sie von was anderem als von H²0.
      Ich wette da finde ich leicht jemanden, der mir da widerspricht :) Er sagt, Wasser ist H²0. Wenn Eva von Wasser spricht, dann vielleicht, weil sie noch nicht weiß, dass Wasser eigentlich H²0 ist.
      Und jetzt meine ich, dass "dahinter" eben eine bestimmte Theorie steht, wie die Welt zu erklären ist. Und zwar offensichtlich eine 'reduktionistische' Vorstellung, die meint, man könne als nach dem Muster "Atom plus leerer Raum" erklären. das heißt aber nicht, dass der 'Widersprecher', diese 'Theorie' auch explizit machen kann. Es ist einfach die Art und Weise, wie er denkt und dann auch handelt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • "Es gibt eine erste Art der Form, die formt, ausgedehnt und unabhängig ist. Da sie das All formt, ist sie in allem; da sie ausgedehnt ist, teilt sie die Vollkommenheit des Alls den Teilen mit; da sie abhängig ist und keine Wirkkraft in sich selbst hat, teilt sie die Wirkkraft des Ganzen den Teilen mit und ebenso den Namen und das Sein. Das ist die materielle Form, zum Beispiel die des Feuers, denn jeder Teil des Feuers (hat die Wirksamkeitdes) Wärmens, den Namen des Feuers und das Sein des Feuers. Dann gibt es noch eine zweite Art der Form. Sie formt und ist abhängig, aber nicht ausgedehnt. Da sie dem All Vollendung und Wirksamkeit gibt, ist sie im All und in jedem seiner Teile; da sie keine Ausdehnung hat, kommt der Akt des Alls nicht den Teilen zu; da sie abhängig ist, teilt sie die Wirksamkeit des Alls den Teilen mit. Solcher Art ist die vegetative und sensitive Seele: denn kein Teil des Tieres ist das Tier selbst, und trotzdem lebt und empfindet jeder Teil. Drittens gibt es noch eine andere Art der Form. Sie verwirklicht und vollendet das All, hat aber keine Ausdehnung und ist in ihrer Wirksamkeit nicht abhängig. Da sie wirklich und vollkommen macht, ist sie im All und in allem und in jedem Teil; da sie nicht ausgedehnt ist, spricht sie die Vollkommenheit des Alls nicht den Teilen zu; da sie nicht abhängig ist, teilt sie die Wirksamkeit nicht mit. Von solcher Art ist die Seele, sofern sie die Fähigkeit des Intellektes ausübt und intellektuelle Seele heißt. ... Von diesen drei Arten ist die erste materiell und kann ohne Materie weder verstanden werden noch existieren; die anderen beiden Arten - die zuletzt nach Substanz und Sein in eins zusammenlaufen - nennen wir jenes formale Prinzip, das vom materiellen Prinzip unterschieden ist."
      Giordano Bruno. Von der Ursache, Bd.1. Dialog II, S 171-186.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Paul Fels ()

    • RE: Propädeutik: Das Ganze und die Teile

      Der scheinbar paradoxen formulierung vom ganzen, das größer als die teile sei, liegt die nichtunterscheidung von teilbegriffen zugrunde. Man unterscheidet sinnvoll zwischen stücken (deren summe noch nicht das das ganze ergibt) und sog. unvollständigen teilen, die eine trägerinstanz (ganze oder stücke) brauchen, z.B. farben, struktureigenschaften usw. Ein Fußball z.B. besteht zwar aus stücken, aber mit seiner zerlegung in stücke gehen wichtige momente verloren.
      kKlassiker: aristoteles, metaphysik delta, husserl, logische untersuchungen
      neuere lit : Smith, Simons u.a.
    • Original von Hermeneuticus
      Hallo Verena,
      hier noch eine kleine nachgeschobene Korrektur:
      ... aber vom Standpunkt Aristotelischer Metaphysik (Sein=Werden) weißt du ganz genau (sozusagen mit apriorischer Gewissheit), daß alles Seiende ein Werdendes ist, also etwas, was es noch nicht ist.

