Es gibt Gott <UND> es gibt keinen Gott 2/2

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  • Solch ein Akt einer Verkündigung wie in Jesus ist eine existentielle Zuspitzung des Daseins zu sich selbst, und erst als dieses Dasein im Spektrum des Daseins finde ich mich im Reich Gottes und zugleich im Reich des Daseins wieder. Jesus war solch ein geistiger Himmelsfahrer, ein „Juri Gagarin des Geistes“, er ist in diesem Spektrum des Daseins hinauf bzw. hinunter gefahren. Er und seine Jünger bezeichneten sich als aus dieser Welt herausgehoben. Sie haben ihre Existenz im Jenseits, sie sind ihr alterloses Ich, also sie haben auch das andere Ende des Spektrums des Ichs in ihrem Bewusstsein erschlossen, welches von mir als biologisches Subjekt, über den Geist des Daseins, bis hin zur ganzen Welt reicht. Jesus hat mit seiner Auferstehung gemeint, dass er sich immer auf der Welt wieder bewusst werden wird, und das tut er. Er erscheint den Menschen existentiell, er begegnet ihnen in sich existentiell und sie bekommen von ihm Dinge offenbart. Die Auferstehungsgeschichte ist aber ebenfalls von aus betrachtet zunehmend mythologisch verzerrt. Es gibt deshalb keine oder nur widersprüchliche Aussagen über diese Auferstehung, weil sie nicht zu fassen ist, wenn man sie nicht mythologisch entpackt, es kommt immer drauf an, von wo ich auf Tatsachen blicke. Wir schauen zurück, wie durch eine getrübte Linse. Wir fragen immer vom neuen Standpunkt zurück und rollen einen solchen Akt immer wieder auf, dabei wird jedes mal die Botschaft ein Stück weiter verzerrt, sodass sie quasi im Mythos versinkt. Die Mythologie ist ein zunehmendes Abgleiten von der Grundanschauung und Botschaft um die es geht, die je weiter wir ontologisch zurück gehen, um so aufreibender, ergreifender und existentiell ansprechender wird dieser Akt. Mit unserem wissenschaftlich geprägten Weltbild haben wir natürlich zunehmend Verständnis-schwierigkeiten mit solchen Mythen, denn sie sind in naturwissenschaftlicher Weise überhaupt nicht (mehr) zugänglich. Es liegt an dieser mythologischen Verstellung, die sich ergibt je weiter wir als Betrachter des Aktes vom Akt und dem Inhalt der Botschaft einer Verkündigung (also der Seins-Ansprache) entfernt sind, dass wir diese zunehmend missverstehen. Da hilft es auch nicht, wenn man diese Verkündigung auch noch so streng original festhält, denn die Welt expandiert trotzdem weiter. Man muss die Botschaft, wenn man sie denn verstehen möchte, auf den Kern bringen und dazu aus dem Mythos entkleiden, wie es beispielsweise Rudolf Bultmann vorgeschlagen hat. Dann verstehen wir diese Sprache auch in existentieller Betroffenheit. Wir verstehen die Sprache des Mythos immer weniger, solange sie uns nicht existentiell trifft, wie z.B. in Grenz- und Extremsituationen, in denen der Verstand versagt. Um so getroffen zu werden, gilt es die Botschaft aus dem Mythos herauszubrechen, aus dem, was der Verstand verzerrt. Und ebenso muss die Botschaft aus der historischen Leistung des Akteurs herausgebrochen werden. Beides, die Historie als auch das Mythologische an der Botschaft, war die Botschaft zum Zeitpunkt ihrer Botschaft nämlich nicht, und keines davon kann das Anliegen des Verkündenden gewesen sein, sondern ist erst von uns aus möglich so zu betrachten. „Die metaphysischen Begriffe sind anderer Art, insofern das, was sie begreifen, und das Begreifen selbst, in einem ursprünglichen Sinne das Selbe bleibt.“ (Immanuel Kant). Wir sind ein „animal metaphysicum“ (Kant), wir brauchen diese metaphysische Wurzel des Denkens, und es gibt kein Denken, das nicht auf der Metaphysik baut bzw. nicht bis in die metaphysische Wurzel aufgesplissen ist. Jede Aussage lässt sich soweit zerlegen, dass immer unbeweisbare Reste übrig bleiben auf denen die Aussage fußt. Es gibt keinen Ast, der nicht bis in die Wurzel reicht, keinen Ast, den es ohne diese Wurzel gibt. Eine metaphysische Theorie ist z.B. eine Vorform einer späteren wissenschaftlichen Theorie. Die Metaphysik ragt in die Wahrheit hinein und ist gleichsam unsere Schranke im Denken, weil sie das erste und unterste im Denken ist und das Fundament jedes höheren Denkens und Wissens bildet, historisch als auch strukturell. „Metaphysik ist das erste im Denken, aber das erste im Denken erreicht sie nie.“ (Martin Heidegger) Eine Umkehrung eines metaphysischen Satzes bleibt ein metaphysischer Satz, daher ist jede dieser einseitigen Betätigung einer metaphysischen Annahme im Spektrum metaphysischer Annahmen, wie das vorher beschriebene Prämissen-Spektrum des Ich`s, welches von mir dem einzelnen Subjekt bis zu allen Subjekten reicht, just Metaphysik. Wer natürlich wie ich die Einheit aus Annahme und ihrer Umkehrung, da sie gleichmächtig sind (so wie die Bijektion (Gleichmacht) von Nichts und Unendlichkeit – das Nichts ist soviel oder wenig, wie das unendliche Sein), und damit das gesamte Spektrum der Annahmen fordert, betreibt ebenfalls Metaphysik. Der Widerspruch zwischen Annahme und ihrer Umkehrung ist zu halten, nicht einseitig zu beschreiten. Denn genau dieser einseitige Beschritt trennt uns in unserem Denken überhaupt ab zu „Ästen“ des Denkens, die durchaus nicht ihre Wurzel kennen und diese verleugnen und sich anderen Ästen gegenüber sehen, die nicht zu ihnen gehören und die sie sogar als Bedrohung empfinden können. Das ständige Missverhältnis zwischen Wurzel (Tiefbau) und Pflanze(Hochbau) ist der Konflikt der Welt, die ständige Zerreißprobe, der Kampf durch den sich die gesamte Pflanze in Höhe und Tiefe selbst besorgt, sich durch geißelnde Äste, also für die Wurzel blinde Äste selbst existentiell anweist. Äste (wie z.B einzelne wissenschaftliche Disziplinen), die ihr metaphysischen Fundament nicht sehen können, sehen sie deshalb nicht, weil sie sich ja nicht auflösen sollen, sie sollen ja arbeiten, sollen Welt entdecken. Ihr Wissen ist unerlässlich, aber wir dürfen uns nicht durch Erfolge täuschen lassen. Wir können die Erfolge auch ohne die Annahmen bewerten, bzw. können uns aus dem Herausschnitt aus dem Spektrum der Annahmen die zum Erfolg geführt haben wieder hineinschneiden, nämlich dann, wenn man sich in der Wurzel nicht einschließt, wenn man auch die Wurzel ist. Wenn der Ast seine Wurzel vergisst und sorglos in die Höhe baut, sich für die Pflanze haltend, dann entstehen blinde Geißeln, die dann durchaus gefährlich für die ganze Pflanze werden können, bzw. die immer schon enormen Schaden an der Menschheit mit sich brachten. Das Denken welches sich nur eifrig nach oben wuchert, und dabei die eigene Zugehörigkeit zur Wurzel und zur ganzen Pflanze vergisst oder verleugnet, bzw. sein Fundament nicht genügend prüft und anpasst an den Hochbau, läuft Gefahr abzufallen, oder im Notfall auch von der ganzen Pflanze selbst abgetrennt zu werden. Ganze Kulturen und auch Religionen können durch ein ungeprüftes Fundament zur blinden Geißel mutieren. Das Sein-hörige Denken dagegen, jenes Danken, welches entsagend (nicht im materiellen Sinn) sich eben an das Sein opfert und verschwendet, verleugnet die eigene metaphysische Wurzel nicht, es stellt sie sogar dar. „Es gibt nur Geißeln und Opfer.