Tiere, die sich gegenseitig zeichnen

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  • Hier ein kurzer Text, den ich kürzlich geschrieben habe. Anlass waren zwei Ausstellungen, die ich in Kassel und Berlin gemacht habe. Da er sich mit unserem Themen-Kreis beschäftigt, packe ich ihn mal hierher. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich mit allem, was ich da schreibe immer noch einverstanden bin ... (unsicher bin ich bei der Passage mit der "Teilnehmerperspektive")

    Fast alle meine Zeichnungen und Bilder zeigen Tiere. Uns und die anderen Tiere. Ich habe jedoch nie einen besonderen Augenmerk auf die Unterschiede zwischen uns und ihnen gelegt. Doch sie dürften - ebenso wie die Gemeinsamkeiten - erheblich sein.

    Tiere, die sich gegenseitig zeichnen, kommen in der Fauna ansonsten nicht vor, das scheint eine Spezialität der Menschen zu sein. Und vermutlich ist der Mensch auch das einzige Tier, das zum Friseur geht. (Hunde gehen nicht zum Friseur, sie werden dorthin gebracht.) Philosophen und andere Künstler haben sich jenseits solcher Beispiele viele Gedanken gemacht, worin der Unterschied letztendlich besteht. Dazu haben sie verschiedene Beinamen für dieses besondere Tier, das wir sind, vorgeschlagen. Beinamen die dieses Besondere namhaft machen sollen. Zeichnende Tiere, die zum Friseur gehen, verdienen ganz sicher den Titel: animal symbolicum. Andere Vorschläge waren: animal amans, animal laborans, animal rationale und animal sociale und einige mehr.

    All diese Punkte treffen etwas, aber letztlich unterschätzen sie den Geist der (anderen) Tiere. Fast alles was uns ausmacht, kennen sie in Vorformen auch. Eine Erkenntnis, wenn es denn eine ist, die für manche (zu Unrecht, wie ich meine) zu den großen Kränkungen der Menschheit zählt. Das ist die biologische Kränkung: Nicht nur unser Körper, sondern auch unser Geist gehören zum Tierreich. Ebenso wie bei der (oben angedeuteten) Liste der animal-Epitheta herrscht bei der Liste der große Kränkungen große Uneinigkeit: Wie lang sollte sie sein und gibt (bzw. gab) es die fraglichen Kränkungen tatsächlich.
    Freuds Liste der Kränkungen - die kosmologische Kränkung, die biologische Kränkung und die psychologische Kränkung, wir seien nicht mal Herren im eigenen Haus - wurde vielfach aufgenommen und kritisiert oder auch erweitert.

    Neben Kopernikus, Darwin und Freud treten im 20. und 21. Jahrhundert Positionen, die den Menschen in einem gewissen Sinne ganz abschaffen wollen. Was soll das heißen? Diese These besagt, dass sich unsere Alltagsvorstellung, wir seien Wesen mit Überzeugungen und Wünschen, die in dieser Welt handeln, in gleicher Weise als falsch erweisen werden, wie unsere überkommenen Vorstellung, dass die Erde der Mittelpunkt des Kosmos sei, der Mensch die Krone der Schöpfung und die reine Vernunft der Maßstab unseres Handelns. All das sind - so postuliert diese Position - Vorurteile, die vollkommen unverträglich (zum Beispiel) mit den neueren Erkenntnissen der Hirnforschung ist. Wir sind, wenn das stimmt, nichts als flackernde Neuronen. Oder im wahrsten Sinne des Wortes unsere eigenen Hirngespinste. Wir und die andere Tiere sind in dieser Sicht nichts als ausgeflippte Bioautomaten; wobei die andere Tiere wenigstens nicht glauben, sie seien mehr …

    Dieser “unverblümte” Naturalismus ist sicher falsch, denn er macht aus der eigenen Sehschwäche ein Programm, das schlicht postuliert, es gäbe nichts jenseits der “Grenzen der Objektivität”. Tritt man neben das Spielfeld des Lebens, dann gerät das, was auf diesem Spielfeld stattfindet, womöglich aus dem Blick: animal symbolicum, animal amans, animal laborans, animal rationale und animal sociale scheinen sich in Neuronen, Quarks und Co aufzulösen.

    Der Mensch ist jedoch ein Wesen, das in erster Linie aus der Teilnehmerperspektive heraus zu verstehen oder eben nicht zu verstehen ist. Nur auf dem Spielfeld versteht man, was gespielt wird. Das macht das Spiel aber nicht zu einer Illusion. Für den Zeichner ist das Spielfeld ein kleines Stück Papier, ein Stift, die Betrachter und der ganze Rest der Welt. Was hier vor sich geht, verstehen vielleicht nur die Tiere, die sich gegenseitig zeichnen können.

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Kommentare 2

  • parlaro -

    Hallo Jörn,
    wo hast/hattest Du denn in Kassel ausgestellt? Lebe nämlich in Ks :)

    Herzliche Grüße
    parlaro

    • _its_not_me_ -

      Kulturnetz Kassel