      Die Gleichsetzung "Sein = Werden" gilt bei Aristoteles nur "sublunarisch", also unterhalb der Himmelssphären. Das ist der Seinsbereich, den die "Physik" behandelt. Die Himmelssphären und besonders das letzte Prinzip, der "unbewegte Beweger" ("Gott"), werden und vergehen nicht. Diese Überbietung des Werdens durch ungewordene Wesenheiten macht ja gerade das "Meta-physische" des aristotelischen Weltbildes aus.
      ...


      Ich bin zwar nicht gerade eine Aristoteles-Kennerin, aber mir scheint doch, daß du hier eine Platonisierung von Aristoteles vornimmst.
      Wenn man den metaphysischen Entitäten (den "ungewordenen Gründen des Seienden") ebenfalls ein vom Werden getrenntes, eigenständiges Sein (nämlich im Sinne von "immerwährender Anwesenheit") einräumen würde, dann würde Aristoteles ja eine Zwei-Substanzen-Lehre, also einen Dualismus vertreten haben. Das eigentlich Seiende, das was Substanz-Charakter hat, ist doch bei Aristoteles aber das Physische und das ist das Werdende und nicht das Metaphysische, das erst in der theoreia, also der nachträglichen Betrachtung (Leitidee: die vorauszusetzenden ungewordenen Aspekte des Werdens) seinen Ursprung hat, dem also kein selbständiges Sein (als Substanz) zukommt. Die "hyle" und auch der "unbewegten Beweger" (ebenso wie die causa formalis und efficiens des Werdens) haben mE bei Aristoteles nicht den Status von absoluten Entitäten, sondern sind nur als dem Werden zugehörige (zwar ungewordene aber nicht selbständig bestehende) Bedingungen des Werdens.

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von Verena ()

    • RE: Propädeutik: Das Ganze und die Teile

      Ich denke, daß "Teil und Ganzes" sowieso keine ontologischen sondern durch und durch epistemologische Kategorien sind und auch nur als solche Sinn machen, dh nur als solche betrachtet werden sollten. "Teil" ist etwas doch nur, wenn man ein "Ganzes" denkt und erst dadurch dann etwas (das vorher nicht "Teil" war!) als Teil dieses Ganzen auffassen kann. Ohne "Ganzes" kein "Teil" des Ganzen - was nicht bedeutet, daß es "vorher" nicht (sondern wie auch immer) war: es ist das "Ganze" vor dessen Folie etwas erst als Teil (dieses Ganzen) aufgefasst werden kann, dh hat man etwas als Teil, so hat man es bereits auf ein (vorentworfenes) Ganzes hin transzendiert (und von daher zurückkommend als Teil begriffen).
      So gesehen erscheint es auch plausibel wenn Aristoteles sagt, daß das Haus "ursprünglicher" als der Stein (als Baustein) ist und der Staat (die Polis) "ursprünglicher" als die Bürger (die einzelnen Menschen als dessen "Teile") ist.

      Dieser Beitrag wurde bereits 7 mal editiert, zuletzt von Verena ()




    • Hallo Verena!


      Ich bin zwar nicht gerade eine Aristoteles-Kennerin, aber mir scheint doch, daß du hier eine Platonisierung von Aristoteles vornimmst.
      Wenn man den metaphysischen Entitäten (den "ungewordenen Gründen des Seienden") ebenfalls ein vom Werden getrenntes, eigenständiges Sein (nämlich im Sinne von "immerwährender Anwesenheit") einräumen würde, dann würde Aristoteles ja eine Zwei-Substanzen-Lehre, also einen Dualismus vertreten haben.


      Aristoteles nimmt sogar drei Arten von Substanzen (ousias) an: Sinnlich wahrnehmbare und nicht wahrnehmbare, wobei die sinnlich wahrnehmbaren in veränderliche und in ewige unterteilt sind (letztere sind die Gestirne). Die sinnlich wahrnehmbaren Substanzen sind Gegenstand der Physik. Die nicht wahrnehmbaren gehören einer anderen Wissenschaft an, wie Aristoteles zu Beginn des Buches XII der "Metaphysik" sagt. Im Gegensatz zu Pythagoräern und Platonikern zählt er die mathematischen Gegenstände, ja das Allgemeine schlechthin nicht zu den Substanzen, so dass am Ende nur der "unbewegte Beweger" als einzige unsinnliche, immaterielle, rein "energetische" Substanz übrig bleibt.