“ sagt Tarrou im Roman „Die Pest“ von Albert Camus. Wir dürfen nicht nur in die Höhe bauen, sondern eben auch in die Tiefe, d.h. am metaphysischen Fundament arbeiten, statt dieses unbeachtet zu lassen. Wer sein metaphysisches Fundament kennt und erschlossen hat, der sieht ein, dass wir nichts wissen, weil alles Wissen auf unbeweisbaren Annahmen und Vorurteilen steht. „Man kann sehr schön sehen, man kann nichts sehen.“ (Christian Danner) Die leere Plattform ist alterslos. Und der Wille zu dieser Unwissenheit begleitet uns seit Beginn an. Er prunkt mit und hütet eine kaum fassbare Freiheit. Dass ich weiß, dass ich nichts weiß, bedeutet das Wissen zu reflektieren und nach Glauben zu Wissen zu überprüfen. Wenn man sich wirklich streng prüft, kommt man an die Grenzen des Denkens und man erkennt, wie wenig wir wissen und wissen können. Als ein Nichtwissender zu wissen bzw. sich diesem Nichtwissens bewusst zu sein ist die Art von leere Plattform, die die Vorurteile und Fehler beseitigt hat. Sie ermöglicht es im Baum der Erkenntnis (Bewusstsein) von unten nach oben zu schauen. Erst diese reine Plattform birgt den Blick als Baum auf seine Äste bzw. birgt den Blick vom bewussten Denken vor und auf seine eigenen Denkzweige. Es befindet sich damit jenseits von gut und böse und der hiesigen Welt herausgehoben. Jenseits von gut und böse stehen zu können, bedeutet vor seine eigenen Gründe, die mich zum Ast abschnüren und innerhalb des Daseins zu einem Daseienden machen, bedeutet die eigenen Gedanken bestimmbar von mir aus zu machen, da ich mich selbst vor meine Gründe stelle, bedeutet dies eine negative Freiheit, die jeder positiven Freiheit vorausgehen muss, da sonst nicht ich entscheide, sondern ich entschieden werde, gelebt werde, weil ich gar nicht vor die eigene Entscheidung gelangt bin. Hier, wo ich die Wahrheit selbst setze, befinde ich mich im Paradies. Ich erkläre es einmal so: Wenn ich im politischen Spektrum einer Demokratie, das ganze Spektrum der politischen Strömungen in mir selbst trage, statt Teil einer Strömung zu sein, weil ich eben alle Strömungen selbst bin, dann ist jede Entscheidung die daraus hervorgeht nach meinen Wünschen. Mich vor die eigene Entscheidung stellen zu können bedeutet auch eine Ebene der moralischen Integrität. Wir müssen eben auch lernen wie man lernt und nicht nur was man lernt. Nicht nur Wissen, sondern der bewusstere Umgang mit Denkwerkzeugen muss gelernt werden, dazu brauchen wir die leere Plattform des Nichtwissens, von der aus die Werkzeuge erkannt werden können. „Denn an sich ist nichts gut oder böse; das Denken macht es erst dazu.“ (William Shakespeare). Wer im Konflikt von Gut und Böse selbst ist, der kann Gutes und Böses nicht erkennen, weil er keine Basis hat von der aus er dieses von einem Jenseits dessen aus betrachten kann. Er müsste sich dazu wie erwähnt jenseits von gut und böse befinden, wobei, angemerkt, das Böse einen Vorsatz zum Schlechten meint. Das Jenseits gut und böse ist ein, als Existenz, die ganze Struktur des Geistes beobachten, ohne Motiv und Richtung. Weder Religionen, noch irgendwelche Ungläubigen sind am Schlechten oder sogar Bösen in der Welt schuld. Aber doch haben sie alle etwas damit zu tun. Diese Schuldzuschieberei zwischen geißelnden Ästen ist aber selbst das Gefährlichere. Die einen meinen zu viel Denken wäre das gefährliche, die anderen zu wenig Denken das gefährliche Übel (Sünde). Beides kann eine Flucht aus der Realität sein. „So müssen sich endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte die Hand reichen, die Mythologie muss philosophisch werden, um das Volk vernünftig zu machen, und die Philosophie muss mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen.“ (Friedrich Hölderlin). Obwohl wir wissen, dass es nicht so ist, meinen einige, dass Religion eine Weltflucht und mit dieser Gedankenlosigkeit eine zunehmende Hinwendung und Lauterkeit zum allgemein Schädlichen seien, dass sie nachteilig seien, und um so mehr bestünden, je weniger man denkt. Obwohl wir wissen, dass es nicht so ist, wird das sündhafte Denken von Religionen oft als ein Denken dargestellt, welches sich zuwider Gott verhält. Wäre Sünde just die Abkehr von Gott, dann wäre die Idee des freien Willens, den uns dieser Gott übermittelt, ja selbst eine Sünde. Der, der das Jenseits vor das Diesseits schiebt, akzeptiert die Schöpfung. Er ist dazu bewogen Leid und Unglück als unvermeidbarer Wille Gottes und auferlegtes Schicksal oder Strafe zu akzeptieren. Er lässt damit Schlechtes geschehen, er lässt indirekt Böses zu, weil er nicht gegen Gottes Schöpfung revoltiert, trotz der Hinwendung zu Gott und der Akzeptanz seines Willens. Kindlich naiv hört er auch auf die Schöpfung des Gottes (die Schlange), obwohl er sich doch so sehr dem Willen Gottes unterwirft. Diese spezielle Schaltung <Gott vor Mensch> bietet dem Dasein (Welt)die Möglichkeit auf Transzendenz. Sie gibt dem ganzem Dasein das Potenzial zur Wiederherstellung, zum Neuwerdung, zur Besserwerdung. Das kann man daran sehen, dass Gott eine notwendige Erklärung des ganzen Daseins ist, wenn es keinen Ausweg mehr gibt und der existentielle Sprung des Daseienden ins Dasein, hinaus aus der Absurdität, hinein in das Sinnkonstrukt Welt, nur noch dadurch möglich ist, das Ungeheure und Unmögliche heranzuziehen. „Um das mögliche zu erreichen, muss das Unmögliche verlangt werden.“ sagt ein altes Sprichwort schon. Gott als Erklärung ist oft als einzige Erklärung im Stande einen total sinnlosen Tod eines Kindes wieder einen Sinn zu geben, wenn sich im Diesseits keiner finden lässt, weil er wirklich sinnlos war. Für die Mutter kann es der einzige Weg zurück in das Sinnkonstrukt sein, dass sie eben für den Tod ihres Kindes einen Sinn in einer höheren Ordnung finden kann. Gott als Erklärung bietet immer dort den Ausweg, wenn es nach menschlichem Ermessen keinen Ausweg mehr gibt. Wir wenden uns dann Gott oder dem Reich Gottes zu und schöpfen Hoffnung. Und „Hoffnung ist eine größere Stimulierung des Lebens als irgendein Glück.