die Neuerfindung der Rhetorik

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  • Rhetorik bedeutet heute nicht mehr, sein Gegenüber mit stilistischem Ausdruck von bestimmten Dingen zu überzeugen.

    Gestern kam auf Arte (?) die Sendung "Brexit - Protokoll einer Scheidung" und es war interessant zu beobachten, wie auch heute noch im klassischen Stil Rhetorik Anwendung findet. Wie viel Arbeitszeit damit verbracht wird, den Wortlaut von Reden auszudiskutieren bevor sie gehalten werden ist immer wieder erstaunlich - und ebenso die erzielte Wirkung, denn die Kalkulation geht oftmals auf.


    Die neue Form der Rhetorik ist aber eine andere. Sie kommt immer öfter als wissenschaftlich verpackt daher. Wer in Wissenschaft, Logik, Argumentation, Medienkompetenz etc. nicht gut bewandert ist, ist von genau der selben kalkulierbaren Kontrolle eines Redners betroffen, wie auch früher schon. Nur dass klassische Rhetorik sich (schon vom Umfang her) leichter erkennen lässt. Das Internet bietet eine gute Fallstudie, wie diese neue Form der Rhetorik sich verbreitet.
    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

    Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.

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Comments 3

  • Geo -

    In dubio pro reo. "eines redners betroffen" sollte heute gleichgehend mit "eines redners besoffen" sein, denn alkoholismus wird uns auch noch in 100 jahren beschäftigen.

  • eddyman -

    Kannst Du ein Beispiel geben für diese neue Form der Rethorik?
    Die entscheidende Frage gerade bei der Verbindung von Rethorik und Politik ist doch, wie ehrlich und sachdienlich sie eingesetzt wird.
    Gerade im britischen Parlament findet wohl viel Eristik statt (aus Wikipedia: "in dem es darum geht, mit den erlernten Fähigkeiten den Gegner zu besiegen, und nicht darum, sich friedlich zu einigen oder zumindest Fakten herauszuarbeiten.") Allein schon durch dieses ansatzlose Hin-und-her entsteht der Eindruck, dass es in erster Linie um das Besiegen des Anderen geht, anstatt um Wahrheits- und Konsensfindung.
    Dass eine gewisse Polemik stattfindet, ist klar. Glaube Helmut Schmidt hat mal gesagt, dass ein Politiker in einer Demokratie auch mal polemisch sein muss (d.h. persönliche Angriffe gegen seine Kontrahenten, Übertreibungen, Ironie, Strohmann-Argumente).
    Wenn es aber um Manipulation geht, müsste das in entscheidenden Debatten öffentlich aufgedeckt werden. Ich denke zB an US-Außenminister Powell damals im UN-Sicherheitsrat, als es um den Irak-Krieg ging, und er unverhohlen Logikbrüche, also Scheinkausalitäten vorgebracht hat, die einem einfachen Zuhörer das Vorhaben auf einmal wieder völlig plausibel erscheinen ließen...
    Die Forderung, dass die Aufgabe solche Strategien zu erkennen und zu bewerten beim Bürger liegt, ist bei einer zugespitzten Debatte ohne professionelle Analyse im Nachhinein recht viel verlangt.

    • iselilja -

      So aus dem Stehgreif kann ich Dir kein Beispiel geben.. aber ein typischer Fall wäre mE das Untermauern einer Aussage mit Scheinargumenten, die so aussehen, als wären sie wissenschaftlich fundiert, aber bei genauer Prüfung etwa soviel Aussagekraft haben wie auch die gegenteilige Aussage hätte. Oder aber auch die Wissenschaft zu bemühen, um dort eher umstrittene Theorien als weitgehend anerkannt herauszuheben, indem man den Status eines bestimmten Vertreterkreises diskreditiert. Ebenfalls sehr oft dürfte man inzwischen auch das Zurückgreifen auf Studien nachweisen können, die lobbyhaft in Auftrag gegeben wurden, mit nur einem Zweck: wissenschaftlich fundiert zu wirken bei der eigenen Zweckverfolgung. Das ist in etwa so der grobe Umriß, den man schon heute deutlich diagnostizieren kann... und das wird zunehmen. Ah.. ein Beispiel wäre vielleicht doch gerade diese Rezo-Video. :) Es scheint so eine Art Affinität für eine unreflektierte Assoziation "Wissenschaft = immer richtig" zu geben, die kaum noch hinterfragt wird.