      Einen platonistischen Rest kann man in seiner Lehre der Art-Formen sehen, von denen er behauptet, dass sie dem Werden nicht unterliegen. Die Sache ist aber wegen der Dreiheit von "Substanz" (ousia), "Form" (eidos) und "Wesenheit" (ti en einai) verzwickter als ich es hier darstellen will (es führt vom Thema ab, und ich müsste mich da selbst erst wieder reinknien...). Aber dazu gibt es viel Literatur und Lexikonartikel satt.


      Das eigentlich Seiende, das was Substanz-Charakter hat, ist doch bei Aristoteles aber das Physische und das ist das Werdende und nicht das Metaphysische, das erst in der theoreia, also der nachträglichen Betrachtung (Leitidee: die vorauszusetzenden ungewordenen Aspekte des Werdens) seinen Ursprung hat, dem also kein selbständiges Sein (als Substanz) zukommt.


      Wie gesagt, Aristoteles nimmt drei verschiedene Arten von Substanzen an.


      Die "hyle" und auch der "unbewegten Beweger" (ebenso wie die causa formalis und efficiens des Werdens) haben mE bei Aristoteles nicht den Status von absoluten Entitäten, sondern sind nur als dem Werden zugehörige (zwar ungewordene aber nicht selbständig bestehende) Bedingungen des Werdens.


      Hinsichtlich Materie und Form hast Du Recht. Sie "existieren" nur in Individuen. Aber zum immamteriellen "unbewegten Beweger" lies mal, wenn es Dir Spaß macht, Buch XII der "Metaphysik".


      Grüß Dich,
      H.



    • "Teil" ist etwas doch nur, wenn man ein "Ganzes" denkt und erst dadurch dann etwas (das vorher nicht "Teil" war!) als Teil dieses Ganzen auffassen kann. Ohne "Ganzes" kein "Teil" des Ganzen - was nicht bedeutet, daß es "vorher" nicht (sondern wie auch immer) war: es ist das "Ganze" vor dessen Folie etwas erst als Teil (dieses Ganzen) aufgefasst werden kann, dh hat man etwas als Teil, so hat man es bereits auf ein (vorentworfenes) Ganzes hin transzendiert (und von daher zurückkommend als Teil begriffen).


      So weit kann ich nur zustimmen. Aber kommen wir dabei ohne Ontologie aus?

      Ich denke, daß "Teil und Ganzes" sowieso keine ontologischen sondern durch und durch epistemologische Kategorien sind und auch nur als solche Sinn machen, dh nur als solche betrachtet werden sollten.



      Ich greife mal auf schon anderswo gebrauchte Beispiele zurück:

      Ein Ausländer kommt zum erstenmal nach Oxford oder Cambridge, und man zeigt ihm eine Reihe von Colleges, Bibliotheken, Sportplätzen, Museen, Laboratorien und Verwaltungsgebäuden. Nach einiger Zeit fragt er: "Aber wo ist denn die Universität? Ich weiß jetzt, wo die Mitglieder eines College wohnen, wo die Verwaltung untergebracht ist, wo die Wissenschaftler ihre Versuche machen und so weiter. Aber warum zeigt man mir nicht die Universität, wo die Mitglieder eurer Universität wohnen und arbeiten?" Dann muss man ihm erklären, dass die Universität nicht noch eine weitere ähnliche Institution ist, ein weiteres Gegenstück zu den Colleges, Laboratorien und Verwaltungsgebäuden, die er schon gesehen hat. Die Universität ist einfach die Art und Weise, in der alles das organisiert ist, was er schon gesehen hat. Wenn man das alles gesehen und die Art und Weise der Zusammenarbeit verstanden hat, dann hat man die Universität gesehen.

      (...)