“ (Friedrich Nietzsche). Gottes Reich ist eine, wenn auch fiktive, Lücke ins Jenseits, eine Lücke die uns ermöglicht die rein nach menschlicher Vernunft bemessenen Ideale immer wieder zu unterlaufen und durchbrechen zu können, binnen des gesamten Daseins. Wenn ein menschlicher Vater schon viel Liebe und Güte haben kann, wie viel mehr dann wohl der Über-Vater im Himmel. Diese größere Güte wird neben den Menschen gestellt. Jesus führt daher auch als oberstes Gebot die Hinwendung zu Gott an und erst als zweiter Stelle nennt er die Nächstenliebe als die beiden wichtigsten Gebote. Liebe den Nächsten wie den Gott! Wir sollen den Menschen so lieben, wie man Gott lieben kann für seine noch größere Güte und Liebe, nicht wie sich Menschen eben so lieben. Freiheit geht weit über den Humanraum hinaus. Ohne die Lücke des Daseins ins Jenseits, die aus den menschlichen Idealen heraus das Potenzial zum Überstieg innerhalb des Daseins bereithält, und in übermenschliche bzw. göttliche Ideale führt, würden wir uns zunehmend in eine „moralische Inzucht“ verwickeln, wie ein Tümpel langsam ins Schlechte umkippen, ja gar versteifen. Gott wendet man sich zu, um das Unmögliche zu erreichen, für das Mögliche genügen die Menschen.“ (Leo Schestow). Es gibt Freiheit, die geht weit über den Rechtsraum des Menschen hinaus. Denken wir an die vielen deutschen Priester in Nazideutschland, die ihren Glauben hinter die Ideale des Staates und dessen Rechtsraum nachordneten und so am Holocaust mitwirkten. Gott aber durchschaut das Herz, und was bei den Menschen hoch ist, das ist vor Gott ein Gräuel.“ (Lukas Evangelium 16:15) Der, der das Diesseits vor das Jenseits schiebt, akzeptiert die Schöpfung nicht. Er revoltiert gegen das scheinbar unvermeidbare Schicksal, Leid und Unglück. Er revoltiert für etwas Gutes und bietet die Nutzung des Guten, aber er akzeptiert den Willen Gottes nicht, was auch indirekt Böses nach sich zieht. Denn diese Schaltung <Mensch vor Gott> bemisst die Welt nach rein menschlicher Vernunft. Er glaubt nicht daran, dass es Dinge wie Geißeln Gottes gibt und Dinge, die nicht nach menschlicher Vernunft zu bemessen wären, sie seien unmöglich und unwirklich. Aber damit verkennt er die Grenzsituation, denn es gibt die Dinge, die nicht durch die Vernunft zu deuten sind, sondern die Vernunft als Form selbst sind und nur xistentiell erfahrbar (sei-bar) sind. Man übersieht und überhört den Willen Gottes, der den Gehorsam gegenüber dem Baum fordert, und so den Willen des Baumes überhörend ist man eine blinde Geißel des Baumes. Und wie Albert Camus schrieb: „Niemand ist frei, solange es Geißeln Gottes gibt.“ Für diese Schaltung gilt es anders als bei der ersteren, das Sinnlose anzuerkennen, und dennoch und gerade weiter gegen die Schöpfung des Gottes zu revoltieren, nicht aber gegen Gott bzw. dessen Willen. "Letztlich ist es sehr dumm mit der Pest zu leben. Ein Mensch muss natürlich kämpfen, aber wenn es damit endet, dass er sonst nichts mehr liebt, wofür ist dann das kämpfen gut?“ (Albert Camus) Man könnte annehmen, dass es jedem gleichsam anhaftet Schlechtes und Böses zu verursachen. Auch wenn es nur in bestimmten Spitzen sichtbar wird, wie z.B. wenn die ganze Gesellschaft jemanden moralisch aburteilt, vorführt und mit aller Gewalt glättet. Wir müssen zuvor schlecht sein, um besser werden zu können, um unsere Sünden überwinden zu können. Als ob wir stetig mit Schlechten und Bösen bezahlen, um besser werden zu können. Die beiden beschriebenen Typen (religiöser Humanist vs. atheistischer Humanist) nehmen sich gegenseitig in Anspruch. Die einen geben das Potenzial für Gutes und lassen damit Böses zu. Die anderen wollen auch und erst recht Gutes und ziehen Böses nach sich. Der Wille zum Guten und der Gute Wille sind beide mit dem selben Makel behaftet, einem grundlegenden gegenseitigen Unverständnis. „Wir planen zu wenig, wenn wir die Dinge dem Zufall überlassen. Und wir planen zu viel, wenn wir das Ganze in die Hand unserer Absicht nehmen, und wenn auch zum Guten verändern möchten.“ (Karl Jaspers). Da fragt sich auch, wer denn der echte Humanist ist und den Blick mehr auf den Menschen richtet. Wir haben es hier zum einen mit einer recht sicheren Erklärung zu tun, die aber nichts sicheres zu lehren vermag und nur innerhalb des Geistes des Menschen kreist, denn hier beginnt die Welt mit dem Geist und der Mensch ist der Mittelpunkt. Zum anderen mit einer unsicheren Erklärung, die aber etwas sicheres zu lehren vermag, die aber aus dem Menschen hinaus in das Tier fragt und diese Aspekte auf unsere Leben anwendet. Wir sollten doch besser jedes erkenntnistheoretische Konzept irgendwann auf seine Moral hin näher betrachten, zu oft haben wir dies schon versäumt. „Niemand bestreitet die Wunder der modernen Wissenschaft. Jetzt wäre es aber an der Zeit, dass sie für ihre Monster Verantwortung übernimmt.“ (Jakob von Uexküll) Wir Glauben an den Erfolg, daran dass Erfolge und das Gewinnen das Paradies auf Erden schaffen könnten, daran dass Macht, Neid und Gier etwas in uns grundsätzlich angelegtes sind, welchem wir uns ja ergeben müssten. Ich werde die Evolution nicht leugnen können, aber die Frage ist auch vielmehr: Auf welchem erkenntnistheoretischen Konzept um die Tatsache Evolution (herum) wollen wir leben? Evolution als jenes „Unzufriedenheitsrezept“ (Thomas Metzinger), immer besser als der andere sein zu müssen, muss so nicht übernommen werden. Unser gesamtes soziales Gefüge ist durch Konkurrenzverhalten bestimmt. Wir wollten soviel Wissen wie Gott, aus dieser Motivation heraus, haben wir uns aus dem Paradies ja ausgesperrt, als wir die Frucht des Baumes der Erkenntnis verzehrten. Aber Evolution kann man auch als eigene existentielle Bedeutungsstruktur betrachten, als abhängig vom Dasein. Evolution ist zwar eine wissenschaftliche Tatsache, aber wie ich diese Tatsache bewerte und bedeute ist Glauben, auch wenn ich sie als vom Beobachter unabhängig ansehe und ein automomes Subjekt voraussetze. Ich kann es auch im gesamten Spektrum der Annahme betrachten, also plus ihrer Umkehrung, was wie erwähnt Metaphysik bleibt, aber dazu führt, dass ich so die Tatsache aus jener Annahme bedeute, wie das ganze Dasein bedeutet. In dieser Ebene aber kombiniert man ja seine eigene Wahrheit und hier ist es kein Glauben mehr, sondern Denken (Wissen über X) und Sein (Denkend-Sein) sind hier Eines, aber nicht in ein Drittes aufgelöst. Glauben ist es dann, wenn ich mich in diesem Spektrum unbeweisbarer Annahmen einseitig selbst einschließe oder eingeschlossen werde, metaphysisch anders verwurzelt, zu einer einseitigen Kombination der Welt, die einer anderen Kombination gegenüberstehen kann, die sich ebenfalls metaphysisch eingeschlossen hat. Diese beiden blinden Geißeln und meinen sie seien der Baum, weil sie ihre metaphysische Wurzel nicht sehen, nicht kennen, ja vergessen haben. Hier sind wir wieder bei der Rechtgläubigkeit.
    Dieser Ebene des Nichtglaubens ist aber auch kein Wissen, sondern eine Ebene des Glaubens im ganzen Spektrum der Glaubensmöglichkeiten um Tatsachen herum, welche einfach jeden Glauben beinhaltet und mit keinem Glauben um das Faktum fremdelt, ohne dabei dieses Faktum zu verleugnen. Ich behaupte, dass auch die Schäden, die das einseitige Bedeuten biologischer Tatsachen hervorbrachten und hervorbringen nicht gerade gering waren. Das Problem ist vielmehr immer nur die Einseitigkeit bei der Bedeutung von Tatsachen. Jede Kultur hat ihre metaphysischen Annahmen auf denen sie wurzelt und steht. Was unsere Weltanschauungen einzig trennt, sind metaphysische Annahmen. Was unsere ethisch und moralischen Differenzen ausmacht, gründet in unserer erkenntnistheoretischen Einseitigkeit, der wir uns zu oft nicht bewusst sind. Diese erkenntnis-theoretischen Verstellungen, die zwar methodisch und ökonomisch getätigt werden müssen, aber von denen man sich auch befreien können muss, werden ansonsten mitgeschleppt wie „erkenntnistheoretische Kreuze“. Diese sind nur Aufzulösen durch ein tieferes und denkenderes Denken, welches ontologisch zurückgeht, statt in die Höhe, um vor die eigenen Gründe und Vorurteile zu gelangen, um diese überhaupt kennen zu können und eine Entscheidung fällen zu können, die quasi moralisch integer ist, weil sie im Gehorsam zum ganzen Baum ist. "Für das Gute haben wir nur ein einziges haltbares Kriterium: dass es nütze; nicht zuweilen und einzeln, sondern immer und allgemein.“ (Johann Gottfried Seume) Dieses Zurücklaufen, die Destruktion, meint nämlich das Aneignen der vollen Geschichtlichkeit durch das Auspacken aus der Historie. Niemand kann es vermeiden zu ur-teilen, aber man kann die eigenen Vor-ur-teile ausfindig machen, die unbemerkt eingepflanzten, ökonomisch über Generationen hinweg verfestigten und vergessenen Prämissen kennen. Man kann seine Seinsverfassung gerechterweise auf das ganze Spektrum der empirischen Möglichkeit ausweiten und die unvereinbarsten Positionen selbst in sich tragen, solange sie nur durch solche unbeweisbaren Annahmen getrennt sind, in deren Spektrum „man“ sich gerne frei bewegen darf. Nicht ein Einzelner, der es sowieso tut, sondern das ganze „Man“ soll sich darin frei bewegen können. Wenn ich die streng im Konflikt seienden Positionen in mir selbst trage, wenn ich also jenseits dieser Gegensätze bin, kann ich erkennen was diese trennt. Für dieses ontologische Losbinden zu einer variablen Seinsverfassung braucht es nichts weiter als zu sich selbst in größter Ehrlichkeit die eigenen unbeweisbaren Vorurteile ausfindig zu machen und sie in dieser erschlossenen Variabilität zu halten. „Ehrlichkeit ist das einzig Heldenhafte.“ (Albert Camus) Diese Vorurteile schaffen unsere Gräben und Gegensätze, weniger ist es Wissen vs. Glauben welches dazu befähigt. Die sonst so geheime und gemeinsame Verbindung, die sich als Konflikt darstellen kann, befindet sich in mir selbst und ist auch gar nicht so geheim, und ist dennoch das, was uns verbindet.
    „Intellektuelle Redlichkeit, also Integrität im Denken, ist die Lauterkeit der Absicht sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein.“ (Immanuel Kant). Die Gräben zwischen uns verschwinden, wenn ich den anderen in seiner Geschichtlichkeit in meiner Geschichtlichkeit erkennen und annehmen kann, dazu muss ich in der Geschichtlichkeit stehen können. Und ich meine nicht die Historie, denn diese ist ja abhängig von den Weltanschauungen bzw. ist die Weltanschauung abhängig von der Historie. Je mehr wir die Dualismen aus der Welt in uns selbst holen, desto größer wird unser Verfügungsrecht am Paradies. Unsere Blickrichtung kann manchmal „hängen geblieben“ sein, sie ist dann gemäß dem ganzem Denken unzulänglich, nicht hinreichend, und damit selbst ungerecht, und so erfährt man dann auch die Welt. Besteht diese Kluft zwischen höheren Wissen und tieferen Wissen zu lange, also wird beim Hochbau das Fundament überhört und nicht beachtet, wird es über Generationen hinweg nicht vom Ast (z.B. einer Gesellschaft) geprüft, entsteht eine maßlose Kluft zwischen dem Baum und seinem Ast. Gelingt es nicht diesen Geist nachzuholen, durch ontologisches Zurücklaufen, wird der Ast irgendwann abfallen, weil er maßlos wurde und zu hoch baute, oder er wird vom Baum selbst abgeworfen, wenn er sich vom geißelnden Ast bedroht sieht. Sieger bleibt immer der Ast oder die Äste, die den Geist des Baumes auf ihrer Seite haben. Um diesen zu bekommen muss man sich opfern, muss man sich derart selbst läutern, um vor seine eigenen Gründe zu gelangen, sodass man keine Geißel mehr ist. Und so geschützt ist dieser Baum (die leere Plattform), so dass sich kein Ast ihm befähigen kann, der nicht vorher schon der Baum geworden ist. Der französische Philosoph Albert Camus schrieb in seinen Briefen „An einen Deutschen Freund“ zwischen 1943 und 1944 folgende Sätze, auszugsweise aus allen vier Briefen: „Sie haben den Worten immer misstraut, ich auch, aber noch mehr misstraute ich mir selber. ..Sie versuchten mich auf die Bahn zu locken, die sie selber eingeschlagen hatten und auf der, der Geist sich des Geistes schämt. Aber der Geist rächt sich! ..Ihr seid über uns hergefallen, während wir damit beschäftigt waren, in unseren Herzen zu prüfen, ob wir das Recht auf unserer Seite haben. ..Wir mussten zuvor unser leidenschaftliches Verlangen nach Freundschaft zum Schweigen bringen. ..Wir brauchten die ganze Zeit, um herauszufinden, ob wir das Recht hatten Menschen zu töten, und dem Elend beizutragen. ..Diese mit Blut bezahlten Skrupel verleihen uns Franzosen heute das Recht zu denken, dass wir mit einen Händen in diesen Krieg getreten sind, und dass wir mit reinen Händen aus ihm herausgetreten sind. ..Wir werden dank dieser Niederlage siegen, dank diesem langen Weg, der uns unsere Gründe hat erkennen lassen, dank diesem Leiden, dessen Ungerechtigkeit wir gespürt und aus dem wir eine Lehre gezogen haben. Wir haben dabei das Geheimnis eines jeden Sieges erfahren. Wir haben dabei erfahren, dass entgegen unseren bisherigen Glauben, der Geist nichts gegen das Schwert vermag, dass aber der mit dem Schwert vereinte Geist stets Sieger bleibt über das um seiner Selbst willen gezogene Schwert. Wir haben erst das Schwert angenommen als wir wussten, dass der Geist mit uns war. ..Es brauchte erst die Folterung des Fleisches, damit wir uns des Geistes bemächtigen konnten. Denn nur das besitzt man wirklich, was man bezahlt hat. Wir haben teuer bezahlt und bezahlen noch. Aber wir besitzen unsere Gewissheiten, unsere Gerechtigkeit; Eure Niederlage ist unvermeidlich. ..Ich habe nie an die Macht der Wahrheit an sich geglaubt, aber es ist schon viel, wenn man weiß, dass bei gleichen Kräfteverhältnissen, die Wahrheit stärker ist als die Lüge.