      Noch ein Beispiel. Ein Südseeinsulaner sieht einem Fußballspiel zu. Man erklärt ihm die Funktion des Torwarts, der Stürmer, Verteidiger, des Schiedsrichters usw. Nach einer Weile sagt er: "Aber da ist doch niemand, der den berühmten Mannschaftsgeist beisteuert. Ich sehe, wer angreift, wer verteidigt, wer die Verbindung herstellt usw.; aber wessen Rolle ist es, den Mannschaftsgeist zu liefern?" Und wieder müssten wir erklären, dass er nach der falschen Kategorie eines Dinges Ausschau halte. Der Mannschaftsgeist ist nicht noch eine Fußballoperation wie das Toreschießen, das Einwerfen usw. Er ist, ungefähr gesprochen, die Begeisterung, mit der alle besonderen Aufgaben des Fußballspiels ausgeführt werden, und eine Aufgabe begeistert ausführen heißt nicht, zwei Aufgaben ausführen. Gewiss, Mannschaftsgeist zeigen ist nicht dasselbe wie ein Tor schießen oder einwerfen. Aber es ist auch nicht ein drittes Ding, von dem wir sagen könnten, der Mittelstürmer habe zuerst eingeworfen und dann Mannschaftsgeist gezeigt, oder der Verteidiger werde jetzt entweder köpfen oder Mannschaftsgeist zeigen.

      G.Ryle, Der Begriff des Geistes, Stuttgart 1969, S. 14.f.



      Die Schwierigkeiten der beiden Ausländer haben damit zu tun, dass die beiden Ganzheiten - Universität und Teamgeist - keine sinnlich wahrnehmbaren Individuen sind. Und Ryle erklärt, wieso es falsch wäre, das anzunehmen oder zu erwarten. Für ihn sind dies Beispiele von "Kategorienverwechslungen", also "epistemische" Fehler.

      Aber was hat diesen Fehler angestiftet? Ich würde sagen, die nominalistisch-empiristische Ontologie, nach der nur sinnlich wahrnehmbare Individuen "existieren". Dieser ontologische "Atomismus", den man etwa bei Hobbes in konsequenter Durchführung studieren kann, führt dazu, dass man solchen Ganzen wie "Gesellschaft", "Team", "Leserschaft", "Epoche der Aufklärung" keine Existenz zuschreiben kann. Man kann sie nur als vorgestellte Ganzheiten in den Köpfen der Beteiligten und der Verstehenden erklären. Es sind Weisen, existierende Individuen in ihrer Wechselwirkung "theoretisch" zusammenzufassen. Wenn es hart auf hart kommt, haben diese Gedankendinge kein "wirkliches Sein".

      Und das ist doch sehr die Frage. Das muss man m.E. nicht so sehen. Es ist möglich - und auch sinnvoll -, gerade den Ganzheiten "wirkliches Sein" zuzuschreiben. Und es ist diese ontologische Annahme, die hinter Aristoteles' Behauptung letztlich steckt, das Ganze SEI ursprünglicher als die Teile. Dazu muss man sich aber von der nominalistischen Denkgewohnheit, die so selbstverständlich erscheint, lösen.

      Um das an den Beispielen argumentativ zu untermauern:

      Die Universität als Ganze ist doch nicht ein bloßes "Gedankending". Diese komplexe Organisation ist vielmehr eine Wirk-Einheit, eine kollektive, wenn auch arbeitsteilige Praxis. Als Gegenstand der Wahrnehmung und Analyse (der Theorie überhaupt) mag sie in isolierbare Entitäten zerfallen - oder in eine Reihe von propositional auszudrückenden "Sachverhalten". Aber als Wirk-Einheit existiert sie in jeder Handlung, die von den "Teilen" - den Mitgliedern der Universität - kooperativ vollzogen wird.

      Ähnlich die Mannschaft. Solange ihre Mitglieder aufgereiht nebeneinander stehen, mag das Team nur in unseren Köpfen existieren. Aber sobald die Mannschaftsmitglieder auf dem Feld zusammenspielen, existiert auch das Team, denn es bringt Wirklichkeiten hervor, die auch ein Nominalist als "existent" betrachten würde, die aber nur durch die Zusammenwirkung zustandekommen, also als irreduzible Team-Leistungen zu verstehen sind, wie z.B. das Schießen eines Tores, das schlagartig Massen von Individuen zum begeisterten Johlen veranlasst.