“ Diese aus jener Maßlosigkeit resultierende Unfreiheit sollten wir erkennen und dafür wirklich Verantwortung übernehmen lernen. Anhand der Pflanzenmetapher: Die Zelle muss erkennen, dass sie die Pflanze ist. Sie bleibt dabei Zelle. Diesen Zustand kann die Zelle aber nur haben, wenn sie sich mit dem gesamten Denken abgleichen kann, und ihren Blick durch diese Variabilität der Seinsverfassung auf das ganze Spektrum ihrer Möglichkeiten schwenken bzw. ausweiten kann. Die Zelle die neben ihrer Zellen- Existenz in einem Zweig und ihrer Zweig-Existenz in ihrer Pflanze, zusätzlich das ganze Spektrum der Möglichkeit der ganzen Pflanze beinhaltet und verwaltet, ist als Zelle dann auch die Pflanze und vereint die Möglichkeiten der Pflanze in sich. Diese Zelle hat die Aufnahme von Informationen an die Sprache der Pflanze angepasst. Solange nicht alle Zellen so variabel sind, wuchert sie an diesen Zweigen maßlos aber gewollt in die Höhe. Diese Wucherungen können sich als schlecht herausstellen, wenn sie zu lange nicht mit der Pflanze abgeglichen werden, wobei die Pflanze diesen Abgleich selbst ständig versucht. Wenn sie Zellen aber schon nicht mehr hören können und von deren Vorsehung zu sehr abweichen, weil sie zu weit entfernt sich eingeschlossen haben über lange Zeiten hinweg, dann weist sie sich selbst existentiell an, diesen Zweig abzuwerfen oder abzuschneiden. Daher ist auf diese Anweisungen der Pflanze acht zu geben, sie als nicht wirklich abzutun, hat den Schaden immer provoziert. Sie wacht darüber was gewagt werden kann und darf und was nicht. Ist erst einmal eine existentielle Anweisung (Klima, Katastrophe, Krieg) der Pflanze eingetreten hilft nur die Reparatur(Kampf gegen die Natur) bis das Konstrukt wieder in die Vorsehung der Pflanze passt. Die Pflanze beherrscht den Zellenhaufen nicht völlig Die Natur beherrscht uns nicht völlig. Freiheit ist aber nicht Freiheit von der Natur, sondern Freiheit durch die Natur. "Und alles, was sich mischte, absonderte und voneinander schied, das alles erkannte der Geist. Und wie die Dinge werden sollten, wie sie waren und wie sie sind, ordnet der Geist.“ (Anaxagoras). Wir sollten uns auch immer von unseren methodischen Verengungen und Verstellungen, die wie Schablonen unseren Blick festhalten, eben von unseren Erfolge schaffenden Werkzeugen, wie z.B. ein modernes Forschungsgebiet, befreien können. Das gilt z.B. auch für das Werkzeug Wirtschaft. Ja, es besteht aus uns selbst, und wir haben wohl vergessen, dass es eins unserer Werkzeuge war. Die Wirtschaft ist zu solch einer blinden Geißel mutiert. Dieses zunehmend nbeherrschbare Werkzeug hat den Geist nicht mehr auf seiner Seite, es fehlt dem Werkzeug an Seele. Wir können diese losgerissene Werkzeug in den Griff kriegen durch das ontologisch zurückgreifende Bewusstsein im Umgang mit Werkzeugen. Es geht nicht darum, die Werkzeuge nicht zu gebrauchen und auch nicht in die Höhe zu füttern. Worum es geht ist: Wir sollten nicht an die Werkzeuge des Denkens glauben, sondern diese Werkzeuge ordnungsgemäß und mit viel Aufmerksamkeit gebrauchen, eben das zurückhängen an die Werkzeugwand noch beherrschen. „Hat Gott die Klugheit dieser Welt nicht als Torheit entlarvt? ..Denn obwohl sich seine Weisheit in der ganzen Schöpfung zeigt, hat ihn die Welt mit ihrer Weisheit nicht erkannt. ..Denn hinter dem scheinbar so widersinnigen Handeln Gottes steht eine Weisheit, die alle menschliche Weisheit übertrifft.“ (1.Korintherbrief 1:20-25). Das Denken, welches ontologisch im „eigenen Heim“ aufgeräumt hat und den ganzen Ozean des Denkens frei befahrbar hat, musste natürlich durch die Metaphysik hindurch, kann aber die metaphysischen Fundamente einsehen und dadurch die Konflikte in jenem Moment in sich selbst tragen und damit in der Welt neutralisieren, und löst dabei die Metaphysik in gewisser Weise auf, weil es sich so auch der ganzen metaphysischen Wurzel bewusst ist, weil es diese beinhaltet. Man kann diese aber auch im Unbewusstsein belassen, im Speicher für Gewohnheiten, Glaubenssätze, und so kann der Geist geradewegs nicht in die falschen Hände gelangen. Die Pflanze die in der Wahrheit steht muss überhaupt nicht verteidigt werden, man kann sich, wie gesagt, nur preisgeben für die Beteiligung. Ein Wort wie z.B. „Natur“ wird in unsere Seinsverfassung übersetzt und erhält eine eigene Bedeutung. Es wird von uns unbemerkt und selbstverständlich dekodiert und Fremdeinflüsse werden ausgeblendet, solange wir keine variable Seinsverfassung haben und statt viel hohen Wissen auch um so mehr die eigenen Annahmen, die zu diesem Wissen geführt haben, kennen, und in dieser Variabilität der Verschaltungen der möglichen Annahmen die Information auslesen können. Solange lesen wir immer nur einen Teil der Informationen aus. Wenn der Mensch seine metaphysischen Annahmen in dieser Varianz beließe, könnte er jedes Gegenüber mit höheren Verständnis begegnen. Ein Diskurs wäre unpersönlicher, und das wäre jedem Diskurs förderlicher, weil so die Aufklärung von Irrtümern im persönlichem Denken überhaupt einen Reiz hat. „Für jeden Gegenstand gibt es (nun einmal) zwei sich widersprechende Aussagen.“ (Protagoras). Nicht einfach Koexistenz, sondern ein höchstmögliches gegenseitiges Verständnis, trotz und gerade aller Differenzen, ermöglicht Freiheit. Sie besteht in der Koexistenz gleicher Freiheiten. Die Freiheit der Einen fängt nicht da an, wo die Freiheit anderer endet. Das ist keine Freiheit, das ist Zwang. Gewalt, Reichtum oder Macht machen keine Aussage über Freiheit, im Gegenteil, wohl eher über Zwänge und Ängste. Denn: „Die Freiheit der Einen fängt da an, wo die Freiheit der anderen beginnt.“ (Pjotr Kropotkin). Wenn sie in der Koexistenz gleicher Freiheiten besteht, dann ja nur so, dass meine Freiheit die der anderen nicht negativ einzuschränken vermag. Dazu aber muss ich zunächst negativ (innerlich) frei sein, um überhaupt Quelle meines Denkens und damit Handelns zu sein. Denn wer anderen die Freiheit anderer einschränkt verdient sie für sich selbst nicht, weil eben Gewalt und Macht z.B. keine Freiheit sind, auch wenn sie uns manchmal so erscheinen mögen. Freiheit definiere ich als den Tag, an dem man keine Wahrheit mehr glauben muss, sondern sie eben selbst setzt. Es wird Zeit, dass sich der Mensch das ihm fehlende Stück Verantwortung für sich selbst und damit Freiheit abholt. Und nur wer innerlich frei ist, kann Quelle seiner Entscheidungen sein, also vor (nicht hinter) seiner Entscheidung stehen können, bevor er entscheidet, und das bedeutet: sich selbst vor die Entscheidung zu stellen und sich nicht vor die Entscheidung stellen zu lassen. „Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte.“ (1.Korintherbrief 7:23) Metaphysische Annahmen sind die Trennwände in unseren Bewusstsein, ja sicher u.a. evolutions-psychologisch so entstanden, die uns den anderen nicht verstehen lassen mit seiner völlig fremden Kombination der Welt. Jene Trennwände sind es die unserem Verständnis zugrundeliegende Seinsverfassung, zu Gunsten des Baus von Welt, dementsprechend präformierten. Solons „Erkenne dich selbst!“ ist die Anweisung zur Wiedererkennung. Mit dieser möglichen erkenntnistheoretischen Stufe, in der es zwar noch Standpunkte gibt, zwischen denen man sich aber bewegen kann, aber jeder Standpunkt selbst in der Bewegung steht, also sich erkannt hat, ist der Schaden durch die Frucht des Baumes der Erkenntnis überwunden. Dann sind Unzulänglichkeiten Adam und Eva`s überwunden, und sie sind zulänglich für das Paradies, d.h. sie entsprechen diesem. Und sie sind wieder da, wo sie sich noch nicht entschieden haben. „Es waltet nicht auf der einen Seite das falsche und auf der anderen Seite das wahre Denken. Das wahrhaft anfänglichere Denken liegt vielmehr in der Zukunft, gar von uns unendlich vor uns hergeschoben. Wäre dem nicht so, wäre die Zukunft nicht mehr offen.“ (Jaques Derrida). Der Schlüssel und erste „Wecker“ zum nicht-einseitigen Denken liegt im: „Erkenne dich selbst“ in deinen ganzen Ausmaßen! Für einseitiges Denken werden wir gegeißelt. Auch der Gottesfürchtige wird gegeißelt solange er sich nicht gegen die Schöpfung auflehnt. Auch er fühlt sich in eine ungerechte, unbarmherzige Natur geworfen und wartet auf Gottes Reich. Dann hat er noch nicht angefangen jene Verantwortung zu übernehmen. Die Entscheidung in Gottes Reich zu gehen ist hier und jetzt und liegt bei jedem selbst, es ist bereits da, aber in angebrochener Weise darum, weil die Menschen es noch nicht sehen bzw. nicht das Bewusstsein dafür haben. Das, obwohl sie alle schon durch die Tür geschaut haben, der eine mehr, der andere weniger, und den überwältigenden Ausblick kennen. Der große „Schlussstrich“ ist schon da, wir sind nur nicht komplett drüber gestiegen, weil wir es noch nicht können. Das Jüngste Gericht ist jetzt und hier. Ohne die Instanz des idealen Gerichtshofs und dem idealen Richter gäbe es gar kein Bewusstsein. Er braucht natürlich zwingend den Übermenschen und die Überwelt. Es geht auch gar nicht um Vollendung der Schöpfung, sondern um die Wiederherstellung der Schöpfung. Das erwartete Ende ist eine neue Schöpfung. Der andere Anfang der unmerklich durchbricht, kommt dann, wenn der Mensch diesem anderen Anfang entspricht, wenn er im Denken und Sein wieder identisch sein kann, wieder ungeteilt und heil. Und das kann er in zunehmender Weise. Die Zeitenwende (Apokalypse)ist keine Ende der Geschichte, sondern das wieder vollkommen in der Geschichtlichkeit stehen können. Dieses ist aber mit einer ja schon erbauten Welt überhaupt kein Verlust. „Wer weiß und erkennt, wie nahe ihm Gottes Reich, der kann mit Jakob sagen: Gott ist an dieser Stätte und ich wusste es nicht, nun aber weiß ich`s.“ (M.Eckhart Predigt 36, 1.Moses 28:16). Es wird behauptet die ganzen heiligen Schriften seien doch voll von Widersprüchen. Aber ja sind sie. Und das deute ich als ein gutes und richtiges Zeichen. „Im Zirkel ist das Denken rund.“ sagte Martin Heidegger. Der Spalt auf dem diese Bücher supervenieren ist ein ganz enger. Man soll sich doch auf diesem schmalen Grat bewegen, aber eben nur auf diesem Grat, denn es heißt nicht umsonst die eigene heilige Schrift sei komplett zu befolgen, ohne Einschränkungen. Diese Gehobenheit in die höchste Mehrdeutigkeit birgt keine Beliebigkeit, sondern hat ganz eigene Gesetze. Lässt man die Sprache selbst dichten, lässt man die Sprache ganz bei sich sein, dann ergibt sich aus jener Dichtung von selbst der Advent eines Gottes. „Überall hin nämlich hält bei sich das Ereignete verwahrt ein Entscheid der Vollendung.“ (Sophokles). Sie stimmt dann immer auf dessen Kommen ein. Es gibt Menschen die sprechen nicht Sprache, die sprechen aus der Sprache heraus. Dieses Göttliche, was uns dann anspricht ist der Zusammenfall der Gegensätze in der Sprache, dann, wenn die Sprache selbst bestimmt, was gesagt werden soll, wir uns jenes jedenfalls nicht direkt selbst sagen. In diesem besonderen Sagen walten eigene Maße. Und jedenfalls ist es ein anderes Sagen, als wissenschaftliches Aussagen. Man lässt die Sprache durch das Kreisen mit ihr im Zirkel selbst bestimmen, was wir beide zu sagen haben. Jeder Künstler, der die Gegensätze am weitesten in sich beinhaltet, kündigt das Göttliche an. Der Künstler muss dazu die Widersprüche in sich tragen. Daher haben auch die heiligen Schriften ihre Größe. Die großen heiligen Schriften sind in ihrer Tiefe (psychologischer Art) bis heute nahezu unerreichbar. „Seine Größe zeigt man nicht, in dem man sich zu einem Extrem bekennt, sondern in dem man beide in sich vereint.“ (Blaise Pascal) Man versuchte immer den Weg in Gottes Reich aufzuzeichnen, welches sie alle verkündigen, selbst die Buddhisten mit ihrer „Nullpunktexistenz“. Sie die Religionen und Lebensphilosophien halten damit alle den Eingang offen aber beschreiten ihn nicht, obwohl jeder schon ab und zu durchgeguckt hat. Sie sind eher der Eingang selbst und zwar wie ein Vergrößerungsglas in die Zukunft gerichtet, oder wie ein Wecker durch ein menschliches Megaphon, so dass der Eingang nicht abhanden kommt und Adam und Eva den Wecker, den sie sich selbst stellten auch hören. Meditation ist sicher auch ein Weg, um sich soweit abzuschnüren, dass man frei zwischen allen Standpunkten (jene Nullpunktexistenz) schwebt. Aber es ist nicht nachhaltig genug, man springt zurück in die unberührte, weiterhin konditionierte Plattform. „So verlieren alle Wesen ihre Abgesondertheit, wenn sie endlich mit der Ganzheit verschmelzen.