      Ein Tor schießen - das ist eine bedeutungsvolle Handlung. Sie besteht nicht aus einem "wirklich existierenden" physikalischen Ereignis und dem, was sich die zufällig Regelkundigen zu diesem Ereignis hinzudenken mögen (bzw. aus den neuronalen Schaltungen in ihren Gehirnen). Sie ist vielmehr ein existierendes Ganzes, das überhaupt nur "physikalisch" geschieht, weil es Individuen gibt, die Fußballregeln verstehen und in Handlungen umsetzen.

      Allgemein könnte man - mit Ryle - sagen: Eine intelligente, bedeutungstragende Handlung wie das Sprechen zerfällt nicht in einen existierenden körperlichen Teil und einen bloß intelligiblen Zuschuss. Die Handlung des Sprechens ist vielmehr eine existierende Einheit (ein Ganzes), die nur in der Analyse so zerlegt werden kann. Zumal ja die Handlung der analytischen Zerlegung ihrerseits wieder eine intelligente Handlung ist, die zuerst einmal - als ganze - vollzogen sein muss, ehe jemand sie analysieren kann... Und so fort.

      Eine sinnvolle Analyse wird nicht auf "existierende" Atome als letzte Entitäten stoßen können. Sie stößt vielmehr als Letztes immer auf einen Handlungszusammenhang, der ALS GANZES schon vollzogen wurde, ehe jemand daran denken kann, dieses Ganze in Teile zu zerlegen.

      Wenn das aber so ist, haben wir gute Gründe, nicht nur sinnlich wahrnehmbare und isolierbare Individuen als Kandidaten für die "Existenz" zuzulassen, sondern auch "ganzheitliche" Vollzüge.


      Grüß Dich,
      H.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Hermeneuticus ()

    • "Aber wo ist denn die Universität?


      So was ähnliches hat heute jemand von seinem Familien-Urlaub erzählt. Die Familie fliegt nach Spanien, dort angekommen, nachdem es sich ein wenig umgeschaut hat, fragt der Jüngste: "Und wo ist Spanien?".
    • Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile:
      Aristoteles könnte meinen, dass das Ganze (das große Runde, die Einheit, das All-ist-Eins) die Basis der Existenz ist, der Existenz von allem, was ist, mithin Basis der Welt, des Universums.
      Dieses Ganze differentziert sich und schafft so die Teile, die es umfasst, umschließt, beinhaltet.
      Damit wäre der Satz vom Ganzen, das mehr ist, als die Summe seiner Teile, eine Theorie über die Entstehung der Vielfältigkeit in einer Welt, die zunächst eins war.
      Parmenides behauptete, alles sei eins und unbeweglich.
      Heraklit setzte dem entgegen, alles sei Vielfältigkeit und in Bewegung.
      Aristoteles könnte versucht haben, die Überleitung von Parmenides zu Heraklit in einer Art von Synthese zu bewerkstelligen.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Original von Hermeneuticus
      Eine sinnvolle Analyse wird nicht auf "existierende" Atome als letzte Entitäten stoßen können. Sie stößt vielmehr als Letztes immer auf einen Handlungszusammenhang, der ALS GANZES schon vollzogen wurde, ehe jemand daran denken kann, dieses Ganze in Teile zu zerlegen.

      Ich finde es ist der wichtigste (und einzige) Aspekt des Mehrseins. Die Interaktion der Teile bringt das MEHR der Summe.

      Ich finde auch interessant, dass die Begriffe wie Recht, Demokratie und etc. beziehen sich auf der Art des Interagierens, ohne Teile (Menschen) selbst zu betrachten. In der Analyse der Dinge ist (oft genug) umgekehrt. Die Achtung ist primär für die Teil, sekundär (wenn überhaupt) die Beziehung zu anderen.

      Können wir die Art des Interagierens (Recht, Demokratie, ...) als Ganzes bezeichnen? Hier haben wir nur ein Teil (einer Art Netz), ein Aspekt der Gesellschaft, bzw. gesellschaftlichen Wechselwirkungen. Es wäre genau so deklarieren, dass der Blutkreislauf oder die visuelle Wahrnehmung das Ganze ist.
      Wer nicht manchmal das Unmögliche wagt, wird das Mögliche nie erreichen

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von irena ()