“ (Upanishaden, Schrift der Hindus) Auch die indischen Veden berichten davon, dass es für die Seele innerhalb der materiellen Welt immer Unzulänglichkeiten, Fehler und Leiden geben wird, solange sie sich eben nicht durch einen Pfad der spirituellen Erhebung läutert und sich von den in ihrem Körper inhärent vorhandenen Mängeln befreit, in dem sie sich in die transzendentale Welt erhebt, die vollständig jenseits des geschaffenen Kosmos liegt. Voraussetzung für diese Läuterung ist Ehrlichkeit zu sich selbst. „Spiritualität ist eine Vollkommenheit, durch die wir zuerst die geistigen Übel von unseren Seelen entfernen, die Fehler und Sünden. Durch sie suchen wir dann die geistigen Güter für unsere Seelen, die Tugenden und Gnadengaben.“ (Wilhelm von Auvergne) Frei von Vorurteilen und Zwängen im Denken sind freie Handlungen möglich. Der wahrhaft freie Denker, der sich seine eigene Welt kombiniert, kann sich eben nicht einmal in die Logik aussperren, weil sie schon aus Vorurteilen besteht. Man fragt sich vielleicht, ob man dann überhaupt noch irgendetwas sagen kann, ohne diese Annahmen, auf der leeren Plattform, was bleibt da noch übrig? Nun, der ganze Ozean des Denkens, das was wir Welt nennen, das tiefste Ich, welches von allen Mustern und Schablonen befreit ist, und das ist man wirklich selbst. „Wer bis zum Ende durchgedrungen ist, der sieht sich wieder in völliger Freiheit, er ist frei vom System – über allem System.“ (F.W.J.Schelling). Dadurch verliert man nicht an Individualität, im Gegenteil, desto autonomer und individueller wird man. Ohne Zwang sind der Vielfalt noch viel weniger Grenzen gesetzt (ich spreche nicht von dem Rechtssystem einer Gesellschaft). Den Konflikt aus der Welt nehmen, heißt nicht, dass dann der Anreiz für Fortschritt fehlt. Es heißt ein besseren gegenseitiges Verständnis haben zu können und Konflikte ganz zwanglos bewältigen zu können. Wir wachsen dann zusammen, wenn wir nicht mehr abhängig voneinander sind. Liebe ist Loslassen („dem Vogel die Freiheit schenken“) und die stärkste Bindung. „In der Liebe kommt es zu dem Paradoxon, dass zwei Wesen eins werden und trotzdem zwei bleiben.“ (Erich Fromm). Jesus nennt als Bedingung für das Sehen des Reichs Gottes, man müsse zuvor Auftauchen aus dem Geist von neuem. Dies meint zum einen die neue Persönlichkeit, die hervorgeht, wenn man all seine Vorurteile und Einschränkungen, im Verzicht auf den eigenen Anspruch, aufgelöst hat. Diese neu erwachsene Person sieht sich nicht mehr im Reich des Daseins, sondern als Dasein, als Adam oder Eva, im Reich Gottes. Dieses Auftauchen aus dem Geist meint zum anderen, das von unten nach oben Schauen im Baum der Erkenntnis. Nur von hier unten kann ich meine eigenen Gründe erkennen, nur von hier kann ich mir den Einschnürungen bzw. Abzweigungen, die zu mir führen, bewusst sein. Man wird dabei vom Grunde auf neu geboren. „Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von Neuem geboren werden.“ (Johannes Evangelium 3:7). Es ist paradox, aber wir sollen wieder auf den Boden springen auf dem wir schon stehen, d.h. die eigene Geschichte immer neu von Grund auf aneignen können, ohne aber diese preisgeben zu müssen. Man muss sich von sich selbst Abwenden können, den eigenen Anspruch reduzieren, auch wenn mein Ich das einzige ist, was ich habe und bin, aber man verliert sich dadurch nicht, man weiß lediglich, wer man ist. Das größte Eingeständnis, was man man machen kann, ist seine eigenen Fehler und Vorurteile zu suchen und aufzulösen. Wer sich hier sagen kann, er hätte keine solcher Vorurteile und Fehler, der hat sich nur nie aufgemacht sie zu suchen. Durch ganz verschiedene Schaltungen unterschiedlicher, unbeweisbarer Annahmen, im und aus dem möglichen Spektrum der möglichen Annahmen, die der Mensch für sein Konstrukt Welt tätigen musste, ist er eingewickelt in ein großes, aber oberflächliches Ich. Möchte man sich daraus im Leben auswickeln können, gilt es sich zu verkleinern (das „“Glück der kleinsten Hütte“), muss man ontologisch Zurückgehen aus dem Ast-Dasein zum Baum-Dasein, muss ich erst einmal vor meine eigenen Vorurteile wandern. Im tiefsten Grunde des Ichs findet sich dann das kleinste und aller verborgenste Ich. Aber je mehr man sich so verkleinert, desto größer und älter wird man, und je größer sind die Kausalketten, die meine eigenen Gedanken dann zünden. „Für die Ewigkeit muss man im Leben mehrfach sterben.“ sagte Nietzsche, das selbsternannte Dynamit. Um den unendlichen Regress aber zu vermeiden müssen wir dogmatisch eigene Grundsätze(auch Axiome und Konstanten) hinnehmen. Aber eben nur dann! Die wahre Größe liegt im Kleiner werden, in der Aufgabe der Trennwände die Selbstbeschränkungen sind. Solange wir davon nicht frei sind und uns Jenseits von Gut und Böse befinden, können wir überhaupt nicht erkennen, was gut und was böse ist. Aber wir werden es erkennen. „Es gibt zwei gute Menschen: Der eine ist tot und der andere noch nicht geboren.“ (Sprichwort) Das Wachstum muss auch die Verkleinerung beinhalten. Mit der nach Außenwendung muss und folgt auch die nach Innenwendung. Man muss eben auch innen im Haus, und nicht nur vor der eigenen Tür kehren. In Gottes Reich zu kommen bedeutet eine Läuterung des Selbst, aber eben nur des Selbst. Es bedeutet schlicht und ergreifend alle Mängel und Fehler zu kennen, die mich vom ganzen zu einem geteilten, ungerechten und unvollkommenen Dasein im Dasein abschnüren, und damit auch vom Reich Gottes abtrennen. Es ist pro einseitig getätigte Annahme eine doppelte Verkennung, die uns den Blick verstellt und uns des anderen Perspektive verwehrt, uns genau dann fehlt, wenn wir jemanden mit seiner Weltanschauung nicht begreifen können. Das bedeutet keineswegs jede Weltanschauung dulden zu müssen. Aber „Wer sich erhöht, der soll erniedrigt werden, und wer sich erniedrigt, der soll erhöht werden.“ (Matthäus Evangelium23:12) Wo Himmel und Erde sich öffnen, da beginnt Gottes Reich. Wo ist dieser Riss in der Welt? In der Welt. Um in Gottes Reich zu kommen, muss ich diesen Riss aus der Welt in mich verlegen. Ich kann den Konflikt der Welt in mich schlucken, statt ihn in der Welt zu belassen. Um in Gottes Reich zu gelangen, muss ich die gegensätzlichen Positionen und Perspektiven in der Welt in mir haben, um dadurch die Konflikte auf aus der Welt herauszunehmen, sie auf mir zu schultern. Nur wer die Gegensätze aus der Welt schluckt und denkt wie die Welt denkt, der steht komplett in der Wahrheit. Außerdem, dass Jesus die zehn Gebote auf zwei runter brach, war an Jesus neu und so erschütternd, dass Gottes Reich hier und jetzt ist, weil er die unbegreiflichen Gegensätze, aus dem Paradoxon des fernen und nahen Gottes in sich selbst verlegte. Er vereinte die undenkbaren Gegensätze in sich und verlegte damit die offene Wunde des ganzen Daseins, diesen Riss, in sich selbst. Erst wer diesen Riss der Welt in sich trägt kann in das Reich Gottes. Wer den Riss in sich verlegt, schließt und heilt so die offene Wunde. „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes.“ (Johannes Evangelium 3:4). Der Apostel Paulus schreibt, dass wir „alles Denken in den Gehorsam Christus gegenüber gefangen nehmen“ sollen. Das Denken, welches sich im Dasein gleich mächtig zum Dasein beim Sein erhoben hat, stellt den ganzen Baum (Logos) dar. Diesen Baum soll ich in mir gefangen nehmen. Und das gesamte Denken kann ich nur in mir gefangen nehmen, wenn ich alle gegensätzlichen Position zuvor in mir vereine, auch wenn sie nie vereinbar sind. Wir sollen keiner Autorität mehr gehorsam, sondern nur zum Baum (Dasein beim Sein) selbst gehorsam sein. Es braucht keine besonderen Vorschriften mehr, wenn mein Handeln durch den Verzicht auf den eigenen Anspruch bestimmt ist. Es geht also darum, den eigenen Willen zugunsten des Baumes zu beugen. Das meint keinen Altruismus. Es geht überhaupt nicht um den Menschen, der nur noch Altruist, oder nur noch gut ist. Der Mensch ist Altruist und Egoist zugleich. Der Mensch glaubt auch an Gott und glaubt nicht an Gott. Als reine Altruisten verlören wir unsere Schlagkraft gegen Gefahren, die uns existentiell anlaufen. Jesus meint mit der Herrschaft Gottes, dass wir uns nicht auf ein fremdes Urteil verlassen sollen. Im „Gehorsam zu Gott“ meint eben nicht die Menschengebote, weil nur dieser Gehorsam gegenüber dem Baum (der bei Gott ist) auf dem eigenen Urteil und der eigenen Verantwortung des Handelnden beruht. „Das Volk ehrt mich mit seinen Lippen, ihr Herz aber ist weit weg von mir. Nichtig verehren sie mich mit ihren Lehren von Menschengeboten.“ (Markus Evangelium 7:6-7). Wenn sich jemand wie Jesus oder zuvor Sokrates gegen das ganze Dasein erhebt, ihm Recht gegen Recht gegenübersteht, dann ist dies vollständige Autonomie. In Jesus ist der Logos aber erstmals vollständig erschienen. Es ist eine bestimmte Arbeitsweise des Daseins, die in Jesus erreicht ist. „Wird euch nun der Sohn frei machen, so seid ihr wirklich frei.“ (Johannes Evangelium 8:36) Es ging Jesus nicht um ein ethisches Programm, was man tun und lassen soll, sondern gerade um das Unterlaufen dessen. Jesus sprengte die kirchliche Ordnung und wandte sich gegen den bestehenden Kult, ein Auflösungssymptom. Mit ihm ging, wie mit allen diesen großen existentiellen Denkern und maßgebenden Geistern, ein Verlust der Selbstverständlichkeiten und Gewissheiten einher. Es ist kein positives Wissen, sondern ein Zustand von höchster Bewusstheit, die uns von unseren uns umgebenden und uns ergebenden Mauern berichten. Laut Jesus sollen wir das, was wir tun und lassen sollen, nicht von anderen empfangen und übernehmen, sondern mit dem Willen Gottes entscheiden, was Gehorsam zum Baum (ganzes Dasein)meint. Eben nicht der Mensch soll Maßstab seines Handelns sein, sondern die gesamte Menschheit, das Menschenwesen, das ich bin. „Wir lassen uns dann nicht verleiten, einen verkehrten Weg einzuschlagen.“ (1.Korintherbrief 11:3). In Grenzsituationen, wo der Verstand versagt, kann der Mensch überhaupt nicht auf Regeln und Grundsätze einer ethischen Theorie zurückziehen. Ihm fehlt die Basis von der er dann entscheiden kann. Er entscheidet dann entweder im Gehorsam zum Baum oder nicht im Gehorsam zum Baum. Und wäre eine Entscheidung nicht meine, sondern die eines anderen, dann ist mir ja die Entscheidung abgenommen, dann bin ich meiner freien Entscheidung enthoben. Ich soll mich nicht „entscheiden lassen“, sondern soll mich selbst vor die Entscheidung stellen. Wenn ich mich selbst vor die Entscheidung stelle, bin ich schon der Baum, dann entscheide ich selbst, in meinem Sinne. Wir kommen im Denken wieder da hin, wo wir uns noch nicht entschieden haben, wo wir noch vor unserer Entscheidung stehen können. Wir werden so zu der Größe, die die Entscheidung selbst stellt und dadurch frei ist. Je mehr ein Mensch versteht, warum er etwas denkt, um so eher kann er sich von unerwünschter Determination befreien, was negative Freiheit bedeutet. Sind die Vor-Urteile aufgelöst sind die Gräben verschwunden. Viele kennen es gewiss, dass man mit Allem verbunden ist, und man sich dann nicht ausgeliefert und durch eine fremde Natur bedroht sieht. Aber warum haben dann gerade religiöse Menschen auch oft das Gefühl in eine unbarmherzige Welt geworfen zu sein? Weil sie ebenfalls einseitige Annahmen machen und eben noch nicht aus Wasser (kanalitas, materialitas) und Geist (spiritualitas, corporalitas) geboren sind. Die Wahrheit bricht aus der scheinbaren Ungerechtigkeit hervor. Es liegt an jedem Selbst selbst, sich vor seine Entscheidung stellen zu können. Je mehr wir aber von unten nach oben im Baum der Erkenntnis einsehen können, vor unsere Entscheidungen schauen können, desto mehr stellen wir uns selbst vor die Entscheidung. Und so werden wir zu den Zeugen unserer Selbst: durch das Verlassen des Zeugen-Daseins – vor dem Zeugen-Dasein. Und aus aktuellen Anlass noch ein Zitat von unserem neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck:
    „In unserer Verantwortungsfähigkeit steckt ein Versprechen, das dem Einzelnem, wie der ganzen Welt gilt: Wir sind nicht zum Scheitern verurteilt.“
    others have excuses, but i have my reasons why.

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